Die Universität Rostock im fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert

Autor: Krabbe, Otto Dr. (1805-1873) Prof. Theologe, Universitäts Prediger zu Rostock, Rektor, Geschichtsschreiber, Erscheinungsjahr: 1854
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mittelalter, Mecklenburg, Rostocker Universität, Reformation, Otto Krabbe, Rostocks Geschichte, Universitätsleben
Vorwort.

Die Bedeutung eines geschichtlichen Lebens wird nur wahrhaft verstanden und begriffen werden können, wenn es im Zusammenhang mit den allgemeinen, eine ganze Zeit bewegenden Faktoren erfasst wird, und wenn in diesen die treibenden Wurzeln erkannt werden, aus denen dasselbe in seiner Eigentümlichkeit erwachsen ist. Das Leben der Universitäten, von vorne herein als ein korporatives auftretend, hat auch in den verschiedenen Phasen, die es durchlaufen, den Typus ausgeprägt, den die allgemeinen Faktoren der Kirche und des Staates ihm aufdrückten. Die älteren Universitäten, in ihrer korporativen Selbstständigkeit und Autonomie, erscheinen überhaupt als Glieder des korporativen Lebens, das alle Zustände des Mittelalters umfasst. Mit der Umgestaltung des deutschen Staatslebens mussten dieselben nicht nur als Korporationen im Sinne der früheren Zeit aufhören, sondern mit der selbstständigen Vertretung ihrer Interessen gingen auch die unmittelbaren Beziehungen zu den konkreten Zuständen der Kirche und des Staates fast ganz verloren, so dass sie jetzt mit ihrem Leben wesentlich nur auf die Wissenschaft als solche angewiesen sind.

Die Gegenwart ist sehr nachdrucksvoll auf den Wert und auf die Bedeutung korporativen Lebens überhaupt im Gegensätze zu allen abstrakten Nivellierungen hingewiesen worden. Aber so wenig man über Nacht korporatives Leben hervorruft, wenn es nicht geschichtlich vorhanden ist und bleibend gepflegt wird, so verkehrt wäre es auch, die Institutionen der Vergangenheit, welche ganz andere geschichtliche Verhältnisse zu ihrer Voraussetzung haben, als eine Norm für die Bildungen der Gegenwart hinzustellen. Aber wohl möchte es sich rechtfertigen, rückwärts zu schauen, um durch das Verständnis der Vergangenheit den Blick zu schärfen für die schaffenden Kräfte, welche damals wirkten und sich als gestaltende auswiesen.
Inhaltsverzeichnis
  1. Von der Stiftung der Universität Rostock bis zur Reformation
    1. Die Universitäten des Mittelalters und der neueren Zeit
      1. Stellung der Universitäten zur Kirche und zum Staatsleben
      2. Die korporative Stellung der Universitäten des Mittelalters - Bologna und Paris
      3. Einfluss der Pariser Hochschule. Reformatorische Richtung derselben
      4. Die Universitäten in ihrem Unterschiede von den neueren
      5. Die Universität Prag und die Wiklefitische Bewegung
      6. Kampf der böhmischen und der deutschen Partei
      7. Auszug der Deutschen aus Prag und dessen Rückwirkung auf Deutschland
      8. Stiftung der Universität Leipzig
      9. Die Universität Köln und ihre Bedeutung
      10. Stiftung der Universität Wien
      11. Die Universität Erfurt - Blüte Erfurts - Verhältnis zu Rostock
    2. Allgemeine kirchliche und wissenschaftliche Zustände zu Anfang des 15. Jahrhunderts
      1. Allgemeine Lage der Kirche
      2. Einfluss des Nominalismus
      3. Kirchliche Zustände Meklenburgs
      4. Klagen über das Verderben der Geistlichkeit
      5. Spezialstatuten der städtischen Obrigkeiten gegen die Geistlichkeit
      6. Einflüsse der vorreformatorischen Bewegungen - Schismatiker in Wismar
      7. Häretische Erscheinungen in Rostock
      8. Wissenschaftliche Zustände in Meklenburg und Pommern
      9. In Schweden und Dänemark
    3. Die Stiftung der Universität Rostock und das erste Stadium ihrer Entwicklung bis 1436
      1. Reformation. Concilium zu Kostnitz. Wahl Martins V.
      2. Auflösung des Concils zu Kostnitz. Kirchliche Tendenzen Martins V.
      3. Herzöge Johann III. und Albrecht V. Gründung einer Universität in Mecklenburg
      4. Notwendigkeit der päpstlichen Sanktionen
      5. Bischof Heinrich II. von Nauen und seine Mitwirkung
      6. Rostock nimmt an der Stiftung Teil. Martin V. fordert die Sicherstellung der Dotation
      7. Fundations-Bulle Martins V. vom 13. Februar 1419
      8. Stellung der Akademie ohne theologische Fakultät
      9. Inhalt und Charakter der päpstlichen Stiftungsbulle
      10. Hat eine Bestätigung der Akademie durch den Kaiser stattgefunden?
      11. Etwaige Beteiligung der Hansestädte an der Stiftung der Universität Rostock
      12. Kaution des Rates. Jährliche Einkünfte der Akademie
      13. Berufungen akademischer Lehrer aus Erfurt und Leipzig
      14. Inauguration der Universität am 12. November 1419
      15. Studienverhältnisse bei Eröffnung der Universität
      16. Zahlreicher Besuch der Universität. Auswärtige Graduierte
      17. Die Schwierigkeiten der ersten Organisation
      18. Erste Zustände der Universität
      19. Beziehungen Rostocks zu Lübeck und zu Liefland
      20. Hansestädte für die Errichtung einer theologischen Fakultät
      21. Die Weigerung Papst Martins V.
Die Universität Rostock, bald fünfeinhalbhundert Jahre bestehend, trägt bei ihrem Verwachsensein mit der Geschichte unseres Vaterlandes auch in ihrer Entwickelung alle Einwirkungen an , sich, welche sich in den verschiedenen Perioden seines kirchlichen und staatlichen Lebens geltend machten. Ihre Geschichte hat vor den meisten protestantischen Universitäten es voraus, dass ihre erste Periode uns noch das Bild einer katholischen Universität zeigt, und uns die Katastrophe verdeutlicht, welche die Reformation im Universitätsleben hervorrief, andererseits aber auch die Kämpfe uns vorführt, unter denen nach dem Eintritt der Reformation die Umgestaltung ihres Lebens und ihrer Verfassung erfolgte, um dann eine neue Periode des Wachstums und der Entwickelung innerhalb des reformatorischen Prinzips hervor zu rufen. Rostocks Geschichte ist zugleich mit der Kultur und Literargeschichte der Ostseeländer in dieser Zeit enge verbunden, da der Wirkungskreis der Universität in ihrer ersten Periode sich auch auf die nordischen Reiche erstreckte, und ihnen Bildungselemente darbot, bis jene soweit entwickelt waren, dass sie eigene Herde der Wissenschaft gründen konnten, und dieser Einfluss setzt sich auch in der folgenden Periode fort und reicht selbst weit über dieselbe hinaus.

