Briefe über Hochdeutsch und Plattdeutsch

Ist Plattdeutsch oder Hochdeutsch die vollkommenere Sprache?
Autor: Dr. Klaus Groth (1819-1899) Titularprofessor für deutsche Literatur und Sprache, Erscheinungsjahr: 1858
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Plattdeutsch, plattdeutsche Sprache, Mundart, Dialekt, Hochdeutsch, Schriftsprache, Luther, Goethe, Lessing, Reuter, Schiller, Volkssprache
Ist Plattdeutsch oder Hochdeutsch die vollkommenere Sprache? Ich sage absichtlich nicht schöner oder besser, sondern vollkommener. Die Schönheit ist nur eine Seite, die Bequemlichkeit, die Brauchbarkeit eine andere. Das Englische möchte doch für den Gebrauch auf Kanzel, Markt und Katheder, für Geschichte, für die Wissenschaft, für den Verkehr bequemer sein, aber schön wäre es nicht. „Schön ist was gefällt.”
Es gibt fast keine der s. g. gebildeten europäischen Sprachen, die nicht von irgend einer Seite her als Muster der Vollkommenheit gepriesen ist oder wird, die Griechische von den Gelehrten, die Französische von der halben feinen Welt, wenigstens früher. Jedes Volk lobt seine Sprache, und man verzeiht es ihm, bloß der Norddeutsche ließ sich bis dahin gefallen seine Muttersprache als platt, d. h. hier gemein zu bezeichnen und anzusehen. Eine Zeitlang sprachen geheimnisvolle Stimmen vom Sanscrit als der gottgeschaffenen Urmutter aller indogermanischen Sprachen, von ihrem wunderbaren Glanz in Farbe und Bau, das ist jetzt nicht mehr Mode. Unser Altmeister Jacob Grimm schrieb vor vierzig Jahren vom Gotischen wie von dem Ideal der Schönheit, wovon wir Neudeutsche in Schuld und Sünde abgefallen, vor zehn Jahren hielt er gerade das entgegengesetzte Ende der germanischen Sprachentwickelung, die englische Sprache für die vollendeste.
Ist es möglich hindurch zu finden, wo man auf diese Weise schwankt? vermögen wir es mit unserer Kraft, wo die Besten nur zu tappen scheinen? Ist es der Mühe Wert, wenn man hindurch fände, sich ein Urteil zu bilden? Man könnte vielleicht etwas Besseres tun. Aber ich für meine Person musste mich fragen als ich meine poetischen Arbeiten vorbereitete, ob nicht eine schwächliche Neigung für heimische Klänge mich verführte, im Plattdeutschen eine Schönheit und Vollendung zu finden, die in Wirklichkeit vielleicht nicht darin steckten.
Man sagt ein Genie gehe nicht unter, einmal vorhanden breche es sich von selbst notwendig Bahn. Ich glaube freilich nicht daran, ich glaube dass manchem Genius früh genug die Flügel geknickt werden, dass er nicht zum Fliegen kommt. Man sollte denken auch eine Sprache, wenn sie Lebenskraft hat, müsse sich selbst erhalten, entwickeln, ausbreiten.
Diesem Vorurteile gemäß denken viele Vernünftige über Volksdialekte ohne Literatur, wie übers Unkraut gegen ein Gartengewächs oder einen vollwüchsigen Baum. So schrieb Grimm in der Vorrede seiner Grammatik, Volksdialekte seien roh. Ich las dies vor lange mit wahrhaftem Schrecken, denn ich hatte zu viel Respekt vor Jacob Grimms Urteil, ich glaube zu viel.
Wenn ich gegen einen solchen Ausspruch an, der sich namentlich auf das Plattdeutsche bezieht, kämpfend und Schritt für Schritt allmählich zu der Überzeugung gekommen bin dass das Plattdeutsche die vollkommenere der beiden Schwestern sei, so werden Sie schon neugierig werden auf die Gründe aus denen diese Ansicht erwachsen ist.

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