Über Hamburgs gesellschaftlichen Ton

Man findet in verschiedenen Schriften der Ausländer, besonders wenn sie einen Drang fühlen, in ihren Reisebeschreibungen oder andern Aufsätzen, der Sitten Hamburgs zu erwähnen, gewöhnlich die Bemerkung: Dass die Hamburger etwas rau in ihren Sitten, und in Gesellschaft nicht so unterhaltend wären, als andre Bewohner großer Städte Deutschlands.

Beide Vorwurfe können dem Hamburger Eingebornen eben so wenig, als den durch langen Aufenthalt gleichsam Nationalisierten gleichgültig sein, und daher gedenkt ein Unparteiischer — beide Vorwürfe hier etwas näher zu beleuchten.
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Was die erstere Rüge betrifft, so muss ich ganz aufrichtig bekennen, sie ist nicht ohne Grund; allein sie wird auch, von Ausländern besonders, sehr parteiisch übertrieben.

Der feine Ton, den man in Residenzen oder andern großen Städten antrifft, herrscht freilich nicht in Hamburg, und in Wien und Leipzig, Berlin und Dresden ist er ganz anders; aber das ist auch sehr natürlich. Das Publikum in solchen Städten bildet sich gewöhnlich entweder nach dem Hofton, der immer der feinste, nur nicht allemal der beste ist, oder auch die vielen in diesen Städten sich aufhaltenden Fremden, deren Sitten zum Teil schon in andern Ländern abgeschliffen wurden, geben den Ton an, und die Eingeborenen, die von den Fremden einen großen Teil ihrer Nahrung erhalten, sind gezwungen, in eben diesen Ton einzustimmen, um nicht gegen diese zu sehr abzustechen. So erben die Sitten vom Vater zum Sohne, und den Kindern wird die Höflichkeit schon in der frühsten Kindheit, als das erste Requisit ihres Fortkommens, eingeprägt.

Sonach wäre also Eigennutz die geheime und öffentliche Triebfeder dieser Sitten-Politur, welcher Eigennutz, in dieser Hinsicht wenigstens an einem so bedeutenden Handlungsorte, wie Hamburg, ganz wegfiele. Man verstehe mich recht: der Hamburger ist eben so eigennützig, vielleicht noch mehr, als der Bewohner einer Residenz, aber — wenn ich mich anders so ausdrücken darf — sein Eigennutz geht mehr ins Große, und ist, des Reichtums der Stadt wegen, nicht so kleinlich, als an andern Orten.

Der Kaufmann, der in Hamburg die Hauptklasse bildet, hat von Fremden, die sich hier ihres Vergnügens wegen aufhalten, oder durch verschiedene Beschäftigungen Geld zu gewinnen suchen, wenig oder gar keinen Verdienst; er findet also auch keinen Beruf, sich nach des Fremden Sitten zu bilden, und geht daher seinen gewohnten Gang. Daher entsteht denn eine gewisse Geradheit im Betragen, die dem Ausländer so auffallend ist. Hierzu kommt noch, dass ehemals der Hamburger sich weniger durch Lektüre oder Reisen bildete, als jetzt, und dass folglich seine Sitten weit steifer ausfielen, als gegenwärtig. Die Fremden machten sehr natürlich dergleichen Bemerkungen, teilten sie ihren Landsleuten mit, und daher kam es, dass Hamburgs Einwohner, ihrer Sitten wegen, nicht in dem besten Ruf standen. Der erste Eindruck ist gewöhnlich der stärkste, und obgleich der Hamburger Ton sich seit vielleicht zwanzig oder dreißig Jahren gar sehr veränderte, so blieb doch noch immer die alte Behauptung, der Hamburger sei rauer in seinen Sitten, als die übrigen Bewohner deutscher Handelsstädte.