Die Geschichte der Universität ist mit der Geschichte unseres fürstlichen Hauses auf das Innigste verknüpft; sie bezeuget laut den Segen eines fürstlichen Waltens für die Wissenschaft. Mecklenburgs Fürsten gründeten die Universität lange vorher, ehe die fürstlichen Häuser Deutschlands in der Aufrichtung von Universitäten in ihren angestammten Ländern eine Vermehrung ihres fürstlichen Ansehens sahen. Es waren allein die höheren kirchlichen und sittlichen Gesichtspunkte, durch welche sie bestimmt worden waren. Von Anfang an bis aus die Gegenwart hatten Mecklenburgs Fürsten ein persönliches Verhältnis zur Universität, in welchem sich ihre Liebe zur Wissenschaft und die Erkenntnis ihrer hohen Bedeutung ausspricht. Die unmittelbare Pflege und Förderung, welche die Interessen der Universität durch die Allerdurchlauchtigsten Landesherren erfuhren, ist aus jedem Blatte ihrer Geschichte bezeugt, da in allen Perioden Niemand lebendiger als sie von der Bedeutung der Universität für alle Verhältnisse des kirchlichen und staatlichen Lebens unseres Landes durchdrungen war.

Auch die Stadt Rostock hat in jener Periode um die in ihren Mauern durch fürstliche Stiftung aufgerichtete Universität Verdienste gehabt, die nimmer verkannt werden können, und die um so höher anzuschlagen sind, als in einem städtischen Gemeinwesen und seinen körperschaftlichen Organen an und für sich schon große Hemmnisse in Bezug auf die Pflege der Wissenschaft liegen. Auf der anderen Seite aber geht der Kampf der Universität mit dem Rate und der städtischen Gemeinde in den verschiedensten Formen durch alle Perioden ihrer Geschichte hindurch. Man würde Unrecht haben, wenn man darin nur kleinliche Zerwürfnisse erblicken wollte. Es kann vielmehr keinem Zweifel unterliegen, dass in demselben die eigentümlichen Reihungen und Kämpfe des korporativen Lebens hervortreten, und dass in diese der Gegensatz der ständischen Gliederung zu der wachsenden landesherrlichen Macht mit hineinspielt. Je mehr man daher ins Auge fasst, dass in diesen Kämpfen ein allgemeines Prinzip sich darstellt und auslebt, desto entsprechender und objektiver wird sich die Darstellung im Einzelnen bewegen.

