Geschichte der Stadt Rostock bis zum Jahre 1300

Autor: Herrlich, Theodor (?) Mecklenburger Theologe, Philosoph, Erscheinungsjahr: 1871
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Wendenburg, Warnow, Mittelalter, Burg Rostock, Hansestadt, Stadtgeschichte, Warnemünde, Hafen, Heinrich Borwin I., Niklot, Lübisches Recht
Gründung der deutschen Stadt Rostock.

Das sicherste Zeugnis für den slavischen Ursprung des Namens Rostock verdanken wir dem Bischof Boguphal von Posen, der in seiner um die Mitte des 13. Jahrhunderts abgefassten polnischen Chronik bei gelegentlichen topographischen Mitteilungen über Mecklenburg von der Burg Rostock sagt, sie sei genannt nach der „Ausbreitung des Stromes“*).

*) Item castrum Gilow a crassitudine (terre) dicitur, item Rostoky a dissolutine aquarum. Wigger, des Bischofs Boguphal von Posen Nachrichten über Meckl.: Jahrb. f. Meckl. Gesch. XXVIl, 128. Auffällig ist es, dass Boguphal nur von dem castrum Rostoky spricht, während er das später gegründete Wismar „ciuitas“ nennt. Vgl. Beiträge zur älteren Gesch. Rostocks von Lisch und Mann, Jahrb. XXI, S. 8. — Der Name der Stadt ist in einer Urkunde des Jahres 1189 Cno. 147 in der zwiefachen Form gegeben „Rotstoc“ und „Rozstoc“ entscheidend ist, dass in dem dieser Urkunde angehängten, wohlerhaltenen Siegel Nicolaus de Rozstoc steht. Da nun dieses fürstliche Siegel älter ist, so ist auch die Form Rozstoc die ursprüngliche, die in allen Siegeln bis zum Jahr 1300 (vgl. Urkk. 1175. 2277) als die offizielle gebraucht wird.
Unsere Kenntnis von der Wendenburg Rostock reicht nur bis zum Jahr 1160 zurück. Als sich in diesem Jahr der noch heidnische Fürst Niklot von dem Dänenkönig Waldemar und Herzog Heinrich dem Löwen zugleich angegriffen sah, zog er sich auf die am rechten Ufer der Warnow in der Nähe von Wiek gelegene Burg Werle zurück, indem er durch Verbrennung seiner Burgen Schwerin, Mecklenburg, Dobin und Ilow die Gebiete auf der Westseite der Warnow den Feinden preisgab. König Waldemar aber machte den Versuch den Fluss aufwärts, in das Innere des Landes einzudringen. Auf einem Fahrzeug von geeigneter Größe drang er bis zu den weiterhin sich erstreckenden Sümpfen vor, verbrannte die hier gelegene und von den Bewohnern feige verlassene Burg Rostock sowie das hier aufgestellte Götzenbild und lies dann den Fluss überbrücken, der Herzog Heinrich und sein Herr eine Vereinigung mit ihm nachsuchte*).

*) Saxo Grammat. ed Klotz, S. 460: Quo excepto gravisus, Liburna sua, quod ad granditatem navigationis inhabilis videretur, domum remissa, in aliquanto minorem se contulit: eaque ad lacum devectus, Sunonem, binis instructum navigiis, in longinquos paludis recessus praedatum mittit. Urbem quoque Rostock oppidanorum ignavia destitutam, nullo negotio perussit. – Post haec Henricum, eum exercitu suo conserendi secum sermonis gratia venietem, praeparato ponte traiecit. Der Herzog begab sich also auf das rechte Warnowufer, nicht der Dänenkönig auf das linke. Auffallend ist es, dass Helmold Rostocks bei diesem Feldzuge gar nicht gedenkt: succendit – sagt er, p. 80, von Niclot – omnia castra suo videlicet Ylowe, Mikilinburg, Zverin et Dobin, precavens obsidionis periculum. Unum solum castrum sibi retinuit, Wurle situm iuxta flumen Warnow prope terram Kicine.

Der Wiederaufbau der alten Burg Rostock, über deren Lage auf dem rechten Ufer und zwar vor dem Petritore, an der Ober-Warnow, in den tiefen Wiesen, nach den darüber angestellten gründlichen Untersuchungen kein Zweifel bestehen kann*), erfolgte erst, nachdem Pribislav Christ geworden war und Heinrich der Löwe im Jahre 1166 ihm die Lande seines Vater Niclot, mit Ausschluss der Grafschaft Schwerin, zu Lehen gegeben hatte.