Ein Hamburger, der im vorigen Jahre eine Lustreise nach Hannover machte, klagte mir bei seiner Zurückkunft: man habe ihm anfangs in einigen Gesellschaften gar nicht glauben wollen, dass er ein geborner Hamburger sei; die Damen insbesondere hätten das nämliche geäußert. Anfangs war ihm diese Zweifelsucht sehr auffallend gewesen, bei näherer Bekanntschaft aber hatte er bemerkt, dass sein Betragen in Gesellschaft den hannöverschen Damen viel zu fein geschienen, um ihn für einen Hamburger zu halten. Ein anderer wurde diese Äußerung vielleicht für ein Kompliment angenommen haben, meinem Freunde aber, der zugleich ein guter hamburger Patriot ist, war sie schmerzhaft gewesen. Ich habe mich nicht wenig über ein so allgemeines Vorurteil geärgert, sagte er, denn in allen Gesellschaften musste ich den Vorwurf hören, dass die Hamburger gewöhnlich etwas massive Menschen wären, und man könne sehr bald, wer sie wären und woher sie kämen, an ihren Sitten bemerken.?

Ich habe schon oben erinnert, dass diese Beschuldigung nicht ganz ungegründet sei, und der Grund, den ich angegeben habe, ist ohnstreitig der richtigste. Überhaupt ist der Ton, der in bedeutenden Reichsstädten herrscht, von dem in Residenzen gar sehr verschieden. Der Hofton ist nicht nur für die Bewohner ansteckend, sondern die Polizeigesetze werden auch hier weit strenger als in Reichsstädten gehandhabt. Das Beiwörtchen frei, sei es auch mit der Freiheit beschaffen, wie es nur wolle, ist dennoch ein sehr mächtiger Talismann, und gibt seinen Bürgern eine gewisse Energie in ihrem Betragen, die von denen unter Militärkommando oder den Befehlen fürstlicher Räte stehenden Einwohnern gar merklich verschieden ist. Der Gedanke, dass kein Gesetz existieren kann, was nicht vorher durch Bürgerschluss die Sanktion erhielt, ist schon allein hinreichend, dem niedrigsten Bürger einen Grad von Egoismus einzuflößen, der durchaus nicht tadelnswert ist, weil aus seinem Schoße manche vaterländische Tugenden hervorsprießen, und es bleibt ausgemacht wahr, dass eben dieser Bürgerstolz als die Hauptquelle des in Hamburg herrschenden Patriotismus anzusehen ist.

Wir sind ja freie Bürger, sagt der gemeine Hamburger, mit einem Wohlbehagen, das ihn über benachbarte Städter erhebt, und so ist es leicht zu erklären, wenn er sich glücklicher zu sein dünkt, als königliche oder fürstliche Untertanen.

Es findet hier der nämliche Grund statt, der im Betragen der Engländer einen so auffallenden Unterschied der Sitten gegen andre Nationen bildet. Die britische Freiheit, die, wenigstens der Konstitution nach, nicht zu leugnen ist, machte von jeher diese Insulaner etwas unbiegsamer im Charakter, als die Bewohner eines Landes, deren Gesetze ganz nach aristokratischer Form eingerichtet sein müssen, weil der bloße Wille des Herrschers das höchste Gesetz ist, und daher erkläre ich auch geradezu für unbillig geurteilt, wenn Ausländer die so wenige Geschmeidigkeit der Hamburger für Plumpheit auslegen wollen. Es mag freilich wohl Ungebildete geben, die die Sache missverstanden haben, und sich einbilden, Rauheit der Sitten solle ein Kennzeichen ihres reichsstädtischen Freiheitssinns abgeben; aber was berechtigt den Ausländer, von einzelnen Beispielen auf den Volkscharakter zu schließen?

Für den ruhigen Beobachter, der sich nicht durch Parteigeist auf eine oder andre Seite lenken lässt, ist es ein herzerhebendes Gefühl, eine große Menschenmasse zu sehen, die sich frei fühlt, weil ihre Regierungsform dem Despotismus Zügel anlegt, und nicht gezwungen ist, dem Eigensinne oder Eigennutze ihrer Obrigkeit zu frönen.

Ich muss hier abbrechen, um nicht von dem Hauptgegenstande meiner Betrachtung zu weit abzukommen. Dieser war der gesellschaftliche Ton in Hamburg, der von einigen Scribenten zwar gelobt, von andern aber auch eben so bitter getadelt wird.

Es ist sonderbar genug, dass solche Herren, die doch Gelehrte sein wollen, den Unterschied zwischen einem hamburger Prunkgelage und einem Familien-Schmause, zwischen einer Bürgergasterei und der Zusammenkunft eines freundschaftlichen Zirkels, so ganz außer Acht lassen.

