Schweriner Dom - evangelische Kirche

Der Dom zu Schwerin

Autor: Georg Christian Friedrich Lisch (1801-1883), Erscheinungsjahr: 1871
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Dom Schwerin, evangelische Kirche, Bischofskirche, Landeskirche Mecklenburgs, Schwerin, Heilige Maria, Heiliger Johannes, Kreuzgang
Bedeutung des Schweriner Doms

Der Dom zu Schwerin ist eines der wichtigsten und hervorragendsten Gebäude im ganzen Lande und verdient mit Recht eine ununterbrochene Aufmerksamkeit. Es ist daher in den Jahrbüchern häufig davon die Rede gewesen, vorzüglich aber in zwei Abhandlungen: „Geschichte der Heiligen Bluts-Kapelle im Dome zu Schwerin, von G. C. F. Lisch“, in Jahrbüchern XIII, S. 143-187, und „Ueber die Bau-Perioden des Domes zu Schwerin, von G. C. F. Lisch“, in Jahrbüchern XIX, S. 398-403 1).

Aus diesen Forschungen 2) hat sich ohne Zweifel ergeben, daß dieser gothische Bau im Großen und Ganzen, wie er jetzt noch steht, in der Zeit 1365-1375, zugleich mit der herrlichen Kirche zu Doberan, fertig geworden ist (vgl. Jahrb. XIX, S. 401). Freilich stammt der untere Theil des Thurmgebäudes aus dem Jahre 1248, das Mittelschiff des Chores ungefähr aus dem Jahre 1325, die Wölbung des westlichen Mittelschiffes aus dem Jahre 1416. Aber im Ganzen ist der Plan zu der jetzigen Gestalt 1365-1375 unter dem Bischofe Friedrich II. v. Bülow gefaßt und größtentheils ausgeführt, so daß die Kirche im Allgemeinen den Eindruck eines ziemlich reinen gothischen Baues macht.

Der Dom Schwerin hat nun seit dem Jahre 1866, da die Ausrüstung, wenn auch nicht baufällig, doch gänzlich styllos und nüchtern war, eine durchgängige Restauration 3) und neue Einrichtung erhalten und ist am 7. Novbr. 1869 wieder geweihet. Bei Gelegenheit dieser Restauration, namentlich bei der Abnahme der Kalktünche, ist denn manches zum Vorschein gekommen, was theils für die Geschichte des großen, würdigen Gebäudes von Werth ist und früher nicht bekannt und beachtet war, theils alte Ueberlieferungen bestätigt 4). Bis zu dieser Restauration ist aber seit drei Jahrlhunderten dem Dome übel mitgespielt.

Der Dom ist nach dem Grundplane eine große gothische Kreuzkirche mit niedrigem Seitenschiffen und mit einem fünfeckigen Chorumgange, welcher fünf Kapellen enthält. Der alte Bau steht noch ziemlich in seiner alten Reinheit da. Dabei ist vorzüglich hervorzuheben, daß die Seitenwände zur Oeffnung nach Seitenkapellen nicht durchbrochen sind, wie in manchen andern Kirchen, z. B. im Dome zu Ratzeburg und im Dome zu Güstrow. Der Dom zu Schwerin hat nur zwei kleine, gleichmäßige Anbauten oder Kapellen, welche gewiß schon früh, sicher wohl spätestens bei dem letzten Bau im 14. Jahrhundert angelegt, vielleicht gar ursprünglich beabsichtigt sind. Diese beiden Kapellen liegen in den östlichen Ecken zwischen den Kreuzarmen und den Seitenschiffen und sind innerhalb der Kirche mit einem untern oder „kleinen Gewölbe“ bedeckt und mit zwei Seiten nach den Kreuzarmen und den Seitenschiffen hin geöffnet, so daß sie gewissermaßen Theile der Kreuzarme bilden und mit der alten Grundanlage in gutem Einklange standen. Außerdem ist nur noch neben der südlichen Chorthür ein kleines Archiv, „Capitelhaus“ 5) genannt (1365-1375), und an der Südseite der Kreuzgang (seit 1392), beide in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts angebauet, ohne daß die Wände mehr als zu den nothwendigen Thüren durchbrochen sind.

Der Dom zu Schwerin war eine alte bischöfliche Kirche. Daher war ihre ganze innere Einrichtung so, wie sie in bischöflichen Kirchen gebräuchlich war und noch in manchen alten, großen Kirchen zu sehen ist. Der ganze östliche Arm des Mittelschiffes, der Chor oder „große Chor“, war bis zur Grenze des Kreuzschiffes durch Mauern, Holztäfelwerk („Panelwerk“) und Gitter abgeschrankt, und, wie es scheint, in zwei Theile geschieden: in den „hohen Chor“ und in den „kleinen Chor“. Innerhalb des abgeschrankten „hohen Chors“ stand im Osten der Hochaltar für den Bischof und die Domherren, und zu den Seiten das Tabernakel und der Levitenstuhl. Dann folgten zu beiden Seiten die großen eichenen Chorstühle für den Bischof und die Domherren. Vor dem Hochaltare zwischen den Chorstühlen waren die Gräber der Bischöfe, welche in Schwerin begraben waren. Auch der „kleine Chor“ hatte zwei Reihen von Chorstühlen, wahrscheinlich für die Vikare und die sonstige niedere Geistlichkeit

Im Westen, an der Grenze des Kreuzschiffes, war der Chor ganz durch Schranken geschlossen. Ueber diesen Schranken erhob sich der schön geschnitzte und verzierte Singechor oder „Lettner“, mit Bildsäulen und Gemälden, auch einer Uhr zur Seite.

