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Deutsches Nonnenleben

Das Leben der Schwestern zu Töss und der Nonne von Engeltal Büchlein
Autor: Schwestern und Nonnen von Töss und Engeltal, Erscheinungsjahr: 1921
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Frauenmystik, Mittelalter, Odensschwestern, Nonnen, Klöster, Papsttum, Naturereignisse, Sonnenfinsternis, Missernten, Heuschreckenschwärme, Pest, Weltuntergang, Geisthimmel, Lichtwandern, Weltanschauung, Weltweisheit, Beginenhäuser, Beginen, Samenunge, Weltabkehr, Brunfterscheinung, Hysterie, Bußspiegel, Konvent, Chronistin, Sterbebettwunder, Askese, Gnadensehnsucht, Heilsgewissheit, Erlebnisarmut, Ordensregeln, Klosterleben, Nonnenklöster, Mönchsgewand, Ehelosigkeit, Unbefriedigung, Liebessehnsucht, Erlebnisarmut, Wundersucht, Suggestion, Überspannung, Überliefertes, Offenbarungen, Klosterchroniken, Beichtvater
Eingeleitet und übertragen von Margarete Weinhandl (1880-1975) österreichisch-deutsche Schriftstellerin, Lyrikerin und Lehrerin
Inhaltsverzeichnis
  1. Deutsche Frauenmystik im 13. und 14. Jahrhundert
  2. Die Umwelt der Nonne
    1. Entstehung der Nonnenklöster
    2. Bau und Wohnstätte
    3. Orden und Ämter
    4. Tagesgang und Jahreskreis
    5. Klosterideale und Konventionen
    6. Quellen des religiösen Vorstellungsbesitzes; Chorgebet, Lesungen, Bücher, Predigten
  3. Welt-, Wert- und Begriffsgefüge der Nonne
  4. Grundpfeiler im Begriffsgefüge des Nonnenlebens: Übung und Gnade
  5. Das übende Leben der Nonne
  6. Der Gehorsam ist die Klostertugend
  7. Das Gebetsleben der Nonne
  8. Das Gnadenleben der Nonne
  9. Vorwort zu den Texten
  10. Das Leben der Schwestern zu Töss. Beschreibungen von Elsbeth Stagel / samt der Vorrede von Johannes Meier
  11. Vorrede des Bruders Johannes Meier
  12. Explicit prologus
  13. Hier fängt ihr seliges Leben an
  14. Vorrede Elsbet Stagels
  15. Von der seligen Schwester Ita von Wezzikon, die war adelig
  16. Von der seligen Schwester Ita von Sulz
  17. Von der seligen Schwester Elsbeth Schefflin
  18. Schwester Margret Willin
  19. Von der seligen Schwester Mezzi Sidwibrin
  20. Von der seligen Schwester Beli von Liebenberg
  21. Von der seligen Schwester Offmya von Münchwil
  22. Von der seligen Schwester Margret Finkin
  23. Schwester Elsbeth von Mezi
  24. Schwester Ita von Tüngen
  25. Von der seligen Schwester Gutte von Schönenberg
  26. Von der seligen Schwester Margret von Zürich
  27. Von der seligen Schwester Anna von Klingnau
  28. Von der seligen Schwester Beli von Winterthur
  29. Von der seligen Schwester Elisabeth Zolnerin
  30. Von der seligen Schwester Beli von Sure
  31. Von der seligen Schwester Katharina Pletin
  32. Von der seligen Schwester Margret von Hünikon
  33. Von der seligen Schwester Mezzi von Klingenberg
  34. Von der seligen Schwester Wansaseller
  35. Von einer seligen Schwester, die elend war
  36. Von der seligen Schwester Willi von Konstanz
  37. Von der seligen Schwester Gertrud von Winterthur
  38. seligen Schwester Elsbeth von Jestetten
  39. Von der seligen Schwester Adelheid von Frauenberg
  40. Von der seligen Schwester Sophia von Klingnau
  41. Von der seligen Schwester Mechtild von Stans
  42. Von der seligen Schwester Jüzi Schulthasin
  43. Von der seligen Schwester Ita Sulzerin, der Laienschwester
  44. Von der seligen Schwester Elli von Elgau
  45. Von der seligen Schwester Beli von Schalken, der Laienschwester
  46. Sie hatte auch eine selige Schwester hier in diesem Kloster, sie hieß Schwester Richi
  47. Von der seligen Schwester Beli von Lütisbach
  48. Von der seligen Schwester Mechtild von Wädenswil
  49. Von der seligen Schwester Adelheid von Lindau
  50. Von der seligen Schwester Elisabeth Bechlin
  51. Von der seligen Schwester Elsbeth von Cellinkon
  52. Der Nonne von Engeltal Büchlein von der Gnaden Überlast
  53. Priester Ulschalk von Vilsek
  54. Conrat von Lauffenholz
  55. Bruder Conrat, der Weinmann
  56. Schwester Dimut von Gailenhusen
  57. Schwester Alheit von Roet
  58. Schwester Kungund
  59. Schwester Reichilt von Gemmershaim
  60. Schwester Alheit von Trochau
  61. Bruder Conrat von Eystet
  62. Schwester Rihza von Ellenbach
  63. Schwester Alheit von Herspruk
  64. Schwester Kunigunt von Eystet
  65. Schwester Irmgart von Eystet
  66. Schwester Gedraut von Hapurch
  67. Schwester Hedwig von Regensburg
  68. Schwester Diemuet von Nürnberg
  69. Schwester Berht Makerin von Nürnberg
  70. Schwester Guet von Ditenhofen
  71. Schwester Mehthilt von Neitstein
  72. Schwester Sophie von Neitstein
  73. Laienschwester Jeut von Unzelhoven
  74. Schwester Reichgart
  75. Schwester Anna von Weiterstorf
  76. Schwester Els von Sehssencham
  77. Schwester Alheit
  78. Schwester Cristin von Kornburg
  79. Schwester Peters von Birkensee
  80. Schwester Ut von Regensburg
  81. Schwester Diemut Ebnerin von Nürnberg
  82. Schwester Anne Vorhtlin von Nürnberg
  83. Schwester Elsbet von Klingenburg
  84. Schwester Elsbet von Waldek
  85. Schwester Elsbet Ortlibin
  86. Schwester Kunigund von Vilsek
  87. Schwester Elsbet Mairin von Nürnberg
  88. Laienschwester Agnes von Entenberg
  89. Schwester Elsen von Regensburg
  90. Schwester Gerhus Krumpsitin von Nürnberg
  91. Laienschwester Osanna
  92. Schwester Elsbet von Reichnek
  93. Laienschwester Bercht von Nürnberg
Deutsche Frauenmystik im 13. und 14. Jahrhundert

