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Album der Kasseler Galerie

Vierzig Farbendrucke mit historischer Einleitung und begleitenden Texten
Autor: Eisenmann, Oscar (1842-1933) Kunsthistoriker, Erscheinungsjahr: 1907
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Kunst, Kultur, Malerei, Kasseler Gemäldegalerie, Bildersammlung
Am landgräflich hessischen Hofe zu Kassel wurden schon früh in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts Gemälde begehrt und erworben. Doch war der Antrieb dazu weniger der Wunsch, Kunstwerke der Kunst halber zu besitzen, als vielmehr das Bestreben, Bildnisse hervorragender zeitgenössischer Fürsten, namentlich solche verwandter Häuser, zu sammeln. Dies wissen wir bestimmt von dem Sohne Philipps des Großmütigen, Wilhelm IV., genannt „der Weise“, der von 1567 bis 1592 regierte. Doch ging diese Art des Sammelns schon auf ältere Zeit zurück, was aus einem Inventar von 1573 hervorgeht, worin neben dem Mobiliar im Schlosse zu Kassel auch vierzig Porträts älterer Fürstlichkeiten und berühmter Zeitgenossen, z. B. Luthers, erwähnt werden. Zur Vermehrung dieser Porträtsammlung wurden gelegentlich zwei Hofmaler Wilhelms IV., deren Namen uns der um die Geschichte der Kasseler Galerie hochverdiente Professor C. A. von Drach in Marburg nennt, Caspar von der Borgk und Jost vom Hofe, an die befreundeten Fürstenhöfe gesendet, um Konterfeie für die Porträtgalerie aufzunehmen.

Nach den geringen, für diese Bildnisse bezahlten Preisen müssen es meist an Kunstwert recht zweifelhafte gewesen sein. Doch befanden sich darunter auch ab und zu sehr hervorragende, wovon noch das eine oder andere in der Löwenburg, im Schlosse zu Wilhelmshöhe und in der Gemäldegalerie sich befindet. Unter letzteren ist das weitaus bedeutendste das unvergleichliche Bildnis Wilhelms von Oranien, genannt Taciturnus, früher dem Adriaen Key, jetzt dem Antonis Moro zugeschrieben.

