Achtung: Die besten Amazon Angebote gibt es heute auf dieser Seite (hier klicken)

Prinzessin Christine saß noch immer träumerisch am Fenster.

Prinzessin Christine saß noch immer träumerisch am Fenster. Unten donnerte ein Wagen nach dem anderen heran, sie hörte es schon lange nicht mehr. Die Vergangenheit hatte sie gänzlich gefangen genommen. Nun sprang sie fast erschrocken auf. Es mußte schon spät sein. Wahrhaftig, schon beinahe halb neun! Als sie das rote Kabinett betrat, fand sie ihren Bruder und seine Gemahlin bereits vor. Das erbprinzliche Paar bewohnte das nahegelegene kleine Palais, welches aus der Zeit stammte, in der das heutige Schloss noch nicht stand.

„Endlich, Christine!“ rief die Erbprinzessin Anna Luise der Eintretenden entgegen. „Ich komme einfach um vor Langeweile! Solch ein Hofball ist doch ein schauderhaftes Vergnügen! Vorher heißt es: Lauern und gähnen, nachher ständern und grinsen - ich laufe nächstens einfach davon, Ernst, hörst du, ich laufe davon!“


Damit fasste sie ihren Gemahl übermütig an beiden Schultern und blickte ihn mit ihren blitzenden, schwarzen Augen herausfordernd an.

„Bitte, lass mich, Anna Luise, ich bin nicht aufgelegt, um Unsinn zu treiben.“

Die Stimme des Erbprinzen klang müde, und es zitterte ein schwermütiger Ton darinnen durch.

Sie schnitt ihm eine ungezogene kleine Fratze und wandte sich zu ihrer Schwägerin.

„Lass dich doch einmal anschauen, Christine! Du hast ja schrecklich lange gebraucht, um in Wichs zu kommen.“ Damit ging sie musternd um die junge Prinzessin herum und drehte sie nach allen Seiten. Prinzessin Christine wurde rot.

„Anna Luise, es lohnt sich wirklich nicht. Aus mir ist ja doch nichts zu machen.“

„Ach, Unsinn, Kleine! Nichts zu machen? Du hast ein Paar Prachtaugen, aber allerdings, du machst nichts damit. Das ist der Fehler! Sieh doch einmal mich an, bin ich denn etwa eine Schönheit?“

Nein, eine Schönheit war Prinzessin Anna Luise nicht: ein feines, pikantes Gesichtchen auf einer eleganten, graziösen Figur - das war alles. Oder nein, doch nicht alles, denn über dem Ganzen lag jener eigentümliche, undefinierbare Charme, der mehr wert ist als große Schönheit.

„Aber du gefällst doch immer sehr!“ sagte die junge Prinzessin ausweichend.

„Na natürlich,“ entgegnete die andere lachend. ,,Ich amüsiere eben die Leute, das ist das ganze Geheimnis! Himmel, als Prinzessin ist das wahrhaftig kein Kunststück! Man sagt eben alles einfach heraus, was die anderen nur denken dürfen - unsereinem wird ja nichts übel genommen. Unglaublich, was sich die Leute alles bieten lassen. Wenn man nicht über sie lachen müsste, könnte man sie verachten mit ihrem feigen Lächeln und ihrem ewigen: „Hoheit treffen doch immer den Nagel auf den Kopf“ und „Hoheit sind gar zu amüsant!“ Pfui Deibel! Erbärmliche Gesellschaft!“

„Aber Anna Luise,“ sagte Prinzessin Christine sanft, „du solltest die Menschen doch etwas mehr achten. Sie hängen eben alle so sehr an Papa und an unserem Hanse.“

Statt einer Antwort pfiff die Erbprinzessin leise vor sich hin. „Weißt du, Christine,“ sagte sie nach einer Weile, „daß ich dich noch auf keinen Hofball anders als irr Weiß gesehen habe? Weißes Kleid, weiße Rosen, weiße Perlen! Ich muss wirklich einmal mit deiner Kammerfrau sprechen. Ich glaube, die Gute wird etwas bequem. Du bist doch kein Geheimratstöchterlein, das immer dasselbe Fähnchen tragen muss.“

„Weiß ist meine Lieblingsfarbe,“ entgegnete Prinzessin Christine kurz.

„Wenigstens solltest du dir lebhaftere Blumen anstecken, es würde dir viel besser stehen.“

„Laß doch, Anna Luise -“

„Ihr mit eurem ewigen: lass doch! Ernst sagt: lass doch! Du sagst: lass doch! Ihr seid zu langweilig!“

Damit warf sie sich gähnend in einen Sessel. Der Erdprinz hatte während des Gesprächs abseits gestanden und trommelte nervös auf den Tisch. Er war ein Mann, bei dessen äußerer Erscheinung man unwillkürlich an die Bilder des großen Napoleon erinnert wurde. kleine, gedrungene Figur, ein blasses Gesicht mit schön geschnittenen Zügen. Nur der Ausdruck derselben entsprach nicht dem berühmten Ebenbilde, er war weich und träumerisch und gab der ganzen Erscheinung etwas kraftlos Müdes. Es war dies zwischen den Geschwistern, die durch einen Altersunterschied von fast zwölf Jahren von einander getrennt wurden, die einzige Ähnlichkeit, aber, was bei der Prinzessin in manchen Momenten als Reiz wirkte, verdarb den Mann.

„Ich begreife gar nicht, wo Papa bleibt,“ sagte der Erbprinz, die Uhr ziehend. „Man muss uns drüben schon längst erwarten. Der Ball sollte bereits vor einer Viertelstunde beginnen.“

,,Natürlich. Die Leute haben sich unbedingt schon die Beine in den Leib gestanden,“ erwiderte die Erbprinzessin. „Nachher fällt die ganze Gesellschaft um wie die Holzpuppen. Ich freue mich schon auf die schwankende Verbeugung der dicken Eickstett. -“

Der Erbprinz begann unruhig auf und ab zu gehen. Manchmal warf er einen beinahe scheuen Blick auf seine reizende Gemahlin, den diese, wenn sie ihn auffing, mit einem ungezogenen Mäulchen quittierte. Endlich sprang sie mit anmutiger Katzengrazie auf und umschlang ihn, ehe er es hindern konnte, von rückwärts mit den Armen. Er sagte nichts, rührte sich nicht, aber Prinzessin Christine sah, wie seine Augen einen anderen Ausdruck bekamen. Sie kannte diesen Ausdruck nnd fürchtete ihn, er ergriff sie immer so eigentümlich.

„Nun sei einmal lieb und setz' dich hier zu mir hin,“ schmeichelte Anna Luise.

Es war seltsam. Prinzessin Christine fühlte sich plötzlich unbehaglich. Instinktiv empfand sie, daß zwischen ihrem Bruder und seiner Frau nicht alles in Ordnung - niemals alles Ordnung war. Es tat ihr weh, und sie hätte so gern etwas gesagt, was den beiden wohl tun konnte, aber sie wußte nicht, wie das anfangen. Dem Bruder war sie gleichgültig und der Schwägerin innerlich fremd. Ein Gefühl namenloser Vereinsamung beschlich die junge Prinzessin. Sie beugte sich tief über ein auf dem Tisch liegendes Buch, nur die aussteigenden Tränen zu verbergen. Da fiel ihr Blick wie zufällig auf einige Zeilen.

,,Ach, nur ein Herz möcht’ ich besitzen,
Dran auszuschluchzen all mein Weh!
Ach, ginge nur ein Frühlingsblitzen
Durch all’ der Berge schönen Schnee!“

Es traf sie wie eine Erleuchtung. Ja, das war’s, was ihr fehlte: ein Herz, ein einziges Herz! Und plötzlich fühlte Prinzessin Christine, daß auf der ganzen Welt niemand ärmer sei, als solch ein armes, reiches Fürstenkind.

Draußen klangen Schrille, rasche, energische, federnde Schritte. Das war der Herzog. unwillkürlich erhob sich die Erbprinzessin aus ihrer nachlässigen Hallung. Kein Wunder, denn die Gestalt, welche in der geöffneten Flügeltür erschien, war umgeben von wirklicher Hoheit. Eine schlanke, vornehme Gestalt, ein hoch und frei getragenes Haupt mit stolzen, scharfgemeißelten Zügen. Dichtes, weißes Haar über der hohen Denkerstirn, nur den Mund ein Zug von Eigenwillen, fast von Härte, und Augen von einer Leuchtkraft, die einem Zwanzigjährigen Ehre gemacht hätte. Er begrüßte die Prinzessinnen kurz uud kühl und wandte sich zu seinem Sohn.

„Ich hatte gewünscht, dich heute nachmittag zu sprechen. Du bist nicht gekommen.“

Die Stimme des alten Herrn klang schneidend. Dieser Mann war gewohnt zu befehlen.