Es gibt Vorfrühlingstage, an denen die Erde von Schatten zu Schatten stürzt, der Himmel aber von Licht zu Licht. Man stemmt sich mühsam an harten, sturmpfeifenden Mauern entlang und sieht über sich goldene Wolkenflüge dahingerissen von einer Geheimnisgewalt ohnegleichen, die jede einzelne Wolke fühlbar durchdehnt und alle gemeinsam einem unsichtbaren Ziele zutreibt, das in irgendeiner Lichttiefe des Horizonts hinter sonnendurchwirkten Unendlichkeiten ruht.

Das deutsche Land lag von Zwietracht verfinstert und von Angst durchgellt. Der Kampf der letzten Hohenstaufen mit dem Papsttum und das Zwischenreich im 15. Jahrhundert, die Doppelkönigswahl Ludwigs von Bayern und Friedrichs von Österreich mit ihrem kriegerischen Austrag zu Anfang des 14. Jahrhunderts und endlich die jahrelange Gegnerschaft zwischen König Ludwig und dem Papste, der in die geistliche wie in die Laienwelt die unheilvollste Spaltung trug und über zahllose Orte das Interdikt brachte; dazu beängstigende Naturereignisse wie Erdbeben, Sonnenfinsternis, Missernte, Heuschreckenschwärme, Pest, das alles warf Schatten von einer Gewaltsamkeit und Düsternis über die breitesten Massen des Volkes, dass die im Mittelalter so leise schlummernde Furcht vor dem drohenden Weltuntergang allenthalben erwachte und die Gemüter schwer verdunkelte und niederpreßte.