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Inhaltsverzeichnis
  1. ANTONIS MOR, Bildnis Wilhelms I. von Oranien-Nassau
  2. FRANS HALS, Die singenden Knaben
  3. FRANS HALS, Der Junge Mann mit dem Schlapphut
  4. REMBRANDT VAN RIJN, Saskia
  5. REMBRANDT VAN RIJN, Nicolaus Bruyningh
  6. REMBRANDT VAN RIJN, Der Architekt
  7. GERARD TER BORCH, Die Lautenspielerin
  8. JACOB ISAAKSZOON VAN RUISDAEL, Der Wasserfall
  9. PETER PAUL RUBENS, Der Orientale
  10. FLORENTINISCHE (?) SCHULE, Bildnis des spanischen Dichters Garcilaso de la Vega
  11. TIZIANO VECELLIO, Bildnis eines vornehmen italienischen Kriegsmannes
  12. PAOLO VERONESE (?) oder LAMBARD SUSTRIS, Die sterbende Kleopatra
  13. REMBRANDT VAN RIJN, Die sogenannte Holzhackerfamilie
  14. REMBRANDT VAN RIJN, Landschaft mit Ruine
  15. REMBRANDT VAN RIJN, Der Segen Jakobs
  16. JAN STEEN, Das Bohnenfest
  17. PHILIPS WOUWERMAN, Der Scheck vor. der Schmiede
  18. PHILIPS WOUWERMAN, Feldarbeiter bei der Mittagsrast
  19. ADRIAEN VAN DE VELDE, Strand von Scheveningen
  20. MELCHIOR D'HONDECOETER, Der weiße Pfau
  21. JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL, Die Herde am Waldeingang
  22. PETER PAUL RUBENS, Die Flucht nach Ägypten
  23. ANTONIUS VAN DYCK, Sebastian Leerse mit Frau und Kind
  24. ANTWERPENER SCHULE (?), Die Anbetung der Hirten
  25. GONZALES COQUES, Der junge Gelehrte und seine Schwester
  26. ANTONIS MOR, Bildnis des Johann Gallus
  27. GERARD DOU, Rembrandts Vater
  28. GERARD DOU, Rembrandts Mutter
  29. ADRIAEN VAN OSTADE, Bauern unter einer Sommerlaube
  30. ADRIAEN VAN DER WERFE, Der verliebte Schäfer
  31. NICOLAS POUSSIN, Bacchische Szene
  32. JACOPO TINTORETTO, Bildnis eines Edelmannes
  33. JOHANN ROTTENHAMMER, Heilige Familie
  34. REMBRANDT VAN RIJN. Winterlandschaft
  35. PAUL POTTER, Kühe auf der Weide
  36. ARNOUD VAN DER NEER, Sonnenuntergang
  37. JAN BRUEGHEL DER ÄLTERE, Dorfstraße
  38. JACOB JORDAENS, Der Apfelschimmel
  39. THOMAS GAINSBOROUGH, Landschaft
  40. HANS THOMA, Landschaftsstudie
Unter dem Sohne und Nachfolger Wilhelms des Weisen, Moritz dem Gelehrten, erfahren wir zuerst von dem Vorhandensein auch anderer Gemälde. Darüber unterrichtet uns die archivalische Forschung des obengenannten Geschichtsschreibers der Kasseler Galerie in folgender interessanten Notiz: „Das erste Aktenstück, worin Gemälde mit historischen und allegorischen Darstellungen verzeichnet sind, ist eine ,Eygentliche Specificirunge oder Inuentarium alles Haus-Vorraths zu Rottenbergk‘ aus dem Jahre 1607, worin das Mobiliar im Schlosse daselbst, einem Lieblingsaufenthalt von Wilhelms Sohn, dem Landgrafen Moritz dem Gelehrten, angegeben wird. Wir dürfen annehmen, ldamals zu Kassel ein noch größerer Vorrat von derartigen Gemälden vorhanden gewesen sei; hier finden wir nur 40 Nummern, dabei ,eine große taffel, daran zwei nackende Bulschafften‘, also vermutlich Darstellungen mythologischen Inhalts, ferner ,eine taffel, daran der keusch Joseph‘, ,Zwey gemahlte Banquet vff 2 taffeln‘, sieben eingefaße Tafeln mit Stücken aus der neutestamentlichen Geschichte, weiter ,Wie 3 Söhne nach Irem todten Vatter schießen, Judicium Paridis, die Diana, die Lucretia‘, drei eingefasste Tafeln mit den sieben Kardinaltugenden und dergleichen. Aus dem Jahre 1618 liegen Verzeichnisse vor über Porträts der näheren Verwandten des Landgrafen Moritz und seiner Gemahlin Juliane von Nassau-Dillenburg, darunter viele von Mitgliedern des Oranischen Zweiges der Familie.“

