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Entwicklung des Renaissancegartens in Italien

Bevor der in allgemeiner Schilderung dargestellte germanische Renaissancegarten und die ihn schaffenden Vorstellungen durch ausgeführte Anlagen belegt und erweitert werden, ist abschweifend das Ausland zu betrachten, wie dort die Hauptrichtungen der Gartenkunst waren, und wie viel und wie weit es in Politik, Kultur und somit auch Kunst Deutschland und besonders das oberdeutsche Gebiet beeinflusst hat.

Als Quellen über italienische Gartenkunst standen mir neben jüngeren Werken 30) vor allem Beschreibungen deutscher Reisender in Italien 31) und von italienischer Seite alte Bildwerke der ursprünglichen Anlagen 32) zur Verfügung.


Es fand sich ein auffallender Gegensatz zwischen den neueren Beschreibungen italienischer Renaissancegartenkunst und den alten zeitgenössischen Reiseberichten.

In den neueren Werken ist vor allem betont das großzügige Stilgefühl, das architektonische Auffassen und Durchbilden des Gartens in richtiger Benützung des Materials, die Geländegliederung durch Terrassen und Gebäude, das Verwenden der Baummassen, alles komponiert in Berücksichtigung der landschaftlichen Lage 33)

Eigentlich nichts von all diesem grundsätzlich Neubildenden haben die deutschen Reisenden aufgefasst. Ihre Beschreibung dieser Gärten gleicht vollständig denen in ihrer Heimat; es ist das Aufzählen von Einzelheiten, von schönen Gewächsen, die große Anzahl von Standbildern und Figuren und die besondere Freude an den Grotten.

M. Zeiller berichtet über den Garten des Grafen Valmaran in Vicenza: „Welcher Graff auch an der Statt einen schönen Garten, darinn ein Gang bey 400 Schritten lang, und 8 breit ist, allda etliche hundert trefflich schöne Pomerantzen und Limonien Bäum stehen, die aber Winterszeit bedeckt und zugemacht werden. Es hat auch hierin einen schönen Irrgarten, da die Häg von lauter gar zarten zierlichen Bux bey 5 Schuh hoch und anderhalb Schuh dick in einander gewachsen 34). Der übrige Theil des Gartens ist mit Blumwerk gar wohl gezieret, und mit Wasser versehen, da dann ein großes Rad das Wasser also treibet, daß man alle Garten Sachen besprengen kann.“

Abb. 11. Gartenplan der Villa d'Este, aus Percier et Fontaine. (S. 24.)

Oder Schickhard über Pratolino: Unter der Treppe, die vom Altan in den Garten führt, ist eine Grotte von sechs Gemächern ,,mit mancherley Meermuschlen/ seltzamen Schnecken / Corallen-Zinken und anderm schönen Gestein versetzt /gibt darzu überal Wasser / daß es alles gantz wild und seltzam zusehen.“ Erschließt seinen Bericht hiervon: ,,Was für Bäum Früchten und Gewächs in diesem Garten seind / ist nicht wol zu beschreiben / würde auch nur die fürnembsten anzumelden vil zu lang werden / derowegen ich dann derselbigen lieber gar geschweigen will.“

Abb. 12. Aufstieg mit Fontänengalerie aus dem Garten der Villa d’Este, nach Falda. (S. 24.)

Das Aufzählen der Einzelheiten ist die Hauptsache, etwas anderes kennt man nicht. In Merians Topographie der Stadt Rom geht dieswohl am weitesten, wenn dort geschrieben wird: „was der Mensch erdencken kan: Als stattliche Gebäu, allerhand große fremde Marmorstein, trefliche und schöne Bilder, viel Überschrifften, deren ich mehr als 136 gezehlet, mit allerhand Figurenkunstreich gemahlet. Man vermeint im Paradeiß zuseyn, so wunderschön ist allesgezieret 35,36).

Wohl hie und da fällt der Ausdruck ,,schöne Aussicht auf die Stadt Rom“ 37),oder in Genua ,,der Blick über den Hafen und das Meer“ 38), „die gewaltige Größe der Gärten“ 39), ,,die Länge der Alleen und Wege, die den Garten durchziehen, dichte Waldpartien, die vor der Sonne Schatten geben“ 40), es wird auch gesagt, daß nichts schöner sei, wie diese italienischen Gärten 41), aber wenn der Grund angegebenwird, sind es wieder Aufzählungen von besonderen, immergrünen Bäumen und südlichen Gewächsen, die das nordische Auge bewundert 42).

Man käme nach diesen Beschreibungen bei dem Versuch, hieraus einen Grundriss der Anlage zu rekonstruieren, auf nichts Neues dem Nordischen gegenüber.