Und gerade damals erhob sich am Geisthimmel des deutschen Landes ein so kühnes Lichtwandern und -stürmen, wie es nie zuvor und nachmals gewesen, ein Fliegen nach unermesslichen Zielen, das tausend und abertausend Seelen mit einer Inbrunst durchleuchtete, die dem Materialismus unserer letzten Jahrzehnte noch Irrsinn und Hysterie dünkte und die wir erst heute als das zu werten beginnen, was seit je sinnfälligstes Zeugnis der Entbindung allertiefster Geistkräfte im Menschen ist: Wandlung des blinden, unfreien, luft- und leidgefangenen Zufalls- und Instinktwesens in klargewusste, freigewollte, sinndurchbildete Menschgestalt, hier: der mystische, der selige, der heilige Mensch, in letzter Vollendung seine „Vergottung“

Man mag einwenden, dass auch damals nur die Wenigsten diese höchste Verklärungsstufe erreichten, dass auch bei diesen Wenigen Grad, Echtheit und Wesen der Wandlung hinter undurchdringlichen Geheimnisschleiern verborgen liegt, aber dennoch gehört zu den erschütternsten Gemälden deutscher Vergangenheit dieses ungeheure Unterwegs nach den letzten Horizonten des Seins; dieses fahrende Himmelsheer gottsuchender Seelen, großer und kleiner, glänzender und schlichter, ungestümer und zarter, verwogener und scheuer, überströmender und karger: alle von einem Minnebrand entzündet, von einem Zielwissen dahingespannt auf ein Grenzenloses, das nur durch den Einsatz aller andern Werte seinen Urwert kundgibt.

Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, was Mystik sei. In bezug auf deren Begriffsumgrenzung und die Psychologie des mystischen Erlebnisses sei auf den I. Band dieser Sammlung (Ignatius von Loyola) verwiesen. Im Mittelpunkt der vorliegenden Untersuchung steht der mystische Mensch und im besondern die mystische deutsche Frau.

Denn Frauen waren es vor allem, welche mit dem durch gewaltigste Denk- und Klärungsarbeit errungenen Grundwissen der großen Gottdenker heißesten Ernst machten und in deren schier übermenschliche Lehre mit äußerster Selbsthingabe hineinwuchsen. Keiner Zeit ist die unmittelbare Umsetzung der Denk- in Wirkenskräfte so eigen wie dem 13. und 14. Jahrhundert. Keine Philosophie ist so wahrhaft Weltanschauung und Weltweisheit Tausender geworden wie die eines Bernhard, Eckehart, Seuse, Tauler. Gewiß, der kategorische Imperativ Kants, der Idealismus Fichtes, der Heroismus Nietzsches haben die geistige Struktur des heutigen Deutschen mitbestimmt; doch vorzüglich in intellektueller Hinsicht und weit entfernt von der glühenden Macht, mit der die Erkenntnisse der mittelalterlichen Mystiker fast augenblicklich zahllose Leben von Grund aus ergriffen und umgeschmolzen haben. Und dieses Ins-Leben-Wirken aller Lehre, das dem Denker die beglückende Möglichkeit erschloss, nicht Lesemeister, sondern Lebemeister zu sein, geht nicht nur auf den Predigerberuf der meisten Mystiker zurück, sondern letztlich auf das geistliche Hungern und Dürsten zahlloser edelgearteter Frauen, die, ungestillt durch „üppige Luft und Würdigkeit“, durch Familienglück und Reichtum, aus den lachenden Gärten ihres Weltlebens in die stille, klare Wüste der Gottheit flohen, wo der Vater selber dem Kinde das ewige Wort in die Seele spricht.

Und so wenig die mystischen Lehrer je müde werden, dieses ewige Wort des Vaters, die Geburt des Sohnes in der Seele, das Entwerden aller Kreatur, die Gotteinigung der ledigen Seele in vielfältigen Bildern zu künden und zu deuten, so wenig werden die Zuhörerinnen je müde, die Lehre zu erfragen, zu erfassen, zu befolgen und mit solcher Lebensinnigkeit zu durchkörpern, dass der geistliche Führer oft staunend in die Knie sinkt vor der vollendeten Heiligung seines Beichtkindes und vor dem Glanz, den er selbst entzünden half, selig geblendet das Auge schließt. So sieht Heinrich von Nördlingen seine Schülerin Margaretha Ebner „fern ober seiner sündigen Seele in Gott schweben“ und er bekennt ihr ehrfürchtig: „Wo ich dich rühre, da empfinde ich Gottes.“ So befriedet Seuse seine sterbende geistliche Tochter Elsbeth Stagel: „Laß dein Fragen fürder sein; lausche selbst, was Gott in dir spricht! Du magst dich wohl freuen, dass dir geworden ist, was manchem Menschen verborgen bleibt.“

