Caspar Weinreichs Danziger Chronik - Einführung

Ein Beitrag zur Geschichte Danzigs, der Länder Preußen und Polen, des Hansabundes und der Nordischen Reiche
Autor: Hirsch/Vossberg, Erscheinungsjahr: 1855
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Danzig, Hansa, Hanse, Hansezeit, Hansabund, Hansebund, Ostsee, Seeverkehr, Seeräuber, Städtebund, Stahlhof London, Artushof,
Herausgegeben und erläutert von Hirsch, Theodor Dr. (1806-1881) Historiker, Professor an der Universität Greifswald. Direktor der Universitätsbibliothek und Vossberg, Friedrich August (1800-1870) Historiker, Heraldiker, Sammler von Münzen und Siegeln
Die Chronik, welche wir hiermit der Öffentlichkeit übergeben, füllt, wie uns scheint, eine nicht unbeträchtliche Lücke in der Geschichte des europäischen Nordens während der letzten Hälfte des 15. Jahrhunderts aus. Obgleich nämlich ihrem Verfasser, indem er sich Zeitereignisse, die für ihn als einen Bürger Danzigs von Interesse waren, ohne besondere Auswahl in unbehilflicher Form und in abgebrochenen Sätzen anmerkte, sichtbarlich eine bestimmte äußere Absicht oder geistige Richtung nicht vorschwebte, so gewähren doch seine Aufzeichnungen nicht nur einen klaren Einblick in die bisher ganz unbekannten politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Danzigs während der Jahre 1406 — 1496, sondern werfen mittelbar auch auf andere gleichzeitige wichtige Ereignisse in den Staaten des nördlichen und westlichen Europas ein neues und eigentümliches Licht. Versuchen wir es die Summe dieser einzelnen gelegentlich und umrissartig in diesem Buche niedergezeichneten Anschauungen mit Benutzung der demselben beigegebenen Urkunden zu einem Gesamtbilde zu vereinigen.

Der dreizehnjährige Städtekrieg, durch welchen sich die Bewohner des preußischen Weichsellandes während der Jahre 1454 — 1466 von der Herrschaft des deutschen Ordens losrissen, war vor allen anderen preußischen Ständen für Danzig eine Quelle schwerer Opfer und Leiden geworden. An allen bedeutenden Unternehmungen zu Lande wie zur See hatten Danziger Bürger und Danziger Söldnerheere einen wesentlichen Antheil genommen; man zählte gegen 2.000 Bürger, die ihr Leben auf den Schlachtfeldern verloren hatten; noch empfindlicher war die materielle Einbuße gewesen, da die Stadt außer den Kosten ihrer eigenen Rüstungen beträchtliche Vorschüsse für die übrigen Stände und den König von Polen aufzubringen hatte. Beim Abschluss des Friedens befand sich Danzig in großer Schuldnot und war selbst genötigt die spärlichen Einkünfte seiner verwüsteten Ländereien für viele Jahre den Gläubigern zu verpfänden. Doch ungeachtet so nahe liegender drückender Sorgen herrschte unter den Bürgern ein stolzes Selbstvertrauen, das sich sowohl in kühnem Tatendrange als auch in gesteigerter gewerblicher Geschäftigkeit kundgab, und auf die Überzeugung begründet war, dass mit so vielem Gute und Blute auch schätzenswerte Vorteile gewonnen seien; und mit Recht galten ihnen als solche außer der Befreiung von der verhassten Ordensgewalt teils das weite Maß innerer Selbständigkeit, welches man durch die von dem Könige von Polen erteilten Freiheitsbriefe erworben hatte, teils die Überlegenheit zur See, welche der Stadt in Folge der großen während jener dreizehn Jahre dem Seekriege gewidmeten Anstrengungen über alle östlich von den wendischen Städten gelegenen hanseatischen Gebiete zugefallen war.

Aus den Aufzeichnungen unseres Chronisten gewinnen wir zunächst das Ergebnis, dass dem Thorner Frieden 30 glückliche Jahre folgten, während welcher die Keime materieller und geistiger Blüte, welche in jenen Vorteilen enthalten waren, zu gedeihlicher Entfaltung gelangten und zwar keineswegs unter der Begünstigung äußeren Friedens, sondern vielmehr unter fast ununterbrochenen gefahrvollen Kämpfen, die jedoch in der Regel von einem günstigen Erfolge begleitet waren.

Die Tätigkeit der Stadt bewegt sich damals hauptsächlich in drei Gebieten: in den inneren Angelegenheiten, in den Beziehungen zu den preußischen Ständen und dem polnischen Schutzherrn und in den Angelegenheiten des Hansabundes. Nehmen wir die Teilnahme, welche Weinreich diesen Richtungen zuwendet, zum Maßstabe, so muss man schließen, dass die innere Entwicklung und die hanseatische Politik die Gemüter der Bewohner Danzigs vorherrschend beschäftigte, während sie den Verwickelungen der preußisch-polnischen Welt nur einen untergeordneten Wert beilegten.

