Achtung: Die besten Amazon Angebote gibt es heute auf dieser Seite (hier klicken)

Sprach- und Kulturerbe der Wolgadeutschen

Andreas Dulsons Leben und Schaffen bis 1941
Autor: Minor, Alexander (?) Lehrstuhlleiter für Deutsch und Deutschdidaktik der Tschernischewski-Universität Saratow, Erscheinungsjahr: 2012
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Russland, Wolgadeutsche Republik, Mundartforschung, Sprachforschung, Brauchtum, Folklore, Sprachwissenschaftler, Andreas Dulson, Saratow, Samara, Preiß, Engeln, Hölzel, Wiesenseite der Wolga
Einleitung

Andreas Dulson ist unter den Fachleuten vor allem durch seine glänzenden Forschungen der ketischen Sprache, einer der seltenen Jenissej-Sprachen in Russland gut bekannt. Das „Linguistische Enzyklopädische Wörterbuch“ [Lingwistitscheski enziklopeditscheski slowar 1990: 151, 432, 476, 526, 551] erwähnt ihn aber nur als Gründer der Schule zur Erforschung der Toponymik und der Sprachen der sibirischen Völker und betont, dass die Entstehung und Entwicklung der finnougrischen Forschungen das Resultat der Expeditionen ist, die auf seine Initiative durchgeführt worden sind. Hier werden seine bekanntesten Beiträge erwähnt „Byloja rasselenie ketow po dannym toponimiki“ (Die ehemalige Ansiedlung der Keten nach den Angaben der Toponymik) im wissenschaftlichen Sammelband „Woprocy geografii“[Dulson 1962] und „Ketskij jasyk“ (Die Sprache der Keten) [Dulson 1968], ein fundamentales Werk, wofür A. Dulson 1972 mit der Staatspremie der UdSSR ausgezeichnet wurde. So wird nur Dulsons Tätigkeit nach seiner Deportation nach Sibirien berücksichtigt [Galkina, Ossipowa 1955]. Nach 1941 ist leider keine einzige Arbeit von Dulson mehr erschienen, die der deutschen Dialektforschung gewidmet wäre, einem Forschungsgebiet, dem er einen großen Teil seines Lebens gewidmet hat, und in dem er bis heute eine anerkannte Kapazität ist.
Kindheit und Lehrjahre

Andreas Dulson wurde am 9. Februar (27.01. nach dem alten Kalender) 1900 in Preiß/Preuß Kreis Nowousensk Gouvernement Samara in der Familie eines Dorfschreibers geboren. Das Dorf gehörte bis 1941 zur Wolgadeutschen Republik, dann zum Kreis Rownoje Gebiet Saratow und hieß Krassnopolje. In den 1960er Jahren wurden die meisten Häuser aus Preiß nach Hölzel umgesetzt, weil mit dem Bau des Wasserkraftwerks in Wolgograd ein großes Gelände an der Wiesenseite der Wolga mit Wasser bedeckt werden sollte. Und so verschwand dieses große und schöne Dorf von der Karte des Gebiets Saratow. Mit dem Dorf verschwand auch die Pfarrkirche aus Holz, die zu den größten und schönsten in der Diözese gehörte. Diese Kirche besaß eine Orgel, ein Prachtwerk aus der Fabrik des Orgelkönigs Sauer in Frankfurt an der Oder [Schnurr 1980:272].

Seine Eltern waren deutsche Kolonisten. Von der Geburt des Kindes zeugt eine Eintragung im kirchlichen Geburtenbuch: „Am 28. Januar 1900 wurde in der Römisch-Katholischen Kirche zu Krassnopolje ein neugeborener Junge mit dem


Namen Andreas vom Priester R. Gutwein getauft. Das Kind ist in der Familie der Eheleute der Kolonisten aus Krassnopolje Peter Dulson und Margarete, geborene Zimmermann am 27. Januar laufenden Jahres geboren“ [Galkina, Osipowa 1995: 5].