Was war es nun, was das religiöse Leben der deutschen Frau zu solchem Reichtum steigerte, was trieb sie aus ihrem Urbereiche, der Familie, in Klöster und Beginenhäuser [Frauen-WGs im Mittelalter], um dort in Härte und Entbehrung ihres Leibes mächtig, ihrer Seele inne und Gottes hier schon gewiß zu werden? Man hat die Erklärung in rein wirtschaftlichen Gründen gesucht, in der gezwungenen Ehelosigkeit vieler Frauen, die wieder um auf die Verminderung der Männer durch Kreuzzüge, Kriege und Fehden zurückging. Die unverehelichten Frauen von Stand und Vermögen kauften sich häufig in ein Kloster ein, die minderbemittelten traten in sogenannte Samenungen (Sammlungen) oder Beginenhäuser ein, deren man in Deutschland zu Hunderten zählte. Unter der Leitung einer Meisterin wohnte da eine Anzahl (selten über 30) arbeitswilliger Frauen im gemeinsamen Haushalt zurammen. Den Unterhalt verdienten sie teils durch auswärtige Beschäftigung wie Krankenpflege, Leichendienst usf., teils zu Hause durch Spinnen und Weben. Der Ernst und die Reinheit solcher Vereinigungen zeigt sich durch die freiwillige Übernahme bestimmter, aber nicht lebenslänglich bindender Verpflichtungen, wie Gehorsam unter die Anordnungen der selbstgewählten Meisterin, keusche Lebensführung und eine religiöse Regelung des Tageslaufes, namentlich gemeinsame Morgen- und Abendandacht. Häufig unterteilte sich eine Samenunge geistlicher Oberaufsicht und Seelsorge. Wesen, Werden und Wachsen eines solchen Beginenhauses erhellt am schönsten und lebendigsten aus den ersten Abschnitten des hier folgenden Engeltaler Buches, wobei besonders auf den Übergang des losen Verbandes in die schließlich ganz ordensmäßige Ausgestaltung aufmerksam gemacht sei. Auch die Rolle des „Stifters“ tritt hier deutlich hervor, die Hilfsbereitschaft, die er gegen die obdachlosen Nürnberger Beginen bezeigt, seine Abneigung gegen das eigentliche Nonnenwesen und die Großmut, mit der er der Sammlung endlich in Engeltal eine dauernde, reichgesicherte Heimstätte zuweist.

Schon aus dieser ganz knappgefassten Zeichnung der Beginenhäuser geht hervor, dass die Vereinsamung und wirtschaftliche Notlage der unverehelichten Frau nicht den einzigen Grund zu ihrer geistlichen Lebenshaltung bilden konnte. Eine Frauenemanzipation, wenn man es so nennen will, hatte, wie untere Gegenwart lehrt, nicht notwendigerweise religiös gerichtet sein müssen. Und dass diese damalige Bewegung weit entfernt von allem selbstsicheren Frauenrechtlertum und einer Flucht aus dem natürlichen weiblichen Aufgabenkreis war, zeigt sowohl die willige Unterordnung unter männliche priesterliche Leitung und Seelenführung, als auch die Beschäftigungsart der meisten Beginen und Nonnen (Handarbeit, Krankenpflege, Erziehung). Ja, es kam häufig vor, dass mit den verheirateten Frauen ihre Kinder, zuweilen auch ihre „Ehewirte“ als Laienbruder oder Kapläne in die Samenung eintraten.

