Ueber einige Männer des dreißigjährigen Krieges

Autor: Klopp, Onno (1822-1903) deutscher Historiker und Publizist, Erscheinungsjahr: 1861
Themenbereiche
Enthaltene Themen: 30jähriger Krieg, Tilly, Wallenstein, Mansfeld, Graf Villermont,
Tilly ou la guerre de trente ans, par le
Comte de Villermont. Paris et Tournai.
Deutsch bei Fr. Hurter in Schaffhausen.


Es ist noch nicht gar lange her, dass in Deutschland der Name Tillys nur mit Schauder und Entsetzen genannt wurde. So steht die Sache heute nicht mehr. In dem Lauft der letzten Jahre ist manche Spezialuntersuchung aufgetaucht, die manchmal nur gelegentlich und nebenher, manchmal auch mit starkem Nachdrucke es hervorhebt, dass grade in dem Orte, grade in der Provinz, um die es sich handelt, der übliche Vorwurf einer ausgesuchten Grausamkeit dem General Tilly nicht zur Last falle. Der General Graf von der Decken, als ein ehrlicher Soldat, sprach dies für Hannover aus. Er fand, dass Tilly dort in den Gegenden zwischen der Elbe und Weser, wo er lange verweilt, das Lob eines wohlgesinnten, freundlichen, mäßigen, uneigennützigen Mannes davongetragen. Man weiß, was namentlich die letztere Anerkennung in jenem schauerlichen Kriege sagen will. Später bewies der reformierte Pastor Keller im Nassauischen dieselbe Eigenschaft an dem alten Feldherrn. Ein Graf von Nassau-Dietz will ihn um Verschonung von Einquartierung bitten, und hält es nach der Denkungsweise der Zeit für angemessen, dieser Bitte Gewicht zu geben durch eine schwere goldene Kette. Seine Räte, die den alten Johann, wie die Soldaten ihn nannten, besser kennen mochten, warnen und mahnen, es nicht zu tun, weil eine solche Art von Überredungskraft bei Tilly die entgegengesetzte Folge haben möchte. Diese Eigenschaft bei Tilly musste damals ziemlich bekannt sein. Der Verfasser dieser Zeilen hat im Septemberheft 1859 dieser Zeitschrift ein ähnliches Beispiel dieser Art beigebracht. Die Stadt Hannover will dem Feldherrn persönlich gern eine besondere Gabe darbringen. Aber was? Sie bietet ihm eine Sendung von Äpfeln an, und Tilly ist damit wohl zufrieden.
  1. Die Pflicht neuer Untersuchung
  2. Tilly im Vergleich mit seinen Zeitgenossen und Gegnern
  3. Vergleich zwischen Wallenstein und Tilly
  4. Graf Villermont über Tilly
Wie man hier und da in einzelnen deutschen Ländern nachwies, dass der übliche Vorwurf gegen Tilly grade dort nicht zutreffe: so versuchten nacheinander mehrere Schriftsteller, Tilly von dem Makel zu reinigen, den der Brand von Magdeburg auf ihn geworfen. Der erste Verteidiger dieser Art war der Konsistorialrat Karl Adolf Menzel in Breslau. Obwohl er mit den Quellen nur ungenügend bekannt war: so wurde doch durch seine Darlegung die alte Ansicht tief erschüttert. Es folgten Andere, die lebhafter und eindringlicher die Tradition angriffen. Bereits vor hundert Jahren war der Magdeburger Pastor Calvisius aus seiner ebenfalls noch mangelhaften Kenntnis der Quellen zu der Ansicht gekommen, dass die Zerstörung Magdeburgs ursprünglich nicht Tillys eigentlicher Plan gewesen sein könne, dass es aber durch die Umstände der Erstürmung dahin geraten sei. Dieselbe Ansicht im Wesentlichen ist neuerdings von dem Magdeburger Schriftsteller Hoffmann festgehalten, der im vollen Besitze aller erhaltenen Quellen ist.

Allein bei allen Darlegungen im Einzelnen fehlte doch eins und zwar die Hauptsache: eine zusammenfassende Entwicklung des Lebens dieses für Deutschland so hochwichtigen und merkwürdigen Mannes. Dies ist der Zweck des uns vorliegenden Buches von dem belgischen Grafen Villermont.

