Die Volkssagen von Pommern und Rügen. 1 bis 99

Autor: Temme, Jodocus Deodatus Hubertus 1798-1881, Erscheinungsjahr: 1840

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Pommern, Rügen, Sagen, Volksmund, Überlieferungen, Geschichte
Aus der Einleitung:

Die Sage lebt in und mit dem Volke; sie gehört zu dem romantischen Teile seines Lebens, den es mit einem eigentümlichen poetischen Kleide umgeben hat. Sie gehört in solcher Weise seinem vergangenen, wie seinem gegenwärtigen Leben an; sie zieht sich selbst bedeutungsvoll in seine Zukunft hinüber. Seiner Vergangenheit gehört die rein geschichtliche Sage an; der Gegenwart die Sage, welche entweder ganz, oder auch zum Teil als geschichtliche, an noch vorhandene Gegenden, Orte oder Denkmäler sich anknüpft. Für die Zukunft wird sie bedeutungsvoll, indem sie durch Prophezeiungen, Ahnungen, oft nur durch dunkle Andeutungen, über das künftige Schicksal des gesamten Volkes, einzelner Gegenden, Städte, Dörfer, oft nur einzelner Familien bestimmt.

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Inhaltsverzeichnis
    Die Volkssagen von Pommern und Rügen.
Indes gibt es zwischen beiden auch noch einen anderen erheblichen Unterschied. Das Märchen enthält immer etwas Wunderbares, es teilt Ereignisse und Wirkungen mit, deren Existenz und Ursachen der menschliche Geist nicht begreifen kann. Sein Gebiet ist das des spielenden Kindes, der duftigen Traum-Phantasie. Anders ist dies bei der Sage. Auch von ihr ist das Gebiet des Unbegreiflichen und Wunderbaren nicht ausgeschlossen. Im Gegenteile, die meisten Sagen werden gerade diesem Gebiete anheim fallen, weil der eigentliche Charakter des Volks ein unverdorben kindlicher ist, und der Charakter des Volks auch seine Poesie modifiziert; sie werden ihm daher um so mehr angehören, je einfacher das Volk ist, dem sie angehören, oder je weiter der Zeitpunkt von uns zurückliegt, in dem sie entstanden sind. Denn je mehr die fortschreitende Zeit die Kultur der Völker entwickelt, desto mehr nimmt sie ihnen von ihrer Einfachheit, von ihrer kindlichen Poesie.

Aber darum ist das Wunderbare der Sage nicht wesentlich notwendig. Sie kann auch ohne dasselbe bestehen. Man will dies nicht überall zugestehen; man will den Begriff der Sage von dem Erfordernis des Übernatürlichen nicht trennen. Es sind in dieser Hinsicht namentlich den Preußischen und Litthauischen Sagen, die der Unterzeichnete gemeinschaftlich mit dem Landrat, jetzt Regierungsrat von Tettau herausgab, von mehreren Seiten Vorwürfe gemacht. Indes dürfte, die Sache aus dem richtigen Gesichtspunkte betrachtet, die Ansicht des Unterzeichneten Manches für sich haben. Volkssage ist, was das Volk sagt, näher: was es sich selbst und Anderen aus seinem Leben und aus dem Leben solcher Personen sagt, die ihm angehören und zugleich so bedeutend geworden sind, dass es sie als einen Teil seiner selbst betrachtet; dies ist namentlich mit seinen ausgezeichneten Fürsten der Fall. Freilich ist auch mit dieser näheren Bestimmung das Wesen der Volkssage noch nicht angegeben. Das Charakteristische der Volkssage besteht nämlich zum großen Teile auch darin, dass sie bleibend im Volke ist. Ihre Feuerprobe ist, dass sie nur mit dem Volke, dem sie gehört, stirbt, dass sie dasselbe noch sogar überlebt, wenn nicht anders das Volk späterhin seinen Sinn für sie verliert. So leben für uns noch die Griechischen Götter- und Heldensagen, obgleich das Griechische Volk längst untergegangen war; sie leben, was ihr bewährtester Probierstein ist, zum großen Teile selbst noch unter jenen wilden, unkultivierten Stämmen, die mit den alten Griechen sonst fast nichts mehr gemein haben, als den Boden, auf dem sie geboren sind, und die Luft, die sie einatmen. Mit diesem Boden, mit dieser Luft hat sich die Sage erhalten.

Volkssage ist, was das Volk aus seinem eigenen Leben erzählt. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass von bleibendem Interesse nur dasjenige für das Volk sein kann, was ihm bedeutungsvoll, merkwürdig ist. Das Gewöhnliche, Alltägliche wird es in seinem Gedächtnisse nicht aufzeichnen....

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