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Das Lusthaus auf der Jungfer

Buchner musste es in seinem Alter erleben, daß an seine Stelle der Italiener Juan Maria Nosseni trat, dessen bildhauerische Tätigkeit wir ja schon kennen gelernt haben. Aber auch als Architekt hat er sich betätigt. Nosseni erbaute das Haus, das wenigstens in seinem dritten Nachfolger noch heute berühmt ist, nämlich das Belvedere auf der Brühischen Terrasse. Diese selbst, d. h. die ursprünglichen Befestigungen, aus denen sie entstanden ist, hat im Auftrage Christians I. Paul Buchner geschaffen. Wir müssen daher wenigstens noch einen kurzen Blick auf die Fortführung der Befestigungen unter Kurfürst August werfen. Diese leitete seit 1569 der Florentiner Rochus Quirin Graf von Lynar, den Kurfürst August als Oberbaumeister in seine Dienste nahm. Lynar ward 1525 zu Maradia in Toscana geboren, er erhielt seine Ausbildung zunächst gemeinsam mit Cosimo de Medici, von 1539 an aber am Hofe des Herzogs Alfonso von Ferrara. Dort wird er auch seine erste Ausbildung in der Kriegsbaukunst, einem Hauptbestandteil der damaligen Kriegswissenschaften, erhalten haben. Von 1542 an stand er im Dienste des französischen Hofes, bereits 1550 ernannte ihn Heinrich II. zum Generalkommissar aller Festungen der französischen Krone. Da er sich indes späterhin den Hugenotten anschloss und infolge seiner tätigen Teilnahme am Hugenottenkriege der Aufenthalt in Frankreich für ihn sehr unsicher geworden war, trat er 1568 zuerst in pfälzische Dienste. Lynar war, wie sein Biograph Korn urteilt, einer der bedeutendsten Männer seiner Zeit, ein tüchtiger Verwaltungsbeamter, ein gewandter Politiker, ein guter Artillerist, ein hervorragender Ingenieur und Kriegsbaumeister. In Dresden widmete er sich seinen Aufgaben mit höchster Tatkraft und Geschicklichkeit. Hier können wir nur kurz erwähnen, was er für die Befestigung der sächsischen Hauptstadt getan hat. Er gestaltete zunächst die Befestigungen zwischen dem Schloss und dem Wilsdruffer Tor vollständig um: dabei legte er "die große Bastion hinter dem Schlosse“ an, deren Reste noch heute im Zwingerwall erkennbar sind; aus dem einstigen Befestigungsbau ist — durch den Hofgärtner Terscheck 1825 — einer der reizvollsten landschaftlichen Punkte innerhalb Dresdens geworden.

Abb. 29 Schlosstor in der Schlossgasse


Ähnlich steht es mit Lynars zweitem Werk: Augusts Sohn und Nachfolger Christian I. fasste bald nach seinem Regierungsantritte (1586) den Plan, Dresden noch weiter zu befestigen und beauftragte Lynar mit der Aufstellung des Planes. Am 18. August 1589 wurde der Grundstein der "neuen Vestung oder Berges am Ziegeltor“ und damit zu der späteren Brühlschen Terrasse gelegt. Die Bauleitung hatte der Oberzeugmeister Paul Buchner; dieser führte Lynars Pläne aus und bildete dessen Entwürfe architektonisch durch. Damit war dann der Kreis von Dresdens Befestigungen geschlossen. In ganz eigenartiger Weise traten dabei Festungsbau und Lustbau, Sicherheit und Lebensfreude miteinander in Verbindung. Aus Italien kam damals der Gedanke des Lusthauses, eines Gebäudes, das ohne praktischen Zweck lediglich zur Steigerung der Freude am schönen Dasein dienen sollte. Der Phantasie war damit Tür und Tor geöffnet und es entstanden eine Reihe eigenartiger, oft wunderlicher Bauwerke. Mit Recht sind unter ihnen das Lusthaus zu Stuttgart (1593 vollendet, 1846 abgebrochen) und das Belvedere auf dem Hradschin zu Prag (1536) ihrer Schönheit wegen hoch berühmt. Offenbar hat Kurfürst Christian von Sachsen das Prager Belvedere mit seinem wundervollen Blick auf den Talkessel der Moldau und die vieltürmige, an beiden Ufern sich ausbreitende Stadt gekannt. Ihm als einer echten Renaissancenatur musste der Wunsch naheliegen, gleichfalls in seiner Residenz ein solches Belvedere zu besitzen, und so ließ er das "Lusthaus auf der Jungfer“ (d. i. auf der Bastion der heiligen Jungfrau) errichten. Es ist merkwürdig genug, daß dieses Haus heiteren Lebensgenusses gerade auf der Spitze der Bastion, der wichtigsten Stelle der Befestigung errichtet wurde. Rings um den Altan, der das Lusthaus umgab, zog sich ein Geschützgang, der mit 36 Geschützen bewehrt war, und an der äußersten Ecke der Bastion erhob sich die Gestalt der Gerechtigkeit mit der Wagschale und dem gezückten Schwert in den Händen. So konnte sich der Kurfürst mit seinen Gästen dem ruhigen Gefühl voller Sicherheit vor etwaigen Feinden hingeben und sich zugleich der Pracht seines Lusthauses und der köstlichen Fernsicht erfreuen. Zwar hatte die Bastion, über die sich das Lusthaus mit seinem Altan und seinem schiffsrumpfartigen Dache so keck hinausreckte, noch nicht die Höhe, die ihr erst August der Starke gab, aber die Fernsicht wird schon damals gerühmt. Nicht behindert durch die hohen Häuser von heute schaute man weithin über den anmutig geschwungenen Lauf der Elbe, über die zahlreichen Gärten vor den Toren Dresdens und über das Blasewitzer Tännicht bis auf die dichtbewaldeten Loschwitz-Pillnitzer Höhen und die Berge des Erzgebirges und bei hellem Wetter konnte man auf der anderen Seite angeblich sogar die Türme von Meißen sehen. Dreimal hat seit Christians I. Zeiten das Gebäude auf der Jungfernbastion gewechselt, aber noch heute empfinden wir die Schönheit des Blickes von erhöhter Stelle über die Elbe, mag die Aussicht auch durch die Entwickelung der Stadt arg beeinträchtigt worden sein.