*) Vgl. Jahrb. IX. 18 und XXI, S. 8 flg.

Zu dieser Zeit, da Pribislav das Kloster Doberan stiftete, im Jahre 1171, begann er auch den Wiederaufbau der Burgen Mecklenburg, Ilow und Rostock*), über deren Besitz nach seinem Tode am 30. Dez. 1178 ein mehrjähriger Streit zwischen seinem Sohn Heinrich Borwin und dessen Vetter Niclot, dem Sohne Wratislavs ausbrach, in dessen Verlauf die Streitenden in die Gefangenschaft des Dänenkönigs Knud gerieten, und die Freiheit nur unter der Bedingung wieder erhielten, dass sie sich die Teilung der Lande Pribislavs, gefallen ließen und sie von Dänemark zu Lehn nahmen.

Niklot erhielt 1182 die Burg Rostock, Borwin Ilow und Mecklenburg**).

*) Helmold, 99: Pribislaus quoque deposita diuturne rebellionis obstinacia, sciens quia non expedit, sibi calcitrare sdversus stimulum, sedit quietus et contentus funiculo portionis sibi permisse et edificavit urbes Meklenburg Ylowe et Rozstoc et collocavit in terminis eorum Sclauorum populos. Damit übereinstimmend Kirchberg, Westphahlen, Mon. Ined. IV, 756: der strenge Pribislauus, der alle dinge irvur alsus, und alles kryges meystir waz ym do genügen, an synen landen und wolde nicht, sich heben me zu kryges phlicht, und lebe vort mit trumen, syn lant begunde der buwen, mit vygentlicher drouwe, Mekilnburg und Ilouwe, dy lant da worden wider gebuwit, by Kissin wart Rostok irnuwit, da worden allen enden, dy lant besast von Wenden.

**) Arnold v. Lübeck, 146, ann 1182: Burvinus vero, filius Pribizlai, qui filiam Heinrici ducis habebat, Mechthidam dictam, obtinuit castra Rostock et Michelnburg. – Et recessit a castro Rostock, tradidit illud nepoti. Vgl Wigger, Berno, der erste Bischof von Schwerin, Jahrb. XXVIII, 271

Von der Zeit an wirkten die beiden Vettern gemeinschaftlich, nicht nur, wie Pribislav, mit Eifer für die Erstarkung des Christentums, es wandelte sich auch bei ihnen der Hass gegen die deutschen Kolonisten, von denen jener noch erfüllt war, in Toleranz und Hinneigung gegen sie um. Sie konnten das Eine nicht tun und das Andere unterlassen. Sie verliehen Begünstigungen in der Absicht, wie sie urkundlich Bischof Brunwald aussprach, „damit dieses Land des Schreckens und wilder Einöde desto leichter mit Bewohnern versehen und das rohe Volk durch Einwanderung Gläubiger zum Glauben bekehrt würde.“ Die Stiftung Pribislavs, das Kloster zu Althof, welches am 10. November 1179 durch die Wenden zerstört worden war, erneuerten Sohn und Neffe im Jahre 1186, unablässig bemüht, das fromme Werk, „welches durch den Überfall der Slaven und viele andere Widerwärtigkeiten“ gestört worden war, durch Verleihung neuer Zugeständnisse an die Abtei Doberan zu fördern.

Eine dieser vom Slaven-Fürsten Niklot „zur Sicherheit und Ruhe der Brüder zu Doberan“*) erteilte Verleihung gibt zugleich Zeugnis von dem Aufschwung, den inzwischen Rostock genommen hatte.

Zur Hebung des Klosters wird den Brüdern in der Urkunde vom 8. April 1189 gewährt, auf dem Markt zu Rostock (in foro nostro) täglich kaufen und verkaufen zu dürfen. Diese Vergünstigung bezieht sich auf alle Geschäftsleute der Klostergüter Schuster, Gerber oder andere Handwerker**).

*) Urk. 152, von 1192: sed quia per insultum Slauorum et per alia multa inpedimenta tam utile propositum non perfecit.
**) Urk. 148: semper pro securitate ac quiete fratum in Doberan laboraui.