Sehen wir den Landgrafen Moritz somit in seinen Schlössern den Gemälden nicht abgeneigt, so finden wir ihn dagegen als ihren erbitterten Feind in den Kirchen, wo ihn sein puritanischer Übereifer geradezu zum Bilderstürmer machte. Er hat dadurch einer Menge einheimischer und von auswärts eingeführter Kunstwerke den Untergangs bereitet. Dies erklärt auch das gänzliche Fehlen von Beispielen hessischer Malerei des 15. und 16. Jahrhunderts in der hiesigen Galerie. Was aus seiner Zeit an Ölgemälden kirchlicher oder privater Herkunft etwa noch gerettet wurde, das vertilgten bis auf wenige Reste die Stürme des dreißigjährigen Krieges. Die hessischen Fürsten, welche nach dieser die Mittel der Höfe und des Landes erschöpfenden Zeit zur Regierung kamen, der V., VI. und der VII. Wilhelm, konnten nicht daran denken, den bedauerlichen Abgang an Kunstwerken durch finanzielle Opfer rasch zu ersetzen. Doch erfahren wir aus einer von V. Drach mitgeteilten Kammerrechnung vom Jahre 1651 , dass einem zugewanderten Maler, A. van Hulle, vom Hofe Porträts bestellt und honoriert wurden, und 1653 wird gelegentlich eines Ankaufs von Landschaften des Wilhelm Bemmel gesagt: „NB. sein im Cabinet“. Aus dieser Notiz geht mit Bestimmtheit hervor, dass schon damals eine fest abgegrenzte und als solche geführte Gemäldegalerie in Kassel vorhanden war. Zur Zeit der eben genannten Landgrafen lebte der Hofmaler Engelhard Scheffler, der unter anderen Bildnisse seiner Landesherren und auch solche von Marburger Professoren anfertigte; dazu mythologische Gemälde kleineren Formates, die ihm besser als jene gelungen zu sein scheinen. Seiner Witwe werden noch im Jahre 1673 zwei gemalte Krammetsvögel vom Hofe abgekauft. Und damit sind wir schon in die Regierungszeit des bedeutendsten hessischen Fürsten, des Landgrafen Karl, eingetreten, dessen Taten und Werke, zumal seine monumentalen architektonischen und gärtnerischen Anlagen der Stadt Kassel und ihrer Umgebung noch heute ihr charakteristisches Gepräge geben. Über eine starke Vermehrung der schon bestehenden Gemäldesammlung durch ihn existieren zwar direkt keine urkundlichen Nachrichten, doch steht es bei seinem sonstigen feinen Geschmack und seiner hohen geistigen Veranlagung überhaupt außer Zweifel, dass er auch dem Kunstzweig der Malerei ein besonderes Interesse zuwandte. Dies betont von Drach mit Recht, indem er zur Begründung dieser Annahme auf das von Karl erbaute, im Jahre 1696 vollendete „Kunsthaus“, das noch als staatliches Sammlungsgebäude in Kassel existiert, hinweist und dazu bemerkt, der Landgraf würde gewiss seine Reise nach Italien nicht gemacht haben, auf der er, ausweislich einer später erschienenen Beschreibung derselben, ein ganz besonderes Interesse den Kunstwerken, darunter besonders auch den Gemälden jenes Landes, zuwandte, wenn er diesem Kunstinteresse nicht auch durch Vermehrung der im Grundstock schon vorhandenen Gemäldesammlung praktische Folge gegeben hätte. Überdies bringt von Drach einen direkten Beweis für Karl als Bildersammler schon aus dessen ersten Regierungsjahren in einer Kabinettsrechnung von 1675 bei, wo es heißt: „Francesco de Hamilton dem Mahlern bezahlt — 100 Thlr.“ Und ein Protokoll vom August 1730, welches Aufschluss über seinen im Schlosse befindlichen Nachlass gibt, zählt unter anderen einige Gemälde auf, die sich noch heute in der Kasseler Galerie befinden. Darunter zum erstenmale für hier berühmte Malernamen, wie Antonio Moro, van Dyck, Livens und — Rembrandt. Der Landgraf beschäftigte und förderte auch eine Reihe von Malern, darunter Philip van Dijk, Jan van Nickelen, Johann Georg van Freese, Karl Hermann de Quitter und dessen Sohn Hermann Heinrich Quitter, letztere beiden seine Hofmaler, und vor allem Rosa di Tivoli. Gwinner, Kunst und Künstler in Frankfurt am Main (S. 213) berichtet uns über diesen, Landgraf Karl habe ihn auf seine Kosten nach Italien geschickt, „wofür aber dem wohlwollenden Fürsten von dem leichtsinnigen Schützlinge mit dem größten Undank gelohnt wurde“.

Als Karl im Jahre 1730 starb, hinterließ er eine beträchtliche Anzahl von Gemälden, die teils im Kunsthaus, teils in einem besonderen „Bilder-Kabinett“ das er wie viele Fürsten Jener Zeit in seinem Schloss sich gebildet hatte, endlich auch in seinen Wohnräumen untergebracht waren. Was sein Sohn und Nachfolger, Friedrich I., für diesen Gemäldeschatz getan, beschränkt sich wohl auf dessen teilweise Nutzbarmachung für die Öffentlichkeit, indem er im Jahre 1731 neunzehn wertvollere Gemälde dem „Kunsthaus“ überwies, wodurch sie den Landeskindern zugänglich gemacht wurden. Als König von Schweden seiner hessischen Heimat meist fern, überließ er die Sorge für das Stammland seinem jüngeren Bruder Wilhelm, der als Statthalter für ihn regierte. Und Friedrich hätte sie in keine besseren Hände legen können als in die Wilhelms, besonders was die Förderung und den Ausbau der Gemäldesammlung des landgräflichen Hauses anlangt.

