Hamburg und Altona - Band 2 Heft 4

Eine Zeitschrift zur Geschichte der Zeit, der Sitten und des Geschmacks.
Autor: unbekannt, Erscheinungsjahr: 1802
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Altona, Hamburg, Hamburger, Sitten- und Sozialgeschichte, Tradition, Aberglauben, Geschmack, Zeitgeschichte
Die Kenntnis der Welt macht uns zu Menschen.

Zweiter Band. 4tes, 5tes und 6tes Heft.
I. Vierter Spaziergang in und um Altona

Es ist sehr natürlich, dass Altona, als nächste Nachbarin einer so berühmt gewordenen Stadt, die man auswärts eine kleine Welt zu nennen pflegt, sich nach dieser in vielen Stücken gebildet habe — jüngere Schwestern pflegen gewöhnlich von ihren ältern Schwestern Ton, Gang und Manieren anzunehmen — grade so ist auch das Verhältnis zwischen Altona und Hamburg; aber in einigen Dingen scheinen doch die Bewohner beider Städte etwas abzuweichen. Die Männer kleiden sich zwar in Altona eben so reinlich und dabei so einfach, wie in Hamburg, welches auch sehr natürlich ist, da in Ansehung der Börsengeschäfte besonders, beide Örter so gut wie eine Stadt ausmachen; aber die Weiber im Gegenteil, die weniger zusammen kommen, scheinen, in ihren Kleidungen besonders, einige Verschiedenheit auszumachen.

Ich sage das bloß von der mittleren Bürgerklasse, die, wenn sie geputzt erscheinet, sich in Ansehung ihrer Kopfzeuge und übrigen Kleidungsstücke von den Hamburger Bürgerinnen auszeichnet. Eben so ist es auch in häuslichen Sitten und Gewohnheiten; ob aber in Ansehung des weiblichen Charakters der Unterschied zwischen beiden Städten so bedeutend sei, als viele Hamburgerinnen behaupten wollen, mag ich nicht geradezu behaupten. Man will nämlich bemerkt haben, dass die Altonaer sich mehr um wirtschaftliche Einrichtung ihrer Nachbarinnen bekümmerten, und überhaupt in diesem Stücke sich kleinstädtischer als die Hamburger zeigten.

Es kann sein, dass die Größe der Stadt, ihre Volksmenge und das größere Gewühl der Geschäfte, so in Hamburg herrscht, in diesem Punkte einigen Unterschied macht, aber es ist schwer, aus einzelnen Beispielen einiger Altonaer Bürgerweiber, die sich vielleicht durch Dienstboten zu informieren suchen, was z. B. die Kochtöpfe ihrer Nachbarin jeden Mittag enthalten; es ist schwer, sage ich, und sogar voreilig, aus solchen Beispielen, auf den Volkscharakter im Ganzen zu schließen, daher ich mich auch bei dieser Untersuchung nicht aufzuhalten gedenke.

Ich bemerke nur so viel, dass in Ansehung der Sitten überhaupt zwischen beiden Städten wenige Verschiedenheit herrscht, den Luxus bei Gastmahlen ausgenommen, wo Hamburg, als größere und reichere Stadt, immer den Vorrang behauptet.

Ich habe schon einmal erinnert, dass man bei freundschaftlichen oder Familien-Zusammenkünften, sich in Altona weit eher mit frugalen Mahlzeiten, als in Hamburg, begnüge, und dass überhaupt die Altonaer sich der Ökonomie im Ganzen mehr als die Hamburger zu befleißigen scheinen.

Dass die Altonaer sich in vielen Stücken, selbst in Ansehung ihrer Vergnügungen, Hamburg zu ihrem Muster wählen, ist eben so gewiss, als es wegen nachbarlichem Umgange beider Städte auch erklärbar ist.

In Hamburg existiert schon seit mehreren Jahren eine Gesellschaft, ich glaube von 500 Personen, die man Harmonie nennt, die ihr eignes Haus und den Hauptzweck hat, sich durch Lektüre oder Spiel gesellschaftlich vergnügen zu wollen. In Altona fehlte es noch immer an ähnlicher Einrichtung, und es war daher sehr natürlich, dass Privatpersonen vor einigen Jahren auf den Einfall kamen, etwas Ähnliches gründen zu wollen.

Der erste war der Buchhändler Vollmer, der zu diesem Behuf einige Zimmer mietete, in welchen man zu jeder Stunde die neuesten Journale, Zeitungen, Wochenblätter und Flugschriften fand, der das Lesen zur Hauptunterhaltung machen wollte, und dieser Anstalt den Namen Musäum gab.