„Verzeihung, Vater, ich hatte mich wieder einmal ganz in meine Bücher vertieft.“

Das Falkenauge des Herzogs blitzte. ,,Ich wünsche, daß du als deine einzige und erste Sorge betrachtest, deinem Lande einst ein tüchtiger Regent zn werden. Und nun kein Wort mehr. Es ist die höchste Zeit, dast wir den Ball eröffnen.“

Drüben in dem lichtdurchfluteten Saal stieß der Hofmarschall den Stab auf die Erde. Der Hof nahte. Endlich! Das lebhafte Stimmengeschwirr verstummte jäh. Wer noch nicht Aufstellung genommen hatte, suchte seinen Platz. Auf der einen Seite standen die verheirateten Damen, auf der anderen die jungen Madchen: einige, welche noch nicht vorgestellt waren, ein wenig ängstlich ausschauend; andere kichernd, weil irgend jemand im letzten Moment einen Witz gemacht hatte; noch andere, schon gewiegtere, ernsthaft, beinahe feierlich, wie es der Augenblick erforderte. Am Ende des Saales der große Haufe Herren, auf den ersten Blick einer wie der andere anzusehen: alle dieselbe Husarenuniform, dieselbe undurchdringliche Dienstmiene, setzt à tempo derselbe tiefe Diener - der Hof war erschienen.

Man hielt Cercle. Die Staatsdame Gräfin Diebitz, welche bei solchen Gelegenheiten das Amt einer Oberchofmeisterin versah, geleitete die fürstlichen Damen und stellte vor, wo es nötig. Prinzessin Christine ging dicht hinter ihrer Schwägerin. Die Erbprinzessin hatte die glückliche Gabe, bei solchen Gelegenheiten nie um passende Worte verlegen zu sein. Es war zwar meistens immer dasselbe, was sie sagte, aber es war doch etwas. Prinzessin Christine staunte sie immer an. Sie wußte für die Welt nichts zu sagen. Ob sie sich vorher auf ihrem Zimmer auch alles tausendfach überlegte - der Lichterglanz, die vielen fremden Gesichter, und fort war alles! Vor sich hörte sie die Erbprinzessin zu der jungen Frau des Rittmeisters von Dewitz sagen. „Na, was macht Ihr Junge? Ich habe ihn neulich im Schloßgarten brüllen hören. Famoses Organ! Und ganz die Nase vom Vater.“ Die junge Frau strahlte. Sie wußte ja nicht, daß die Erbpriuzessin zu anderer Zeit gerne über die „Regennase“ des guten Rittmeisters spottete.

Prinzessin Christine stand indessen noch immer vor der alten Exzellenz Eilstett - hülflos und tödlich verlegen. Die gute alte Dame hatte in der Verzweiflung schließlich selbst das erste Wort ergriffen. Nun hatte Prinzessin Christine das deutliche Gefühl, daß sie schon aus Dankbarkeit auch endlich etwas sagen müsse - aber ihr fiel durchaus nichts ein. Sie hatte kaum verstanden, was die alte Dame gesagt, in ihrem Herzen klangen noch immer die Worte des tiefschwermütigen, leidenschaftlichen Gedichtes: „Ach, nur ein Herz mocht’ ich besitzen!“ und plötzlich fühlte sie, wie ihr wieder die Tränen in die Augen schossen, brennend heiß, und sie hätte sich irgendwo verkriechen mögen, wo sie niemand sah und hörte.

In diesem Augenblick setzte die Musik ein. Die Erb-Prinzessin hatte ihre Tour bei den verheirateten Damen vollendet. Die jungen Mädchen kamen mit einem allgemeinen Nicker ab, die Herren desgleichen, nur mit der Zugabe eines kleinen Spitzbubenlächelns zu diesem und jenem hinüber; nun, man sprach sich ja nachher noch. Die Hauptsache war, daß man die alten Damen überstanden hatte. Erst die Pflicht und dann das Vergnügen, hieß es in Prinzessin Anna Luises Programm.

Prinzessin Christine war im Arm ihres Bruders durch den Saal geglitten. Der Erbprinz tanzte nicht gut, und die Hand, welche ihre Taille umfing, zitterte nervös.

„Was ist dir, Ernst?“ fragte die Prinzessin, als sie stehen blieben, besorgt. „Du siehst elend aus.“

Er schüttelte den Kopf, und sie fühlte, daß er nur halb zuhörte. Seine Augen hingen am gegenüberliegenden Ende des Saales. Dort hatte die Erbprinzessin einen kleinen Hofstaat von Herren um sich versammelt; man lachte und schien sehr vergnügt zu sein. Prinzessin Christine fühlte ein tiefes Mitleid mit ihrem Bruder in sich aufsteigen, sie wußte selbst nicht, warum. Dann kam der Adjutant von Blissen mit der Tanzkarte. Man hatte nur die Quadrillen engagiert, in Anbetracht, daß das Fest nur klein war und nur die Gesellschaft von Herrenburg vereinigte. Prinzessin Christine konnte Blissen nicht leiden.

Der große, hübsche Mensch, in dem die meisten etwas ganz besonderes sahen, war ihr nichts, als einer jener entsetzlich langweiligen Statisten, die nun einmal zum Hofe gehören.

„Wollen Hoheit die Gnade haben, noch über die Fran?isse zu bestimmen.“

Ach ja, die Fran?aise! Prinzessin Christine hatte nur auf zwei Quadrillen gerechnet. „Ich möchte sie mit Herrn von Ramberg tanzen.“

„Zu Befehl, Eure Hoheit!“ Der Adjutant verneigte sich tief, aber der Prinzessin war es nicht entgangen, wie ein Ausdruck von Enttäuschung über das hübsche Gesicht flog. Der eitle Mensch war verletzt, er hatte für sich selbst so sicher auf diese Frau?aise gerechnet.

Prinzessin Christine bemerkte es ohne Bedauern. Mochte er es empfinden! Er suchte ja in ihr doch nur die Prinzessin. Eitelkeit, nichts als Eitelkeit!

„Na Blissen, erreicht?“ rief ihm die Erbprinzessin lachend zu, als er mit gekränkter Miene durch den Saal kam.

„Leider nein, Hoheit -“

„Nicht möglich, Blissen! Na, nehmen Sie sich’s nicht zu Herzen. Kommen Sie her, ich werde Sie trösten. Wollen Sie die zweite Quadrille mit mir tanzen?“

„Eure Hoheit machen muh unbeschreiblich glücklich -“

„Um alles in der Welt, Blissen, nur kein langes Gequassel! Sonst platze ich rettungslos heraus, und das könnte meiner erbprinzlichen Würde doch Abbruch tun - ja, meiner Würde. Was lachen Sie eigentlich, Blissen?“

„Hoheit sagen das mit einer unvergleichlichen Miene.“

„Sagen Sie mal, Blissen, können Sie sich nicht für die Quadrille ein bißchen Witz zulegen? Herr dir meine Güte, nun schneiden Sie schon wieder eine Grimasse. Das soll ja nur ein kleiner Dämpfer sein auf das „unbeschreibliche Glück“. Verstehen Sie, ich meine es schrecklich nett mit Ihnen. Übrigens, wer ist denn eigentlich der Glückliche, den Prinzessin Christine sich erkoren hat?“

„Herr von Ramberg, Eure Hoheit.“

„Ach, der kleine Leutnant, der neulich herversetzt wurde?“

„Keine Ahnung, Eure Hoheit. Unsereins kann wirklich nicht jeden kleinen Leutnant kennen.“

„Wie er sich tut, Hoheit! Alter Freund, wir kennen uns doch noch vom Kadettenkorps her!“ Es war Graf Eixen, ein junger Offizier aus der Suite der Erbprinzessin, der das bemerkte.

Sie hatte immer ein kleines Gefolge um sich, und es war selten die langweiligste Ecke des Saales, wo dieser kleine Kreis tagte. Auch jetzt waren sie wieder vollzählig beisammen. Da war der Kammerherr Freiherr von Lippoltstein, ein ältlicher Hofmann mit schlaffen Zügen und einem sarkastischen Lächeln. „die böse Zunge“ wie er in der Gesellschaft hieß, dann: der kleine „Prinz Putzli“ - es war schon längst unmöglich geworden, hinter seinen eigentlichen Namen zu kommen, es hieß, es solle der sehr lange und sehr klangvolle eines kleinen süddeutschen Standesherrn sein, aber, wie gesagt, es war nichts Sicheres festzustellen.

Kein Wunder, wie hätte auch etwas Langes, Hochtrabendes zu dem winzigen Prinzen gepaßt. „Putzli“, das entsprach vollkommen der Spielzeugerscheinung des kleinen Husaren. Eigentlich war er furchtbar niedlich mit seiner zierlichen Figur, dem rosigen Puppenjungengesicht und den harmlosen, himmelblauen, immer weit geöffneten Angen. Neben ihm stand Herr von Glimmer, einer jener blonden, norddeutschen Riesen, deren von Haus aus robuste Gestalt nur durch beständiges Trainieren jene unwahrscheinliche Hagerkeit erhält, welche für den Sport auf dem grünen Rasen unerläßlich ist. Man sah ihm den Renner auf hundert Schritte weit an: gebeugte Haltung, schlaff und doch sehnig, blasse Gesichtsfarbe und heiße, unruhige Augen, die den Beschauer selten voll und gerade anblickten. Ein undurchdringliches Gesicht für den Nichteingeweihten, für den Kenner nur der Typus jener sonderbaren Spezies Menschen, die auf dem Rennplatz leben und sterben und deren Charakter sich aus eiserner Energie und kopfloser Leidenschaft zusammensetzt.