Abb. 30 Das Lusthaus auf der Jungfer (jetzt Belvedere der Brühischen Terrasse) (Bild nach Tschimmers Durchlauchtigster Zusammenkunft 1678)

An dem ersten Lusthaus ist übrigens länger als 60 Jahre gebaut worden, und über eine schließliche Vollendung sind wir schlecht unterrichtet. Ursprünglich hatte Nosseni die Oberleitung des Baues, dann sein Schüler und Nachfolger im Amt Sebastian Walther und nach dessen Tode 1645 der Maler Christian Schiebung. Der sandsteinerne Bau, ursprünglich auf rechteckigem Grundriss eingeschossig errichtet, dann mit einem zweiten Geschoß versehen, hatte im Äußeren eine charakteristische Silhouette, mit der er keck über die Mauern der Bastion herübersah. Im Innern war er mit Säulen und 48 Bänken in buntem Marmor, mit 60 Büsten der sächsischen Fürsten, mit einem Brunnen in Alabaster, bronzierten Engeln, einer großen Orgel mit Pfeifen in Serpentinstein usw. prunkvoll verziert. Im Friese des oberen Saales hatte Christian Schiebung Geschichten aus dem trojanischen Kriege gemalt, darüber sah man die sieben Planeten mit den zwölf Himmelszeichen und weiter an der Decke die vier Elemente, sowie die Tageszeiten, gemalt von Kilian Fabricius. In den Nebenräumen zu beiden Seiten des Saales aber waren kostbare Steine aus dem Kurfürstentum Sachsen aufgestellt, auch Becher und Schalen aus Edelsteinen, die Barthel Börner (1590—1646) gedreht und verziert hatte. Nach alledem ist es begreiflich, daß das so eigenartig schön gelegene Lusthaus mit seiner prächtigen Innenausstattung zu Dresdens Wahrzeichen gerechnet wurde und sich eines so hohen Rufes erfreute, daß es von allen Reisenden, die Dresden in damaliger Zeit besuchten, erwähnt wurde. Eine ausführliche Beschreibung verdanken wir dem Augsburger Patrizier Philipp Hainhofer, der am 10. September 1699 als Abgesandter seiner Vaterstadt mit drei anderen Landsleuten in Dresden eintraf, um den Kurfürsten Johann Georg um Hilfe gegen die Unterdrückung des protestantischen Glaubensbekenntnisses durch den Kaiser Ferdinand II. anzugehen. In dem langen Bericht über seine Gesandtschaftsreise spielen die Kunstsammlungen und die sonstigen Sehenswürdigkeiten der Stadt die größte Rolle. Er widmet auch dem Lusthaus eine ganz ausführliche Beschreibung und schildert, wie hier das Angenehme mit dem Nützlichen verbunden war:

