Theodor Müllers Jugendleben in Mecklenburg und Jena. Der Veteran von Hofwyl. Teil 1

Ein kulturgeschichtliches Lebensbild aus der Zeit der deutschen Knechtung und Befreiung mit besonderer Rücksicht auf das Jenaer Studentenleben bis zum Jahre 1815
Autor: Pabst, Karl Robert Dr. (1809-1873) deutsch-schweizer Literaturwissenschaftler, Professor an der Hochschule und Rektor der Kantonsschule zu Bern., Erscheinungsjahr: 1861
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Thomas Müller, Mecklenburg-Strelitz, Bildung, Erziehung, Pädagoge, Volksschullehrer, Hofwyl, Schulwesen, Universität Jena
„Das ist fürwahr ein Mensch gewesen.“ Goethe.

Der Mann, dessen Lebensbild ich hiermit veröffentliche, hat sich nicht durch öffentliche Taten, weder als Staatsmann oder als Kriegsheld noch als Schriftsteller, weder als Erfinder kulturgeschichtlich wichtiger Maschinen noch als Begründer großartiger und dankbarer Gewerbe oder Handelsunternehmungen hervorgetan. Fern von dem lauten Getümmel des politischen, literarischen und industriellen Marktes, meistens in der tiefsten Zurückgezogenheit des Privatlebens, hat er sein Leben einem nach der Schätzung unserer materiellen Zeit jedenfalls undankbaren Berufe, der geistigen Bildung und Erziehung der Jugend gewidmet. Aber wenn dieser Beruf schon an und für sich zu den höchsten und segensreichsten gehört, wenn insbesondere eine fast ein halbes Jahrhundert hindurch mit unermüdlichem Eifer, mit den ausgezeichnetsten Fähigkeiten und Kräften fortgesetzte, mit dem reichsten Erfolge gekrönte Ausübung desselben vollen Anspruch auf öffentliche Anerkennung begründet, so verdient schon deshalb das Andenken an Theodor Müller, den Veteranen von Hofwyl, von dankbaren Zeitgenossen auf die Nachkommen fortgepflanzt und sein Name neben denen eines Pestalozzi, Girard, Fellenberg und L. Snell, zunächst in der Schweiz, stetsfort mit Dank genannt zu werden.

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Ebenso jung wie der ebenfalls aus dem Norden Deutschlands stammende Heinrich Zschokke und durch keinerlei äußere Nötigung oder Rücksicht, sondern lediglich durch die Aussicht auf eine freiere und wirksamere Ausübung seines Berufes getrieben, vertauschte er seine erste Heimat Mecklenburg mit der Schweiz. Dieser hat er fast ebenso lang und noch ausschließlicher als jener seine Kräfte zugewendet, und die Schweiz, die Hauptstätte seiner stillen, aber darum nicht minder bedeutenden und gesegneten Tätigkeit, die wahre Heimat seines Geistes, das Vaterland seiner Wahl, darf ihn mit Stolz zu ihren Söhnen zählen. Im Jahr 1815 an die Hofwyler Erziehungsanstalt berufen, deren Grundsätze und Bestrebungen mit den seinen wesentlich übereinstimmten, harrte er daselbst, nur mit wenigen Unterbrechungen durch Fortsetzung seiner Studien in Heidelberg sowie durch vorübergehende Übernahme öffentlicher Lehrämter zu Basel und Murten, in der begeisterten Ausübung seines Berufes aus bis zur völligen Aufhebung der Fellenbergischen Institute im Jahr 1848. Von da an widmete er seine herrlichen, bis zur Todesstunde ungeschwächten Geisteskräfte teils der trefflichen Gladbach'schen Erziehungsanstalt in Wabern bei Bern, welche ihm ein „neues Hofwyl“ war, teils dem öffentlichen Schulwesen des Kantons Bern, um welches er sich bereits in den Jahren 1832 —1836 durch seine Mitwirkung an den Hofwyler Fortbildungskursen für Volksschullehrer verdient gemacht hatte. Er bewährte dem Staate, welcher ihm zu seiner Lieblingstätigkeit Gelegenheit bot, dieselbe unentwegte und aufopfernde Treue, mit welcher er sich dem Dienste der Idee Fellenbergs hingegeben hatte. Und er tat dies mit derselben Bescheidenheit und Selbstverleugnung, mit welcher er zu dem Rufe des Mannes, der Hofwyls Namen bis über den Ozean getragen, sein redlich Teil beigetragen hat.

Auch hatte er sich schon bei seinen Lebzeiten nicht nur im Kanton Bern, sondern in allen pädagogischen Kreisen der Schweiz eine so reine Anerkennung seiner Verdienste und Vorzüge erworben, dass weder in amtlichen Verhältnissen von Seiten der Behörden noch im Privatverkehr sein nichtschweizerischer Ursprung auch nur im entferntesten in Betracht gezogen oder geltend gemacht wurde. Und als er mitten in der Ausübung seines Berufes und infolge der damit zuletzt verbundenen außerordentlichen Anstrengungen am 23. Juli 1857 in seinem lieben Hofwyl nach einem schmerzhaften Leiden sanft entschlafen war, da wurde um ihn nah und fern so tief und allgemein getrauert, wie es Wohl selten bei dem Tode eines schlichten Schulmanns der Fall gewesen ist. Zeugnis davon gaben außer manchem tiefbewegten Nachruf in öffentlichen Blättern sein Leichenbegängnis und die am nächsten Jahrestage desselben bei Errichtung seines Grabdenkmals gehaltene Gedächtnisfeier zu Hofwyl. [Aus dem Vorwort]
Müller, Viktor Bernhard Theodor (1790-1857) deutscher Pädagoge

Müller, Viktor Bernhard Theodor (1790-1857) deutscher Pädagoge