„Graf Eixen,“ wandte sich die Erbprinzessin wieder an den jungen Offizier, der zuletzt gesprochen hatte, „davon müssen Sie mir mal ausführlich erzählen, ich meine von der Zeit, wo Sie mit Blissen Kadett gewesen sind. Blissen, damals waren Sie sicher prachtvoll. Man denke sich Sie ohne Lackschuhe, ohne Monokel, ohne ,Es ist erreicht?!“

„Nicht wahr, Eure Hoheit, da muß eigentlich gar nichts von ihm übrig geblieben sein,“ sagte der Baron Lippoltstein.

Man lachte. Nur der lange Renner verzog keine Miene. Zerstreut stand er in dem kleinen Kreis, und manchmal suchte sein unruhiges Auge mit seltsam leuchtendem Blick die Erbprinzessin.

„Pst!“ mahnte Anna Luise. „Der Herzog wird aufmerksam. Sie wissen, er ist noch aus der allen Schule: ein unziemliches Lachen bei Hofe – shocking!“

„Aber ich bin auch noch aus der allen Schule,“ entgegnete der Baron mit einem wehmütigen Wiegen seines bereits stark ergrauten Kopfes, „und ich begreife durchaus nicht das Lachen dieser Herren. Ich versichere, es war ganz ernsthaft gemeint.“

„Armer Blissen!“ rief die Erbprinzessin mit gutmütigem Spott. „Machen Sie schnell, daß Sie fortkommen! Wir wollen noch mehr über Sie klatschen! Gehen Sie nur Ihren Pflichten nach und holen Sie der Prinzessin ihren Tänzer.“

Blissen ging. Er tat es ungern, denn er amüsierte sich nirgends besser, als in dem Kreise der Erbprinzessin. Es focht ihn auch nicht im geringsten am daß er dort häufig die Zielscheibe des Spottes war. Es gibt Menschen, die sich und über sich alles sagen lassen, wenn nur zu ihnen und über sie überhaupt etwas gesagt wird. -

Prinzessin Christine nahm inzwischen die Vorstellung einiger jungen Damen entgegen. Es ging dieses Mal über Erwarten gut. Die Prinzessin fand für Fräulein von Hatzfeld, Tochter des neuen Kommandeurs der Herrenburger Husaren, einige freundliche Worte. Das noch sehr junge Mädchen war ja auch so schrecklich verlegen, daß es der Prinzessin förmlich ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit gab.

Unterdessen hatte Blissen den jungen Ramberg glücklich gefunden.

„Ihre Hoheit, die Prinzessin Christine, wünschen mit Ihnen die Fran?aise zu tanzen.“

Der junge Offizier verneigte sich leicht. Er schien nicht die Spur überrascht oder gar geschmeichelt zu sein, wie Blissen bestimmt erwartet hatte. Wie kam überhaupt die Prinzessin dazu, diesen kleinen, fremden Leutnant zu befehlen? Die Antwort auf diese Frage, die er sich innerlich vorlegte, gab ihm der junge Offizier selbst.

„Die Prinzessin und ich sind Gespielen aus der Kinderzeit.“

„Ach so.“ Blissen entsann sich plötzlich, einmal von einem früheren Kammerherrn von Ramberg gehört zn haben. Wahrscheinlich der Sohn?

„Mein Vater war früher bei Ihrer Hoheit der hochseligen Herzogin Charlotte Kammerherr.“

Es war hohe Zeit gewesen, daß Blissen sich seines Auftrages entledigte. Man begann bereits die Aufforderung zur Fran?aise zu spielen.

Der schöne Adjutant des Herzogs lehnte sich lässig in die Türe des Saales. Er hatte selbstverständlich nicht engagiert. Blissen tanzte grundsätzlich nur mit Prinzessinnen, sehr hübschen Hofdamen oder ganz besonderen „Sternen“. Der junge Ramberg kam hastig auf ihn zu. Eigentlich ein hübscher, netter Kerl, mußte sich der Adjutant gestehen.

„Verzeihung, Herr von Blissen! Sie haben noch nicht engagiert?“

„Nein -“

„Ach, würden Sie vielleicht die Güte haben, mit Fräulein von Hatzfeld zu tanzen? Ich hatte die Dame engagiert, ehe mich die Prinzessin befahl, und es würde mir leid tun, wenn sie nun nicht tanzte.“

Blissen machte ein ziemlich abweisendes Gesicht. Er mit der kleinen Hatzfeld tanzen? Welche Idee!

„Blissen, keine Umstände, die Herren sind knapp, es ist kein anderer mehr aufzutreiben,“ mahnte in diesem Augenblick Graf Eixen, der Vortänzer. „Haben Sie sich doch nicht so!“

Blissen ging.

„Schadet dir gar nichts, mein Junge, daß du auch mal an die jungen Mädchen 'ran mußt,“ lachte der Graf höhnisch hinter ihm her.

Ramberg begab sich zu seiner hohen Tänzerin. Man hatte Aufstellung genommen. Die Musik setzte ein, heiße, sehnsuchtsvolle Musik.

„Ich habe Sie gleich wieder erkannt, als ich Sie vorhin unter den anderen Herren stehen sah,“ sagte Prinzessin Christine zu ihrem Tänzer.

Das war wohl kein Wunder; dieses Gesicht vergaß man nicht so leicht. Es war etwas Besonderes an ihm, etwas, das sich schwer ausdrücken ließ. Jemand hatte einmal behauptet, es sei eine sehr selten vorkommende Mischung von Weichheit und Schärfe, welche diesem jungen Gesicht das ihm eigentümliche Gepräge verleihe. Es mochte wahr sein. Prinzessin Christine grübelte nicht darüber. Für sie war es einfach das liebe, bekannte Gesicht eines alten Freundes.

Damals, in jenen stillen Sommertagen, die sie mit der kranken Mutter auf Schloß Herrenburg zubrachte, war ihr der Sohn des Kammerherrrr von Ramberg immer der liebste von den Spielgefährten gewesen, welche für die herzoglichen Kinder eingeladen wurden. Er hatte so etwas Besonderes gehabt, er glich so gar nicht den anderen Jungen. Es war etwas gewesen, was ihn von diesen trennte, etwas Vornehmes, Stilles, in sich Zurückgezogenes. Und heute, nach zehn Jahren der Trennung, zehn Jahren, die jeden von ihnen so grundverschiedene Wege geführt hatten, war es ganz dasselbe zwischen ihnen. Da war wieder das alte Vertrauen, die alte Sympathie und das stille, selbstverständliche Verstehen.

„Eure Hoheit verzeihen, ich glaube, wir müssen tanzen.“ Ihm kam es zuerst zum Bewußtsein, daß sie im Eifer der Unterhaltung die Tour beinahe versäumt hätten.

Das Lächeln auf Prinzessin Christines Lippen erstarb; der schöne Traum der Kindheit, in den sie ihr Gespräch zurückversetzt hatte, versank sah; sie sah wieder den Tanzsaal, die fremden, eleganten Menschen, hörte das Knistern der Schleppen, das Klirren der Sporen und das leise, tiefe Lachen der Erdprinzessin, die sie ein wenig mokant anblickte. Sie machte einige hastige Pas, ungraziös und verlegen. Sie war wieder die kleine, hilflose Prinzessin, die von der Last ihrer Stellung, von den Blicken, die auf ihr ruhen, erdrückt wird. Drüben wurde sie von dem Erbprinzen empfangen. Er blickte sie nicht an, unempfindlich und kalt lagen ihre Hände ineinander, und dabei kam der Prinzessin der Gedanke, wie viel natürlicher es sein würde, wenn nicht der Erbprinz, sondern der junge Leutnant da drüben ihr Bruder wäre, und diese Vorstellung hatte für sie etwas eigentümlich Erwärmendes. Sie lächelte Herrn von Ramberg freundlich zu, als sie zurückchasfierte. Dieses Lächeln gab ihr den Charme eines Kindes.

„Hoheit haben sich auch nur wenig verändert,“ sagte er.

„Ja, finden Sie? Äußerlich vielleicht nicht. Man sagt immer, ich sähe meinen Kinderbildern noch jetzt ähnlich; aber ich glaube, innerlich bin ich ganz anders geworden. Wissen Sie noch, wie stolz ich früher darauf war, eine Prinzessin zu sein? und jetzt finde ich es gar nicht mehr schön“

Er mußte lächeln. Diese letzte Wendung kam ihm unerwartet, sie hatte etwas gewaltsam Herbeigezogenes. Er kannte das noch so gut an ihr von früher her. Es war ihre Art, wenn sie sich einer bedrückenden Stimmung entledigen wollte. Und ganz leise schlich in sein Herz ein Gefühl der Befriedigung darüber, daß sie zu ihm noch immer so viel Vertrauen besaß. Es war nicht die Prinzessin, die ihm schmeichelte, das hatte er nie gekannt. Merkwürdig, es wurde ihm immer schwer, dieses scheue Geschöpfchen „Hoheit“ zu nennen.

„Ja,“ sagte er, „es muß sehr einsam sein, auf den Höhen des Lebens zu stehen.“

In ihren Augen leuchtete es auf. Einsam sein! Ja, darin lag der Mangel ihres Lebens! Sie hatte das lange unklar gefühlt, bei seinen Worten trat es mit voller Gedankenschärfe in ihr Bewußtsein. Sie wollte ihm das gerne sagen, aber wie sie damit anfing, wußte sie sich nicht recht auszudrücken.