Ueber diesem Lettner, also unter dem sogenannten Triumphbogen, stand auf einem Queerbalken ein colossales Crucifix, welches an eisernen Ketten vom Gewölbe hing, und zur Rechten die Mutter Maria und der Evangelist Johannes.

Vor dem Lettner, in der Vierung, also ungefähr in der Mitte der Kirche, stand der Laien- oder Pfarr-Altar (auch „Frühmeß-Altar“ genannt) für die Gemeinde der Kirche, welchen der Pfarrer besorgte.

Neben oder über diesem Altare war die Kanzel, welche nach alter Weise wohl nur niedrig stand. Bei der Visitation vom Jahre 1553 wird unter den Altären des Domes auch aufgeführt:

„Das Frumeß- oder Pfar-Altar sub ambone. Da gehort
kein beneficium zu. Pastoratus vacat. Das Capittel nimpts
ein. Ist nicht in corpore.“

Zu beiden Seiten des Lettners waren unter „kleinen Gewölben“ die beiden oben erwähnten Kapellen, welche wahrscheinlich Marienkapellen waren, die Kapelle der H. Jungfrau Maria und die Kapelle zur Himmelfahrt der H. Jungfrau, nach den Kreuzarmen und Seitenschiffen hin geöffnet.

Dies war die Ansicht des Chors von dem Schiffe aus gesehen.

Für die Gemeinde blieb also nur der westliche kürzere Theil der Kirche, das Langschiff mit den beiden Seitenschiffen und das Kreuzschiff übrig. Der Haupteingang für die Gemeinde war die Pforte im südlichen Kreuzschiffe „nach dem Markt hin.“

In dem Schiffe vereinigte sich also das kirchliche Leben der Gemeinde, welches wohl etwas gedrängt gewesen sein mag, da das Schiff nicht lang ist und der Dom außer dem Hochaltare und dem Pfarraltare nicht weniger als 40 Nebenaltäre, unter diesen viele ungewöhnliche, hatte, welche unten bei den Inventarien aufgeführt werden sollen und an den Pfeilern und Seitenwänden standen. Zur Besorgung dieser Altäre war eine große Menge von Vikaren bestellt, da jeder Altar einen eignen Vikar, mitunter auch zwei hatte. Die Vikare allein besaßen 16 Häuser, einige dazu mit Höfen und Buden, auf der Schelfe und wenigstens 12 Häuser in der Altstadt. Zur Unterhaltung dieser Priester waren nicht allein die Bewidwungen dieser Altäre bestimmt, sondern auch sehr viele vereinzelte „Lehen“ aus Schenkungen und Vermächtnissen. Als der Herzog Johann Albrecht im Jahre 1553 alle diese Vikareien aufhob, „erstreckten sich die Lehen und bona communia vicariorum. so viel der bisher erkundet, über 1200 Gulden läßlichen Einkommens, und waren noch wohl 22 Lehen, davon noch nicht Bericht“ zu erhalten. Diese 1200 Gulden vertheilte der Herzog also, daß verwandt werden sollten: zur Besoldung zweier Capellane 300 Fl., zur Besoldung der Schuldiener 150 Fl. zur Unterhaltung der armen Kranken im Hospital 100 Fl., zu Universitäts-Stipendien für 10 Knaben vom Adel, jedem 50 Gulden, 500 Fl., zu Universitäts-Stipendien für 4 Knaben vom Bürgerstande, jedem 25 Gulden, 100 Fl., zu 2 Stipendien für Prädicanten-Kinder, jedem 25 Gulden, 50 Fl. Schon im Jahre 1542, als manche Vikareien unbesetzt standen, waren 28 Vikareien-Kelche und Patenen gesammelt, welche der Herzog Ulrich mit allen silbernen Bildern und Kleinodien 1552 nach Bützow führen und späterhin einschmelzen ließ.

Von all dieser Herrlichkeit, der zahlreichen und kostbaren Bildwerke und Prachtgewänder nicht zu gedenken, ist so gut wie nichts übrig geblieben. Seit der Vollendung der Reformation änderte sich nach und nach das innere Ansehen der Kirche. Die Nebenaltäre waren verlassen und verfielen. Die Kirche ward nach und nach immer mehr mit festen Stühlen, Klappen und Bänken gefüllt und zwar ziemlich nach Willkühr und eines Jeden Geschmack. Die Sitte der Begrabung der Todten in der Kirche 6) nahm überhand. Fast der ganze Boden in den Gängen ward unterwühlt und zu Begräbnissen ausgemauert: dabei konnten die Nebenaltäre sich nicht halten und verschwanden spurlos.

