Diogena.

Roman von Iduna Gräfin H.. H..
Autor: Lewald, Fanny (1811-1889), Erscheinungsjahr: 1847
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Roman, Adel, Gräfin Hahn-Hahn,
Es ist ein Vorzug alter, adeliger Geschlechter, dass sie vermöge ihrer Stammbäume zurückblicken können in die Vorzeit, die ihnen speziell zugehört, und dass sich dadurch in dem Bewusstsein der Nachkommen die Schicksalsfäden zu einem Ganzen verweben, die für den Niedriggeborenen nur einzelne zerstreute Tatsachen bleiben.

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Überhaupt, wahre, großartige Schicksale hat nur die Aristokratie! Es gehört Muße dazu, ein Schicksal zu haben, es ist eine Vocation, eine Distinction ein Schicksal! Ein großes Schicksal adelt das Leben eines sonst ganz mäßigen, eiteln, frivolen Menschen, es fällt vom Himmel herab wie die edlen Prärogative der Geburt; aber es will nur von feinen Händen aufgefangen sein, es will nur in englische Parks und auf persische Teppiche herniederfallen; denn das Schicksal ist selbst ein Aristokrat des Himmels.

Oder denkt euch, ein großes, gigantisches, ein exclusiv tragisches Geschick fiele auf das Leben eines Handwerkers herab! Wie könnte es sich da gestalten? Not und Sorgen treten so sehr in den Vorgrund, der Hunger und die Arbeit ertödten alle Sentimentalität, die Phantasien, die vaguen Träumereien, die idealischen Erhebungen fliehen vor dem Klappern der Werkzeuge und das ignoble Verlangen hungernder Kinder lässt den Aeltern weder für die poetischen Alluren des Herzens noch des Geistes freien Raum.

Wie anders gestaltet sich unser Loos, die wir nie arbeiten, die wir nie hungern und die wir von dem Erdendasein Nichts kennen, als die Salons und die daran stoßenden Bowlinggreens, die Reisekalesche und die eleganten Hotels; die Armen, denen wir mit graziöser Nonchalence ein Almosen zuwerfen, die Dienerschaft, welche wir mit vornehmer Impertinenz ignoriren und die Frauen unsers Standes – Rivalinnen, mit denen wir eine Lanze brechen – und die ebenbürtigen Cavaliere, Sklaven unserer hochadeligen Capricen, Spielbälle unserer phantastischen Herzensunersättlichkeit.

O! das Leben ist schön auf diesen Höhen der Existenz! Wie die ewig lächelnden, leichtlebenden Götter des Olymps leben wir, und heißen Dank sollte das bürgerliche Gros der Menschheit Denjenigen zollen, die ihm in ihren Romanen ein Abbild unsers Daseins gewährten, die ihm vergönnten die Portieren zu lüften, hinter denen sich unsere aristokratische Existenz, unsere nobeln Passionen verbergen.

Ich liebe die Großmuth in dem Charakter des Edelmannes, sie gehört zu ihm, wie der Helmstutz in seinen Blason; und ich schätze die Milde in dem Herzen einer Frau, denn sie kommt ihr zu, wie die blaßgelben Handschuhe ihren zierlichen Händchen. So will ich, obgleich es mein Herz zerreißt, untertauchen in die schmerzlichen Erinnerungen meines Lebens und mich sacrificiren zum Besten der Roture, die schon seit Jahren mit blödem, adorirendem Staunen den miraculösen Schicksalen unsers Hauses folgte.

Ich stamme von einem altgriechischen Hause ab, dessen Uranfänge sich in die Zeiten des Deukalion verlieren. Der erste Ahne, dessen Name in den Registern unsers Geschlechtes verzeichnet worden, ist Diogenes; seine Laterne, mit der er Menschen suchte, leuchtet in unserm Wappen. Er hinterließ keinen männlichen Erben, er selbst hatte in seiner schroffen, gewaltsamen Natur die Kraft ganzer Generationen verbraucht. Nur eine Tochter blieb von ihm zurück. Ihr vermachte er seine Laterne, sie segnete er in seiner Sterbestunde mit den Worten: „Suche einen Menschen, bis Du den Rechten findest.“

Dies mysteriöse Wort ist der Segen und der Fluch unsers Geschlechtes geworden. An ihm sind die edelsten Herzen gebrochen. Die ganze wandernde Rastlosigkeit, der ganze cynische Idealismus, oder soll ich sagen, der ideale Cynismus und alle Abnormitäten in dem Behaviour unsers Stammvaters sind auf uns übergegangen, und machen heute noch die Grundzüge unsers Geschlechtes aus, das sich merkwürdiger Weise fast nur durch die Geburt von Töchtern fortpflanzt. Die Laterne ist ein Dunkellehn geworden.

Ich übergehe mit rücksichtsvoller Discretion das Leben der Frauen unsers Hauses im Mittelalter. Man ist es sich schuldig égards zu nehmen und nicht freiwillig dem blöden Auge der Masse die partie honteuse seiner Familie preiszugeben. Wie leicht könnten bürgerliche Frauen, in deren rothe, von schwerer Arbeit zerstörte Hände mein Buch fiele, das edle, unbefriedigte Dasein meiner Aeltermütter misverstehen. Wie könnte eine Frau, die sich begnügt mit der kühlen Liebe eines bürgerlichen Regierungsrathes und mit der waschenden und kochenden Pflichterfüllung in ihrer engen Sphäre, das große Leid einer Kaiserin Messalina, einer Lucrezia Borgia, einer Königin Johanna von Neapel verstehen! Wie könnte sie die Schmerzen rastlos suchender, ewig unbefriedigter Liebe verstehen, die in jenen Frauen so gewaltig wurden, daß die glühende Liebe sich in Haß verkehrte und die Fackel des Hymen sich verwandeln mußte in den Dolch und in das Schwert! O, es gibt furchtbare Sensationen, es gibt tragische Emotionen in dem Dasein edler adeliger Weiber, von denen ihr Nichts wisset, die ihr in den Thälern und nicht auf den Höhen des Lebens geboren seid!

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