Er blickte sie aufmerksam an, er begriff zuerst nicht ganz, was sie meinte, aber dann führte ihn der unfehlbar richtige Instinkt, den er für ihre Natur besaß.

„Es ist, als ob man lange eine Melodie kennt, nnd dann sagt einem jemand die Worte dazu, nicht wahr?“

„Ja, so ist es,“ erwiderte sie. „Wie hübsch Sie das sagen. Es klingt beinahe wie ein Gedicht.“

„Hoheit lieben Gedichte?“

„Ja, manche. Ich kenne nicht viel. Heute las ich ein sehr schönes. Der Inhalt war fast dasselbe, was Sie eben sagten.“

„Besinnen sich Euer Hoheit auf den Namen des Dichters?“

,,Ich glaube, er hieß Grotthuß.“

„Also ein ganz neuer. Ich hörte oft von ihm. Mein Vater interessiert sich für seine Sachen. Er versteht überhaupt sehr viel von dergleichen.“

,,Wo ist Ihr Herr Vater augenblicklich?“ wollte sie wissen. Er erzahlte ihr, wie der alte Herr vor einigen Jahren sein Gut verpachtet habe, weil seine Gesundheit ihm die Bewirtschaftung desselben nicht mehr erlaube. Binnen kurzem werde er von einem längeren Aufenthalt in Italien zurückkehren. Das Herrenhaus in Rechow sei selbstverständlich im Pachtkorrtrakt für ihn reserviert.

Sie wurden unterbrochen. Die Reihe zu tanzen war wieder an ihnen.

Als sie an ihren Platz zurückgekehrt waren, sagte die Prinzessin: „Sehen Sie doch, Fräulein von Hatzfeld macht immer Konfusion. Warum sagt ihr Herr vorr Blissen nicht ein wenig Bescheid?“

Er zögerte einen Augenblick mit der Antwort. Konnte er der Prinzessin den wahren Sachverhalt sagen? Der neue Kommandeur war unbeliebt, die Tochter weder hübsch noch bedeutend, so wurde sie eben übersehen. Im Leibhusarenregiment war jede Schusterei verpönt. Blissen ließ seiner schlechten Laune über die unerwünschte Tänzerin freien Lauf. Ramberg schwankte noch immer. Ach Unsinn, dieser Blissen verdiente gar keine Schonung und die arme kleine Hatzfeld tat ihm auch leid. Er zuckte die Achseln. „Es lohnt ihm wohl nicht.“ Da war die tiefe, scharfe Falte um den weichen Mund. Ja, es hatte schon seine Richtigkeit mit der seltsamen Mischung, von welcher einmal jemand gesprochen hatte.

„Es lohnt ihm wohl nicht? Wie meinen Sie das?“

Da wurde ihm klar, daß seine junge Freundin eine Prinzessin war, eine echte Prinzessin, die dem wirklichen Leben fremd wie ein Kind gegenüber stand, das keine Ahnnng hatte, daß es da einen Kampf gab, einen Kampf zwischen reich und arm, hübsch und häßlich, hoch und niedrig; daß es Menschen gab, die ohne Grund geachtet oder verachtet, umschmeichelt oder ignoriert wurden - einen Kampf um nichts, das doch allen so unendlich wichtig war. Und die, zu deren Füßen die schmutzigen Wogen dieses Kampfes fort und fort schlugen, um deren Gunst oder Ungunst sich so vieles dabei drehte, die standen ahnungslos, verständnislos auf ihrer Höhe und froren vor Ruhe und Einsamkeit. Ramberg sagte der Prinzessin das alles; er sprach kurz und knapp, er gehörte zu den Menschen, welche nur so kühler scheinen, je erregter sie werden. Gerade darum wirkten seine Worte. Die Farbe in ihrem blassen Gesicht kam und ging, während sie ihm zuhörte.

Plötzlich blitzte es in ihren Augen auf - es sah beinahe böse aus. Sie hatte verstanden, sie war empört.

„Herr von Blissen,“ rief sie heftig, „so helfen Sie doch Fräulein von Hatzfeld!“

Sie hatte laut genug gesprochen, nur von den zunächst tanzenden Paaren gehört zu werden.

Die Unterhaltung stockte jäh, und viele Blicke richteten sich auf den schönen Adjutanten des Herzogs.

Blissen war über und über rot geworden vor Wut und Beschämung. Der hübsche, oberflächliche Mensch, der es ohne Scham fertig brachte, eine Dame zu blamieren, weil sie ihm als Tänzerin nicht erwünscht war, glaubte eine Zurechtweisung nicht ertragen zu können, nicht etwa, weil sie gerecht war, sondern weil sie von seiten „Ihrer Hoheit“ kam.

Die Fran?aise war zu Ende. Galopp! In rasendem Tempo wirbelten die Paare durcheinander, nach den ruhigen, rhythmischen Figuren des Kontretanzes zu einem wüsten Spiel des Zufalls aufgelöst. Die Musik raste - seichte unschöne Musik. Auch die schlechtesten Tänzer wurden flott. Prinzessin Christine lehnte sich erschöpft gegen die Wand. Sie liebte die wilden Tänze nicht. Neben ihr stand die kleine Hatzfeld. Prinzessin Christine wandte sich nach ihr um und sprach sie an.

„Wie lange sind Sie eigentlich schon in Herrenburg?“

„Kaum drei Monate, Hoheit.“

„Nun, da werden Sie sich schon einleben.“

Das kleine Ding lächelte traurig. „Ach, Hoheit, ich glaube kaum.“

Es klang so viel Resignation aus den Worten, daß die Prinzessin unwillkürlich stutzte. Bis jetzt hatten ihr Neuankommende immer nur versichert, daß es ihnen ausgezeichnet in Herrenburg gefiele. Sie wurde ein wenig verlegen, aber zugleich hatte sie das ganz deutliche Gefühl, der Kleinen etwas Freundliches sagen zu wollen. So streckte sie dem jungen Mädchen einfach die Hand hin und sagte: „Sie glauben gewiß, daß Sie hier niemand leiden mag, liebes Fräulein von Hatzfeld. Sie müssen das nicht denken! Ich mag Sie sehr gerne, Sie haben mir gleich so besonders gut gefallen.“

Herr von Glimmer kam zu einer Extratour.

Als sie wieder standen, sagte die Prinzessin: „Ach bitte, tanzen Sie doch mit Fräulein von Hatzfeld, sie ist so nett.“
Darauf hob der Renner einen Augenblick die langen Wimpern von den verschleierten, unsicheren Augen, dann lächelte er nachsichtig.

„Wie Hoheit befehlen.“

Prinz Putzli kam auch heran. Die Suite der Erbprinzessin hatte sich für einige Minuten aufgelöst, um ihren Verpflichtungen nachzukommen. Man war doch nicht nur zum Vergnügen auf dem Ball.

Die Erbprinzessin lehnte sich in einen Sessel zurück.
„Kommen Sie her, Glimmer,“ sprach sie den zurückkehrenden Renner an. „Ich bin scheußlich müde. Erzählen Sie mir mal von Ihren letzten Rennerfolgen. Übrigens, Sie sehen miserabel aus.“

„Nun ja, Euer Hoheit - die Nerven werden durch den Sport nicht gerade aufgebessert. Was tut’s? Es bleibt doch ein herrliches Vergungen.“

„Sie sind für einen Renner überhaupt ein viel zu langes Ende,“ fuhr sie fort, „aber warten Sie nur, wenn Sie mal erst eine Frau haben!“

Er machte eine ablehnende Bewegung und blickte sie mit seinen seltsamen, verschleierten, leidenschaftlichen Augen an, ein wenig schwermütig sah’s aus, ein wenig forschend, ein wenig wägend.

Sie drohte ihm lächelnd mit dem Finger. Sie kannte ja so gut die kleine Schwärmerei, die der blonde Riese für sie besaß, und es machte ihr Spaß, ihn etwas zu verziehen.

Prinzessin Christine und Prinz Putzli hatten inzwischen aufgehört zu tanzen. Mit dem kleinen Putzli stand die Prinzessin auf etwas vertrauterem Fuße, wie mit den anderen Offizieren. Als Standesherr gehörte er doch „halb und halb mang die Fürschten“, wie die Erbprinzessin sich auszudrücken pflegte.

„Wollen Sie nicht auch einmal mit Fräulein von Hatzfeld tanzen?“ begann die Prinzessin.

Der kleine Putzli schüttelte sich sehr respektlos.

„Wenn Hoheit befehlen, selbstverständlich. Aber auch nur dann.“

„Warum?“ wollte sie wissen.

„Hatzfelds - Euer Hoheit kennen sie gewiß noch nicht näher?“

„Doch! Ich sprach vorhin eine ganze Weile mit der Tochter.“

„So -“ Prinz Putzli wußte eigentlich nicht mehr recht, was er sagen sollte. Es wurde ihm schwer, seine Behauptungen zu begründen, denn zusammenhängende Sätze sprach er nur selten und ungern. Darum zog er es auch jetzt vor, den Befehl der Prinzessin auszuführen, anstatt die Unterhaltung fortzusetzen.