Diese Kolonie wurde 1767 gegründet. Seinen deutschen Namen Preuß/ Preiß bekam das Dorf nach dem Vorsteher Johannes Preuß. In den Kopien der Listen der deutschen katholischen Kolonisten, die sich an der Wolga 1765 – 67 angesiedelt hatten, die von Pastor Gottlieb Beratz Anfang des 20. Jahrhunderts (1906–1907 und 1916) vom Original der Tutelkanzlei gemacht wurden, wird unter der Nummer 7 die Familie Franz Tulson angeführt. Das Familienoberhaupt Franz Tulson war 40, seine Frau Susanne – 30, die Tochter Dorotea 14 Jahre alt. Ferner wird der Herkunftsort angegeben: Katholiken aus Bommersheim im Kurfürstentum Mainz, Beruf Maurer.

In der Kolonistenliste, die Dulson in den 1930er Jahren eigenhändig bearbeitet hat, lautet der Name nicht mehr Tulson, sondern Dulson aus Bommersheim. Der Wechsel von t zu d erklärt sich durch die binnendeutsche Kosonantenschwächung, die zur Folge hatte, dass in den oberrheinalemannischen und schwäbischen Mundarten die harten und weichen Konsonanten (Fortes und Lenes), die früher im Alemannischen streng geschieden wurden, nun weich gesprochen werden, das heißt, die Konsonanten b,d,g, wurden zu p,t,k und die letzteren entsprechend zu b,d,g abgeschwächt.

In der Kolonistenliste von Beratz findet sich auch das Datum der Gründung dieser Kolonie an der Wolga (1767) und der genaue Tag der Ankunft dieser Familie in Russland – 12. Mai 1767. Hier wird auch genau angegeben, was die Familie Dulson für ihren Existenzaufbau in der neuen Heimat vom Verwaltungskontor Saratow erhalten hat: „ein Pferd, 45 Rubel, außerdem bekam die Familie 7 Rubel für den Kauf einer Kuh und 7 Rubel für Kleidung“. Beratz macht eine eigenhändige Anmerkung gegenüber der Familie Tulson, dass der Name auch wie Dulson geschrieben werden kann [OGU GIANP. R-1821. Op.2. D.1. L.120; D.6. L. 209 ob].

Und nun zu seinem Vater. Peter des Georg (Jegorowitsch) Dulson wurde in Krassnopolje am 11. September 1864 geboren. Wie seine Eltern und Großeltern war er russischer Staatsbürger. Er beendete die Russisch-Deutsche Zentralschule in Katharinenstadt im Fach Schreibführung. Neben seiner Muttersprache beherrschte er auch Russisch, obwohl er selbst seine Russischkenntnisse aus Bescheidenheit nur als genügend einschätzte. Die Mutter war Hausfrau und kümmerte sich um ihre Kinder. Sie war vier Jahre jünger als ihr Mann.

Andreas war das sechste Kind in der Familie Dulson. Sein Vater war ein gläubiger Mann, deshalb schickte er seinen Sohn 1911 nach der Beendigung der Volksschule in seinem Heimatdorf nach Saratow zum Römisch-Katholischen Knabenseminar, einer angesehenen Lehranstalt, wo Priester ausgebildet wurden.