Es mußte also ein viel zwingenderer Trieb zur Weltabkehr in allen diesen Frauenseelen wirken. Man hat die seelische Vereinsamung und innere Leere der ehelosen Frau als psychologischen Grund dafür namhaft gemacht; auch ernste Abhandlungen scheuen nicht die wissenschaftliche Umschreibung des Gemeinplatzes vom fehlenden irdischen Bräutigam, der notgedrungenerweise durch den himmlischen Bräutigam ersetzt werden mußte, anders gesagt: die ganze Frauenmystik sei ungesunde Brunfterscheinung und Hysterie, in psychoanalytischer Ausdrucksweise : ein verdrängter Sexualkomplex (Pfister). Verstärkt wird diese Stellungnahme durch die allerdings unleugbare Tatsache, dass das religiöse Erleben der Nonnen — mit ganz wenigen Ausnahmen — in engster Verbindung mit Vision und Ekstase auftritt und diese wieder mit bestimmten, gewiß häufig hysterischen Krankheitserscheinungen in nachweisbarer Wechselwirkung stehen. Desgleichen wird man nicht umhinkönnen, der Suggestion einen bedeutsamen Anteil an Richtung und Auswirkung dieser weit- und tiefgreifenden geistlichen Bewegung in der Frauenwelt einzuräumen. Endlich besteht auch die Meinung zu Recht, die, namentlich bei der lärm- und lebensentrückten Nonne, in der klingenden Stille der Klosterhallen die Urbedingung für ein immer gesteigertes Anschwellen der überirdischen Melodien in der Seele sieht, ein Anschwellen, welches alle Sinne derart mit sich riß, dass die Grenzen zwischen Ding- und Bewusstseinswelt verschwammen und mit „geistlichen“ Augen leibliche Dinge, mit leiblichen Augen geistliche angeblich erschaut wurden. Im Zusammenhang damit erblickt man auch im inneren Erlebnishunger der an äußeren Erlebnissen armen Nonne, in der Leere, die nach Fülle schreit und sie endlich gleichsam selbst erschafft, eine wichtige Vorausfetzung für die ungewöhnlich starke Ausbildung der religiösen und namentlich visionär ekstatischen Veranlagung.

Dies alles sei voll anerkannt. Aber dass man damit die geschichtlich einzigartige Erscheinung der deutschen Frauenmystik noch lange nicht in ihrer ganzen Spannweite, Gewalt und Schöne wahrhaft erschöpft, geschweige denn „erklärt“ habe, kann nicht eindringlich genug betont werden. Denn alle vorgenannten Erklärungsgründe gelten doch immer nur zum Teil. Ware es nur die unerfüllte Weibessehnsucht nach Liebesleben, die sich in religiöse Inbrunst, „Gottminne“ umsetzt, was treibt dann verehelichte Frauen und Witwen in solcher Zahl den Sammlungen und Orden zu? Ja, was läßt dann eine heilige Elisabeth von Thüringen, eine Hedwig von Andechs mitten im Schoß des Familienlebens, im Glanz des Hofstaates, in der Fülle kultureller Aufgaben nie das eine, „was not tut“, vergessen, mit immer heißerer Sorge dem Ewigkeitsauftrag in ihrer Seele obliegen? Wäre es, wie man mit Rücksicht auf die zahlreichen visionären, ekstatischen, wohl auch übertrieben asketischen Begleiterscheinungen des religiösen Lebens zu schließen geneigt ist, nur eine psychische Massenerkrankung, eine andere, widernatürliche Form von Erotik, die für den Geschichtsforscher, Psychologen und Psychiater von Interesse sei, für den Menschen im allgemeinen aber ein wenig erquickliches Betrachtungsfeld biete, wäre es so, warum tragt dann dieser faulig ungesunde Morastboden so tausendfältig edle Kernfrucht? Willensbereitschaft zu jeder leiblichen und geistigen Arbeit, Freiheit von Eitelkeit und Genusssucht, diese beiden Hauptvoraussetzungen zu werktätiger Liebe, Geduld, Gute, Trostmacht, Hilfsfreudigkeit, Leidenskraft ohne Grenzen, lachender Tod — das alles war damals Seelengut, leibhaftiges Können Unzähliger und verdient wohl, einer Zeit, wie der unseren, zum heroischen Bußspiegel vorgehalten zu werden. Auch muß bei Beurteilung des stark visionären Einschlages in diesen zwei wie in allen andern gleichzeitigen Nonnenbüchern und sonstwie zeitgeschichtlichen Dokumenten beachtet werden, dass diese Gesichte und „Gnaden“, wie sie dort meist bezeichnet werden, gerade ob ihrer bildhaften Anschaulichkeit für die betreffende Chronistin (ob sie nun ihr eigenes Leben oder das der Mitschwestern aufzeichnete) das auffälligste sein mußten, und als solches daher nicht nur am liebsten, sondern auch am leichtesten aufgezeichnet wurden. Und weil die Schreiberinnen solcher Nonnenbücher diese oft im Auftrag des Konvents schrieben (siehe Engeltal), mit der Weisung, von den Mitschwestern möglichst viel „Gnaden“ zu erfragen und schriftlich niederzulegen, so nehmen diese begreiflich den größten Raum in diesen Büchern ein, ob aber auch im Leben der betreffenden Schwestern, ist damit noch nicht ausgesprochen. Denn man bedenke, dass sich ja die aus einem Lebenslauf aufgezahlten Visionen und Ekstasen, auch wenn es ihrer zehn, zwölf, ja zwanzig sind, auf ein ganzes, oft 70, 80 jähriges Leben verteilen, oder, wie z. B. bei Jüzi Schulthasin auf einige (hier sieben) besonders „begnadete“ Jahre konzentrieren, wahrend sie, nach ihrer eigenen Aussage, hernach siebenundzwanzig Jahre ohne alle Gesichte verblieb. Oft wird auch von einer Schwester nur ein einziges, meist Sterbebettwunder berichtet. Aus alledem erklärt sich die Häufung derartiger Visionsberichte in unsern Quellenschriften. Bedenkt man ferner, dass solche visionär ekstatischen Zustände und Erscheinungen damals geradezu als Beweise (und zwar so objektiv gültige wie heute nur irgendeine experimentelle Erhärtung einer wissenschaftlichen Hypothese), sowohl des inneren Gnadenstandes der verzückten Person, als auch des Wirkens Gottes überhaupt, aufs Höchste gewertet wurden, so muß es noch wunder nehmen, dass in unsern Nonnenbüchern auch so mancherlei andern Dingen Platz gegönnt ist, wie z. B. dem Vorleben einzelner Schwestern, ihrem „anfangenden“ geistlichen Klosterleben, der sog. „Übung“, d. h. dem Streben nach Vervollkommnung durch Askese, Gebet und Gottesdienst, und nicht zulegt der oft erstaunlich klaren Schilderung rein religiös-psychologischer Abläufe, wie z. B. den Erlebnissen der Reue, der Gnadensehnsucht, der Heilsgewissheit usf., die zuweilen mit einer sprachlichen Gewalt und Wahrhaftigkeit dargestellt sind, dass sie uns unmittelbarsten und überzeugendsten Einblick in die seelische Struktur dieser Menschen gewähren.