Fräulein von Hatzfeld tanzte, tanzte sogar viel. Prinzessin Christine sah es mit Frenden. Sie wußte, es war ihr Verdienst. Zum erstenmal, seit sie erwachsen war, empfand sie es als eine Befriedigung, die Tochter des regierenden Herzogs zu sein. -

Der Ball neigte sich seinem Ende zu. Man war bereits beim Blumenwalzer. Prinzessin Christine wurde mit Sträußen überschüttet. Sie nahm sie achtlos hin, sie waren ihr etwas Gewöhnliches. Diese Fülle galt ja gar nicht ihr, sie galt nur der „Hoheit“.

Da stand Herr von Ramberg vor ihr. Er sah sie, während er ihr sein Bukett reichte, mit seinen hübschen, blauen Augen an, in denen immer ein weicher, tiefer Glanz schimmerte, auch wenn der Mund noch so herb erschien. Das wußte sie ganz genau: dieser eine Strauß galt nicht der ,Hoheit“ Nach dem Tanz zeigte er ihr ein zweites Bukett, das er noch in der Hand hielt.

„Diese Blumen bekommt Fräulein von Hatzfeld.“

Sie blickte dankbar zu ihm auf. Alle anderen hatte sie erst bitten müssen, ihrer kleinen Freundin ein Bukett zu bringen, er hatte sie so verstanden. Sie erwiderte kein einziges Wort, sie wollte ihm auf seine Art danken - ohne Worte.

Der Hof befand sich im Aufbruch. Es war ein wenig stiller im Saal geworden. Mit einer gewissen Andacht verfolgte man die Herrschaften, welche, noch hier und da einen Augenblick verweilend, bei diesem oder jenem stehen blieben.

Herr von Glimmer hielt den Umhang der Erbprinzessin. Er trug denselben schon seit einer Viertelstunde herum.

Anna Luise konnte sich noch immer nicht zum Aufbruch entschließen. Es war das ihre Art, wenn sie sich amüsierte.

Prinz Putzli durfte die Buketts halten, die in ihrer stattlichen Fülle den kleinen Husaren fast verbargen.

„Na, Glimmer, nun geben Sie mir die Fladdruse um,“ sagte Anna Luise endlich.
Vorsichtig und ungeschickt, wie Herren sich bei solcher Gelegenheit zu benehmen pflegen, erfüllte der Renner den Befehl. Es dauerte merkwürdig lange, bis er damit zustande kam.

„Herrjeh, was zittert Ihre Hand!“ rief Anna Luise ehrlich erschrocken. „Ich halte Ihnen aber auch kein einzig Mal mehr den Daumen auf dem grünen Rasen.“ - Draußen legte die Erbprinzessin den Arm um die feine Taille ihrer kleinen Schwägerin.

„Na, war's schon mit dem Spielkameraden?“

„Mit wem meinst du, Anna Luise?“

„Nun mit dem Bamberg oder Ramberg oder wie er heißt. Ihr kennt euch doch von früher her. Man konnte das merken in der Fran?aise.“

Sie zwinkerte ein wenig mit den Augen. Unnötige Mühe! Prinzessin Christine hatte sie nie verstanden!

„Ja, wir haben uns gut unterhalten,“ sagte sie einfach.
Es mochte in dieser reinen Unbefangenheit etwas liegen, was selbst der Erbprinzessin Schonung aufzwang. Sie sagte nichts mehr, sondern küßte ihre kleine Schwägerin mit ungewöhnlicher Zärtlichkeit zur guten Nacht.

Als Prinzessin Christine ihr Toilettenzimmer betrat, fand sie die Kammerjungfer schlafend. Die Arme! Sie hatte die ganze Nacht gewacht! Die Prinzessin berührte leicht den Arm der Schläferin, die erschrocken auffuhr.

„Arme Erna, wie müde Sie sind! Bitte, machen Sie mir nur noch schnell das Kleid auf und dann gehen Sie gleich zu Bett.“

Es war umsonst, daß Erna bat, ihrer Herrin noch weiter helfen zu dürfen. Die Prinzessin bestand auf ihren Worten.

Als sie allein war, warf sie eine Matinee über und lehnte sich in die Sofaecke zurück. Sie fühlte sich auf einmal gar nicht mehr müde. Und es war so wunderschön, alles noch einmal zu durchdenken. Zum erstenmal in ihrem Leben kam sie mit nicht ganz enttäuschten Gefühlen von einem Ball zurück. Wie verzagt, wie unglücklich hatte sie sich zu anfang des Festes gefühlt, und nun strömte ihr solch warmes, bisher nie gekanntes Glücksempfinden durch alle Glieder. War es möglich, daß man innerhalb weniger Stunden einer solchen Fülle widersprechender Empfindungen fähig sein konnte? Ihr fiel die kleine Hatzfeld ein und wie glücklich sie ihr zugelächelt hatte. Ja, daher kam die hohe Befriedigung ihres Inneren, das war’s! Die letzten Worte ihrer Mutter traten vor die Seele der jungen Prinzessin: „Der liebe Gott verlangt von uns Fürsten, daß nur alle die Menschen, die zu uns aufsehen, glücklich machen, soviel wir können.“ Prinzessin Christine nahm sich vor, diese Worte nie wieder zu vergessen. Andere glücklich zu machen, konnte es Schöneres geben in der Welt? Und wie glücklich man selbst dadurch wurde! Und mit diesem beseligenden Gedanken schliefs sie ein.

Es war noch ziemlich früh am Tage, als Prinzessin Christine erwachte. Verträumt dämmerte der neblige Herbstmorgen durch die rosa Vorhänge ihres Schlafzimmers. Vom Schloßplatz herauf klang Pserdegetrappel. Richtig, heute war ja Jagdreiten. Der Erbprinz und Blissen ritten wohl hinaus. Prinzessin Christine klingelte nach der Kammerjungfer und stand auf.

Der Herzog pflegte sehr früh allein auf seinem Zimmer zu frühstücken. Die Prinzessin ging später zu einem kurzen Gutenmorgengruß zu ihm. Wie stets, so traf sie auch heute den Vater beschäftigt. Er saß an dem großen, einfachen Diplomatenschreibtisch. Manuskripte, Folianten und Bücher aller Art lagen umher. Es war eine Liebhaberei des Herzogs, eigentlich die einzige, die er sich neben seinen Regentenpflichten gönnte, Weltgeschichte zu treiben. Ihr pflegte er die ersten Morgenstunden zu widmen, ehe die Minister zum Vortrag kamen. Der Herzog war auf dem Gebiet der engeren Heimatsgeschichte geradezu Autorität. Seit Jahren arbeitete er an einem ausführlichen Werk über die Vergangenheit seines Landes, dessen Vollendung man auch in Kreisen von Fachleuten mit Spannung entgegen sah.

Als Prinzessin Christine heute bei ihrem Vater eintrat, legte er gegen seine Gewohnheit die Feder aus der Hand und betrachtete das junge Mädchen prüfend. Prinzessin Christine hatte von jeher eine Art von Scheu vor ihrem Vater empfunden; er beachtete sie wenig, und es war ihr nie der Gedanke gekommen, daß er sie lieben könne. Auch heute schlug sie unter seinem kühlen, scharfen Blick die Augen nieder. Er zuckte ein wenig ungeduldig mit den Brauen.

„Merkwürdig, wie du deiner Mutter gleichst,“ sagte er, sie noch immer betrachtend, ,,gerade so still und scheu war sie auch - wenigstens vor mir.“

Es klang nicht ganz ohne Bitterkeit. Die Prinzessin schwieg noch immer. Die Art des Vaters hatte für sie etwas Verwirrendes.

„Sag’ einmal, Kind,“ begann der Herzog nach einer Weile, „was hast du denn Blissen getan?“

Jetzt hob Prinzessin Christine die Augen. Dunkle Glut überflammte ihr Gesicht. „O Vater,“ rief sie, „er hat sich bei dir beklagt? Du ahnst nicht, wie häßlich und unritterlich er gegen Fräulein von Hatzfeld war! Er sagte ihr nicht ein einziges Mal in der Fran?aise Bescheid und litt, daß sie sich vor allen blamierte! Glaube mir, er ist eitel und nicht gut!“

Sie hatte eifrig gesprochen. Die Empörung überwand die Scheu in ihr.

Der Herzog zog die Augenbrauen hoch. In seinen Blicken spiegelte sich freudiges Erstaunen. „Setze dich da ein wenig hin,“ sagte er, auf einen Sessel deutend und sich in den seinen zurücklehnend. „Also für eitel und nicht gut hältst du Blissen,“ fuhr er fort, nachdem die Prinzessin Platz genommen hatte, und ein feines, bitteres Lächeln umspielte dabei seine Lippen.