Das Knabenseminar in Saratow wurde 1857 gegründet. Schon bei der Gründung wurde festgelegt, dass in dieser Lehranstalt jährlich Freiplätze für 25 Knaben aus dem Kolonistenstand bereitgestellt werden sollten, und zwar 12 für Schüler aus den Kolonien bei Saratow und 13 für solche aus den Kolonien im Süden Russlands [Schnurr 1980: 56]. Joseph Schnurr bringt in seinem Buch die Liste der Zöglinge für das Jahr 1912. Unter anderen wird Schüler der ersten Klasse Andreas Dulson genannt [Schnurr 1980: 58]. Zu dieser Zeit bestand das Seminar aus vier Klassen und zählte 185 Schüler. Mit dem Aufbau der Klassen und der Zunahme der Schülerzahl wurde auch das Programm durch Hinzunahme von Fremdsprachen und Naturwissenschaften erweitert. A. Dulson schrieb später, dass sein Vater sich von dem Wunsch leiten ließ, aus seinem Sohn einen rechtgläubigen Katholiken zu machen, „ihm Gehorsam und Glauben anzuerziehen“, denn in der Kindheit war der Junge sehr lebendig und spielte verschiedene Streiche, die man in Preiß noch nie erlebt hatte. Aber auch im Seminar hat sich der Charakter des Knaben nicht geändert, er musste fast jeden Tag bis zu den Weihnachtsferien zur Strafe auf den Knien stehen. Nur die Mahnung, dass er aus dem Seminar exmatrikuliert werden kann, bändigte den Seminaristen und das erste Studienjahr wurde mit Ach und Krach abgeschlossen.

In der zweiten Klasse vertrat Dulson in einer Diskussion einen antichristlichen Standpunkt, das war der Grund, weshalb er aus dem Seminar ausgeschlossen wurde. Sein Vater war äußerst verärgert und erlaubte dem Sohn nicht weiterzulernen, und Andreas musste autodidaktisch lernen.

1915 gab ihm der Vater doch 5 Rubel für die Fortsetzung seiner Ausbildung. Andreas ließ sich in die 3. Klasse des Gymnasiums in Baronsk (Katharinenstadt, Marxstadt), heute Marx einschreiben. Im nächsten Frühling bestand er im Externat die Prüfungen für die 3. und 4. Klasse. 1915 schrieb er in einem Brief nach Hause (sein Vater war damals an der Front), dass er in seinem Zeugnis in allen Fächern außer Französisch lauter Fünfen habe. In der 5. Klasse unternahm er wieder den Versuch, im Direktstudium zu lernen, und im nächsten Frühling bestand er die Prüfungen für die 5. und 6. Klasse. Später schrieb Dulson in seiner Biografie, dass die Exmatrikulation aus dem Seminar und die vier Jahre der erzwungenen Einsamkeit, wo er eher Kind als Jüngling war (11–15 Jahre), in ihm das Streben nach Selbstbildung erwachen ließen. Das habe dazu beigetragen, dass sich in seinem Charakter die Sympathie zum Individualismus herausgebildet habe. In dieser Zeit befasste er sich mit N. Machiavelli und Stern, er las andere Bücher als die, die man gewöhnlich in diesem Alter liest. Das waren Bücher, die halbphilosophischen und religiös-moralischen Inhalt hatten. Dann kamen anarchistisch-syndikalistische Ideen an die Reihe. Gerade in dieser Zeit muss in ihm auch der Wunsch erwacht sein, die Fremdsprachen zu lernen. Im Jahre 1924 beherrschte er nicht nur die beiden Muttersprachen, sondern schrieb und las Französisch, Englisch, Griechisch und Lateinisch. In einem Beitrag in der Zeitung „Neues Leben“ heißt es, dass der Staatspreisträger Andreas Dulson 40 Sprachen beherrschte und über ein enzyklopädisches Wissen verfügte [Neues Leben 1973].

In der Familienbibliothek der Dulsons werden heute noch die „Vergleichende Grammatik der indoeuropäischen Sprachen“ von F. Fortunatow, „Grammatik der chinesischen Umgangssprache“ von A. Seidel, „Vorlesungen zur allgemeinen Sprachwissenschaft“ von W. Porshesinski und W. Bogorodizki und andere aufbewahrt [Galkina, Osipowa 1995].

Alexander Minor Lehrstuhlleiter für Deutsch und Deutschdidaktik der  Tschernischewski-Universität Saratow

Alexander Minor Lehrstuhlleiter für Deutsch und Deutschdidaktik der Tschernischewski-Universität Saratow

Wilhelm Minor und Familie um 1910

Wilhelm Minor und Familie um 1910