Vorläufige Ansichten über eine Berlin-Stralsunder Eisenbahn.

Allgemeine Bemerkungen zu den vorläufigen Anschlägen für eine beabsichtigte Eisenbahn zwischen Stralsund und Berlin.
Autor: Redaktion - Sundine, Neu-Vorpommersches Unterhaltungsblatt, Erscheinungsjahr: 1844
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg-Vorpommern, Neu-Vorpommern, Stralsund, Verkehrswege, Eisenbahnbau, Berlin, Handelswege, Warenströme, Eisenbahn, Transportwege
Die hier aufgestellten Ansichten und beifolgenden Berechnungen über den wahrscheinlichen Verkehr auf der beabsichtigten Eisenbahn, sind nur als eine erste Anleitung zu betrachten; die Zulässigkeit der gemachten Voraussetzungen genauer zu prüfen und ein etwas entschiedeneres Urteil festzustellen, muss noch vorbehalten werden. Ohne zweckmäßige Untersuchungen sind Irrtümer und Ungewissheiten nicht leicht zu vermeiden.

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In der anliegenden geographischen Skizze wird die Bahn durch eine mathematisch gerade Linie zwischen Stralsund und Berlin bezeichnet, da die aus Lokal- und Verkehrs- oder andern Rücksichten etwa notwendig werdenden Abweichungen zur Zeit noch nicht bekannt sein können; es wird indessen angenommen: dass diese überall nicht bedeutend zu sein brauchen und dass die ganze Bahn zu 28 3/4 Preuß. Meilen Länge zu veranschlagen sei.

Das einer solchen Bahn zwischen der Berlin-Stettiner und der jetzt entstehenden Berlin-Hamburger Bahn zufallende Gebiet, ist in der Skizze durch Grenzlinien bezeichnet, welche einer jeden der benachbarten Bahnen den dazwischen liegenden Landesteil zur Hälfte zuweisen, so dass die auf solcher Grenze liegenden Ortschaften gleichweit von jeder Eisenbahn entfernt sind und es z. B. für einen Bewohner von Ferdinandshof oder Ückermünde, bei einer Reise nach Berlin, gleich Vorteilhaft sein würde, entweder die Stettiner Bahn bei Stettin oder die Stralsunder Bahn bei Neu-Brandenburg zu nehmen; andererseits kann der Reisende von Neubukow für den Weg nach Berlin so gut die Hamburger als die Stralsunder Bahn wählen; dass aber solche entferntesten Orte auf beiden Seiten noch immer die Stralsunder Bahn mit Nutzen suchen würden, beweiset: dass alle übrigen innerhalb des Gebietes lebenden Bewohner, für die Bewegung in der Richtung nach Berlin, ganz entschieden an die Stralsunder Bahn fallen. Zu bemerken ist: dass ohne eine Stralsunder Bahn ein ganzer Strich Landes, zwischen der Stettiner und der Hamburger Bahn, weder die eine noch die andere für die Bewegung auf Berlin benutzen könnte, und es füllt, die fragliche Stralsunder Bahn mit ihrem Gebiete diese Lücke ziemlich genau aus. Dieses Stralsunder Bahn-Gebiet, für die Bewegung von Norden nach Süden, entscheidet natürlich durch seine Größe, Fruchtbarkeit, Bevölkerung, Städte-Zahl, durch seine geographischen und politischen Verhältnisse u. s. w. sehr über die Massen von Gütern und über die Zahl der Personen, die sich wahrscheinlich auf der Bahn bewegen werden.

Die Größe des Gebietes ist nahe an 300 Quadrat-Meilen, das Land eins der fruchtbarsten in Nord-Deutschland, die Bevölkerung mehr als 2.000 pro Quadrat-Meile, also etwa 600.000 — mit Berlin vollkommen eine Million; der Städte zählt man im Ganzen 66 mit 620.000 Einwohnern. Darunter sind, außer der Königlichen Residenz- und Hauptstadt, eine Großherzogliche Residenz und neun, zum Teil bedeutenden See-Verkehr treibende Hafen-Städte, mit Regierungssitz, Garnison, Universität, landwirtschaftlicher Akademie usw.
Von den Städten werden, mit Berlin, 24 mit 504.000 Einwohnern sehr nahe an der Bahn liegen.

Aus diesen Momenten der inneren Bedeutsamkeit des Gebietes lässt sich wohl schon auf eine rege Bewegung der Menschen und Güter schließen; es kommen aber noch andere, sehr wichtige hinzu. Zuerst die Eigentümlichkeit des Gebietes, dass es, besonders in der Richtung nach Süden und Norden, fast gar keinen Wasser-Transport benutzen kann; die Pommersche Küste und die Gegend der Peene hat einen sehr langen, schwierigen und teuren Wasser-Weg über Stettin nach Berlin; auch die Havel gewährt wenig Begünstigung; — der innere Kern des Gebietes muss alle seine Produkte, alle seine Bedürfnisse, zum Teil lange Strecken, auf der Achse bewegen — dies ist ein sehr wichtiger Umstand für die beabsichtigte Eisenbahn, ja es wird dadurch recht deutlich, dass eben dieser Landes-Strich eine Eisenbahn besonders nötig hat.

Eine zweite Eigentümlichkeit für die beabsichtigte Bahn ist die ihr aus dem Fischreichtum der Küsten von Pommern und Rügen zuwachsende Nahrung für den schnellen Transport nach dem Innern des Gebietes und nach den Märkten Berlins, ja weiter nach Süden. Seestrand, Buchten, und Binnen-Gewässer von Pommern und Rügen — mit einer Küste von etwa hundert Meilen Länge — ja die ganze Ostsee umher, bieten eine unerschöpfliche Quelle für Fischfang —; andererseits ist der mögliche Absatz von frischen lebendigen Seefischen längs der beabsichtigten Bahn und in Berlin, bei der möglichen Wohlfeilheit des Preises, unstreitig als ein sehr großer, stets sicherer in Anschlag zu bringen, der fast ohne Konkurrenz bleiben muss.

Drittens ist Stralsund der nächste und bequemste Landungs-Punkt für Reisende von Kopenhagen und von Schweden, über Ystadt.

Viertens gibt die Insel Rügen der Bahn einen eigentümlichen, reizenden Endpunkt; das liebliche Eiland wird ein Seebad-Park für die Spaziergänger Berlins, in sechs Stunden erreichbar.

Diese Andeutungen werden bei den folgenden Einzelheiten und den Anschlägen, bis genauere Nachweisungen möglich werden, genügen müssen.
Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) mecklenburgischer Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Musterlandwirt.

Johann Heinrich von Thünen (1783-1850) mecklenburgischer Agrar- und Wirtschaftswissenschaftler, Sozialreformer und Musterlandwirt.

Mittagspause bei der Feldarbeit

Mittagspause bei der Feldarbeit

Mittagstisch auf dem Bauernhof

Mittagstisch auf dem Bauernhof

Pferdeknecht beim Pferdefüttern

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Pferdestall auf dem Gut

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Fischerboote am Strand

Fischerboote am Strand

Das Boot in der Brandung

Das Boot in der Brandung