„Ja, Vater!“

„Setze noch hinzu: und nicht klug, so hast du die Farbe eines kleinen fürstlichen Hofstaates völlig getroffen.“

„O Papa!“ rief die kleine Prinzessin, „es gibt auch andere Menschen!“

Der Herzog machte eine nachlässig wegwerfende Bewegung. „Menschen – o ja! Aber wer sucht nach Menschen an einem kleinen Hofe? Menschen, das sind freie und stolze Geschöpfe, die ihrem Fürsten damit dienen, daß sie auf ihrem eigenen Platze, auf ihrer Scholle, in ihrer Häuslichkeit ihre Pflicht tun. Menschen werden nie ein müßiges Genußleben führen, werden nie Statisten sein, wenn wir spielen.“

Die großen Augen der Prinzessin sahen beinahe angstvoll aus. „Papa, warum brauchen wir diese Statisten?“

„Ja, warum? Mein Kind, der Hofstaat eines Fürsten ist der Wall, der ihn in seiner Stellung schützt. Die Stadt würde in ihren Blößen frei liegen, wenn nicht die schützenden Mauern sie umschlössen. Fürsten, auch die besten, haben Schwächen, aber wir dürfen keine haben in den Augen der Menschen.“

„Aber,“ fragte die Prinzessin leise, „fallen nicht in neuerer Zeit die Mauern um den Städten?“

„Vielleicht,“ erwiderte der Herzog, „mag einst eine Zeit kommen, wo auch diese Schranke sinkt, wo sich Fürsten und Untertanen als Menschen gegenüber stehen. Aber diese Zeit ist jedenfalls noch fern, und ich fürchte, sie wird immer ein Ideal bleiben, dem wir nur in einzelnen großen Momenten ganz nahe kommen, um eine Sekunde lang zu verweilen und dann wieder in die Alltäglichkeit zurückzusinken. Wir können nichts tun, als die Erinnerung an dieses Ideal wach zu erhalten wie ein heiliges Feuer, das wohl jahrelang still glimmt, bis eine große Stunde es neu entfacht.“

Der Herzog schwieg einen Augenblick und suchte in den Manuskripten, die ihn umgaben. „Diesem Zweck sollen diese Blätter dienen,“ sagte er, und sein Blick ging an dem jungen Mädchen vorüber in die Ferne. Die kühlen Augen konnten auch leuchten, aber es war niemals jener Strahl darinnen, der erwärmt. Es war nur der abgeklärte Glanz von Augen, die das Herz nicht mehr bewegen, die nur noch in dem Feuer des Geistes leuchten. „Wir leben in einer Zeit, die ohne große Ereignisse ist,“ fuhr er fort. „In solcher Epoche muß man die Herzen rückwärts lenken auf die großen Wendepunkte der Geschichte. Ich schreibe an einer Chronik unseres Landes. Es ist das Werk meines Lebens. Ich schreibe nicht, wie die Historiker pflegen, das Große wie das Kleine peinlich, objektiv gesehen. Ich schreibe mit dem Blick ans das Große, das andere dient nur dazu, dieses um so leuchtender hervorzuheben. Die Kreuzzüge, die Reformation, die Befreiungskriege, Zeiten, in denen die Wellen von Not und Begeisterung alles Kleinliche hinwegschwemmten. In der Reformationszeit haben sich Fürst und Volk dieses Landes eins gefühlt. Er war ein kluger, feiner Kopf, der damalige Herzog, der als einer der ersten die Wahrheit des Evangelismus erfasste. Aber er war auch eine weiche, unentschlossene Natur da, wo es zu handeln galt, ein tiefer Denker, der alle Kämpfe der Zeit, die nach außen hin eine starke Hand erforderten, in das Innere des Gewissens verlegte. Wie hat da sein Adel zu ihm gestanden, nicht in der feigen, kriechenden Devotion der Höflinge, sondern in Männern, die das freie Wort nicht schenken. Sie haben ihn gehalten, als er schwankte, sie vertrauten seinem Kopf und seiner Überzeugung, und er ihrem Arm, ihrer Begeisterung. Siehst du, solche Zeiten sind die Lichtblicke in der Geschichte der Fürsten. Es werden immer nur Blicke bleiben nach dem ewigen Gesetz des Wechsels, aber sie kommen wieder - sie kommen wieder. -“

Der Herzog schwieg. Die Prinzessin hatte den Kopf aufgestützt, ihre Wangen glühten. Es war das erste Mal, daß der Vater ihr von seinem Denken und Fühlen sprach. Sie war stolz darauf. Aber nach ihrer Art ergriff sie tiefer, als der Blick auf die große Vergangenheit, die Leere der Gegenwart. Sie stand auf und legte mit einer scheuen, zärtlichen Bewegung die Arme um den Hals des Herzogs.

„Vater,“ sagte sie leise und ein wenig unsicher, „in der dürren Zeit wollen wir zusammenhalten.“

Es zuckte über sein Gesicht. Diese weiche, liebevolle Stimme, er kannte sie ja so gut, diese Stimme, die immer nur freundlich die Sorgen des Alltags beschwichtigen wollte. Er strich ein paarmal schnell über das schlichte, dunkelblonde Haar des jungen Mädchens. „Kleine,“ sagte er, und dann noch einmal. „Kleine .“ Es klang halb weich, halb ungeduldig. Sie blickte verwirrt auf, sie fühlte dunkel, sie hatte ihn nicht ganz verstanden. „Es ist nun wohl Zeit - der Minister wird gleich kommen.“

Ein eisiger Schauer durchrann sie. Sie mußte also gehen.

Als der Herzog altein war, blickte er auf das große Frauenbildnis, welches die Wand über dem Schreibtisch schmückte. Es stellte Christines Mutter dar. „Wie sie ihr gleicht,“ dachte der Herzog, „äußerlich und innerlich. Sie ist auch so weich, so recht geschaffen für den freundlichen Alltag. Wir Fürsten brauchen etwas anderes, etwas Festliches, Starkes. -“ Und doch, er konnte den Blick nicht von dem Bilde wenden. Es besaß doch einen eigenen Reiz, dieses blasse, unregelmäßige, sympathische Frauenantlitz. ,,Ja, ja, ich weiß wohl,“ sagte der alte Herzog leise, als wolle er sich bemühen, der Toten gerecht zu werden, „aber das eine, was ich brauchte, das hast du mir nicht geben können, so wenig wie dein Kind es kann: das große Gesicht, das ganze Herz.“ Und von dem Bildnis der Frau irrte sein Blick hinüber, wo an der Wand eine verblaßte, altmodische Lithographie hing, die zwei junge Studenten darstellte. Der eine war er selbst vor Jahren, und der andere - der einzige Freund, den er je besessen hatte. „Detles Ramberg“, kam es leise von den Lippen des Herzogs, „auch du hast mir das eine nicht gegeben, oder ja! Du gabst es mir einst, und dann nahmst dir es mir wieder und schenktest es ihr.“ Und fast feindlich suchte sein Blick wieder das blasse Frauengesicht. -

Als eine Stunde später der Hofmarschall von Seben bei seinem fürstlichen Herrn erschien, sagte derselbe, nachdem man allerlei Fragen des Tages erledigt hatte: „Ich wollte noch bemerken, mein lieber Seben, daß es mir erwünscht wäre, wenn Prinzessin Christine die jungen Damen der hiesigen Gesellschaft ein wenig näher kennen lernte. Die Prinzessin muß eine junge Hofdame haben und kann sich immer noch nicht entscheiden. Ich glaube, meine Tochter kommt zu selten in Berührung mit den Damen.“

„Vielleicht hatten Eure Hoheit die Gnade, zu bestimmen, daß einige jüngere Damen hin und wieder zum Tennisspielen befohlen würden. Es gäbe das eine prächtige Gelegenheit,“ entgegnete der kleine Hofmarschall eifrig.

„Schön, mein lieber Seben, machen Sie die Sache beim Tennisspielen,“ fiel ihm der Herzog kurz ins Wort.

Er kannte die andauernde Begeisterung des kleinen, beweglichen Herrn. Aber so schnell konnte der Hofmarschall eine so interessante Sache nicht für erledigt halten. „Ich bin glücklich, daß Eure Hoheit meinen Vorschlag zu akzeptieren geruhen,“ fuhr er mit leiser Stimme fort, „Eure Hoheit dürften nunmehr nur noch die Namen der jungen Damen bestimmen, welche Enrer Hoheit besonders erwünscht wären.“

„Nun, mein lieber Seben, so überaus groß ist ja die hiesige Gesellschaft nicht, es wird da keine Schwierigkeit in der Auswahl sein.“

„Vergebung, Eure Hoheit -“ der kleine Hofmarschall wand sich wie ein Würmchen, „eine so überaus zarte Angelegenheit dürfte doch mehr Vorsicht erheischen. Ich möchte beinahe behaupten, diese Frage kommt an Delikatesse der Wahl einer Lebensgefährtin gleich.“

Der Herzog lächelte. Manchmal amüsierten ihn die unschuldigen Mätzchen dieser kleinen Kreatur.

„Da Sie die Sache so ernst nehmen, bester Seben,“ sagte er, „so möchte ich mich lieber nicht einmischen, denn ich konnte derselben unmöglich die gleiche Wichtigkeit beimessen, also wird sie durch Sie weit gewissenhafter erledigt. Ich lasse Ihnen zunächst völlig freie Hand.“

Der kleine Hofmarschall war entlassen. Sein verschrumpeltes Gesichtchen legte sich in wichtige Falten; das Arrangement dieser Angelegenheit machte ihm unglaubliche Freude.

Vor der Türe stieß er mit Blissen zusammen.

„Nun, Exzellenz sehen ja so gedankenvoll aus, gab wohl wichtige Verhandlungen da drinnen?“ fragte der Adjutant leichthin.