In den preußischen Angelegenheiten waren Danzigs Bestrebungen vorherrschend auf Erhaltung des Thorner Friedens und Behauptung der durch denselben erlangten günstigen Stellung gerichtet. Schon der unglückliche Zustand des platten Landes, das auch nach zehn Jahren sich noch nicht „zum Hundertsten“ von den durch den Krieg geschlagenen Wunden erholt hatte, ließ jeden Landkrieg als ein großes Unglück erscheinen. Als nun die Einmischung des Königs von Polen in die Besetzung des ermländischen Bistums seit 1467 die unter dem Namen des „Pfaffenkrieges“ bekannten zwölfjährigen Händel (1467 — 1479) hervorrief, in welchen der ordnungsmäßig gewählte Bischof Nicolaus v. Thüngen sein Recht gegen die von Polen ihm entgegengestellten Bewerber, zunächst den Vincenz Kielbassa und seit 1471 gegen Andreas Opporowski verfocht, so behauptete Danzig, nachdem seine Vermittlungsversuche ohne Erfolg geblieben und 1478 offener Krieg zwischen dem Könige und dem Bischof von Thüngen ausgebrochen war, zwischen den Parteien eine streng neutrale Haltung. Denn obgleich man einerseits in dem Verfahren des Königs einen Eingriff in die Landesprivilegien erkannte und wohl wusste, dass die Bestätigung Opporowskis durch den päpstlichen Stuhl „durch Arglist“ erworben sei, so konnte man doch auch den unbedingten Sieg v. Thüngens nicht wünschen, da derselbe offenkundige Feinde des polnischen Preußens, den König von Ungarn, Mathias Corvinus, und den deutschen Orden zu Bundesgenossen gewonnen und in Verbindung mit dem 1477 erwählten neuen Hochmeister, Martin Truchsess von Wetzhausen, „der eher in seinem Blute trinken als dem Könige den Lehnseid schwören wollte“, entschieden darauf ausging, sich von der polnischen Schutzherrschaft, loszureißen. Die Stadt sah sich daher aufs Höchste zufriedengestellt, als die Dinge 1479 den Ausgang nahmen, dass zwar Thüngen im Besitze seines Bistumes blieb, dadurch aber, dass er so wie der Hochmeister dem Könige von Polen den Lehnseid leisteten, die Verhältnisse des Thorner Friedens wiederhergestellt wurden.