Es war zu sehr Privatunternehmung, als dass dieses Projekt glücken konnte, das heißt: Vollmer hatte vergessen, die Altonaer in das Interesse des Ganzen mit zu verweben; kein Interessent hatte ein Recht, Gesetze in Vorschlag zu bringen, und keiner sah für sich und seine Stadt irgend einen Bewegungsgrund, warum er den Plan eines Fremden unterstützen sollte, denn bloß um Journale oder Zeitungen zu lesen, sagte man ganz laut, habe man nicht nötig, sich in öffentliche Zimmer zu setzen. Bücher lesen könne man in seinem Hause eben so gut und mit mehrerer Bequemlichkeit.

Die Eitelkeit der Menschen muss in solchen Dingen notwendig mit in Anspruch genommen werden, wenn man glaubt, ein Unternehmen dieser Art ausführen zu , wollen.

Ein Fremder mag gerne einen solchen Plan entwerfen, aber die Ausführung muss er den Bürgern überlassen, die entweder aus Patriotismus oder aus Stolz oder aus Hang zum Vergnügen, das Ganze unterstützen.

Bloß für den Geist sorgen zu wollen, ist vergebene Mühe; man will Vergnügen haben, und wer solche Gesellschaften stiftet, von denen Spiel und Musik, Tanz und Essen ausgeschlossen ist, wird nie damit empor kommen.

Ein darauf folgender Unternehmer ging bei seinem Plane weit kläglicher zu Werke. Er war zwar auch ein Fremder, nannte sich Dr. Lindemann, aber er bequemte sich, seines Vorteils wegen, nach dem herrschenden Geschmack der Altonaischen Einwohner. Schon das Äußere dieses Musäums war größer und brillanter als das seines Vorgängers. Man konnte hier essen, trinken und spielen, alles Hauptrequisiten hiesiger Gegend, um sich in Gesellschaft die Zeit zu vertreiben. Bücher und Journale, Gemälde und Kunstsachen mussten freilich auch hier aufgestellt werden, damit der Fremde nicht etwa auf den Einfall käme, das Musäum für einen gewöhnlichen Spielklub zu halten, aber man merkte doch deutlich an der Einrichtung, dass solche Gegenstände die Hauptvergnügungen ausmachen sollten, und die Lektüre nur Nebenzweck war, folglich wäre auch an dem Fortgang nicht zu zweifeln gewesen, wenn nicht der Unternehmer gar zu egoistisch verfahren, und nach eingehobener Pränumerationsgelder eine Reise unternommen hätte, von welcher er nie wieder zurückehrte.

Man ärgerte sich nicht wenig, einem Fremden wider Willen so ansehnliche Reisegelder gegeben zu haben, und was noch mehr war, man besorgte nun, sich dem Gespötte der Stadt auszusetzen; wenn man die Idee wegen Errichtung eines Musäums so mit einmal aufgeben würde, und daher vereinigten sich die angesehensten Männer der Stadt, auf ihre Kosten ein Institut zu errichten, das dauerhafter als jene Privatspekulationen der Ausländer sein sollte.

Das jetzt existierende Altonaer Musäum ist ein deutlicher Beweis, was die begüterten Einwohner einer Stadt auszurichten vermögend sind, wenn es ihnen um irgend eine Unternehmung ein Ernst ist. Man hat nämlich ein hierzu zweckdienliches Haus gekauft, und solches überaus gut eingerichtet. Es befinden sich in selbigen, Lese-, Spiel- und Speisezimmer; es werden öfterer Konzerte und Balle gegeben, und täglich versammeln sich hier die Mitglieder, um zu essen, trinken, plaudern und zu spielen. Der bedeutende Anfang einer Bibliothek ist auch bereits gemacht worden, und wird sich wahrscheinlich von Jahr zu Jahr immer mehr vervollkommnen. An Journalen ist hier kein Mangel, und es liegt bloß an den Interessenten und ihrem Geschmacke, wenn sie die Gelegenheit einer ausgesuchten Lektüre nicht gehörig benutzen wollen.

Schon gehört es mit zum feinen Tone in Altona, Mitglied dieses Musäums zu sein, und daher ist an immerwährender Existenz dieses Instituts, ja sogar an dessen Vervollkommnung kein Zweifel übrig.