Mein dreijähriges Rektorat, das mir das Vertrauen meiner Kollegen übertrug, ward die Veranlassung, mich mit der Geschichte der Universität näher zu beschäftigen. Die Geschichte des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts bildet durch die ganze Eigentümlichkeit des Ganges, den die Entwickelung des Universitätslebens nehmen musste und genommen hat, ein für sich abgeschlossenes Ganze, so dass ich es mir von vorneherein zur Aufgabe machte, diesen Zeitraum und die Entwicklungsknoten desselben darzustellen, obwohl die hohe Bedeutung der folgenden Perioden, namentlich des siebzehnten Jahrhunderts in theologischer Beziehung, von mir auf das Lebhafteste erkannt ward. Sollte indessen von dem fünfzehnten und sechzehnten Jahrhundert ein möglichst entsprechendes Zeitgemälde gegeben werden, so durfte die Verflechtung der Universität in die allgemein staatlichen und politischen Verhältnisse des Landes, soweit dies von der Corporation ausgesagt werden kann, nicht außer Acht gelassen, sondern musste in die Darstellung mit hineingezogen werden. Besondere Aufmerksamkeit ist sowohl den Gesetzgebungen über die Verfassung der Universität, als auch den das gelehrte Wesen der Universität betreffenden Institutionen zugewandt worden. Zugleich ist die literar-historische Seite, soweit diese bei einem Werke allgemeiner Tendenz irgend zulässig war, speziell berücksichtigt.

Diejenigen handschriftlichen Quellen, welche zu erhalten mir möglich ward, habe ich für meine Darstellung sorgfältig benutzt. Aber jeder Kundige weiß, wie sehr man, namentlich was das fünfzehnte Jahrhundert anlangt, von handschriftlichen Quellen verlassen ist. Das akademische Archiv beginnt erst mit dem Jahre 1563; es besitzt aus der früheren Zeit nur mehrere bereits zum großen Teile, wenn auch nicht in korrekten Abdrücken, veröffentlichte Urkunden. Von jenem Zeitpunkte an bot es reichere Ausbeute dar. Ich kann indessen hier den Wunsch nicht unterdrücken, dass es in Zukunft möglich werden möchte, die Matrikel der Universität, welche mit ihrer Stiftung anhebt, wenigstens den ersten Jahrhunderten nach zum Abdruck zu bringen, da sie für die Literargeschichte der Ostseeländer ein wahrer Schatz ist, welcher die vielfachsten und reichsten Anknüpfungspunkte für historische Forschungen darbieten würde. Von dem Album der philosophischen Fakultät gilt dasselbe, wenn auch nicht in demselben Maße.

Das hohe Ministerium gestattete mir die Benutzung mehrerer Copial- und Collectaneenbücher des Geh. und Haupt-Archivs zu Schwerin. Leider aber besitzt dasselbe nach den gütigen Mitteilungen des Herrn Archivar Lisch an alten Akten über die Universität außer den bekannten Urkunden und den erwähnten mir mitgeteilten Büchern gar nichts, da die Akten erst ungefähr mit dem Jahre 1553 beginnen und nach und nach vollständiger werden. Desto größeren Dank sage ich Herrn Archivar Lisch für die einzelnen erwünschten Notizen und Mitteilungen, mit denen derselbe mich unterstützt hat. Dem Herrn Dr. Beyer zu Schwerin verdanke ich die aus dem Geh. und Haupt-Archiv über das Konsistorium geschöpften Notizen.

Verhältnismäßig reicheres Material, namentlich für die Zeit, wo das akademische Archiv keine Ausbeute gewährte, bot das Ratsarchiv dar, dessen Einsicht mir die dankbar erkannte Liberalität E. E. Raths unbeschränkt gewährte. Ganz insbesondere schulde ich aber meinen Dank dem Herrn Senator und Archivar Dr. Mann, welcher, selbst ein ausgezeichneter Kenner der vaterstädtischen Geschichte, mich bei der Benutzung des Ratsarchivs auf das freundlichste unterstützte, und dessen Güte ich mehrfache Nachweisungen verdanke. Das hiesige Ministerieal-Archiv, so wie die Bibliothek und das Archiv der Ritter- und Landschaft bot Einzelnes dar, und sage ich für die mir mitgeteilten Akten und Schriften meinen Dank. Es bleibt mir nur der Wunsch noch übrig, dass die Liebe zu der Universität, aus welcher diese Arbeit hervorgegangen ist, auch in der Durchführung derselben sich möge erkennen lassen.
Rostock, den 25. Mai 1854.
Otto Krabbe.

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Krabbe, Otto Dr. (1805-1873) Prof. Theologe, Universitäts Prediger zu Rostock, Rektor, Geschichtsschreiber

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Jan Hus (1369-1415) Theologe, Prediger, Reformator. Phantasieporträt eines unbekannten Meisters aus dem 16. Jahrhundert. Verlässliche zeitgenössische Porträts von Hus sind nicht bekannt.

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Paris, Alexander III. - Brücke

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Paris - Treffen der Doktoren im Mittelalter

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Prag 1840 - Franz Xaver Sandmann (1805-1856)

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