Die erste bedeutende Veränderung war die Erbauung einer neuen Kanzel im Renaissance-Styl an dem mittlern nördlichen Pfeiler des Schiffes, also in der Mitte des Schiffes. Hederich sagt hierüber in seiner Schwerinischen Chronica S. 46: „1570 bauet ein ehrwürdiges Thumb-Capittel den neuen Predigstul in der Thum-Kirche, mit schönen Figuren und außerlesenen Sprüchen der Heiligen Schrift gezieret. Der Baumeister war Johann Baptista Parr 7). Die Insignia der Thumbherren sampt des Stifts Wapen sind auff der einen Seiten des Pfeiler zu sehen.“ Diese Wappen stehen noch an derselben Stelle; die Kanzel ist aber längst abgebrochen.

Dieser Kanzel gegenüber zwischen den beiden ersten südlichen Pfeilern des Schiffes ward, nach Hederich S. 47, „1574 der Fürstliche Stuel in der Thumb-Kirche gegen dem Predigstuel über von Hertzog Johans Albrecht gebauet. Der Baumeister war Christoph Parrh, Dabercusii gener, vorgedachts Johan Bapistae Bruder 8).“ Dieser „Stuhl“, welcher zuletzt in den neuesten Zeiten noch von dem fürstlichen Hofgefolge benutzt ward, ist bei der jüngsten Restauration im Jahre 1866 abgebrochen. Es war eine oben offene Empore (Chor) auf einem Gewölbe über den Stühlen und war auf den Brüstungen mit Verzierungen aus Kalk und Reliefbildern aus Gyps geschmückt.



1) Im „Archiv für Landeskunde“ Meklenburgs, XIV, 1864, findet sich S. 268-285 von L. Fromm ein Aufsatz über die „Domkirche und die Kirchenbauten“, welcher jedoch über die Geschichte des alten Baues und der alten Einrichtung nichts Neues bringt, sondern sich hauptsächlich mit der neuern Zeit beschäftigt.
2) Wenn der bekannte Professor W. Lübke in seinen „Kunsthistorischen Studien“ (vgl. Meklenburg. Anzeigen, 1869, Nr. 94, Beilage) sagt, daß die „Kunsthandbücher“ von Meklenburg über Meklenburgische Kunst schweigen, wobei er den Schweriner Dom hoch erhebt, und daß an den Grenzmarken Vorpommerns der Faden der Mittheilung plötzlich abbreche, um erst in Lübeck wieder angeknüpft zu werden, so hat er offenbar die Meklenburgische Literatur nicht gekannt, welche der Lübecker nicht nachsteht und die vorpommersche Literatur bei weitem überragt.
3) Die Restauration des Domes ist von dem damaligen Landbaumeister, jetzigen Baurath Krüger zu gleicher Zeit mit dem Neubau der St. Paulskirche zu Schwerin ausgeführt.
4) Bei dieser Restauration ist aber viel von entdeckten Denkmälern wieder untergegangen, so daß die folgenden gewissenhaften Blätter für die Zukunft die alleinige und Haupt-Quelle für die Geschichte des Domes bilden werden, - außer dem Domgebaude selbst.
5) Dieser nach Archivnachrichten unter dem Bischof Friedrich II. (1365 bis 1375) aufgeführte, zum Archiv bestimmte Anbau wird in den letzten Jahrhunderten bis heute immer sicher das „Capitelhaus“ genannt, während der östliche Theil des Kreuzganges, in welchem sich die „Schule“ befand, „der große Reventer“ genannt wird. Vgl. auch Jahrb. XIII, S. 156 flgd.
6) Schon im Jahre 1608 „that sich viele Unordnung wegen der Stühle und Begräbnisse hervor. so daß eine eigne Begräbniß-, Stuhl- und Glocken-Ordnung erlassen“ werden mußte. Nach Hederich.
7) Johann Baptista Parr war des Herzogs Johann Albrecht I., seit 1572 des Königs von Schweden Baumeister, welcher auch z. B. die Schloßkirche zu Schwerin bauete; vgl. Jahrb. V, S. 24 und 52.
8) Christoph Parr war Steinmetz, später auch Baumeister des Herzogs Johann Albrecht I., auch des Herzogs Ulrich für den Schloßbau zu Güstrow; vgl. Jahrb. V, S. 25. Der Contract über den „Fürstlichen Stuhl“ im Dome ist in Jahrb. V, S. 71, Nr. 5, gedruckt.
Der Schweriner Dom vom Pfaffenteich 1898

Der Schweriner Dom vom Pfaffenteich 1898

Dom Schwerin vom Pfaffenteich, 1911

Dom Schwerin vom Pfaffenteich, 1911

Der Schweriner Dom vor 1845

Der Schweriner Dom vor 1845

Der Dom in Schwerin

Der Dom in Schwerin