Wilhelm VIII. war schon vor 1730 als Gouverneur von Breda und Maastricht mit der niederländischen Malerschule bekannt geworden und hatte sie schätzen gelernt. Bald ergriff auch ihn, wie so manchen Fürsten jener Zeit, der Sammeleifer. Schon während seines Aufenthaltes in Holland erwarb er manch wertvolles Bild, und als er nach dem Tode seines Vaters, des Landgrafen Karl, für seinen älteren Bruder Friedlich, der durch seine Vermählung mit Ulrike Eleonore König von Schweden geworden war, die Statthalterschaft in Hessen übernommen hatte, fing er an, in großem Stil zu sammeln, nachdem er vor 1730, während er in den Diensten der Generalstaaten stand, nur einzelne Gemälde erworben hatte. Selbst ein geschmackvoller und für seine Zeit ziemlich zuverlässlicher Kenner, bediente er sich des Beirates von hervorragenden Malern, wie des Philip van Dijk, und von erfahrenen Kunstfreunden und Sammlern, wie es der Oberst von Häckel und der General von Donop waren, um in den Besitz möglichst zahlreicher und guter „Stücke“ zu kommen. Auch hielt er sich Agenten, die in allen Finessen des internationalen Kunsthandels heimisch waren und ihm teils ganze Sammlungen, teils hervorragende Einzelbilder rechtzeitig signalisierten und locker machten. Der bedeutendste unter diesen Agenten war wohl der bekannte Statistiker des damaligen Gemäldehandels, Gerard Hoet, der Verfasser des Catalogus, dessen Namen man am häufigsten im ältesten, aus dem Jahre 1749 stammenden Inventar der Kasseler Galerie liest. Auf eine ausführliche Geschichte der Erwerbungen Wilhelms VIII. einzutreten, ist hier nicht der Ort. Besonders hervorgehoben sei nur der Hauptcoup, den der kunstliebende Fürst mit dem Ankauf der Sammlung van Reuver in Delft machte. In ihr waren allein acht der bedeutendsten Rembrandts neben einer ganzen Reihe von Meisterwerken anderer Maler enthalten und Wilhelm konnte mit Recht seiner größten Befriedigung über diese glückliche Erwerbung, für die er 40.000 holländische Gulden bezahlt hatte, Ausdruck geben. Um ihn als ebenso eifrigen wie erfolgreichen Sammler zu kennzeichnen, brauchen wir auf die Mitteilung weiterer Ankäufe im einzelnen nicht einzugehen, sondern es genügt, auf den Inhalt der Kasseler Galerie, wie er sich heute jedem Besucher darstellt, hinzuweisen und zu konstatieren, dass fast ausnahmslos alle Perlen der Sammlung nach Ausweis der Inventare von Wilhelm angekauft sind. Die späteren hessischen Fürsten, namentlich sein Sohn und Thronfolger, Friedrich II., vermehrten zwar diesen Besitz der Krone mit Liebe und zum Teil auch mit Glück, aber ihre Bemühungen und deren Erfolg lassen sich bei weitem nicht mit denen Wilhelms VIII. vergleichen. Den Ruhm, der Schöpfer der Kasseler Galerie zu sein, kann ihm keiner seiner Nachfolger streitig machen. Man hat ihm für dies hohe, in ferne Zeiten fortwirkende Verdienst kein Denkmal in seiner einstigen Residenz errichtet, wohl in der Erwägung, dass er sich ein monumentum aere perennius in seiner Sammlung selbst geschaffen. Die einundzwanzig Rembrandts der Kasseler Galerie, die übrigens dank der skrupellosen Beutesucht der Franzosen noch lange nicht den ursprünglichen Reichtum des hessischen Kronbesitzes an Werken Rembrandts darstellen, nebst einer großen Zahl trefflicher Werke des Rubens, van Dyck, Frans Hals usw. verkünden weithin den Namen Wilhelms als den eines unvergleichlichen Sammlers. Die Stadt Kassel verdankt ihm den größten Anziehungswert, nachdem die Gemäldesammlung seit den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, namentlich aber nach der Annexion 1866, eine staatliche und öffentliche geworden war.

