Wie das Volk spricht - Sprichwörtliche Redensarten

Autor: Hoefer, Edmund Franz Andreas (1819-1882) deutscher Novellist und Literaturhistoriker, Erscheinungsjahr: 1870
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Sprichworte, Sprüchworte, Redensarten, plattdeutsche Sprüche, Volksmund, plattdeutsche Sprichwörter, plattdeutsche Sprüchwörter, plattdeutsche Redensarten
Erst jetzt, nach vier vollen Jahren, vermag ich den Freunden dieser Sammlung eine neue, wirklich vermehrte Ausgabe zu bieten. Wer diese Sprüche in ihrer Eigentümlichkeit auffasst, kann nicht verkennen, dass ihre Zahl eine beschränkte und mit derjenigen der „Sprichwörter“ gar nicht zu vergleichen ist. Witzige, humoristische, scherzhafte Aussprüche von der Art, dass man nicht nur sie selbst, sondern zugleich auch ihren Sprecher und häufig sogar die Veranlassung im Gedächtnis behält, müssen verhältnismäßig selten bleiben, und wer sie überhaupt finden will, muss sie, abgesehen von den wenigen, die bereits gedruckt wurden, überdies dem Volke ebenso gut ablauschen, wie seine Sagen und Märchen, etwas, zu dem bekanntlich nicht allein sehr viel Gelegenheit, sondern auch sehr viel Glück und Geschick gehören.
Inhaltsverzeichnis
  1. Sprichwörter - Redensarten A
  2. Sprichwörter - Redensarten B
  3. Sprichwörter - Redensarten C
  4. Sprichwörter - Redensarten D
  5. Sprichwörter - Redensarten E
  6. Sprichwörter - Redensarten F
  7. Sprichwörter - Redensarten G
  8. Sprichwörter - Redensarten H
  9. Sprichwörter - Redensarten I
  10. Sprichwörter - Redensarten J
  11. Sprichwörter - Redensarten K
  12. Sprichwörter - Redensarten L
  13. Sprichwörter - Redensarten M
  14. Sprichwörter - Redensarten N
  15. Sprichwörter - Redensarten O
  16. Sprichwörter - Redensarten P
  17. Sprichwörter - Redensarten Q
  18. Sprichwörter - Redensarten R
  19. Sprichwörter - Redensarten S
  20. Sprichwörter - Redensarten T
  21. Sprichwörter - Redensarten U
  22. Sprichwörter - Redensarten V
  23. Sprichwörter - Redensarten W
Daher biete ich diese vierte Ausgabe den Freunden auch mit einer gewissen Genugtuung dar, denn die Zahl der Sprüche ist über meine eigene Erwartung angewachsen. Dies war freilich nur dadurch möglich, dass mir aus Nähe und Ferne fortwährend die reichsten Beiträge kamen, für die ich auch hier den freundlichen Sammlern meinen wärmsten Dank aussprechen will.

Um wie viel mehr sie hätte anwachsen können und hoffentlich nach und nach anwachsen wird, geht grade aus einzelnen dieser Sendungen unwiderleglich hervor, welche mir aus einem kleinen Bezirk, aus einer Stadt eine Zahl von Sprüchen brachten, wie sie anderwärts durch die Ausbeute weiter Gebiete nicht einmal annähernd erreicht wurde. Die für jeden, der diese Sprüche kennt und beobachtet hat, wo und von wem sie im täglichen Leben angewandt werden, naheliegende Annahme, dass sie in den alten Städten, in den abgeschlossenen Kreisen und Ländchen, kurz überall, wo sich noch ein eigenartiges Volksleben erhalten konnte, besonders häufig zu finden sein dürften, wird durch diese erwähnten Spezial-Sammlungen fast zur Gewissheit erhoben.

Allein es fehlen die Sammler! Denn wie Viele auch von Anfang an meiner Sammlung ihre Teilnahme erhielten und das ihnen irgendwie Zugängliche fortdauernd zuwandten, — im Verhältnis zu der Ausdehnung des Terrains ist ihre Zahl stets eine geringe geblieben und von einer wirklichen, ausgebreiteten Beteiligung niemals die Rede gewesen. Im Gegentheil stieß das Büchlein ein paar mal auf eine Art von Widerstand, der mich indessen nicht irre zu machen vermochte, mich vielmehr nur aufs neue davon überzeugte, wie gering das Verständnis des Volkstums noch bei Manchem, und wie das zur Schau getragene Interesse für dasselbe häufig nichts weiter als eine hohle Mode-Redensart ist.

