Geschichte der Juden in Mecklenburg von den ältesten Zeiten (1266) bis auf die Gegenwart (1874)

auch ein Beitrag zur Kulturgeschichte Mecklenburgs
Autor: Donath, Leopold (1845-1876), Erscheinungsjahr: 1874
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Mecklenburg, Juden, Beitrag zu Kulturgeschichte, Sozial- und Sittengeschichte, Judentum, Einwanderung der Juden, Verbannung der Juden, Wismar, Rostock, Parchim, Krakow, Güstrow, Boizenburg, Malchin, Friedland, Neubrandenburg, Schwerin, Röbel, Sternberg, Das Martyrium der Juden, Vertreibung der Juden
Allen denen, die mir bei Abfassung dieser Schrift irgendwie förderlich waren, namentlich den Herren Archivräten DD. Lisch, Bayer und Wigger in Schwerin — wegen ihres höchst freundlichen, sehr anerkennenswerten Entgegenkommens bei Benutzung des Quellenmaterials im Großherzogl. Mecklenburg-Schwerin'schen Geheimarchiv zu Schwerin — sowie dem hochlöblichen Bibliothekariat der Universitäts-Bibliothek zu Rostock und Herrn Professor Dr. Schirrmacher daselbst. Sei hiermit mein tiefgefühltester Dank dargebracht. Der Verfasser.

Hinsichtlich der Quellen dieser Schrift, verweisen wir den geschätzten Leser auf die jedesmaligen Quellenhinweise an Ort und Stelle.

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Der jüdische Stamm hat ziemlich spät sein schwaches Kontingent zur Bevölkerung Mecklenburgs gestellt. Während im übrigen Deutschland, namentlich im südlichen, bereits bedeutende Gemeinden, „Mutterstädte“ in Israel blühen, mit berühmten, hervorragenden Männern an der Spitze, zeigt sich hier in dem alten Wendenland noch keine Spur von Juden. Es ist das aber auf Rechnung der ethnologischen Verhältnisse zu setzen. Bis um die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts hausten in den Gauen des heutigen Mecklenburgs die wilden Slawenstämme der Obotriten und Leutitier, heidnisch in ihrem Glauben, roh und barbarisch in ihren Sitten, die Agrikultur nur sehr notdürftig pflegend, ohne nennenswerten Handel und Gewerbe, am liebsten ein zügelloses Freibeuterleben auf der benachbarten Ostsee führend. Das jüdische Volk aber hat stets nur da seinen Wohnsitz aufgeschlagen, wo bereits ein gewisser Grad von Kultur und Gesittung herrschte. Ein noch in die dichteste Finsternis des Barbarentums gehülltes Land, wohin auch nicht der leiseste Strahl der Zivilisation gedrungen war, konnte auf dasselbe keine Anziehungskraft ausüben, da hier kein Schauplatz für seine Entwicklung und Tätigkeit war, wenn es auch vielleicht in heidnischer Umgebung auf größere Toleranz und Gastfreundschaft rechnen durfte, als in christlichen Ländern, welche alle Pfeile ihres Grimmes und Zornes gegen dasselbe lossandten. So lange daher die Wenden, die Diener des Kriegsgottes Radegast, die das Seeräuberhandwerk allen friedlichen Beschäftigungen vorzogen, Bewohner des Landes waren, fanden sich keine Söhne Judas ein. Als aber die Christianisierung und Germanisierung des Landes in den letzten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts mit Riesenschritten vor sich gingen und es zu einem integrierenden Teil deutscher Nation machten, wo Pflugschar und Sense fleißig gehandhabt wurden, und auch Handel und Gewerbe einen Aufschwung zu nehmen anfingen, da lenkten die Juden aus den altdeutschen Landen, wo sie bereits, namentlich während der Kreuzzüge, den Hass und Fanatismus der Christen aufs Bitterste und Grausamste empfunden hatten, ihre Schritte nach dem jungen Germanenland; vielleicht in der Hoffnung, in dem Lande, das eben die Taufe erhalten und vom Fanatismus noch nicht so durchwühlt war eine sicherere und friedlichere Zufluchtsstätte zu finden.

Ein bestimmter Zeitpunkt für ihre Einwanderung lässt sich in den alten Quellen nicht nachweisen, da die anfänglichen Niederlassungen sich nur aus sehr wenige Familien beschränkt haben werden, die sporadisch an verschiedenen Orten wohnten und in Zeiten der Bewegung und Aufregung, wie sie die deutschen Kolonisierungen hervorrufen mussten, wo auch die Ortseinwohnerschaft häufig ein Aggregat von bisher sich fremd gewesenen Individuen bildete, wie sie gerade der Zufall zusammenwürfelte, die Aufmerksamkeit nur in geringem Grade auf sich zogen.

Höchst wahrscheinlich werden von der Mark Brandenburg, als dort die Juden im Jahre 1243 der Beschuldigung Hostien gestohlen und geschändet zu haben, zum Opfer fielen,*) sich einige nach dem benachbarten Mecklenburg gepachtet haben. Möglich auch, dass bei der, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wegen häufiger Verfolgungen erfolgten Auswanderung vieler Juden von den Ortschaften am Rhein und Main,**) so manche Familien ihren Weg nach unserm Land genommen, wo sie milder behandelt wurden ***).

Die Geschichte der Juden in Mecklenburg verfällt in zwei Epochen:

A. Von ihrer ersten Einwanderung (in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts?) bis zu ihrer Verbannung 1492
B. Von ihrer zweiten Einwanderung in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts bis auf die Gegenwart.

*) Vergl. Geschichte der Juden in Berlin, von Dr. Karpeles in der ,,jüd. Presse“ 2. Jahrgang. N. 39.
**) Vergl. Grätz Geschichte der Juden, B. 7, S. 201.
***) Vergl. Tychsen, Bützow’sche Nebenstunden II. S. 9, 10, VI. S. 47, 68.
[Aus der Einleitung]
Bützow.

Bützow.

Güstrow im Jahre 1632.

Güstrow im Jahre 1632.

Neubrandenburg - Stadttore.

Neubrandenburg - Stadttore.

Parchim.

Parchim.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Rostock vom Carlshof um 1830.

Achwerin - Altstadt 1740.

Achwerin - Altstadt 1740.

Sternberg - Marktplatz.

Sternberg - Marktplatz.

Teterow.

Teterow.

Wismar - Fürstenhof.

Wismar - Fürstenhof.