Ueber die früher in Mecklenburg wohnenden Obodriten-Wenden

Kelten, Germanen, Slawen als Bewohner Mecklenburgs
Autor: Burmeister, Carl Conrad Hermann Dr. (1807-1892) deutscher Naturwissenschaftler, Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Bewohner, Besiedelung, Kelten, Germanen, Slawen, Obodriten
Kelten, Germanen, Slawen und wieder Germanen haben nacheinander Mecklenburg bewohnt. An die Kelten erinnern nur einige wenige Ortsnamen, welche von Volk zu Volk überliefert, teilweise sehr verstümmelt erhalten worden sind *); an die Germanen ältester Zeit, einige Hunnengräber; an die Slawen der größte Teil der Fluss- und Ortsnamen. Wann die Kelten von den Germanen verdrängt worden sind, fällt in die vorgeschichtliche Zeit; wann die Germanen von den Slawen verdrängt wurden, lässt sich nur nach Vermutungen angeben. Gewöhnlich ist man der Ansicht, dass die Zeit der großen Völkerwanderung, in welcher die Hunnen unter Attila eine so bedeutende Rolle spielten, auch Mecklenburg seine slawischen Bewohner zuführte. Wenigstens treten wenige Jahrhunderte später schon die Slawen an der Elbe als mächtiges Volk auf. Fragen wir nun weiter, zu welchem Völkerstamm der Slawen die Bewohner Mecklenburgs gehörten, welche der jetzigen germanischen Bevölkerung voraufgehen, so finden wir dieselben von gleichzeitigen Schriftstellern allgemein als Wenden mit dem besonderen Namen der Obodriten bezeichnet. Der Name Wenden oder Winden (wie es im Süddeutschen heißt) bezeichnet überhaupt den Gegensatz der deutschen Bevölkerung gegen die slawische in den westlichen Gegenden Deutschlands vom baltischen bis zum adriatischen Meere. Wahrscheinlich stammt diese Benennung aus dem Altertum, welches damit ein kühnes seefahrendes Küstenvolk bezeichnet. So erwähnt Cäsar Veneter in Gallien, Strabo am adriatischen Meere, welcher sie mit den ersteren in Verbindung setzt (Strabo, Ausgabe von Casaubonus 1587 p. 146 u. 134), Tacitus am äußersten Ende des baltischen Meeres (Germania 46). Kein slawisches Volk hat sich je selbst Wenden genannt; es ist nur bei den Deutschen, dass Slawen Wenden genannt werden.

*) Dahin gehören namentlich die Ortsnamen bei Ptolemäus vgl. Barthold Geschichte von Pommern I. S. 123 u. 124.
Man nimmt allgemein an, dass die Slawen erst im vierten oder fünften Jahrhunderte unsrer Zeitrechnung in der großen durch die Hunnen bewirkten Völkerwanderung in Europa eingewandert sind. Dagegen lässt sich aber mit Recht sagen, dass das Vorkommen slawischer Ortsnamen schon vor Christi Geburt auffällt. Daher hat schon J. Grimm (in der Vorrede zur serbischen Grammatik, Berlin 1824. Vorrede II. Note 2) die Meinung geäußert, dass jene illyrischen u. sarmatischen Namen schon slawischen Ursprungs sein möchten. Offenbar sind die Ortsnamen Tierna (Czerna), Bersovia, (Warsova, Warsow), Sandava (Sandau, Schandau) im Norden der Donau und Tergeste (Dargun), Pola, Lugeum, (Lug Sumpf) am adriatischen Meere slawischen Ursprungs.*) Wenn es nun geschichtlich gewiss ist, dass die Slawen, welche noch jetzt im südöstlichen Europa wohnen, um 623 in so großer Zahl einwanderten, dass sie alle griechischen Ortsnamen in dem Länderdreiecke zwischen Triest, Modon und Warna in slawische umänderten,**) so ist nicht minder wahrscheinlich, dass Slawen in den Gebirgen aus der ältesten Zeit zurückblieben, welche mit den Ankömmlingen vereinigt, noch jetzt den Hauptstamm der Bevölkerung des südlichen Europas bilden. Dieselbe Ursache, welche die Slawen um 623 wegen Einfalls der Awaren südwärts drängte, hatte sie früher wegen Vordringens der Makedonier und Römer nordwärts gedrängt. Wir wissen gewiss, dass die makedonischen Könige die Thrakischen Völker über die Donau und in die Gebirge zurücktrieben und dass die Römer sogar über die Donau vordrangen. Die zurückgetriebenen Völker kehrten aber bald wieder zurück, wenn die zurücktreibende Macht nachließ, wie die Zeiten der auf Trajan folgenden Kaiser beweisen. So wiederholte sich dann auch hier der gewohnte Kreislauf des Völkerlebens. Unsere Vermutung eines höheren Alters der Slawen wird dann noch mehr gesteigert, wenn wir bei näherer Nachforschung schon südlich von der Donau, ja südlich vom Hämus slawische Namen finden. Große Schwierigkeit bietet freilich immer dar, dass die Griechen die fremden Namen auf griechische Weise wiedergaben und dass die Slawen nicht das einzige Volk waren, welches sich in diesen Völkerkämpfen tummelte. Kelten, Marcomannen, Goten, Hunnen und Awaren haben mit ihnen den Kampfplatz, wenn auch in verschiedenen Zeiten, betreten.

*) Vgl. Zeitschrift f. Altertumswissenschaft. Darmst. 1839 S. 208 u. 310.
**) Fallmerayer Geschichte von Morea I. S. 198.

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