Anhalt

So vergehn des Lebens Herrlichkeiten,
So entfleucht das Traumbild eitler Macht!
So versinkt im schnellen Lauf der Zeiten,
Was die Erde trägt, in öde Nacht!


Mattißon.



Die Burg Anhalt liegt in Trümmern, aber das Fürstenhaus, dessen Wiege sie war, blüht noch. Seit Jahrhunderten schon ist sie zerfallen, und nach einem Jahrhunderte möchte auch die mindeste Spur davon vergebens aufgesucht werden. Möge doch immer das Geschlecht, das aus ihr hervortrat, und zu den ältesten Deutschlands gehört, noch viele Jahrhunderte hindurch seinen Stamm fortgrünen sehen und weit verbreitende Äste treiben, die nie der Sturm der Zeiten entblättere.

Es tut mir recht leid, dass ich gerade von der Burg Anhalt, die mir so nahe liegt, und dem Lande angehört, in welchem ich so glücklich lebe, gar wenig Bedeutendes sagen kann. Ihre Besitzer spielten mitunter große Rollen, taten sich durch Tugenden und durch Tapferkeit hervor; aber ihre Stammburg war nie der Schauplatz hervorspringender Ereignisse, Sie war keine Räuberhöhle, kein Ort des Jammers unschuldiger Gefangener, bei dessen Anblick der Vorüberziehende ein Kreuz schlug, und ihr aus dem Gesicht zu kommen eilte. Stets die friedliche Wohnung friedlicher Bewohner, fand sie nur in den Umständen ihren Untergang. Also nur wenig ist's, was ich über sie mitteilen kann, wenn ich mich nicht in trockne Untersuchungen einlassen will, ob mir gleich alle Quellen zum Gebrauch bereitstanden. Dies Wenige ist Folgendes:

Im Herzogtum Anhalt-Bernburg, und zwat im obern Teile, der zum Unterharz gehört, ist ein schönes romantisches Tal, das Selkental genannt. Es ist sechs Stunden lang, wird von dem Wasser, die Selke, durchströmt, und ist reich an pittoresken Naturschönheiten. Am rechten Ufer desselben liegen auf dem kegelförmigen Hausberge die Ruinen der Burg Anhalt, von Ballenstedt 1 ½ Stunde, von Hargerode eine Stunde entfernt. Die oberste Fläche des Berges steht mit keinem benachbarten Berge in Verbindung, und war sehr klüglich zur Bebauung mit einer Burg ausgewählt, indem die Natur sie schon gegen Überfälle schützte. Sie ist mit einer Menge von Mauerstücken und Steinen belegt. Nichts davon sieht aber einem Gebäude noch ähnlich, als der Fuß eines runden Turms, unter welchem der Eingang in ein verschüttetes Gewölbe ist. AllesWebrige ist gänzlich zusammengestürzt und mit Büschen und Bäumen überwachsen.

Die Aussicht von dem Berge erstreckt sich nicht über die umliegenden Harzgebirge hinweg, und auch an dieser hindern oft Bäume und Gesträuche. Mit Mühe findet Man zwischen ihnen durch, einen Raum, um das Schloss Falkenstein, das Vorwerk Wilhelmshof, den Brocken und das Jagdhaus Meiseberg zu sehen, oder in dem schönen Tale den Schlangenlauf der Selke verfolgen zu können. Besonders sind daran eine Menge der schönsten Ulmen und Eschen hinderlich.

Da, wo sich die höchste Höhe des Berges in die an sie grenzenden Berge gegen Mitternacht hin verflacht, bemerkt man noch eine um sie herumlaufende Vertiefung, vordem ein Wallgraben. Wo aber der Berg gerade hinab in das Tal läuft, hört sie auf. Noch etwas tiefer hinab, nach Mitternacht, trifft man an dem Wege nach Wilhelmshof ebenfalls Steinhaufen an, die von eingestürzten Gebäuden herrühren müssen. Beckmann spricht in seiner Anhaltschen Geschichte von den Ruinen einer Kapelle oder Kirche, welche er in der Nähe des Schlosses noch gesehen habe. Sehr wahrscheinlich sind das diese Steinhaufen. Noch wahrscheinlicher wird es, wenn er sagt, dass am Ende des Gottesackers bei dieser Kirche eine große Linde stehe, worin viele Namen fürstlicher Personen eingeschnitten waren, und man von einer sehr großen tLnde jetzt noch bei jenem Steinhaufen den Stamm findet.

Am Fuße des Berges und am Eingange in das Tal, der Feuersteinsgrund genannt, sieht man auch noch Grundmauern von Häusern. Mündlichen Traditionen zu Folge hat da ein Jägerhof, der zum Schlosse gehörte, gestanden. Noch jetzt heißt der Holzort, welcher dem Anhaltsberge gegen Westen liegt, und von demselben durch den Feuersteinsgrund getrennt ist, der Jägerhof.