Was aber den dritten vorhin angeführten Erklärungsgrund für diese äußerste Steigerung der weiblichen Frömmigkeitserscheinungen betrifft, nämlich die einförmige Stille und Erlebnisarmut des Klosterlebens, die zu geistlichen Sensationen gewaltsam gedrängt und sie häufig geradezu herbeigezwungen habe, so sei auch hier eine Einschränkung gemacht und zu bedenken gegeben, dass wohl kaum eine Gemeinschaft, und sei es die kleinste und weltabgeschiedenste, erlebnis- und konfliktlos ist; schon die Verschiedenheit der Schwestern in bezug auf Herkunft, Bildung, Charakter usf., die auch durch die Gleichförmigkeit der Ordensregel nicht aufgehoben werden konnte, bedingte eine Fülle anziehender und abflößender Impulse und damit die Nötigung zu Auseinandersetzungen, in denen ja immer ein Hauptferment geistigen Bewegens und Fortschreitens liegt. Für bedeutende Menschen — und dass in den damaligen Nonnenklöstern die bedeutendsten Frauen ihrer Zeit zusammenströmten, ist geschichtlich bezeugt — gibt es im Grunde keine lebensabschließenden Mauern; denn sie tragen das Leben in Form ihrer ureigensten Aufgabe mit allen Kräften und Gegenkräften, Dunkelheiten und Verklärungen, Vernichtungen und Auferstehungen in sich. Auch ein Luther hat im Mönchsgewand seine tiefste „Sünden“-Tragik und höchste Gnadengewissheit erlebt. Aber abgesehen von jenen bestimmt vorhandenen, doch nicht unmittelbar ersichtlichen inneren Begebenheiten im Nonnenleben, brachte gerade jene Epoche (13. und 14. Jahrhundert) den eben erst erstehenden weiblichen Konventen die mannigfaltigsten äußeren Nöte und Schwierigkeiten. So mußten die Oetenbacher Nonnen anfangs mit bitterstem Nahrungsmangel kämpfen und dreimal ihre Wohnstätte wechseln, ehe sie eine endgültige Heimat begründen durften. Ähnlich ging es den Engeltalern, die ursprünglich in Nürnberg gelebt hatten und durch Unruhen daraus vertrieben wurden, und den Nonnen von Medingen bei Donauwörth, die aus demselben Grunde zeitweilig ihren Wohnsitz verlasen mußten. Andere Ereignisse, wie Feuer- , Wassernot, Missernte, gefährdeten die leibliche Sicherheit der Frauen, während ihnen das päpstliche Interdikt und der namentlich in den vierziger fahren des 13. Jahrhunderts so schmerzliche Mangel an Seelsorge schwere geistliche Bedrängnis erschufen. Spätere Jahrhunderte erst brachten dem Klosterleben jenen äußeren Wohlstand und Frieden, der es innerlich häufig verarmen ließ, den Widerspruch reformatorischer Gemüter wachrief und entweder zu einer Reinigung und Umgestaltung im ursprünglichen Sinn der Begründer oder zu einer gänzlichen Verwerfung dieser Lebensform überhaupt führte. Unsern Konventen aber lag solche Verweichlichung meid fern. Noch wehte die herbe, starke Frühluft des Anfangs durch ihre jungen Mauern; noch wurde die willige Armut, die Reinheit des Lebens und das Ich-Aufgeben im Gehorsam mit Ernst und heiliger Begier ergriffen und die Vervollkommnung und Leibbefreiung der Seele oft mit einer eisernen Strenge und Härtigkeit betrieben, die den abstoßen könnte, der nicht tiefer blickt und hinter aller Kafteiung und scheinbar sinnlosen Abtötung das erschütternde Um-Gott-Ringen des ganzen heißblütigen Menschen am Werke sieht: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!