"Vor diesem Saal draußen ist eine schöne lange gepflasterte Galerie auf dem Wall, auf der man Fußturnier halten, auch mit Kutschen hinauffahren kann. Der obere und der untere Saal werden mit Marmorsteinen gepflastert und alles wird so eingerichtet, daß man bei Feindesund Belagerungsnöten den marmornen Belag geschwind vom Boden und von den Wänden wegnehmen kann, denn dahinter sind alles dicke Mauern und Pflaster von harten Quadersteinen, schwer Geschütz darob zu führen. Wie man den Kaiser Matthias, den König Ferdinand und den Erzherzog Maximilian auf der Mönchwiese drüben über der Elbe empfing, da waren Bastei und Lusthaus voller Geschütze und fuochi artificiati, welche hinüber spielten.“

Der Stallhof und das Lusthaus an der Jungfer wurden eben als Stätten der einstigen Turniere genannt. In der Tat war das 16. Jahrhundert, in dem der Stallhof entstand, die klassische Zeit der Schauturniere und ritterlichen Spiele in Dresden. In diesen lebte ja das Rittertum des Mittelalters, nachdem es durch die Erfindung des Schießpulvers seine Bedeutung für den Krieg mehr und mehr verloren hatte, noch mehr als ein Jahrhundert fröhlich weiter. Aus dem Kampf war freilich ein Kampfspiel geworden, aus dem ehemaligen Ernst aber sproßte die Kunst empor, die Freude an farbenfroher, glänzender Durchbildung von Wehr und Waffen, an Entfaltung von festlichem Prunk und prächtigem Schaugepränge. So zog vor allem das Kunstgewerbe einen hohen Gewinn aus dem absterbenden Rittertum. Wie noch heute bei Pferderennen und Regatten galt es im Turnier einen Preis zu erwerben. Der Fürst als Maintenator setzte ihn aus, und er selbst verteidigte ihn gegen die Aventuriers, seine Gäste, die er zum Turnier herausforderte. Auf gerüsteten und reichgeschmückten Gäulen ritten die Kämpfer gegeneinander an und suchten einander mit ihren Lanzen aus dem Sattel zu heben. Die Renngäule trugen ein Gelieger, d. h. einen Behang aus farbigem Stoff, der den Sattel und das ganze Tier einhüllte, und dieser war reich geschmückt, mit Wappen und Wahrzeichen des Besitzers bestickt, mit ornamentalen und figürlichen Verzierungen versehen. Gleich dem Manne war auch das Ross gerüstet, und Rüstung und Rossharnisch zeichnen sich ebensowohl durch ihre künstlerisch zweckmäßige Durchbildung wie durch reichen ornamentalen Schmuck in getriebener, ziselierter und eingelegter Arbeit aus. Das historische Museum zu Dresden besitzt noch heute eine Reihe der herrlichsten Rüstungen aus jener Zeit, wie man sie kaum irgendwo anders in gleicher Schönheit sehen kann. Im Turnier- und Paradesaal findet man zu Dutzenden Prachtstücke von Rüstungen von Mann und Pferd, die ihresgleichen suchen. Da ist vor allem die weltberühmte Prachtrüstung des Kurfürsten Christian II. für Mann und Ross, das vollendete Meisterstück des Augsburger Plattners Anton Peffenhäuser, das der Kurfürst 1606 von Heinrich Knopf aus Nürnberg zu Schleusingen für 8.800 Gulden (gegen 35.000 Mk.) kaufte. "Der Kurfürst war über den Erwerb dieses Kunstwerkes so erfreut, daß er dem Verkäufer für sich und seine Diener zur Verehrung und Zehrung durch den Hofmarschall Hans Georg Wehse am 17. April 1607 noch 55 Gulden und 15 Groschen über das Kaufgeld bewilligte.“ Auf den getriebenen Reliefbildern der Mannesrüstung sind Szenen aus dem trojanischen Krieg und dem Argonautenzug, auf der Pferderüstung solche aus der Herkulessage dargestellt. Von demselben Augsburger Plattner rührt auch die Prunkrüstung des Herzogs Johann Georg I. her (1604), die mit getriebenen und vergoldeten Verzierungen aus schwarzem Grunde in köstlicher Weise geschmückt ist. Hunderte anderer Rüstungen kommen hinzu, um uns das Bild damaligen ritterlichen Lebens und deutscher Plattnerkunst lebendig zu machen.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Dresden
Abb. 29 Schlosstor in der Schlossgasse

Abb. 29 Schlosstor in der Schlossgasse

Abb. 30 Das Lusthaus auf der Jungfer (jetzt Belvedere der Brühischen Terrasse) (Bild nach Tschimmers Durchlauchtigster Zusammenkunft 1678)

Abb. 30 Das Lusthaus auf der Jungfer (jetzt Belvedere der Brühischen Terrasse) (Bild nach Tschimmers Durchlauchtigster Zusammenkunft 1678)

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