Der preußische Staat hat seine Hauptaufgabe der Galerie gegenüber weniger in der Vermehrung des Gemäldevorrates, als in der würdigen Unterbringung, guten Restaurierung und Nutzbarmachung für Künstler und Kunstfreunde gesucht. Zwar hatte schon Wilhelm VIII. in den Jahren 1749 — 1751 für seine immer mehr anschwellenden Sammlungen eine „Schilderei-Galerie“ erbaut, die sich durch hohes Seitenlicht auszeichnete, aber sie war zu Jeromes Zeit durch Umbauten sehr entstellt worden, und die Gemälde, dicht gedrängt und hoch übereinanderhängend, hatten weder genügenden Raum noch Licht mehr, um so, wie sie es verdienten, genossen zu werden. Auch war unter dem letzten Kurfürsten die Absperrung der Galerie gegenüber dem Publikum eine so kulturwidrige, dass sie geradezu als Abschreckungstheorie wirkte. Denn als Eintrittsgeld waren pro Kopf drei Mark zu erlegen. Anders kam man nicht hinein. Deshalb entschloss sich Preußen auf Anregung des Oberpräsidenten von Möller, ein neues Galeriegebäude zu errichten, das in den Jahren 1871 — 77 durch H. von Dehn-Rotfelser zur Ausführung kam. Als Vorbild diente ihm im ganzen der Einteilung die alte Pinakothek in München, doch verbesserte er die Raumverhältnisse namentlich der Oberlichtsäle und dadurch die Beleuchtung der Bilder. Dem Publikum geöffnet wurde die Galerie im November des Jahres 1877 und sie erfreut sich seither eines von Jahr zu Jahr wachsenden Besuches, namentlich seitdem das Interesse auch eines größeren Publikums sich mehr und mehr den Werken Rembrandts zuwendet. Ragt doch die Kasseler Galerie hervor durch eine Reihe seiner ergreifendsten Schöpfungen, wobei nur an „Jakobs Segen“, an die große „Landschaft mit den Ruinen“ und das Bildnis des „Nicolaus Bruyningh“ erinnert sein mag.

Was die Werke Rembrandts in deutschen Galerien anlangt, hat Berlin zwar seit 1906 in quantitativer Hinsicht Kassel überflügelt, doch wird es die künstlerische Höhe und die geistige Bedeutung der hiesigen Bilder auch durch die glücklichsten Käufe nicht erreichen können. Denn auch Sammlungen wie die Kannsche oder selbst die alten englischen Adelssitze enthalten keine Rembrandtschen Gemälde mehr von dem Schwergewicht der drei oben genannten, welche die vornehmste Zierde der Kasseler Galerie bilden. Der engere und weitere Kreis von Schülern und Nachfolgern Rembrandts gipfelt in den zwei feinen Ovalen von Gerard Dou, die Bildnisse von Rembrandts Vater und Mutter enthaltend. Charakteristische Gemälde ferner von Willem de Poorter, Eeckhout, Cornelis Drost, Bernaert Fabritius, Benjamin Cuyp geben einen Begriff von der Fähigkeit des Lehrers, stark auf Schüler zu wirken, ohne ihre angeborene Besonderheit zu unterdrücken.

Neben dem Haupte der holländischen Schule ist dessen älterer Zeitgenosse, Frans Hals, für die verhältnismäßig frühe Zeit, in der Wilhelm VIII, sammelte, auffallend zahlreich und gut vertreten, was ein neues glänzendes Blatt im Ehrenkranze dieses kunstverständigen Fürsten bedeutet. Denn keine der übrigen größeren Sammlungen Deutschlands hat ein irgendwie importantes Werk des F. Hals aus dieser Zeit aufzuweisen, während der hessische Hof, das heißt Wilhelm, sich berühmen kann, sieben hervorragende Gemälde von ihm gekauft zu haben, als die übrigen Kunstmäcene den genialen Haarlemer Meister noch gar nicht beachteten. Die alte Pinakothek in München hat sich sogar erst vor wenigen Jahren den ersten und einzigen Frans Hals, den sie besitzt, mit schwerem Gelde einverleibt.