„Ach, mein verehrter Herr von Blissen, Sie dürfen mir glauben: es ist ja ein unermeßliches Glück, unserm allergnädigsten Herrn zu dienen, aber, mein junger Freund, es ist auch ein schweres, verantwortungsvolles Amt. Sie werden das mit der Zeit auch einsehen.“ - -

Prinzessin Christine wandelte unterdessen an der Seite der Staatsdame Gräfin Diebitz durch den Schloßpark. In angemessener Entfernung folgte ein Lakei, der Malkasten und Staffelei trug, denn die Prinzessin wollte eine Skizze machen. Die Staatsdame war ein wenig verdrießlich, die Strapazen des gestrigen Hoffestes wirkten noch in ihr nach. Es war recht unbequern, daß sie noch immer keine jüngere Hofdame neben sich hatte. Die Prinzessin empfand instinktiv die Gedanken der Gräfin, und in der freundlichen Stimmung, in der sie sich seit dem gestrigen Abend befand, suchte sie ihre Begleiterin aufzuheitern.

„Es ist gewiß recht unbequem für Sie, Gräfin, jetzt mit mir auszugehen,“ begann sie.

Das Gesicht der Staatsdame verzog sich zu einem sauersüßen Lächeln.

„Nun, Hoheit, ich bewundere nur, daß Eure Hoheit nach der gestrigen Ballnacht so frisch sind. Ich fürchte Eure Hoheit werden sich mit dem Malen zu sehr anstrengen.“

„Ach nein, Gräfin,“ erwiderte die Prinzessin eifrig, „ich bin ganz frisch, und der Tag ist so herrlich! Haben Sie je den Schloßgarten schöner gesehen?“

Die Staatsdame seufzte. „Ja, ja, die Jugend.“ sagte sie.

„Wir wollen einen Platz suchen, wo eine Bank in der Nähe ist,“ schlug Prinzessin Christine vor.

„Vor allem sollten Hoheit ernstlich darüber nachdenken, eine jüngere Hofdame zu finden,“ entgegnete die Gräfin. „Es ist ja für Eure Hoheit selbst langweilig, immer in einer so alten Gesellschaft zu sein wie der meinen.“

Die Prinzessin war stehen geblieben. „Von hier aus sieht das Schloß wunderhübsch aus,“ sagte sie, mit den Augen zwinkernd. Sie winkte den Lakei heran und ließ die Staffelei aufstellen. Es war ein schöner Punkt. Von tief herabhängenden Bänmen umrahmt, erhob sich hinter einem weiten Rasenfeld der Bau des alten Rokokoschlosses. Ein leichter Dunst lag in der Lust und tauchte die beschattete Front des Schlosses irr einen blauen Torr, der eigentümlich mit dem Gold der herbstlichen Bäume kontrastierte. Die Figuren auf dem flachen Dach des Schlosses hoben sich scharf vom Himmel ab, denn auf der anderen Seite schien die Sonne. „Merkwürdig,“ dachte die Prinzessin, während ihre Hand die Kohle führte, „wenn es weit ab ist, sieht das Schloß so märchenhaft, so verzaubert aus, und von nahem ist es doch entsetzlich nüchtern.“ Sie spann den Gedanken weiter. Ein Märchenschloß! Dazu gehörte natürlich eine verwunschene Prinzessin. Sie mußte lachen. Die war sie selbst natürlich! Ob wohl auch einmal der Prinz kommen würde, ohne den es doch nun einmal kein Märchen gibt? Ihr fielen der Prinz von X. und der kleine Erzherzog ein, welche vor einiger Zeit den Hof besucht hatten. Ach nein, die waren es nicht gewesen! Ob er wohl überhaupt einmal kommen würde?“ -

Hinter ihr im weichen Kies klang das leise Auftreten eines Pferdehufes. Die Prinzessin wandte sich um. Herr von Ramberg ritt vorüber. „Das ist der Prinz!“ schoß es ihr durch den Kopf. Aber da machte er auch schon ein tiefes, ernstes Kompliment, wie man eben eine Prinzessin grüßt. Er war ja auch gar kein Prinz - natürlich - und sie war nicht verzaubert, und das Schloß da hinten war keine traumumwobene Märchenburg, sondern ein ganz nüchterner Rokokobau. Da rauschte auch schon wieder das Kleid der Staatsdame, welche in der Nähe auf und ab ging. Prinzessin Christine fiel ein, daß sie ja über eine neue Hofdame nachdenken sollte. Das junge Mädchen, welches früher diese Stellung einnahm, hatte geheiratet. Es war ein liebes, freundliches Ding gewesen, besonders als Braut. Prinzessin Christine hatte sie oft vermißt, obwohl sie sich nicht eigentlich nahe gestanden hatten. Sie überdachte die jungen Mädchen ihrer Bekanntschaft. Es war keine darunter, die ihr besonders gefallen hätte, vor den meisten empfand sie eine Art von Scheu. Da fiel ihr die kleine Hatzfeld ein. Sie war so still und liebebedürftig, und gewiß hätten sie sich auch verstanden. Ihr, der Prinzessin, würde es jedenfalls gelingen, ihr eine geachtetere Stellung in der Gesellschaft zu schaffen. Diese Idee erfüllte Prinzessin Christine mit großer Freude.

Nach einer Weile kam der Erbprinz zu Pferde vorüber. Er hielt einen Augenblick bei der Gräfin an. Diese liebte ihn sehr. Sie hatte die herzoglichen Kinder aufwachsen sehen, und soweit ihr kühles Herz dessen fähig war, empfand sie ein mütterliches Irrteresse für beide. Mit der Prinzessin wußte sie nicht recht etwas anzufangen, aber für den Prinzen hegte sie eine Art von bewundernder Liebe. Sie hielt ihn für bedeutend, weil er in seiner müden, melancholischen Weise manchmal Dinge sagte, die sie nicht recht verstand. Sie war überzeugt, daß seine künftige Regierung für das Land eine glänzende Epoche bedeuten werde. Auch heute lächelte sie ihm freundlich mütterlich entgegen.

,,Ich glaubte Eure Hoheit bei der Reitjagd?“

Er machte eine nachlässige Bewegung.

„Ach, es wird einem auch das über - es ist immer dasselbe - vor allem die Menschen! Der schöne Wald, die Einsamkeit sagen mir mehr zu.“

Sie nickte gläubig. Sie nahm alles, was er sagte, bedingungslos an.

„Hoheit haben so viel Sinn für Natnr. Die Prinzessin hat vorhin ähnliches gesagt, nur daß Hoheit alles viel tiefer erfassen.“

Er lächelte nachsichtig. Er kannte ihre Schwäche für ihn.

„Langweilig für die Gräfin, hier immer auf und ab zu gehen.“

„Nun, das nicht gerade, aber ich denke auch, die Prinzessin wird sich bald zu einer jüngeren Hofdame entschließen.“

„Ja, ja, das wird wohl nötig sein,“ erwiderte er zerstreut.

„Hoheit sehen so angegriffen aus,“ meinte sie. Es war das eine Hauptredensart von ihr. Sie fand ihn stets angegriffen, weil sie es für interessant hielt. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn.

„Nun ja, es drängt und stürmt so allerlei in einem - was nützt es, darüber zn reden?“

„Aber Hoheit,“ erwiderte sie vorwurfsvoll, „ich wollte manchmal, Hoheit wären noch das kleine Prinzchen von damals, wo ich für alle Sorgen Rat schaffen konnte.“

„Liebe, gute Gräsin! Nur nicht mißverstehen! Ich sage Ihnen ja so gerne alles! Sie wissen ja auch längst - die bekannten Geschichten! Mein Vater ist eben ein alter Herr, ein - ich sage freudig edler Vertreter von Ansichten, die zu ihrer Zeit die vollste Berechtigung hatten. Aber heutzutage sind wir darüber hinausgewachsen. Das Volk ist nicht mehr die gedankenlose, bequeme Masse von einst, die in dem Fürsten das überirdische Wesen sieht. Es geht ein Zug nach Ausgleich durch unsere Zeit, und ich gestehe, mir ist dieser Zug sehr sympathisch.“

Die Gräfin wiegte gedankenvoll das Haupt. Sie wußte eigentlich nie recht, was sie zu den Ideen des Erbprinzen sagen sollte. Aus dem Munde jedes anderen wären sie ihr entsetzlich erschienen, denn sie hatte eine instinktive Abneigung gegen alles, was schwielige Hände besaß und Arbeiterkittel trug. Für sie begann der Mensch auch erst mit dem Adelsbrief. Aber der Erbprinz bildete in jeder Beziehung eine Ausnahme.

„Was werden Eure Hoheit einst für ein Landesvater werden,“ sagte sie. „Diese Teilnahme selbst für die Geringsten. Rührend, wirklich rührend!“

„Es ist auch Egoismus dabei,“ erwiderte er mit einem vollen Aufschlag seiner schönen, aber tief verschleierten Augen. „Sind wir Fürsten nicht auch die gequälten Sklaven unserer Stellung, vom freien Menschentum ebensoweit entfernt wie die anderen da unten? Wir wachsen als einsame Kinder auf, heiraten ohne Wahl -“

Die Gräfin blickte bei den letzten Worten verständnisvoll zu ihm auf. Sie hatte schon längst auf diese letzte Wendung gewartet. Die Heirat des Prinzen war ihr stets ein Dorn im Auge gewesen, denn die Erbprinzessin entsprach durchaus nicht den Anforderungen, welche sie an die Gemahlin ihres Lieblings stellte. Auch hatte sie ihr schon manchen Verdruß bereitet durch die Tollheiten, die sie gelegentlich ausführte.