Ich habe es früher unterlassen, über die Tätigkeit zu sprechen, welche ich selber dem Sammeln dieser Sprüche zuwenden konnte, fühle mich jedoch veranlasst, jetzt wenigstens in der Kürze davon zu reden. Gelegenheit und Glück hatte ich dabei in einem Maße, wie es nicht häufig jemand zu Teil werden dürfte. Ein besonderes, anderwärts nicht minder notwendiges, Geschick wurde in diesem Falle gar nicht von mir verlangt. — Meine Kindheit fiel in eine Zeit, wo in meiner norddeutschen Heimat das Plattdeutsche in allen alt-einheimischen Familien wenn auch nicht mehr die einzige, doch noch immer die beliebteste Umgangssprache war, so dass man schon hierdurch dem nur plattdeutsch redenden Volk näher gestellt wurde. Die Stellung meines Vaters brachte uns Kinder, wofern wir nur wollten, überdies in häufigen und oft genauen Verkehr mit dem Volk in Stadt und Land, und durch Neigung und Zufall konnte ich selber diesen Verkehr mit den von Jugend auf mir vertrauten und vertrauenden Menschen auch später noch lange fortsetzen. Zu diesem allen kamen endlich Dienstleute, die in meinem Vaterhause alt und grau wurden und gegen uns Kinder begreiflicherweise keinerlei Scheu kannten. Und einer von diesen war es, in welchem diese Redensarten nicht einzeln, sondern zu Hunderten so zu sagen nur auf meine erste Frage warteten, um hervorzubrechen. Einmal angeregt, hatte der Alte dann nicht geringere Freude an solchen Dingen als ich selbst.

Aus dieser Quelle stammen fast ausnahmslos alle plattdeutschen Sprüche, die in der ersten Ausgabe meiner Sammlung zu finden sind. Selbst diejenigen, auf welche ich später in Druckwerken stieß und die ich demgemäss bezeichnete, hatte ich so ziemlich alle, wenn hie und da auch korrumpiert, früher von dem Alten schon gehört und nur, weil ich in jenen frühen Jahren allerdings mehr gelegentlich und des Vergnügens halber, als der Sache wegen sammelte, aufzuschreiben vergessen. Ja als ich bei der zweiten Auflage Buerens ostfriesische Sammlung in die Hände bekam, fand ich auch hier noch wieder solche alte, freudig begrüßte Bekannte.

Man muss es festhalten, dass diese Sprüche nur zum Teil an einen besonderen Ort gebunden, auf bestimmte knappe Grenzen beschränkt sind. Um Raum zu sparen und Wiederholungen zu vermeiden, sind von mir zahlreiche unbedeutende Varianten nicht aufgeführt worden. Trotzdem erkennt man auch jetzt beim ersten Blick in meine Sammlung, eine wie große Verbreitung manche dieser Sprüche gefunden haben. Freilich darf man annehmen, dass hin und wider der gleiche Einfall in ähnlichen oder sogar gleichen Worten an sehr verschiedenen Orten zu Platz gekommen. Im Allgemeinen jedoch muss man, zumal an den Küsten der Nord- und Ostsee, wohl mit Sicherheit auf ein Wandern der Sprüche schließen. Die Küstenfahrer und Frachtfuhrleute vermittelten dergleichen leichter und besser als die ruhelosen Eisenbahn-Kondukteure oder Dampfschiff-Matrosen unserer Tage. War aber nur erst die Mitteilung geschehen, so fand sich Festsetzung und weitere Ausbreitung von selbst, denn diese Sprüche haben etwas Zündendes und Packendes. Die bestimmten Namen der Sprechenden waren das geringste Hindernis. Man substituierte, wie in den Varianten grade solche Beispiele genug zu finden, entweder seelenruhig einen anderen, bekannten, oder hatte auch das sicher oft gar nicht einmal nötig, da sich, soweit das plattdeutsche Idiom herrscht, dieselben Namen vielfach wiederholen, so dass man in seiner Nachbarschaft nicht selten jemand finden mochte, dem man den neuen Spruch von A bis Z in die Schuhe schieben durfte. —