Das nämliche gilt auch vom Altonaer Schauspiel. So lange es bloß, so wie bisher eine Privatunternehmung ist, wird es nie bedeutende Fortschritte machen; wenn aber Altonas wohlhabende Bürger den Entschluss fassten, ein Theater auf eigne Kosten und unter ihrer Autorität zu gründen, so ist nichts gewisser, als die Dauer einer solchen Unternehmung; und man könnte dreist behaupten, ja sogar durch Berechnung dartun, dass, wenn auch kein bedeutender Überschuss bliebe, dennoch auch keine Einbuße vorfallen könnte.

Der Privatunternehmer hat mit gar zu vielen Vorurteilen des Publikums zu kämpfen, und es ist schwer, den herrschenden Geschmack so zu leiten, dass er für die Unternehmung fruchtbringend wird. Einige volle Häuser veranlassen gewöhnlich allgemeines Geschrei über den so glücklichen Fortgang des Ganzen. Das Publikum glaubt, die Einnahmen taxieren zu können; aber es ist zu wenig mit den Ausgaben bekannt, um einen richtigen Calcul zu machen. Es glaubt sich nun schon berechtigt zu sein, große Forderungen zu machen. Es verlangt nicht bloß gute und zweckmäßige Dekorationen, sondern prächtige, es will nicht gute Sänger sondern Virtuosen hören.

Ganz anders ist es, wenn ein Teil der Bürger ein solches Geschäft verwaltet; die Mitbürger sind dann nachgebender, und spannen ihre Forderungen nicht so hoch, als bei andern Privatmännern.

Die Altonaer Volksmenge ist hinreichend, ein kleines aber gutes stehendes Theater zu erhalten; es kommt bloß auf die Ökonomie und den Willen der Bürger an. Das jetzige nennt sich zwar Nationaltheater; aber für Ausländer muss hier erinnert werden, es ist bloß eine Privatunternehmung, die selbst durch Subskriptionen der angesehensten Bürger für die Kosten nicht hinreichend gedeckt ist. Es hat einzelne gute Mitglieder, aber gegen das Ganze wäre manches zu erinnern. Ich werde auf meinen Spaziergängen auch in Zukunft Gelegenheit haben, ein Mehreres hierüber zu sagen.

Das Äußere des Altonaer Schauspielhauses ist empfehlender, als in Hamburg, obgleich es auch kein Prachtgebäude ist. Die Lage ist zwar für Spaziergänger im Sommer überaus angenehm, weil es am Eingange der Pallmaille liegt; aber eben diese Lage an öffentlicher Straße ist dem Zweck dieses Gebäudes gar nicht angemessen. Jedes Wagens und Pferdegeräusch, so wie Hundegebell und Gespräche auf der Straße, sind hier hörbar. Auch die inwendige Bauart, sowohl des Theaters als des Teiles, der Logen und Parterre ausmacht, ist nicht die beste. Es ist leicht gebaut, und daher im Winter, grade die Jahreszeit, wo das Schauspiel am meisten besucht wird, unausstehlich kalt. Es könnten leicht Abänderungen gemacht werden, wenn das Haus der Stadt oder einer Gesellschaft angesehener Bürger gehörte; jetzt ist es nur ein Privatgebäude, und also so kostspielige Veränderungen nie wahrscheinlich, weder von Seiten des Besitzers, noch der Unternehmung.

Ich muss bei dieser Gelegenheit etwas erwähnen, was mir als Fremden wenigstens beim Altonaer Schauspiel sehr auffallend war, ich meine die häufigen Auswanderungen in Zwischenakten aus Logen und Parterre nach der sogenannten Punschstube.

In Schauspielhäusern aller Orten gibt es dergleichen Erfrischungsplätze, aber nirgends werden sie so häufig als hier besucht. Überall sind sie eine Nebensache, in Altona dagegen scheint die Besuchung dieses Punschzimmers für einen großen Teil des Publikums Hauptzweck zu sein. Man isst und trinkt hier nicht bloß, sondern man raucht sogar Tabak, und scheint gar nicht verlegen zu sein, wenn die Musik der Zwischenakte zu kurz ist, und der Zuschauer den Fortgang des Schauspiels versäumen muss, weil er nicht Lust hat, seine brennende Pfeife wegzulegen.

Ob das bloß Gewohnheit ist, oder daher kommt, weil man mehr Geschmack daran findet, sich beim dampfenden Getränk zu vergnügen, als dem Schauspiele selbst beizuwohnen, mag ich als Fremder nicht untersuchen, aber ganz unbemerkt durfte ich diesen Umstand nicht vorbei gehen lassen, der vielleicht zur Charakteristik der Einwohner einen kleinen Beitrag liefern könnte.

.

.

.