Aus der Schule des Frans Hals sind drei treffliche Adriaen van Ostade und ein sehr interessantes Jugendwerk des Adriaen Brouwer zu verzeichnen. Gerard Terborch, der, zwar nicht ohne Einfluss seitens des F. Hals, eine Großmacht für sich in der Geschichte der holländischen Malerei darstellt, schmückt die Galerie durch zwei sehr gewählte Stücke, unter denen sich die Einzelfigur der Lautenspielerin ganz besonders auszeichnet. Vortrefflich ist auch sein Schüler Kaspar Netscher durch fünf eigenartige Werke repräsentiert. Die Kabinettsmalerei bietet durch Metsu drei reizvolle Nummern. Im Sittenbild schießt hier Jan Steen den Vogel ab durch sein "Bohnenfest", ein Meisterwerk, das seinesgleichen auf dem Kontinent sucht. Leider sind auch die süßlichen Dekadencemaler Gottfried Schalken, Willem van Mieris, Frans van Mieris d. J., Pieter van der Werff und ähnliche in Kassel nur allzu gut vertreten, geist- und gemütlose Glattmaler, die in der Mode ihrer schwächlichen Zeit sogar einen Rembrandt zu verdrängen verstanden. Einen Höhepunkt in der Wertabschätzung unserer Galerie stellen dagegen wieder die 21 vortrefflichen Werke des Wouwerman dar. Nur Dresden übertrifft Kassel an Reichtum seiner Werke, die von je so geschätzt waren, dass sie heute im Handel so gut wie gar nicht mehr vorkommen. Unter den Tiermalern zeichnet sich Paul Potter durch ein ganz besonders hervorragendes Viehstücke aus, während eine Darstellung lebensgroßer Kühe und Schafe von erdrückender Fülle, die ihm früher auf Grund eines gefälschten Monogrames gleichfalls zugeschrieben war, nur ein charakteristisches Spezimen seines Nachfolgers Govert Joachimsz Camphuijsen darstellt. Unter den Holländern, die sich durch reich staffierte Landschaften auszeichnen, steht hier Adriaen van de Velde mit seinem unvergleichlichen Strand von Scheveningen obenan. Wenn wir dann noch fünf große Geflügelbilder des Hondecoeter nennen, unter denen "Der weiße Pfau" besonders hervorragt, und erwähnen, dass Landschafter wie Goyen, van der Neer, Cuyp und die drei Ruisdaels gut, zum Teil ausgezeichnet vertreten sind, desgleichen unter den Marinemalern der berühmteste, Willem van de Velde d. J., der fünf seine Werke beisteuert, und Simon de Vlieger, Hendrik Dubbels, Zeeman, die einzelne gute Beweise ihrer Kunst beibringen, und zum Schluss betonen, dass die Galerie auch reich an guten Stilleben ist, so haben wir mit knappen Strichen eine Fülle gediegenen Kunstbesitzes aus den holländischen Schulen skizziert.

Nicht völlig von dieser Bedeutung, aber immerhin sehr reich und bewundernswert ist das, was die vlämische Schule zum Ruhme der Kasseler Galerie beiträgt. Wie im allgemeinen, so steht auch hier Rubens an der Spitze. Unter den neun Gemälden seiner Hand sind drei von ganz besonders hervorstechender Qualität, "Jupiter und Kallisto, Die Flucht nach Ägypten" und das Bildnis des Messire Nicolas de Respaigne. Auf die beiden ersten muss Rubens selbst viel Wert gelegt haben, indem er sie mit seinem vollen Namen in den Entstehungsjahren 1613 und 1614 bezeichnete. Das Bildnis hat er zwar nicht bezeichnet, sondern nur mit dem Stempel seines Genies versehen. Das aber genügt, um es vor den meisten anderen auszuzeichnen. Anton van Dyck überbietet sein großes Vorbild an Zahl der Werke und darunter befinden sich eine ungewöhnlich große Zahl von Höchstleistungen, so dass er hier selbst besser vertreten ist als Rubens. Ich erwähne nur das unter stärkstem Einfluss dieses Meisters stehende Altarbild, das Jesuskind, verehrt von den Vertretern des büßenden Lebens, das Familienporträt des "Sebastian Leerse mit Frau und Kind", das Doppelbildnis des Malers Frans Snyders und Frau und die drei lebensgroßen stehenden Figuren, obgleich noch mehrere andere Porträts van Dycks von gleicher Qualität zu verzeichnen wären. Am glänzendsten aber von allen Vlamen ist Jacob Jordaens in Kassel repräsentiert. Sowohl umfänglich wie inhaltlich bedeutendere Werke als die hiesigen hat keine Galerie aufzuweisen, und man musste sich bei der Ausstellung seiner Werke zu Antwerpen im Herbst 1905 sagen, dass sie unvollkommen sei, da die Kasseler Bilder fehlten. Es sind zehn an der Zahl, und will man eines daraus hervorheben, so wird man sich wohl für den Satyr beim Bauer, auch der Kalt- und Warmbläser genannt, entscheiden. Mit zahlreichen und vortrefflichen Werken ausgerüstet, tritt dann noch D. Teniers in die Arena. Namentlich seine Baderstube, die große Kirmes, die beiden Einzugsbilder und die zwei frühen Innenräume mit kartenspielenden und zechenden Bauern sind Leckerbissen auch für einen verwöhnten Kennergaumen. Und last not least die beiden feinen Familienbildnisse in kleinen Figuren von dem auf dem Kontinent in solcher Qualität höchst seltenen Gonzales Coques bilden einen trefflichen Abschluss der sich hier so reich entfaltenden vlämischen Schule.