Später und seit dem Erscheinen der ersten Ausgabe wurde meine Tätigkeit eine andere. Ich lebte in Süddeutschland und stand dem Volke durch Sprache, Sitte und Lebensart nicht mehr nahe. Ich musste mich daher auf die Einordnung derjenigen Sprüche beschränken, welche mir Freunde mitteilten oder die ich selbst in Druckwerken auffand. An Fleiß bei meinen eigenen Nachforschungen hab' ich es nicht fehlen lassen, wenn ich ihnen auch nur meine knapp gemessenen Freistunden widmen konnte. Manche Bücher sind mir überdies niemals zugänglich geworden, andere blieben mir nur eine so kurze Zeit anvertraut, dass ich nicht zu lesen, sondern nur zu blättern vermochte. So muss meiner Sammlung noch mancher Spruch fehlen, der sogar schon längst gedruckt ist; ja, ich bin weit entfernt zu behaupten, dass ich selbst in den mir zugänglichen Schriften nichts Derartiges übersehen hätte. Bin ich doch auch nur ein Mensch! — Dagegen muss ich mir aber die Bemerkung erlauben, dass nicht alle vermissten Sprüche auch von mir übersehen sind, vielmehr nicht selten, und zwar neuerdings immer häufiger, mit Tollstem Bewusstsein und mit Absicht fortgelassen wurden.

Ich bilde mir nicht ein, dass ich beim Aufnehmen des einen, beim Zurückweisen des anderen Spruchs mich nicht öfters geirrt haben sollte. Im Gegenteil gibt es auch in der Sammlung noch einige, zu deren Richtigkeit ich selber je länger desto weniger Vertrauen habe. Dennoch glaube ich nicht unbescheiden zu sein, wenn ich die Ansicht zu hegen wage, dass eine nunmehr zwanzigjährige Beschäftigung mit diesen „apologischen“ Sprichwörtern meinen Blick so weit geschärft hat, um mich wenigstens Wucherer als früher das Echte vom Gemachten, das Volkstümliche von dem, was dem Volk nur untergeschoben worden, unterscheiden zu lassen.

Solche gemachte Sprüche entstehen, wie ich aus Erfahrung weiß, zuweilen sogar im Volke selbst. Die echten treffen und packen so verführerisch, dass der Hörer unwillkürlich zu augenblicklicher oder gelegentlicher Nachbildung gereizt wird. Begreiflicherweise lässt sich dieser Nachbildung jedoch das Witzige und Humoristische nur selten und zufällig, das erhorchte Derbe aber leicht und immer geben, und so mag auch eine Unmasse von Sprüchen entstanden sein, die nicht mehr derb, sondern schmutzig, nicht mehr witzig, sondern ordinär platt sind. Die Nachbildung erliegt dann eben, abgesehen von dem ihr wenig vorteilhaften Zwange, an dem traurigen, aber weit und hin und wider sogar unter Leuten, die zum Volk gerechnet werden, verbreiteten Missverständnis, dass die Pointe dieser und ähnlicher Volkssprüche meistens nur im Schmutzigen und Ungeheuerlichen zu finden sei. Daher, folgern dann Manche weiter, sei dergleichen nicht allein durchaus nichtig, sondern auch ganz und gar verwerflich und am wenigsten des Aufbewahrens wert; ja, eine solche Sammlung dürfe man nicht nur nicht unterstützen, vielmehr habe man ihr, wenn irgend möglich, auf das entschiedenste entgegen zutreten.

Auf solche — sage ich: Angriffe? — die wie oben angedeutet, auch meinem Büchlein zu Teil wurden, habe ich begreiflicherweise nur die eine Antwort: wer das glaubt und in dieser Sammlung findet, versteht weder diese selbst noch meine Absicht bei ihrer Anlegung und Fortführung, noch das Volk und sein Wesen. Die gleiche Antwort hatte und habe ich auch auf eine Zusendung, die mir etwa dreißig Sprüche darbot, welche, deutsch heraus, nur unflätig waren und sich als solche eo ipso von meiner Sammlung ausschlossen. Denn ich sage es grade heraus: es ist nicht wahr, dass das wirkliche, gesunde und kräftige Volk unflätig sei, mag es die Dinge auch noch so unumwunden aussprechen und beim rechten Namen nennen. Es kommt der kleine Umstand hinzu, welchen die verdunkelnden und verdunkelten Leute nur gar zu gern und gar zu leicht übersehn, dass das Volk seiner offenen Sprache sich zwar unbekümmert bedient, wo die Gelegenheit es verlangt, dass es aber diese Gelegenheit nicht aufsucht, geschweige denn dieselbe an den Haaren herbeizieht oder sie gar erst erschafft. Und es kommt noch ein zweiter, ebenso leicht und bereitwillig übersehener Umstand hinzu — dass das Geschlechtliche und gewisse körperliche Funktionen im Denken, Reden und Leben des Volks schwerlich mehr Raum beanspruchen, als es bei jedem Menschen der Fall, welcher gesund und kräftig, der Natur noch näher steht und weder von der Heuchelei noch von der Prüderie höherer Stände angesteckt wurde.