Und dieser gewaltige Wille zur Heiligung ob mit Vernunft oder Unvernunft, Überschwang oder Nüchternheit, Geistigkeit oder Sinnenglut, Glaube oder Aberglaube durchsetzt, aber immer aufs Eine, Unsichtbare geheftet, mit einer saugenden Macht, die dieses oft blitzartig aus der verhüllenden Geheimniswolke niederzuzwingen scheint, dieser ungebrochene Heiligungswille ist es, der „sunder warumbe“, wie alles Lebenswirkende — jene ganze Geistesbewegung durchgründet, die wir mittelalterliche Frauenmystik nennen.

Wirtschaftliche Notlage, Ehelosigkeit, Unbefriedigung, Liebessehnsucht, Erlebnisarmut, Wundersucht, Suggestion, krankhafte Überspannung, das alles mag bedingend oder steigernd daran mitbeteiligt sein, genügt aber so wenig zum Erfassen der Erscheinung in ihrer Gesamtheit, als es etwa je gelingen könnte, Formschönheit und Farbenschimmer einer Bergblume aus der Beschaffenheit des Gesteins, den Feuchtigkeits-, Bestrahlungs- und Verdunstungsverhältnissen des Standorts restlos zu deuten.

Drum sei hier möglichst frei von Deuten und Werten, Urteil und Vorurteil, frei von metaphysischer, historischer, physiologischer und psychologischer Spekulation nur einfach hingeführt zur vielleicht glutvollsten und seltsamsten Blüte, die der Geistgipfelung deutscher Gotik entspross und die ihre purpurne Glockentiefe dem am reinsten erschließt, der nichts will, als ihr Leben ergriffen schauen.

Nochmals sei hervorgehoben, dass deutsche Frauenmystik durchaus nicht auf Beginenhäuser und Nonnenklöster beschränkt war, sondern vielmehr alle Laienkreise, Adel, Bürgertum und Volk durchdrang, obgleich hier mehr in der Form praktischer Frömmigkeit, die man in einem damals gern verwendeten Bild des heiligen Bernhard als schaffende Martha im Gegensatz zur betrachtenden Maria bezeichnete. Doch da zu schriftlichen Aufzeichnungen meist nur die Nonne genug Muße, Bildung und Können besaß, so muß sich auch diese folgende Darlegung auf den engeren Kreis des Nonnenlebens festlegen, wobei aber selbstverständlich ein Rückschluss auf die allgemeine religiöse Haltung der Frauenwelt nahe liegt. Ferner wird hier der Einfachheit halber zwischen Begine und Nonne nicht jedesmal ausdrücklich unterschieden, unbeschadet des Unterschiedes zwischen beiden Lebensformen, dessen Bedeutsamkeit von Preger darin erblickt wird, dass dieses Ich in lebenslänglicher Bindung ein für allemal, jene aber in Freiheit täglich aufs neue ihrem Gott gelobt und hingibt. Allein gerade aus der Engeltaler Chronik, die ja, wie schon erwähnt, zu Beginn die Geschichte eines Beginenhauses ist, entnimmt man, wie nah das Beginentum dem Klosterwesen stand und wie natürlich sich der Übergang zur ordensmäßigen Bindung vollzog. Es darf darum von einer gesonderten Behandlung dieser religiösen Lebensform abgesehen werden. Übrigens mag Pregers obenerwähnte Unterscheidung mehr auf die einzellebende als auf die in eine Samenung eingegliederte Begine Anwendung finden. Und von solchen Einzelbeginen fehlen uns leider mit wenigen Ausnahmen (z. B. der großen Mechtild von Magdeburg, die aber ihr Leben auch im Kloster Helfta beschloss) schriftliche Darstellungen.