Schon diese Händel erzeugten unter den Mitgliedern der städtischen Regierung ein starkes Misstrauen gegen die Absichten des Königs von Polen, dessen Bevollmächtigte auf den preußischen Ständetagen sowohl durch die häufig aufgestellte Theorie, dass Preußen ein Glied des polnischen Reichskörpers sei, als auch durch mancherlei tatsächliche Eingriffe in die Rechte Preußens, namentlich in der Abschaffung der Statthalterwürde und indem sie die meisten Schlösser seit dem Kriege in den Händen polnischer Hauptleute ließen, immer entschiedener darauf auszugehen schienen, das Schutzverhältnis Preußens in ein Untertanenverhältnis zu verwandeln. Dagegen herrschte unter der Danziger Bürgerschaft ein gewisses persönliches Vertrauen zu dem Könige Kasimir, mit dem man schon so viele Jahre hindurch Freude und Leid geteilt hatte; man glaubte nicht, dass er geflissentlich seine Verträge brechen werde, und dieses Vertrauen wurde selbst durch die steigende Leidenschaftlichkeit der Verhandlungen auf den Landtagen, über welche die Rats-Sendeboten der Gewohnheit nach regelmäßig an die Gemeinde Bericht erstatteten, nicht wesentlich erschüttert. Bald trat jedoch ein wichtiger Fall ein — und wir verdanken seine Kenntnis einzig und allein den Weinreich’schen Mitteilungen — bei welchem die städtische Regierung zur Abwendung der Gefahren, von der des Landes Rechte bedroht schienen, dem Könige mit starkem Ernste entgegentrat, jedoch jener in der Gemeinde herrschenden Stimmung wegen ihre Maßregeln vier Jahre vor derselben geheim zu halten sich genötigt sah. Als nämlich der König im Frühjahre 1485 auf einer Zusammenkunft, die er mit dem Hochmeister und den westpreußischen Ständen in Thorn hielt, von beiden eine Unterstützung zu seinem Kriegszuge gegen die Türken verlangte und seine Räte dabei aufs Neue die Untertänigkeit der Preußen unter das polnische Reichsregiment in die Debatte zogen, da entlud sich die lange verhaltene Erbitterung der Stände in einem heftigen Wortkampfe. Sie führten dem Könige die Summe der ihnen widerfahrenen Rechtsverletzungen zu Gemüte, forderten Abhilfe, und als die unbestimmten Erklärungen des Königs keine Bürgschaft einer bessern Zukunft gaben, so vereinigten sie sich sämtlich — auch das Ermeland mit eingeschlossen — in aller Stille zu dem Gelöbnis, dem Könige nicht eher irgend eine Steuer oder persönliche Hilfe zu gewähren, als bis er seine Verpflichtungen gegen das Land erfüllt hätte. Die Folge war, dass der König, der dem Hochmeister Kriegshülfe abgetrotzt hatte, die erzürnten Westpreußen, ohne irgend etwas erreicht zu haben, entlassen musste. Drei Jahre hielten hierauf die Verbündeten einträchtig gegen den gemeinschaftlichen Gegner zusammen; unter dem Scheine leichtfertiger Unbefangenheit wiederholten die königlichen Abgeordneten auf jedem preußischen Landtage die Forderung der Türkenhilfe, wurden aber jedesmal abschläglich beschieden. Das bewog sie aber so wenig zur Nachgiebigkeit, dass sie vielmehr vor neuen Anmaßungen nicht zurückschreckten. Dem 14. Februar 1489 verstorbenen Bischof Nicolaus v. Thüngen hatte das ermländische Domkapitel in gesetzlicher und vom Papste genehmigter Wahl den Eingeborenen Lucas Watzelrode zum Nachfolger gegeben, der König aber diese Wahl verwerfend und das in Polen ihm in Betreff der Bischöfe zustehende Recht auch auf Preußen übertragend, seinen eigenen Sohn Friedrich zum Bischof ernannt und die Ermländer unter schweren Drohungen zur Anerkennung desselben aufgefordert. Da nun eben damals (im Frühjahre 1489) die gefürchteten „schwarzen Banden“ des Königs Mathias Corvinus, nachdem sie den Herzog von Sagan aus Schlesien vertrieben hatten, von Niederschlesien aus die Nachbarlande, Brandenburg, Pommern, Polen, Böhmen und Sachsen mit einem Einfalle bedrohten, so nahm König Kasimir daraus Anlass, polnische Kriegsvölker unter der Führung Johann Jasnickis in das polnische Preußen einrücken zu lassen und den einzelnen Abtheilungen derselben die Städte daselbst zu Standquartieren anzuweisen. Dieser Einmarsch der Polen erweckte natürlich große Besorgnis; man fürchtete, sie seien nur dazu bestimmt, das Ermeland für den polnischen Königssohn in Besitz zu nehmen, nebenbei auch den Trotz der preußischen Stände zu brechen; die Gewalttätigkeiten, welche die zuchtlosen Krieger in und um Conitz verübten, konnten diese Besorgnisse nur vermehren. Auch die Danziger Regierung fand sich dadurch veranlasst, das Schweigen, welches sie in Betreff dieser Verhältnisse gegen die Gemeine vier Jahre hindurch bewahrt hatte, zu brechen und nach einer allgemeinen Andeutung des Vorgefallenen ihre Zustimmung zur Zurückweisung der polnischen Besatzung zu fordern. Die Bürgerschaft, obgleich sie auch jetzt noch die Voraussetzung treuloser Absichten des Königs nicht so ganz teilte, sprach sich dennoch für die Maßregeln der Regierung so entschieden aus, dass die von dieser zu einer Verhandlung mit dem polnischen Feldherrn nach Subkau und späterhin (im Mai und Juni) zu den Landtagen in Graudenz und Thorn Abgeordneten auf eine entschlossene Abwehr der Polen zu dringen beauftragt wurden. Während man jedoch hierdurch auf den polnischen Feldherrn so weit einwirkte, dass dieser an der Grenze stehen zu bleiben und seine Truppen in Ordnung zu halten versprach, traten auf jenen Landtagen die inneren Schäden der Preußen auf eine bedenkliche Weise hervor. Die Thorner Vereinigung hatte sich ganz aufgelockert. Neben einer nicht unbedeutenden Zahl von Ständen, zu denen namentlich Elbing und der Abt von Pülplin gehörten, welche ihren schon früher geäußerten Rat, dass man dem überlegenen Könige sich fügen müsse, jetzt mit um so größerem Nachdruck geltend machten, dabei jedoch, wie früher, ihre Meinung der entgegengesetzten Meinung der Mehrzahl unterordneten, zeigte sich, dass eine noch beträchtlichere Zahl auf offenen Abfall sinne. Der preußische Adel in den Woiwodschaften Culm und Pommerellen, ohnehin zu einem guten Teile polnischer Abkunft, und dazu noch durch den Krieg größtenteils verarmt und verwildert, trug, wie es scheint, schon seit längerer Zeit ein starkes Gelüste nach den ausgedehnten Rechten seiner polnischen Standesgenossen. Zu einer zahlreichen Verbindung vereinigt, an deren Spitze die beiden Landschöppen Andreas v. d. Lucht und Hermann v. Kywen standen, hatte er schon 1488 dem Könige in geheimer Botschaft Hilfe zum Türkenkriege angeboten; jetzt (Juni 1489) trennte er sich offen von den übrigen preußischen Ständen und in Culmsee tagend, beauftragte er jene beiden Landschöppen dem Könige mündlich seine Unterstützung bei einem Kriegszuge gegen das Ermeland anzutragen und ausdrücklich darum zu bitten: dass er einen Polen zum Statthalter über „Land und Städte“ setze. Unter solchen Verhältnissen musste wohl die Gesandtschaft, welche die Mehrheit der Stände an das königliche Hoflager nach Petrikau sandte, um ihren ganz entgegengesetzten Forderungen Geltung zu verschaffen, ihren Zweck verfehlen. Der König bestand vielmehr darauf, dass sein Sohn das Bistum erhielte und befahl den Ständen, den gewählten Bischof Lucas, der sich auf der Reise von Rom nach dem Ermelande befand, mit gewaffneter Macht zurückzutreiben. Einen Monat darauf erschien eine polnische Botschaft, welche 29. September auf dem Landtage zu Dirschau die Forderung der Türkenhilfe erneuerte und die Stände anwies, das Verlangen des Königs auch den städtischen Gemeinden mitzuteilen. Da auf dieser Versammlung die polenfreundliche Gesinnung des Landadels an der Feigheit der kleinen Städte ihre Stütze fand, und auch mehrere der mächtigeren Stände aus dem Umstande, dass die verlangte Türkenhilfe dem mutmaßlichen Thronerben, Herzog Johann Albert, der persönlich den Krieg leitete, zu Gute kam, Veranlassung nahmen zur Nachgiebigkeit gegen die Forderungen des Königs anzumahnen, so erkannte der Danziger Bürgermeister, Heinrich Falk, der hauptsächlich die patriotischen Absichten vertrat, dass sein ursprünglicher Antrag, an den Thorner Forderungen festzuhalten, nicht mehr durchzusetzen wäre, dass man genug erreicht hätte, wenn man den Schein des selbständigen Entschlusses bewahre und die für den Augenblick bedeutendste Gefahr beseitige. Man einigte sich daher mit der Gegenpartei zu einer Erklärung, in welcher die Stände verhießen, sich dem Könige in der Türkenhilfe willfährig zu zeigen, wofern derselbe die Privilegien des Landes bestätigte und jeder Gewalttätigkeit gegen das Bistum sich enthielte. Auch der König hielt es nicht für geraten die Sache zum Äußersten zu treiben; er ließ den ermländischen Bischof, ohne ihn anzuerkennen, im ruhigen Besitz seiner Landschaft, die ihm gehuldigt hatte, gab die mündliche Erklärung ab, dass er die Privilegien des Landes nicht gebrochen habe, noch zu brechen gedenke, ließ es stillschweigend geschehen, dass der deutsche Edelmann Marschede mit Hilfe Danzigs den Anmaßungen polnischer Beamten durch eine derbe Züchtigung ein Ziel setzte, und erhielt dagegen 1491 von den preußischen Ständen das verlangte Hilfsgeld.