Ich verstehe aber unter „Volk“ freilich weder den Pöbel unserer Gassen, noch die Proletarier des offenen Landes. Mit denen haben meine Sammlung und ich nichts zu schaffen, und ihnen wird man nach meinem Wissen und Wollen in derselben auch nicht begegnen. Wer aber auch Denken und Reden, Scherz, Lust und Neckerei des Volks nicht vertragen kann, die sich in diesen Sprüchen offenbaren, der muss, wie ich es von jeher ausgesprochen, ihnen ferne bleiben. Auslassen und Verschweigen wäre in dieser Sammlung noch untunlicher, ja alberner gewesen, als in irgend einer anderen ähnlichen Inhalts.

Nach dieser Abschweifung, die ich jedoch nicht vermeiden konnte, weil ich es für meine Pflicht hielt, vor Freunden und Gegnern meine Ansichten von diesen Dingen offen auszusprechen, komme ich noch einmal auf jene Sprüche, die entweder ganz fortblieben oder die ich in der Sammlung als solche bezeichnete, zu deren Volkstümlichkeit ich selbst nur ein mäßiges Vertrauen habe. Zu diesen zählen die meisten von denen, welche in der Eiselein'schen Sammlung zu finden sind, und von mir stets durch den Zusatz: Eiselein nach Bebel u. s w. gekennzeichnet wurden. Manche von Eiselein's Quellen grade blieben mir unzugänglich, andere konnte ich mit dem besten Willen von der Welt nicht von neuem oder im Einzelnen durchforschen. Der Herausgeber selbst war mir nach all den Seltsamkeiten und Willkürlichkeiten, denen man in seinem Buche begegnet, nichts weniger als eine genügende Autorität.

Es bleibt mir übrig, auch über die Veränderungen einige Worte zu sagen, denen man in der neuen Auflage begegnen wird. Die Varianten haben, wie man es mehrfach wünschte, ihre Stelle unter dem Text erhalten, was die Übersicht jedenfalls erleichtert. Die Worterklärungen habe ich nach Kräften und so weit es der Raum irgend gestattete, vermehrt. Alles konnte nicht erklärt werden, da ich in solchem Fall eine Art Wörterbuch der meisten deutschen Mundarten hätte schaffen müssen, ein Unternehmen, zu dem mir Platz und Zeit, vor allem aber Hilfsmittel und Kenntnisse fehlten. Endlich bin ich bestrebt gewesen, die Orthographie der plattdeutschen Sprüche, zumal aus den mir bekannten und vertrauten Dialekten Mecklenburgs und Neu-Vorpommerns zu vereinfachen und möglichst gleichmäßig herzustellen.

Weiter konnte mein Bestreben nicht gehen, da an eine, vollkommene Gleichmäßigkeit im Schreiben und Sprechen des Plattdeutschen nicht einmal bei den beiden genannten, im Grunde so überaus ähnlichen Dialekten — Rügen schließt sich freilich wieder auf das entschiedenste von beiden aus— schwerlich jemals gedacht werden kann. Die plattdeutsche Schriftsprache ist zu Ende, das Idiom selbst in zahllose Dialekte zerfallen, für welche um so weniger eine Vereinigung zu hoffen oder etwas Allgemeingültiges, Regelartiges aufzustellen sein dürfte, da kein einziger dieser Dialekte in wirklicher Weiterbildung und Ausbreitung begriffen ist. Was nützen alle Regeln, wo doch die absolute Unmöglichkeit vorliegt, sie nur von einigen, geschweige denn von allen Sprechenden — die Schreibenden kommen gar nicht in Betracht — anerkennen und anwenden zu lassen? Die Hauptsache aber bleibt: wir bringen es weder redend noch schreibend mehr zu einem Plattdeutsch, das bei Flensburg und am Niederrhein, in Ostfriesland und in der Altmark, in Westfalen, Pommern und dem Hildesheimischen allgemein geltend und allgemein verständlich sein würde.