Ist es denkbar, dass dieser „hervorragende Handelsort“, noch das alte wendische Rostock in dem Sumpfe am rechten Warnowufer gewesen sein sollte?*) Von den Wenden bemerkt Helmold schon zum Jahre 1164: „Wenn noch einige Reste von ihnen übrig geblieben waren, so wurden sie wegen Mangel an Getreide und Verwüstung der Äcker von so großer Hungersnot bedrängt, dass sie haufenweise zu den Pommern und Dänen flüchten mussten.“ Konnten es aber vorwiegend nur eingewanderte Deutsche sein, durch deren Tätigkeit sich der Markt zu Rostock hob, so lässt sich auch nicht annehmen, dass sie sich in den alten Wendenstätten niederließen, wodurch sie sich den täglichen Verkehr mit Doberan erschwert haben würden. Das deutsche Rostock konnte im Gegensatz zu dem wendischen nur auf dem linken Warnowufer erstehen. Die unter dem Schutz der Fürstenburg sich ansiedelnden Kaufleute werden den Kern der späteren Bürgerschaft gebildet haben.

*) Urk. 148: Vgl. Wigger, Bischof Berno S. 274. – Usinger, deutsch-dänische Geschichte S. 271. Lisch und Mann, Beiträge zur älteren Geschichte Rostocks S. 12.

Dass aber diese Burg nicht mehr die alte, wendische war, wird, nach alter Tradition, von Ernst von Kirchberg in seiner mecklenburgischen Reimchronik bezeugt. Auf der Höhe, wo sich bald die Petrikirche erhob, hatten Deutsche bereits eine Burg errichtet, ganz in ihrer Nähe ließ Nicolaus ein castrum aufführen, dessen Bau jene vergebens zu hindern suchten. Hier residierten die Fürsten fortab, bis ihnen das Wachstum der Stadt die Verlegung der Residenz an das Ende derselben wünschenswert machte*).

*) 743: In der czid der fürste alsus, von Kissin Nycolaus, Rodestok irnuwete, daz borgwal her do buwete, daz waz wider dy borgman da, den buwete her syne borg zu na, dy hattin eyne burg zu der czid, da sante Petris kirche lyd, doch kunden sy mit keynne schicht, des buwes ym irweren nicht. Wigger (Bischof Berno S. 257) bemerkt, es stehe das offenbar an unrichtiger Stelle, denn um 1165 wohin es nach diesem Chronisten gesetzt werden müsste, war Pribislav Herr des Kissiner Landes, auf welches damals seine Herrschaft fast ganz beschränkt wurde. Auf die Zeit von 1165 führt allerdings die sich anschließende Erwähnung von der Erhebung der Gebeine Karls des Großen zu Aachen. Kirchberg bringt aber das obige Factum gleich nach der Geschichte Pribislavs und der Erwähnung des Jahres 1170. Die wendische Burg konnte er aber nicht meinen, da er selbst deren Wiederaufbau durch Pribislav erwähnt; vgl. S. 23. Anm. 2 In den Beiträgen von Lisch und Mann wird zwar S. 12 diese Burg für die alte wendische gehalten und S. 16 bemerkt „diese alte Sage ist durchaus nicht begründet“; dagegen S. 49 auf eben diese Stelle zum Erweise der Wahrscheinlichkeit, dass sie Fürsten am alten Markte, in der Nähe der Petrikirche, ein Schloss oder Haus besaßen: In der Urkunde vom 8. April 1189, durch welche Nicolaus dem Kloster Doberan das Dorf Wilsen schenkte, befreite er auch die Leute desselben ab extructione urbinm und speziell pontis ante urbem, worunter doch wohl nur die neue Burg und die (Petri)- Brücke zu verstehen ist. Fraglich konnte es noch erscheinen, ob unter dem „borgwal“ nicht der vorzugsweise genannte Burgwall in der Nähe der Marienkirche gemeint sei. Gegen diese Annahme ist zu bemerken, 1) dass sich zwar das castrum, wohl bemerkt, nie vallum castri, bei St. Peter mehrfach erwähnt findet: die Badestube auf der Altstadt: iuxta castrum, im Jahr 1265, retro castrum, 1274, stupa apud St. Petrum, iuxta castrum, Urkk. 1321. 2675. Lisch und Mann a. a. O., S. 19, aber 2) wo von dem vallum (dem sogenannten Burgwall) gehandelt wird, sich nirgends der Zusatz „castri“ findet, vgl. die Stellen bei Lisch und Mann a. a. O. Wäre hier am Ende der Mittelstadt wirklich später eine fürstliche Burg errichtet worden, so würde sie doch unter den zahlreichen Urkunden irgend welche Erwähnung gefunden haben, es würde von dem vallum castri ebenso gut gesprochen worden sein wie von dem alten wendischen Burgwall, der stets bezeichnet wird „vallum extra portam s. Petri“; s. die Stellen bei Lisch und Mann S. 44 flg.

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