Die germanische Art konnte hier noch nicht in gewisser ängstlicher Engigkeit den Stand ihrer gewohnheitsgemäßen Anschauung verlassen, sie war noch nicht durch freieres Leben zu einer Vielseitigkeit der Auffassung erzogen worden.

Aber doch war hier Großzügiges vorhanden, die italienischen Bilderzeigen es wohl (Abb. 10, 11, 12, 13, 14, 15).

Solche Gedanken der Komposition, die frei zu dem gewollten formalen Ausdruck das Material bezwingen, entspringen eben aus dem anders und in dieser Richtung weiter entwickelten Italiener. Sein Auge wird, wie in der Einleitung schon hervorgehoben, in jeder Art von ihm geschaffener Kunst von der Schönheit der Linie und der Gestaltung gewonnen; begünstigt noch von Natur und Klima waltet auch dies im Garten 43).

Abb. 13. Zypressenrondell im Garten der Villa d-Este, nach Falda. (S. 24 )

Zeitlich allem vorangehend war ja die Kultur der persönlichen Befreiung in Italien zur Entfaltung gekommen. Es sei nur erinnert an die Gartenbeschreibung im Decamerone 44). Wie ausgebildet war die freie Geselligkeit und der künstlerische Geschmack schon in dem Jahre 1365 geworden!

Der Genuss des ländlichen Lebens, das Landgut, die Villa mit dem Lustgarten war früh das Verlangen der intellektuell führenden Geister. L. B. Alberti schreibt in einem Dialog über die Leitung des Hauses auch hierüber 45): ,,Während jeder übrige Besitz Arbeiten und Gefahren, Furcht und Reue verschafft, gewährt die Villa großen und ehrenvollen Nutzen; die Villa bleibt Dir stets treu und freundlich; bewohnst Du sie zur rechten Zeit und mit Liebe, so wird sie Dir nicht nur genügen, sondern Belohnung zu Belohnung fügen. Im Frühling macht sie Dich durch das Grün der Bäume und den Gesang der Vögel fröhlich und hoffnungsvoll; im Herbst beut sie Dir für geringe Anstrengung hundertfältige Frucht; das ganze Jahr lässt sie keine Melancholie in Dir aufkommen. Sie ist der Sammelpunkt guter und ehrlicher Menschen: Nichts geschieht hier heimlich, nichts betrügerisch; Alle sehen Alles; hier bedarf es keiner Richter und Zeugen, denn Alle sind friedlich und gut gegen einander. Hierher eile, um dem Stolz der Reichen und der Ehrlosigkeit der Schlechten zu entfliehen! Seliges Leben in der Villa, unbekanntes Glück.“

Abb. 14. Theatrum des Kardinals Oldobrandini, Frescada aus Sandrart, Bau-, Bild- und Malereikünste. (S. 24.)

Und ähnlich weiter: ,,Um Florenz liegen viele Villen in krystallheller Luft, in heiterer Landschaft, mit herrlicher Aussicht; da ist wenig Nebel, kein verderblicher Wind; Alles ist gut, auch das reine, gesunde Wasser; und von den zahllosen Bauten sind manche wie Fürstenpaläste, manche wie Schlösser anzuschauen, prachtvoll und kostbar.“

Es ist selbstverständlich, dass eine solch ausgebildete Kultur ihren Einfluss auf das Nachbarvolk ausüben musste. Hier waren es besonders die oberdeutschen Städte, die durch den in dieser Zeit noch blühenden Handel mit Italien in steter Fühlung waren und die auch in ilirer staatlichen Verwaltung den italienischenVerhaltnissen in Politik und Gesellschaft am nächsten kamen 46). Aber der Glanz dieser Kultur des durchgeistigten, formvollendeten Scheins lag zu sehr in der Eigenart Italiens und seines Vo1kesbegründet, als dass eine ähnliche Blüte bei dem ganz anders gearteten germanischen Volk in gesellschaftlichem Leben im Garten sich entwickeln konnte.

Wir haben ja gesehen, wie die deutschen Wanderer diese Sonne der Erscheinungsform mit ihrem nach innen gekehrten Auge nicht erfassen konnten, und wie sie wohl geblendet von der Pracht dieses Landes versucht haben, sie mitzunehmen in ihre Heimat; aber sie haben es nur dazu gebracht, fremde, südliche Gewächse über die Alpen zu führen, die hier in dem rauhen Klima den Zauber ihres selbständigen Lebens verloren, und nur den Wert von sorgsam gehüteten Seltenheiten gewannen.

So war Italien in seiner letzten Folge kein grundsätzlicher Gewinn für den deutschen Renaissancegarten; seinen Charakter hat Italien nicht ändern können.

Abb. 15. Aus der Villa Mondragone, nach Falda. (S. 24.)

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Studien über Renaissance-Gärten in Oberdeutschland