Wie es scheint waren es zunächst die schlimmen Erfahrungen dieser vier Jahre, demnächst aber auch kleinliche Streitigkeiten mit Elbing und Thorn, durch welche diese nächsten Bundesgenossen ihr entfremdet wurden, welche die Danziger Regierung seit dem 1492 in Polen erfolgten Thronwechsel bewogen, eine Reihe von Jahren hindurch den preußischen Ereignissen nur geringe Aufmerksamkeit und Teilnahme zuzuwenden, dagegen aber über ihre besonderen Angelegenheiten unmittelbar mit dem polnischen Hofe zu verhandeln, dessen Gunst sie durch die dem zerrütteten königlichen Schatz häufig bewilligten Darlehen sich zu sichern wusste. Die Gefahren, die bei einer solchen Absonderung von den deutschen Bundesgenossen nicht ausbleiben konnten, traten erst in dem Jahre, mit welchem unsere Chronik schließt, während der Matternischen Fehde in den Vordergrund. —

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Hansewappen

Hansewappen

Hanse Kogge

Hanse Kogge

Danzig - Frauengasse

Danzig - Frauengasse

Danzig

Danzig

Die Langgasse in Danzig

Die Langgasse in Danzig

Kloster Oliva bei Danzig

Kloster Oliva bei Danzig