Ich gebe gerne zu, dass es auf einem hamburger Ehren- oder Prunkgelage etwas steif hergehe, und dass die Unterhaltung, das Kartenspiel abgerechnet, eben nicht sehr bedeutend sei; aber wo sind dergleichen Gastereien wohl besser?

Essen und Trinken, sagt man gewöhnlich, sei der Abgott, dem die Hamburger bei jeder Gelegenheit tiefe Verehrung zollen. Soll dies ein Vorwurf sein, so ist er ungerecht; denn die Ausländer, wenn sie unparteiisch wären, müssten hier billig: tout comme chez nous ausrufen. Auch die kleinste Provinzialstadt opfert diesem Götzen, und selbst die Scheppenstädter, wenn sie ihr Rathaus fegen lassen, pflegen gewöhnlich an diesem feierlichen Tage einen Schmaus anzustellen. Freilich erzählen uns die Scheppenstädter Annalen, dass nur selten ein dergleichen Fegefest könne gefeiert werden; aber man sieht doch daraus, dass die Herren, in Ermangelung einer wichtigern Veranlassung, selbst das Fegen ihres Rathauses zum Schmausen benutzen.

Kurz, die sinnlichen Sterblichen, sie mögen Scheppenstädter oder Hamburger seyn, sind Freunde der Mahlzeiten, und ich bekenne frei, dass, wenn es nun einmal darauf angesehen ist, den Leib zu pflegen, ohne auf den Geist Rücksicht zu nehmen, ich die hamburger Sitten jeden andern vorziehe, wo die Zeit getötet, und doch auch nichts weiter getan als gegessen und getrunken wird.

Ich habe Gelegenheit gehabt, mehreren solchen Festen beizuwohnen, und wenn nur der Magen nichts dagegen zu erinnern fände, würde ich gar nicht abgeneigt sein, sie fleißig zu besuchen, so sehr hat mir die hamburger Sitte selbst bei ihren Schmausereien gefallen. Bald nach dem Tee und Kaffee werden Weine und andre Getränke, nebst Backwerk und kleinen Butterbrötchen präsentiert, und selbst beim Spiele abwechselnd damit fortgefahren, bis man endlich nach einer ziemlich weitschweifigen Einleitung zum Hauptthema, zu der Abendmahlzeit selbst, schreitet, — die, ich wiederhole es noch einmal — wenn es doch einmal auf Leibespflege angesehen ist, ich in Hamburg jeder andern, selbst den fürstlichen Tafeln vorziehen würde.

Die niedersächsische Kochkunst behagt den Leckermäulern eben so gut als denen, die substantiöse Speisen lieben, und den Hamburgern besonders kommt die natürliche Lage des Orts zu statten, durchaus an gar nichts Mangel zu leiden, was nur irgend den menschlichen Gaumen kitzelt.

Wahr ist es, man hört wenige allgemeine interessante Gespräche; aber was verlangt man auch wohl von so gemischten Gesellschaften? Spielt man nicht, so findet man immer einen oder einige, mit denen man sich unterhalten kann. Stadtneuigkeiten, Politik, Handlungsangelegenheiten, Theater, Künste und Wissenschaften werden hier wechselseitig verhandelt, und so kann man doch nicht über Stoff interessanter Materien Klage führen? Der Spielenden ihre Unterhaltung ist bekannt, und aller Orten gleich; aber die Nichtspielenden gruppieren sich in Hamburg recht artig, und wissen sehr gut, sich gleich und gleich bei einander zu gesellen.

Wie die Tischgesellschaft ausfalle, hängt freilich vieles vom Glück ab, und hier kann es sich wohl treffen, dass man von seinen Nachbarn und Nachbarinnen wenig Unterhaltung zu erwarten habe; doch was dieser Unterhaltung abgeht, ersetzt die gutbesetzte Tafel desto freigebiger.

Möchten doch diese Herren, die den Ton der hamburger Gesellschaften so sehr herunter setzen wollen, uns unparteiisch erzählen, wie es an sogenannten Prunkgelagen andrer Städte, und wie steif es insbesondere in Residenzen hergehe, man würde über die Parteilichkeit erstaunen, mit welcher man Dinge tadelt, die an andern Orten weit unvollkommner anzutreffen sind.