Die Bergart des Haus- oder Anhaltberges ist ein grauer Tonschiefer. Man findet aber auch vielen Jaspis daran, welches einige alte Schriftsteller veranlasste, zu sagen, dass das Stammhaus der Fürsten von Anhalt auf einem Jaspisgrunde stehe. Beckmann führt in seiner Beschreibung der Bergwerke des Harzes bei dieser Gelegenheit folgende poetische Zeilen an:

„Es ist wohl nie gehört, dass eines Königs Haus,
Auf solchen Grund gebaut, der Anhalt übertrifft.
Das graue Altertum in Anhalt weißt es aus,
Dass dessen Stammhaus ist auf Jaspisgrund gestift't.
Die Deutung soll wohl sein, Gott lasse es geschehen!
Dass dieses hohe Haus nie werde untergehen.“

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Obgleich diese Deutung etwas gesucht ist, so entschuldigt sie doch des Verfassers gutgemeinter Wunsch.

Als eine besondere Eigenheit des Hausberges verdient noch bemerkt zu werden, dass fast alle in dieser Gegend wachsende Laubholzarten darauf stehen. Man könnte ihn daher eine Probekarte von Bäumen und Gesträuchen des Landes nennen.

In der Geschichte dieses Schlosses finden wir, dass es, wie schon erwähnt, nie zu solchen unedeln Zwecken dienen musste, wie so viele andere Burgen. Es war vom Anfange an bis zu seinem Untergange die friedliche Wohnung der Vorfahren des Anhaltschen Fürstenhauses. Esikus IV., Graf von Ballenstedt, erbaute es um das Jahr 905, als er sein väterliches, Haus in Ballenstedt in ein Kollegiatstift verwandelte. Er scheint es aber nur angelegt zu haben, denn als einer seiner Urenkel, Otto, mit dem Zunamen der Reiche, im Jahr 1110 das Kollegiatstift Ballenstedt, in ein Benediktinerkloster verwandelte, und deswegen seinen Wohnsitz.von Ballenstedt nach dem Schlosse Anhalt verlegte, ließ er den angefangenen Bau erst vollenden. Da es ganz von Steinen aufgeführt gewesen sein mag, so haben einige alte Skribenten, welche so gern Alles aufsuchten, um den Ursprung eines Namens ableiten zu können, — sollten auch die Beweise noch so hergezwungen sein — die Entstehung des Wortes Anhalt darin finden wollen, indem sie sagten, dass, da es ohne Holz erbaut gewesen sei, man es „ohne Holt, ahne Holt“ genannt habe, woraus denn Anhalt geworden wäre.

Dreißig Jahre darnach zerstörten es die Freunde Herzog Heinrichs des Löwen, welcher damals kaum zehn Jahr alt war. Albrecht der Bär (von Anhalt) wollte nämlich bei der Minderjährigkeit Heinrichs einen Einfall in Sachsen tun, der ihm aber übel bekam, und die Zerstörung des Schlosses nach sich zog. Wer es nun wieder erbaute, ist unbekannt. Im Jahr 1300 muss es aber noch bewohnt gewesen sein, denn Fürst Otto von Anhalt unterzeichnete daselbst eine Urkunde, vermöge welcher er dem Kloster Ballenstedt das Dorf Eneckerode schenkte. Desgleichen wird in einem Legat an das Stift Gernrode vom Jahr 1373 eines Herrn Arnold, Perners (Pfarrers) von Anhalt gedacht. Ob aber späterhin noch, ist ungewiss.

Über die Art seines Unterganges ist man verschiedener Meinung. Nach einigen alten Geschichtschreibern hat es Konrad, Erzbischof zu Magdeburg, in Verbindung mit dem Markgrafen Konrad zu Meißen und den Grafen zu Wettin, nebst mehrern andern Schlössern im Harze zerstört. Spangenberg sagt davon in seiner sächsischen Chronik, dass sie namentlich mit Diesem Schlosse so unbarmherzig umgegangen wären, dass Niemand zur damaligen Zeit sich habe entsinnen können, dass ein Schloss mit der Schnelligkeit wäre niedergerissen worden. Andere sagen, Heinrich der Löwe habe es demoliert, weil Kaiser Friedrich der Rotbart ihm Sachsen nahm, und den Fürsten Bernhard von Anhalt damit belieh. Wieder Andere meinen, es sei verlassen worden und von selbst zerfallen. Diese Letztern scheinen aber zu irren, und die gewaltsame Zerstörung mehr Glauben zu verdienen. Denn, wollte man auch annehmen, dass es gleich nach dem Jahr 1373, wo es doch noch bewohnt war, verlassen worden wäre, so würde es seit der Zeit, oder in den seitdem verflossenen 431 Jahren, nicht so ganz und gar haben verfallen können, wie wir es jetzt finden, sondern es würden wohl noch mehrere Reste stehen.

Bei der Teilung des Fürstentums Anhalt im Jahr 1603 wurde dieses Schloss, da die Herzöge von Anhalt alle den Namen davon führen, als eine gemeinschaftliche Besitzung beibehalten, und keinem der gemachten Anteile zugelegt. In dieser Verfassung befindet es sich noch. Die Ruine gehört den jetzigen drei Anhaltschen Fürstenhäusern Bernburg, Dessau und Köten gemeinschaftlich; Grund und Boden aber ist Bernburgisch.

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Becmann und Bertram in ihren Geschichten des Fürstentums Anhalt, so wie eigne Besichtigung, lieferten diese wenigen Nachrichten. Eine Abbildung des Schlosses, wie es einmal war, finde ich nirgends. Von seiner jetzigen Beschaffenheit möchte eine Darstellung zu unbedeutend sein.