Somit ist Gegenstand vorliegender Arbeit das deutsche Nonnenleben; zeitlich abgegrenzt auf das 13. und 14. Jahrhundert, örtlich zumeist auf jenes Gebiet deutscher Zunge, welches nächst den Niederlanden der mystischen Geistesrichtung die reichste Entfaltungsfülle schenkte: Süddeutschland mit Einschluss der heutigen deutschen Schweiz. Als Grundlagen wurden alle einschlägigen Quellen von Wichtigkeit, soweit sie heute schon ediert sind, benutzt, besonders: der Nonne von Engeltal Büchlein Von der Gnaden Überlast, das Leben der Schwestern zu Töß, Leben und Gesichte der Christina Ebner, die Offenbarungen der Margaretha Ebner, die Offenbarungen der Adelheid Langmann, sowie die Chroniken der Nonnenklöster zu Adelhausen, Katharinental bei Diessenhofen, Kirchberg, Oetenbach und Unterlinden. Denn nur aus einer Vergleichung aller ließ sich Einsicht sowohl in das Typische, als auch in die Besonderung bestimmter Persönlichkeiten und Erlebnisse gewinnen. Das Engeltaler und Tößer Buch liegen hier zum erstenmal in vollständiger neuhochdeutscher Übertragung vor. Die Abfassungszeit fällt meist in die Mitte des 14. Jahrhunderts, doch greift die Chronistin gewöhnlich bis in die Anfänge des Klosters (15. Jahrhundert) zurück, so dass zum Selbstbeobachteten und erfragten auch Überliefertes tritt. Erst in zweiter Linie wurden die Schriften des nördlichen Deutschlands (Mechtild von Magdeburg, Gertrud von Hakeborn, Mechtild und Gertrud von Helfta) herangezogen, die in Geisteshaltung und Gestaltungskraft eine Ericheinung für sich bilden, aber namentlich im „Fließenden Licht der Gottheit“ (Mechtild von Magdeburg) einen gewissen Einfluß auf Gedanken-, Bilder-, und Wortschatz aller späteren mittel- und süddeutschen Mystiker und Mystikerinnen ausübten. Verfasst wurden die Offenbarungen wohl meist im Auftrag des Beichtvaters, die Klosterchroniken in dem des Konvents, zu erbaulichen oder erziehlichen Zwecken, in der Regel in deutscher, seltener in lateinischer Sprache.

Der heilieg Benedikt - San Benedetto di Norcia, (um 480 ; † 547) ist ein Heiliger und gilt als der Begründer des christlichen Mönchtums im Westen.

Der heilieg Benedikt - San Benedetto di Norcia, (um 480 ; † 547) ist ein Heiliger und gilt als der Begründer des christlichen Mönchtums im Westen.

St. Ignatzius von Loyola (1491-1556)

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St. Ignatzius von Loyola

St. Ignatzius von Loyola

St. Ignatzius von Loyola - Íñigo López de Loyola (*1491; †1556) war der wichtigste Mitbegründer und Gestalter der später auch als Jesuitenorden bezeichneten Gesellschaft Jesu. Er wurde 1622 heilig gesprochen.

St. Ignatzius von Loyola - Íñigo López de Loyola (*1491; †1556) war der wichtigste Mitbegründer und Gestalter der später auch als Jesuitenorden bezeichneten Gesellschaft Jesu. Er wurde 1622 heilig gesprochen.