Gewöhnlich wird den Hamburgern der Vorwurf gemacht, dass sie leidenschaftlich für das Spiel eingenommen wären, und am wenigsten die Kunst verstünden, sich angenehm zu unterhalten Das erstere räume ich ein; aber in welchen Gesellschaften sollte nicht der Spielgeist, dieser Dämon vernünftiger Unterhaltung, herrschen? Was das Letztere betrifft, so haben es die hamburger Gesellschaften mit allen in großen und kleinen Städten gemein, dass gesellschaftliches Vergnügen auch mit dem besten Willen nicht vorher zu bestimmen sei. Man kann solches nie so fest kalkulieren, wie die arithmetische Aufgabe auf der Rechentafel, weil gesellschaftliche Freuden zu sehr von den Launen der Anwesenden abhängen. Ein kleiner Umstand kann das Vergnügen erhöhen, zuweilen aber auch auf den ganzen Abend unwiederbringlich verscheuchen. So ist es in Hamburg grade wie in Wien, und in Berlin eben so wie in Dresden, nur mit dem Unterschied, dass wenn uns auch zuweilen in hamburger Gesellschaften die Langeweile plagen sollte, dem Körper dasjenige reichlich genug ersetzt wird, was dem Geiste abzugehen scheint, dagegen dieses selbst an Tafeln sogenannter vornehmer Herren in andern Städten nicht immer der Fall ist.

Undenklich — was ist es denn eigentlich, was einer hamburger Gesellschaft in Vergleich mit andern Städten mangeln sollte? Die Unterhaltung? Womit unterhält man sich wohl in Wiener oder Berliner großen und kleinen Gesellschaften? Auf solche Art müsste eigentlich katechisieret werden, wenn man auf den Grund der bösen Tadelsucht kommen wollte, mit welcher die Reisenden sehr oft auch die Gastfreundschaft selbst zu begeifern pflegen, die ihnen in Hamburg erwiesen wurde. Man spielt in Berlin zum Beispiel eben so gern, beinahe möchte ich behaupten, noch leidenschaftlicher, als in Hamburg, und Wirt und Wirtin sehen sich gezwungen, ihren Gästen schnell genug die Karten darzureichen, um sie den Qualen einer tötenden Langenweile nicht auszusetzen. In Handelsstädten gibt es hinreichenden Stoff zur Unterhaltung, teils durch Verschiedenheit der Geschäfte erzeugt, teils aber auch durch die Menge der Fremden, die ab und zu reisen, und der besonders bei großen Handlungshäusern so weit ausgebreiteten Korrespondenz in alle Weltgegenden.

Unter dieser Menge Begebenheiten, die in einer Woche schriftlich und mündlich verhandelt werden, sollte da nicht etwas zur gesellschaftlichen Unterhaltung Interessantes herauszuheben sein?

In andern Städten fällt dergleichen Veranlassung weg und man ist an Unterhaltung weit ärmer. Wo das Militär den Ton angibt, wird gewöhnlich nur vom neuen Manövre oder Avancement bei der Armee, Versetzung von einem Regimente zum andern gesprochen. Man erzählt, dass der Fähnrich A. zum Sonslieutenant avanciren, und dass der Lieutenant B. wahrscheinlich seinen Abschied fordern, und den Charakter als Major erhalten werde, und ähnliche wichtige Vorfälle. An Orten, wo ein Hof ist, geht es nicht besser. Wenn die Beschäftigungen des Hofes oder der größeren Hofleute erzählt worden sind, und man darüber einig ist, ob am nächsten Gallatage kleine oder große Galla angesagt wird, ob und wann die Fürstin vom Lustschlosse nach der Residenz kommen, ob sie wohl im offenen oder zugemachten Wagen fahren wird, so entsteht sehr oft eine Lücke in der Konversation, die durch nichts als durch Kartenspiel auszufüllen ist.

Was man auch gegen den Hamburger gesellschaftlichen Ton einwenden könnte, so bleibt so viel gewiss, dass es dem gebildeten Hamburger nie an Stoff zur Unterhaltung mangelt, um zu ähnlichen Armseligkeiten, als ich oben bemerkte, seine Zuflucht zu nehmen. Freilich kann der Hauswirt, bei aller Bildung, die er hat, sehr oft in Verlegenheit kommen, um seine Gäste zu unterhalten, weil solche für nichts empfänglich sind; aber diese Fälle sind auch von andern Städten bekannt, und können daher gegen Hamburger zu keinem Beweise dienen.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburg und Altona - Band 2 Heft 4