Die Grenzen meiner Tätigkeit wurden aber auch noch durch etwas Anderes bestimmt und beschränkt, nämlich durch die Sprüche und ihre Sprecher selber. Denn es war doch zu bedenken, dass diese Sprüche etwas Feststehendes und durch und durch Individuelles sind, dass ihren Sprechern nicht allein der Satz und seine Fügung, sondern auch die einzelnen Wörter, hie und da sogar dieser oder jener Dialekt, diese oder jene Wortform gehören, so dass ein Eingreifen von meiner Seite nichts anderes als die ungehörigste Willkürlichkeit gewesen wäre, teilweise vielleicht die rechte Bedeutung und den rechten Eindruck des Spruchs geradezu zerstört hätte.

Bei der Anwendung besonderer Zeichen und Buchstaben für besondere Laute habe ich mich überdies auf das Allernötigste und vor allem auf das beschränkt, was die Druckerei mir zu liefern vermochte. Denn es wäre unbillig gewesen, die Anfertigung und Anschaffung einer Schrift verlangen zu wollen, die außer beim Satz dieser Sammlung hier schwerlich zu benützen sein dürfte. Ich finde diese besonderen Zeichen gar nicht einmal recht förderlich, denn einerseits bleiben sie stets mehr oder minder willkürlich, erschweren dem Hochdeutschen das Lesen so gut wie das Verstehen, und vermögen andrerseits endlich demjenigen, der die Wörter nicht aussprechen hört, die richtige Aussprache dennoch nicht zu verdeutlichen.

So habe ich mir geholfen wie ich eben konnte. Für den zwischen ä und ö schwankenden, bald mehr zu ä, bald mehr zu ö neigenden Laut steht entweder ein ?e, oder ein oe, je nachdem in den betreffenden hochdeutschen Wörtern ein a, au, i, oder ein o, ö und ü in Anwendung kommt. — Das anklingende End-r ist ausgeschrieben, da ein Apostroph dasselbe nicht ersetzt; die Doppelvokale, das dehnende h und e sind aus den mir bekannten Dialekten so ziemlich verschwunden. Wo Letzteres, das e, noch neben einem anderen Vokale steht, wird es auch ausgesprochen. Das ch nach s und vor l, m, n, p, usw. fiel fort, da kein echter Plattdeutscher es ausspricht.

Wie bei den früheren Ausgaben bin ich auch jetzt wieder ernstlich mit mir zu Rat gegangen, ob ich die alphabetische Ordnung zu erhalten hätte, und musste mir von neuem sagen, dass sie noch immer nicht nur die beste, sondern auch fast die einzig mögliche bleibt, indem jeder Spruch durch sie wenigstens seine bestimmte Stelle angewiesen erhält, an der er zu finden ist. Jede andere Ordnung würde die ihnen gebührende Stelle bei vielen Sprüchen zweifelhaft erscheinen lassen, da sie ihrem Inhalt nach zu mehreren, durchaus verschiedenen Klassen gehören, und manche Sprüche würden sich einer solchen Eintheilung überhaupt gänzlich entziehen und eine große Abteilung „Allgemeines“ oder „Allerlei“ notwendig machen, in der man endlich doch wieder zur alphabetischen Folge der Sprecher zurückkehren müsste.

Mein verehrter Freund, Fr. Latendorf, einer meiner treusten Mitsammler, dem ich die meisten mecklenburgischen Sprüche verdanke, fordert mich in seiner trefflichen Schrift über Agricola's Sprichwörter gelegentlich auf, bei dieser neuen Ausgabe auch „das Wesen des Volkshumors und der ihm eigentümlichen Ironie“ in Untersuchung zu ziehen. — Je länger ich mich selbst mit meiner Sammlung beschäftige und je tiefer mir dieselbe, so zu sagen, in Fleisch und Blut dringt, desto besser fühle und sehe ich freilich, was alles dieselbe in uns anregen muss und zu welchen Untersuchungen und weiteren Forschungen sie veranlassen sollte. Außer dem von jenem Freunde Gewünschten liegt noch manches Andere vor, was in Frage kommt und eine Antwort verlangt. Als das Nächste habe ich selbst mir immer eine Verfolgung und Entwickelung des Geschichtlichen und Geographischen, des Kulturhistorischen und der Naturanschauung u. s. w. gedacht, das diese Sprüche uns zum Teil bei weitem näher rücken als die eigentlichen Sprichwörter.

