Mecklenburg - Ein niederdeutsches Landes- und Volksbild

Autor: Fromm, L. (?), Erscheinungsjahr: 1860
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Land und Leute, Sittenbild, Landesbeschreibung, Volkstracht, Volksleben, Aberglauben, Familienfeste, Dorffeste
Vorwort

Riehls treffliches Bild der Pfälzer konnte wohl den Wunsch erwecken, auch von anderen deutschen Ländern ähnliche Zeichnungen zu besitzen. Eine Beschreibung Mecklenburgs schien aber noch aus dem Grunde wünschenswert, weil das Land in einem großen Teile Deutschlands fast völlig unbekannt ist, und weil dieser Umstand nicht selten zu den schiefesten Urteilen Veranlassung gegeben hat. Zwar ein so farbenreiches Bild, wie die Pfalz es erlaubt, vermögen wir von unserem Vaterlande nicht zu liefern; doch ist's ja auch der Gegenstand des Bildes oft, was die Herzen der Beschauer fesselt, und dieses Gedankens getrösten wir uns, wenn wir eine einfache Zeichnung neben jenes in großen Zügen komponierte Gemälde zu stellen versuchen. Es muss dies vorweg angedeutet werden, weil wir der Vergleichung wegen, welche der Endzweck solcher Schilderungen sein soll, möglichst der Einteilung des Riehl'schen Werkes gefolgt sind, hier und da auch die Resultate seiner Untersuchung mit der unsrigen verglichen haben.

Die folgenden Schilderungen wurden zuerst durch die „Mecklenburgische Zeitung“ veröffentlicht und erscheinen hier in wenig veränderter Gestalt. Es ergibt sich daraus schon von selbst der Zweck, welchen wir bei ihrer Zusammenfassung haben. Möchten sie dazu beitragen, die Kenntnis Mecklenburgs zu fördern und den Sinn für die Kunde des Vaterlandes in seine weitesten Kreise tragen! Möchten sie in vielen Herzen die Liebe zu unserem schönen, von Gott so reich gesegneten Lande kräftigen und mehren!
Einleitendes.

Wer Mecklenburg nach allen Richtungen hin durchwanderte, der wird sich gewiss an der Menge lieblicher Landschaftsbilder erfreut haben, die in reicher Abwechselung ihm vor das Auge traten. Wer es aber versuchen möchte, diese einzelnen Bilder zu einem Gesamtbilde zusammenzufassen und mit wenigen Worten die Gestaltung des Landes zu schildern, der erkennt die große Schwierigkeit solchen Unternehmens und wird immer wieder auf die Darstellung einzelner Landschaften zurückkommen müssen, aus denen sich der Leser ein Bild des Ganzen selbst abstrahieren kann. Das kommt daher, weil bei der Gestaltung dieser einzelnen Landschaften besonders hervorragende Bildungsglieder fehlen und weil — trotz allen Wechsels im Einzelnen — doch im Großen und Ganzen die ähnliche Gestaltung vorherrscht. So sind es hier Hügel, dort Täler, hier üppige Ebenen, dort lachende Waldungen, Seen mit reizender Umgebung, Flüsse, die sich in saftig grünen Wiesen hinschlängeln, mit Obstbäumen umkränzte Dörfer und von Gärten umringte Städte, welche die Landschaften bilden und charakterisieren, welche in immer wechselndem Leben voller Reiz und Mannigsaltigkeit auftreten und das Herz erfreuen, aber die Verschiedenartigkeit ihrer Bilder durch vielfache Übergänge im Kleinen, durch Mannigfaltigkeit des Ähnlichen gewinnen, was sich Alles leicht empfinden, aber auch durch die genaueste Beschreibung im Ganzen nur sehr schwer anschaulich machen lässt.

Es liegt uns dennoch daran, dem Leser einen Überblick über die Gesamtgestaltung Neuenburgs zu geben und wir glauben dies am Besten zu erreichen, wenn wir mit ihm das Land in verschiedenen Richtungen durchwandern und die einzelnen Gegenden kurz beschreiben. Beginnen wir im äußersten Westen, so treten wir sofort in die freundliche Gegend, welche sich rings um den Ratzeburger und den Schaalsee legt, den schmalen Raum zwischen beiden mit einer Menge von Hügeln und Tälern füllt, in denen Wald und Flur und See mannigfach abwechseln und die sich nordöstlich zum Dassower Binnensee und in den Klützer Ort, östlich zum Schweriner See hin fortsetzen. Der Ratzeburger See mit seinen stellen, bnchenbelaubten Ufern, mit der Insel in seiner Mitte, welche die freundliche Stadt trägt und nordwärts steil zum Wasser abfällt, hier das großartige alte Klostergebände in seiner altertümlichen fensterleeren Bauart tragend, aus dessen Masse sich frei und hoch der schöne, im Rundbogen erbaute Dom hervorhebt — dieser See mit seiner Umgebung ist sicherlich einer der herrlichsten Punkte Norddeutschlands. Und an ihn schließt sich eine sehr romantische, wenngleich wenig bekannte Landschaft, in deren Mitte der finstere und vielfach zerrissene Lanckower, der freundlichere Mechow- und andere kleinere Seen liegen, an denen sich Landgüter mit schönen Wohngebänden und großartigen Gartenanlagen hinziehen oder Dörfer sich in dem frischen Grün der sie umringenden Obst-Gärten lagern. So bleibt die Landschaft bis zum Schaalsee hinunter, dessen Umgebung mit derjenigen des ersteren wetteifern kann. Aber die Bilder, welche sich dem Beschauer hier bieten, sind wechselvoller. Den Ratzeburger See (wir meinen die weitere, südliche Hälfte von der Römnitz an) überschaut man von vielen Punkten aus fast in seiner ganzen Größe, während der Schaalsee sich wegen seiner bewaldeten Inseln, der vielfachen Krümmungen seiner Ufer und seiner bedeutenden Längsdehnung immer nur teilweise zeigt. Hier fesselt die Mannigfaltigkeit und reiche Abwechselung der Szenerie, dort die Großartigkeit des Gesamtbildes. Wenn sich die Waldungen mit ihrem jungen Grün belaubt haben und der See, von der Frühlingssonne beleuchtet, jene tiefblaue Farbe zeigt, welche ebenso köstlich wie selten ist, dann trifft man hier ganze Gesellschaften holsteinischer Touristen, die sich an der Natur und ihres Reichtums freuen.

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