Dasselbe beruht der Hauptsache nach auf Studien im Archive zu Brüssel, und zwar tritt es schon durch seinen Titel nachdrücklich auf als das, was es sein will: Tilly oder der dreißigjährige Krieg bis 1632. Das heißt: Tilly ist für die erste Hälfte des dreißigjährigen Krieges eine der wesentlichsten Personen, wenn nicht die wesentlichste. Der Schriftsteller beabsichtigt, uns ein historisches Bild des Krieges zu liefern, in welchem Tilly als der Mittelpunkt erscheint, um den die andern Personen sich gruppieren, an dessen Maß die andern Personen sich messen, den sie aber nicht erreichen.

Es drängt sich die Frage auf, ob man mit einiger Aussicht auf Anerkennung für Tilly diese Bedeutung in Anspruch nehmen könne. Wir reden nämlich zunächst nur vom Strategischen und Politischen. Skizzieren wir kurz den Krieg. Er beginnt mit dem böhmischen Aufstande. Tilly ist in der Schlacht am Weißen Berge nicht anerkannter Oberfeldherr: der Herzog Maximilian von Bayern, sein Kriegsherr, und der kaiserliche General Bucquoi sind anwesend. Allein Tilly fordert die Schlacht. Er macht den Plan. Seine persönliche Führung entscheidet den Sieg innerhalb einer Stunde. Das folgende Jahr 1621 sieht ihn als selbständigen Feldherrn gegen Mansfeld. Der Kaiser hat kein Heer aufzustellen: er gibt dem Feldherrn der Liga auch seine Vollmacht und zwar die Vollmacht zu handeln nach Diskretion. Es werden diplomatische Unterhandlungen geführt; allein sie fallen nicht ins Gewicht. Der ganze Krieg heftet sich an die Fersen von Mansfeld, dessen Schritte niemals zu berechnen sind. Tilly ist sein Gegner und Überwinder. Mansfeld flieht aus der Oberpfalz in die Unterpfalz. Tilly folgt ihm. Das Jahr 1622 bringt für Tilly eine Kette von Siegen. Er schlägt den Markgrafen von Baden, er schlägt Christian von Braunschweig. Er treibt und drängt Mansfeld und Christian, bis sie den Reichsboden verlassen. Von den Holländern unterstützt, brechen sie abermals von Westen her in das Reich. Wiederum ist Tilly da. Er schlägt Christian bei Stadtlohn bis zur Vernichtung. Er zwingt Mansfeld abermals, den Reichsboden zu verlassen. Tillys Schwert verbürgt den innern Frieden des deutschen Reiches. Aber den andern Mächten im Westen und Norden ist mit solchem innern Frieden des Reiches wenig gedient. Holland, England, Frankreich, zwei kalvinische Mächte und eine katholische, geben dem lutherischen Könige von Dänemark das nötige Geld, damit er in Deutschland einen neuen Krieg errege, abermals unter der Fahne der Religion. Es geschieht, und sofort eilen auch Mansfeld und Christian wieder herbei. In dieser Gefahr und Bedrängnis, wo auch der Landgraf von Hessen-Kassel offenbare Neigung zeigt, mit jenen sich zu verbinden, bittet Tilly den Kaiser um Verstärkung. Wen soll der Kaiser senden? Er hat kein Heer, er hat keinen Feldherrn. Da erbietet sich Wallenstein, ein Heer zu werben und mit demselben hinzuziehen. Es geschieht, und fortan tritt Wallenstein neben Tilly auf. Der Rangstreit zwischen ihnen endet damit, dass beide unabhängig voneinander handeln. Wallenstein liegt in den guten Quartieren der Bistümer Magdeburg und Halberstadt, die Last des Krieges ruht auf Tilly und seinen Veteranen. Nur als Mansfeld vom äußersten linken Flügel der dänischen Macht aus südwärts vorbricht, um den Krieg in die kaiserlichen Erblande zu tragen, sieht Wallenstein sich genötigt, ihm an der Dessauer Brücke entgegenzutreten und die Haufen zu zerstreuen. Es ist die einzige bedeutende Kriegstat während seines ersten Generalates, und zwar eine solche, deren mangelhafte Benutzung seinen eigentlichen Kriegsruhm bei den Zeitgenossen nicht steigert. Tilly dagegen erringt nach einer Reihe kleiner Vorteile über den Dänenkönig den wichtigen, den grade zu entscheidenden Sieg bei Lutter am Barenberge, welcher die dänische Macht wesentlich bricht. Er dringt vor, Christian weicht. Wallenstein verfolgt unterdessen Mansfeld bis in Ungarn. Dann kehrt er zurück. Tilly hat den Weg in die zimbrische Halbinsel gebahnt, die beide vereint betreten. Aber vor Pinneberg wird Tilly verwundet. Er und sein ermattetes Heer bedürfen der Ruhe, und Wallenstein sammelt die Früchte ein, die Tilly geschnitten. Von da an drängt er Tilly in den Hintergrund. Tilly liegt westwärts der Elbe. Wallenstein entwickelt seine verderbenvolle Tätigkeit ostwärts derselben. Er belagert Stralsund. Es misslingt, und er selbst baut durch das Misslingen dem Schwedenkönige, den er abhalten will, die Brücke zum Einzuge auf deutschen Boden. Wallenstein nimmt sich eine andere Stadt zum Ziele. Er wirft sich auf Magdeburg. Abermals muss er abziehen. Tilly hat keine Stadt, die er einmal ernstlich angriff, unerobert gelassen. Dann kommt der Schwedenkönig. Die Dinge verwirren sich mehr und mehr. Die Fürsten des Reiches fordern von dem Kaiser die Entlassung Wallensteins; denn wie auch sonst ihre Interessen auseinander gehen, im Hasse gegen diesen Mann, in der Furcht vor seiner Gewalt und seiner Habgier sind sie Alle eines Sinnes. Der Kaiser beruft Tilly, den Feldherrn der Liga, zugleich als seinen, und in dieser lähmenden Doppelstellung führt der alte Mann den Kampf gegen den Schwedenkönig bis zum letzten Atemzuge. Erst nach Tillys Tode tritt Wallenstein im zweiten Generalate als die Hauptperson hervor. Die Zeit ist kurz. Sie dauert nur zwei Jahre und nur das erste derselben ist inhaltsreich.