Allein auch das musste noch unterbleiben und ich muss mich mit der Hoffnung begnügen, dass eine spätere Zeit mir mehr Muße gewährt als die vergangenen Jahre und mir erlaubt mich den Studien und Arbeiten zu widmen, die mir von jeher die liebsten gewesen. Für jetzt muss ich das Büchlein gehen lassen wie es ist, mit Trauer über seine Unvollständigkeit, mit Freude über seinen gedeihlichen Wachstum, mit warmem Dank gegen die Freunde und Strebensgenossen für ihre treue Teilnahme, und endlich mit der Bitte, auch fernerhin nicht abzustehen von der bisherigen Tätigkeit. Denn mag sie auch langsamer wachsen, — enden kann eine solche Sammlung nicht.


1. Vortêl gehört tô'm Handwerk, segt de Afdecker on packt möt de Tähne an. (Frischbier, Preussische Sprichwörter. 2. Aufl.)

2. Der Himmel ist schwer zu verdienen! sagte der Abt, da er vom Bett fiel und die Nonne ein Bein brach.

3. Was schmeckte unversucht? sagte der Abt zur Jungfrau.

4. Ei wer möchte das nicht? sprach der Abt von Posen. (Agrícola.)

5. Jetzt kann die Fasten kommen, die Fässer sind alle voll, sagt' der Abt von Murbach. (Klosterspiegel. Wander.)

6. Non sequit, sagt der Abt. (Fischart.)

7. Non credo, sagte der Abt, da man ihm das Kind gab. (Fischart.)
7. Non credo, sagte der Mönch, da ihm die Magd ein Kind brachte.

8. All's mit der Zeit, sagt jener Apt, wie man ihn ob der Magd ertappt. (Fischart, St. Dominici Leben.)

9. ? was müssen wir der Kirche Gottes halber leiden! rief der Abt, als ihm das gebratene Huhn die Finger versengt. (Eiselein n. Pauli.)

10. Wir sind all gebrechlich! sprach die Äbtissin, hatte sie des Probsten Niederwatt statt Weihel auf dem Kopf. (Agrícola.)
10. Wir seindt all gebrechlich, sagt mein Frau Aptiss, da tastet se uf das Haupt. (Trappius)

11. Wir sein alle gebrechlich, sagt jhene Aeptissin, ging sie mit eim Kind. (Fischart. — Seb. Frank.)

12. Wir fehlen alle! sagte die Äbtissin, da ihr der Bauch schwoll.

13. Sparst du mir n' Art, spar' ich dir a Fahrt, sagt der Acker zum Bauern. (Schwaben,)

14. De Ansicht was gôd! säd' Adam und kêk Eva'n unner't Hemd'. (Vergl. 1703.)

15. Wo bleibst du, Schneekönig? sagt der Adler. (? — Harberger.)

16. 't Geld mutt man van de Lü' nehmen, sä' de Avcate, van de Böm' schüddeln kann' k't nich. (Ostfr.)

17. Up de Vigelîn lätt't sich gôd spelen! säd' de Avcat, dôr krêg he'n Schinken (Kalwerbrâd'. — Vergl. 303.)
17. Nâ de Vigelîn lätt't sich gôd danzen, säd’ de Avcat, etc.

18. Dat wöllt wi wol krîgen, säd’ de Avkat, da mên’ he dat Geld. (Hamburg)
18. Fi wed se wuol krîgen, segged de Awekoaten, dan maind se de Dâlers. (Grafschaft Mark. Woeste.)

19. Wovor sind de falschen Eider in de Welt, wenn se nich eschworen weren söllt? segt de Avcate. (Hildesheim)
19. Zu was hat mer d' falsche Eid', wenn mer 's net schwört? sagt der Jud. (Schwaben.)

20. Dem Gefaüle nâ hiäd de Mann rächt, sach de Awekoate, as iäm bai en Goldstücke in de Hand stoppede. (Grafsch. Mark.)

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079. Der Turm zu Babel. Wien, Kunsthistorisches Museum.

079. Der Turm zu Babel. Wien, Kunsthistorisches Museum.

070. Der Bauerntanz. Wien, Kunsthistorisches Museum.

070. Der Bauerntanz. Wien, Kunsthistorisches Museum.

069. Die Bauernhochzeit. Wien, Kunsthistorisches Museum.

069. Die Bauernhochzeit. Wien, Kunsthistorisches Museum.

068. Das Schlaraffenland. München, Alte Pinakothek.

068. Das Schlaraffenland. München, Alte Pinakothek.