Mit diesem Überblick über den Schatz an Holländern und Vlamen, die den Ruhm der Kasseler Galerie ausmachen, könnte man eigentlich diese Einleitung schließen. Denn die Italiener und Altdeutschen stehen hier weit unter dem Niveau der Niederländer. Doch wäre es ein Unrecht gegenüber einigen ausgezeichneten Werken jener beiden Schulen, die hoch über das sonstige Mittelgut emporragen. So bei den Italienern zwei Bildnisse ersten Ranges, der lebensgroße stehende Kriegsmann von Tizian, früher [/b]Alfonso Davalos, Marchese del Vasto[/b] genannt, später von Karl Justi fragweise als Giovanni Francesco Acquaviva, Herzog von Atri, angesprochen, und die eines Tizians würdige Halbfigur eines Venetianers, der mit seinem strengen, lebensprühenden Blick den Beschauer geradezu fasziniert. Bei den Altdeutschen aber sind es besonders zwei Neuerwerbungen, die Erwähnung verdienen, ein für die Eltern Philipps des Großmütigen gemaltes Reisealtärchen, ein eigenartig reizvolles Frühwerk des Lukas Cranach, etwa aus 1507/8, und ein gleichfalls früher Albrecht Altdorfer, Christus am Kreuz zwischen Maria, Johannes und einem Stifterpaar auf dem Hintergrunde einer phantastischen Meeresküste, unter starkem Einfluss des Matthias Grünewald. Aus dem alten Bestände verdienen hervorgehoben das Porträt der Elisabeth Tucher von Albrecht Dürer, ein durch seine guten anatomischen Studien frappanter Herkules und Antäus von Hans Baldung Grien, und die merkwürdige, durch reiche Einzelheiten fesselnde Tischplatte von Martin Schaffner, mit astrologisch-tellurisch-ethischen Allegorien bemalt.

Zurückgreifend auf die ältere niederländische Schule sei noch zum guten Ende das ganz einzigartige Bildnis Wilhelms I. von Oranien-Nassau erwähnt, das, in jüngeren Jahren ihn darstellend, das Höchste an scharfer, geistvoller Charakteristik der Porträtkunst des Antonis Moro zeigt.

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Eine Reihe von Abbildungen dieses Albums sind vor einiger Zeit in der Sammlung; „Alte Meister“ erschienen, zu denen Herr Geheimrat Professor Dr. Philippi die erläuternden Texte geschrieben hatte. Der Herausgeber des Albums verzichtet darauf, diese Erläuterungen des ihm befreundeten Verfassers durch neue zu ersetzen, weshalb die Namen beider Autoren auf dem Titelblatt des Werkes erscheinen. Der Herausgeber