Der Prinz stockte mitten im Satz. Er wußte, was nun kommen würde. Und er liebte das nicht. In seiner phantasievollen, weichen Seele lebte inmitten aller weltbeglückenden Träumereien eine verborgene, heiße und haltlose Liebe zu seiner reizenden Gemahlin, und das war der Punkt, an den niemand rühren durfte - nicht einmal seine mütterliche Freundin, die Gräfin Diebitz. Ein tiefes Rot übergoß sein Gesicht.

,,Sie wissen, liebe Gräfin, ich spreche ganz im allgemeinen,“ sagte er hastig. ,,Doch ich darf Sie nicht länger aufhalten. Guten Morgen.-“

Er ritt weiter. Der Weg gestaltete sich immer reizvoller. Längst hatten die künstlich berechneten Baumgruppen des Parkes einer waldartigen Wildnis Platz gemacht, der Untergrund war sumpfig. Neben dem Weg lief ein Graben hin, in dem Binsen wuchsen. - Im Sommer blühten hier die großäugigen Vergißmeinnicht. Überall schossen die schlanken, geraden, farblos grauen Stämme der Ellern auf, gekrönt von dunklem glänzenden Laub. Manchmal wechselten sie mit Buchenschlägen, welche ganz von Gold übergossen schienen. Darunter verwirrte sich ein Dickicht von Farn, die stellenweise so hoch waren, daß sie dem Pferde des Erbprinzen bis zum Bauch reichten. Rote Fliegenpilze mit lustigen weißen Klexen schimmerten hier und dort, denn das Jahr war feucht gewesen.

An einer Lichtung des Waldes zweigte sich ein Weg ab. Nicht weit davon erhob sich wie eine Insel inmitten des Bruches ein sandiger Hügel. Es war die einzige Erhebung der Gegend, die mit dem stolzen Namen „Hähnenkopf“ bezeichnet wurde. Immerhin hatte man von hier einen hübschen Blick auf das Meer von Wipfeln, und fern auf die friedliche, kleine Sommerresidenz. Der Erbprinz hielt sein Pferd an und blickte gedankenvoll in die Ferne. Wie zart und lieblich das alles aussah: die schwankenden Wipfel, die kleinen Häuser da hinten, das Schloß uud noch weiter hin der anmutige Bau einer kleinen Kapelle. Das Auge des Erbprinzen blieb an letzterer hängen. Da lag sie, die kleine Hofkirche, harmlos nnd friedlich, fast wie ein Dorfkirchlein! In ihrem Gewölbe befand sich die Fürstengruft. Vor dem inneren Auge des Erbprinzen tauchte ein Bild auf, das mit unabwendbarer Sicherheit im Lauf der Jahre zur Wahrheit werden mußte. Er sah das Innere der Kapelle schwarz verhangen, hörte den Klang des Trauerchores und das Rauschen des Sarges, welcher in die Tiefe der Gruft schwebte. Daneben sah er sich selbst stehen, nicht mehr Prinz Ernst, sondern regierender Herzog. Und plötzlich stieg die Überzeugung in ihm auf: dieser Tag durfte niemals kommen! Er durfte nicht kommen, wenn er nicht zusammenbrechen wollte unter der Last der Tradition, von der er sich innerlich gelöst hatte. Diese Tradition würde ihn daran hindern, seine Ideale zu verwirklichen, und ein Leben, das den tiefsten Überzeugungen seines Inneren hohnsprach, das konnte er nicht ertragen, ohne sich selbst zu verachten! Nur einen Weg gab es aus diesem entsetzlichen Konflikt: entsagen all dem schalen Glanz, entsagen der Krone, der Macht, dem ganzen Leberr hier. - Ein kleines Häuschen finden irgendwo in tiefer Waldeinsamkeit, dort leben in den Gedanken, die ihn bewegten, vielleicht dafür Boden gewinnen in den Herzen der anderen. Ein Mensch sein wie andere Menschen! Das war es, was für ihn paßte.

Noch hielt der Erbprinz, in Gedanken versunken, auf derselben Stelle und blickte hinaus in die sonnige Landschaft. Da klang neben ihm ein leises, tiefes Frauenlachen. Anna Luise! Es zuckte in plötzlichem Schreck über sein Antlitz. Anna Luise - ja, sie war es: zu Pferde, ein rundes, weißes Strohhütchen keck auf dem Gewirr des dunklen Haares, graziös und heiter wie stets.

„Na, du siehst ja aus, wie sieben Tage Regenwetter,“ sagte sie mit leisem Spott und schlug ihm mit der Reitgerte lachend auf die Schulter.

Er fand kein Wort zur Begrüßung. Wenn sie ihn mit diesem Blick ansah, wurde er jedesmal verlegen, und manchmal machte es ihr noch immer Spaß, mit ihm zu kokettieren - so wie mit allen anderen.

„Anneliesel,“ sagte er endlich weich - er pflegte sie manchmal so zu nennen - „Anneliesen, dir kommst, und ich dachte eben an dich.“

„So, na - das mögen wohl schwarze Gedanken gewesen sein.“

Er achtete nicht auf ihre Herausforderung. „Anneliesel,“ fuhr er fort, ,,ich überlegte, was wohl einmal aus uns beiden werden wird.“

Sie blickte ihn überrascht an. „Nun, das wissen wir doch. Herzog und Herzogin!“

„Nein,“ rief er heftig, „nein, Anna Luise! Das wird nie, niemals geschehen!“

Sie begriff ihn noch immer nicht.

„Es muß heraus,“ fuhr er leidenschaftlich fort, „wem soll ich es denn sagen, wenn nicht dir? Ich werde der Krone entsagen. Ich fühle, es ist das einzige, was mir bleibt. Anneliesel, wir werden ein kleines, trautes Heim haben und miteinander leben ohne Hofbälle, ohne die entsetzlichen Hofschranzen, ohne die vielen, vielen neugierigen Augen, frei und glücklich als einfache Menschen!“

„Was denn?“ sagte sie. „Was meinst du eigentlich? Du bist doch der künftige Herzog. So etwas kann man doch nicht ablehnen oder annehmen, wie es einem gerade paßt!“

„Doch,“ entgegnete er. ,,Jeder Mensch hat das Recht, sich den Beruf zu wählen, in den er hinein paßt, in dem er etwas leisten kann. Und um das zu können, muß er an seinen Beruf glauben - und das eben vermag ich nicht. Siehst du, unsere Zeit ist hinausgewachsen über die alten Begriffe von Fürstenmacht und Untertanenpflicht. Der Untertan drängt hinauf, den Fürsten zieht es herrschermatt hinunter - zum schlichten Menschenglück. -“

Sie blickte ihn aufmerksam an, und jetzt, wo alle Geister des Übermutes und Spottes aus ihrem Gesicht gewichen waren, erkannte man erst, wie klug und kühl ihre Augen waren.

„Ich weiß nicht,“ sagte sie, „ob diese Ideen richtig sind oder nicht, mag sein - für mich sind sie jedenfalls zu hoch. Aber das weiß ich, daß du nicht der Mann bist, große, neue Bahnen freizulegen, dazu gehören andere Naturen, ganz andere! So viel verstehe ich auch noch von der Weltgeschichte. Für dich heißt es einfach: Schuster, bleibe bei deinem Leisten - verzeih' den plebejischen Vergleich, aber du liebst ja dergleichen.“

Sie sprach nicht ohne Schärfe. Sie besaß nun einmal kein Verständnis für diese unklaren Köpfe.

Er blickte trübe vor sich hin. „Vielleicht magst du recht haben, Anna Luise, aber glaubst du denn, daß ich Talent zum Herrscher besitze?“

Sie zuckte ungeduldig die Achseln. „Mach doch ganz einfach alles genau so nach, wie dir's die anderen vorgemacht haben!“

Er schauderte zusammen. „Entsetzliche Aussicht, das ganze Leben in diesem Karussell zu verbringen. Anneliesel, du mußt das doch auch empfinden, du sprichst oft mit so tiefer Verachtung von alledem.“

„Ja, ganz gewiß, aber dennoch brauche ich diese Dinge zu meinem Vergnügen, zum Leben, wenn du willst - - da kannst du ganz sicher sein: in das kleine Häuschen komme ich nicht mit.“

Er war leichenblaß geworden bei ihren Worten. Sie bemerkte es mit einem Gefühl von Ärger. Was bildete er sich eigentlich ein? Himmel, auf so sentimentale Empfindungen war doch ihre Ehe nicht gegründet worden!

Aber im nächsten Moment siegte ihre natürliche Gutmütigkeit. Was konnte der arme Kerl am Ende dafür, daß er sie nachträglich doch lieb gewonnen hatte? Sie lächelte ihn von unten herauf an. „Für den Augenblick bleibt ja doch alles beim Alten. Sei nur wieder munter, dann bin ich auch nachher schrecklich nett zu dir!“


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Prinzessin Christelchen