Dessen ungeachtet hat sich bislang die deutsche Wissenschaft sowohl des Forschens als des Schreibens der Geschichte mit einer besonderen Vorliebe dem Wallenstein zugewendet, bald anklagend, bald verteidigend. Der Gründe dafür sind mancherlei und sehr verschiedene. Einer der hauptsächlichsten ist der Bann – denn so dürfen wir es ausdrücken – der auf dem Namen Tillys lag. Es schien fast verlorene Mühe, sich mit einem Manne zu beschäftigen, bei dem nach der üblichen Tradition nichts zu erwarten war als Blut und Schrecken. Gibt es ja doch auch jetzt noch manche nicht ungebildete Männer, die jeden Zweifel an der Grausamkeit Tillys, an seiner Blutgier, an allem Möglichen, was einem rohen Krieger zugemutet werden kann, so fest und entschieden zurückweisen, wie ein Mathematiker den Zweifel an der Richtigkeit des Einmaleins verwirft.

Und dennoch ist dieser Zweifel und die daraus hervorgehende Forschung unvermeidlich und notwendig. Es handelt sich nicht bloß um die eine Frage, ob die bisherige geschichtliche Anschauung einem, wenn auch allerdings sehr hervorragenden, doch immer nur einzelnen Manne hat Gerechtigkeit widerfahren lassen oder nicht. Es handelt sich um mehr. An die eine Persönlichkeit knüpft sich unmittelbar und mittelbar gar viel, und mehr vielleicht, als man auf den ersten Blick ahnt. Es handelt sich um die ganze Natur und den Charakter der Kette von schauerlichen Ereignissen, die wir den dreißigjährigen Krieg nennen, um die Ereignisse, die so entsetzlich zerrüttend und zerstörend auf unser deutsches Nationalleben eingewirkt haben, dass wir nicht bloß im Allgemeinen jene Schläge nie wieder überwunden haben, sondern auch in vielen einzelnen, sehr wichtigen Dingen daran noch kranken bis auf den heutigen Tag. Es handelt sich um die Berechtigung von Sympathien und Antipathien, die sich noch heute täglich aussprechen, über wesentliche und wirksame Neigungen und Abneigungen unter uns Deutschen, in denen unsere Jugend erwächst und heranreift. Die Geschichte hat nicht bloß Werth als Wissenschaft, sondern sie will lehren, bilden, erziehen und sie will praktisch eingreifen in das Menschenleben, und zwar als Wahrheit und nur als Wahrheit, oder vielmehr, um es menschlich, nach dem Maße menschlicher Kräfte auszudrücken, als das Streben nach Wahrheit.

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Klopp, Onno (1822-1903) deutscher Historiker und Publizist

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Christian IV. von Dänemark

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Christian von Braunschweig

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Ernst von Mansfeld

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Friedrich V. von der Pfalz

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Gustav Adolf

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Hans Georg von Arnim

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Kaiser Ferdinand II.

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Kurfürst Johann Georg von Sachsen

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Maximilian von Bayern

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