001. ANTONIS MOR, Bildnis Wilhelms I. von Oranien-Nassau

001. ANTONIS MOR, Bildnis Wilhelms I. von Oranien-Nassau

002. FRANS HALS, Die singenden Knaben

002. FRANS HALS, Die singenden Knaben

003. FRANS HALS, Der Junge Mann mit dem Schlapphut

003. FRANS HALS, Der Junge Mann mit dem Schlapphut

004. REMBRANDT VAN RIJN, Saskia

004. REMBRANDT VAN RIJN, Saskia

005. REMBRANDT VAN RIJN, Nicolaus Bruyningh

005. REMBRANDT VAN RIJN, Nicolaus Bruyningh

006. REMBRANDT VAN RIJN, Der Architekt

006. REMBRANDT VAN RIJN, Der Architekt

007. GERARD TER BORCH, Die Lautenspielerin

007. GERARD TER BORCH, Die Lautenspielerin

008. JACOB ISAAKSZOON VAN RUISDAEL, Der Wasserfall

008. JACOB ISAAKSZOON VAN RUISDAEL, Der Wasserfall

009. PETER PAUL RUBENS, Der Orientale

009. PETER PAUL RUBENS, Der Orientale

010. FLORENTINISCHE (?) SCHULE, Bildnis des spanischen Dichters Garcilaso de la Vega

010. FLORENTINISCHE (?) SCHULE, Bildnis des spanischen Dichters Garcilaso de la Vega

011. TIZIANO VECELLIO, Bildnis eines vornehmen italienischen Kriegsmannes

011. TIZIANO VECELLIO, Bildnis eines vornehmen italienischen Kriegsmannes

012. PAOLO VERONESE (?) oder L AMBARD SUSTRIS, Die sterbende Kleopatra

012. PAOLO VERONESE (?) oder L AMBARD SUSTRIS, Die sterbende Kleopatra

014. REMBRANDT VAN RIJN, Landschaft mit Ruine

014. REMBRANDT VAN RIJN, Landschaft mit Ruine

015. REMBRANDT VAN RIJN, Der Segen Jakobs

015. REMBRANDT VAN RIJN, Der Segen Jakobs

016. JAN STEEN, Das Bohnenfest

016. JAN STEEN, Das Bohnenfest

017. PHILIPS WOUWERMAN, Der Scheck vor. der Schmiede

017. PHILIPS WOUWERMAN, Der Scheck vor. der Schmiede

018. PHILIPS WOUWERMAN, Feldarbeiter bei der Mittagsrast

018. PHILIPS WOUWERMAN, Feldarbeiter bei der Mittagsrast

019. ADRIAEN VAN DE VELDE, Strand von Scheveningen

019. ADRIAEN VAN DE VELDE, Strand von Scheveningen

021. JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL, Die Herde am Waldeingang

021. JACOB SALOMONSZOON VAN RUISDAEL, Die Herde am Waldeingang

022. PETER PAUL RUBENS, Die Flucht nach Ägypten

022. PETER PAUL RUBENS, Die Flucht nach Ägypten

023. ANTONIUS VAN DYCK, Sebastian Leerse mit Frau und Kind

023. ANTONIUS VAN DYCK, Sebastian Leerse mit Frau und Kind

024. ANTWERPENER SCHULE (?), Die Anbetung der Hirten

024. ANTWERPENER SCHULE (?), Die Anbetung der Hirten

025. GONZALES COQUES, Der junge Gelehrte und seine Schwester

025. GONZALES COQUES, Der junge Gelehrte und seine Schwester

026. ANTONIS MOR, Bildnis des Johann Gallus

026. ANTONIS MOR, Bildnis des Johann Gallus

027. GERARD DOU, Rembrandts Vater

027. GERARD DOU, Rembrandts Vater

028. GERARD DOU, Rembrandts Mutter

028. GERARD DOU, Rembrandts Mutter

029. ADRIAEN VAN OSTADE, Bauern unter einer Sommerlaube

029. ADRIAEN VAN OSTADE, Bauern unter einer Sommerlaube

030. ADRIAEN VAN DER WERFE, Der verliebte Schäfer

030. ADRIAEN VAN DER WERFE, Der verliebte Schäfer

031. NICOLAS POUSSIN, Bacchische Szene

031. NICOLAS POUSSIN, Bacchische Szene

032. JACOPO TINTORETTO, Bildnis eines Edelmannes

032. JACOPO TINTORETTO, Bildnis eines Edelmannes

033. JOHANN ROTTENHAMMER, Heilige Familie

033. JOHANN ROTTENHAMMER, Heilige Familie

034. REMBRANDT VAN RIJN, Winterlandschaft

034. REMBRANDT VAN RIJN, Winterlandschaft

035. PAUL POTTER, Kühe auf der Weide

035. PAUL POTTER, Kühe auf der Weide

036. AERT VAN DER NEER, Sonnenuntergang

036. AERT VAN DER NEER, Sonnenuntergang

037. JAN BRUEGHEL DER ÄLTERE, Dorfstraße

037. JAN BRUEGHEL DER ÄLTERE, Dorfstraße

038. JACOB JORDAENS, Der Apfelschimmel

038. JACOB JORDAENS, Der Apfelschimmel

039. THOMAS GAINSBOROUGH, Landschaft

039. THOMAS GAINSBOROUGH, Landschaft

040. HANS THOMA, Landschaftsstudie

040. HANS THOMA, Landschaftsstudie