Der Kaiser Napoleon auf der Flucht. Der Sergant der französischen Kaisergarde, Francois Bourgogne, erzählt vom 25. November 1812.

Wir begegneten (in der Nähe der Beresina) einer Abteilung von ungefähr dreißig Mann mit drei Offizieren. Es waren Sappeure und Pontoniere, die bis jetzt in Orscha in Quartier gelegen, daher noch wenig gelitten hatten und ganz rüstig waren; sie marschierten nach der Beresina. Ich fragte einen Offizier nach dem Hauptquartier und erhielt die Auskunft, der Kaiser wäre noch zurück, würde aber bald mit den Truppen hier des Wegs kommen . . . Nach kurzem Warten sahen wir die Spitze der Marschkolonne auftauchen. In tiefem Schweigen nahte sich der Zug. Er wurde eröffnet durch Generale, von denen einige noch beritten, die meisten aber zu Fuß waren; im unmittelbaren Anschluss an diese folgten die traurigen Reste jener sogenannten heiligen Legion, die in einer Eskadron und einem Bataillon am 22. November aus höheren Offizieren gebildet worden war, und die jetzt, nach drei Tagen, eigentlich schon nicht mehr existierte. Alle unberittenen dieser heiligen Schar schleppten sich mühselig an Stöcken, die erfrorenen Füße mit alten Fetzen oder Stücken von Schaffell umwickelt, zerlumpt und verhungert wie Bettler dahin. Hinter diesen kamen die Trümmer der Gardekavallerie und dann - zu Fuß, in einem polnischen Starostenpelz, eine rote mit Schwarzem Fuchs besetzte Sammetmütze auf dem Kopf und einen Stock in der Hand - der Kaiser. Rechts von ihm schritten König Murat, links Prinz Eugène, der Vizekönig von Italien, und dahinter die Murschälle Berthier, Ney, Mortier, Lefèbvre, sowie andere Marschälle und Generale, deren Korps im großen ganzen vernichtet waren. Kaum war der Kaiser bei uns vorüber, so stieg er und ein Teil seiner Begleitung zu Pferde; dreiviertel der Generale hatten keine Pferde mehr. Es folgten jetzt 700 bis 800 Offiziere und Unteroffiziere, die in Ordnung marschierten und in tiefstem Schweigen die Adler ihrer Regimenter trugen, sie bildeten den Rest von 60.000 Mann. Hieran schloss sich die alte Kaisergarde zu Fuß, die wie immer festgegliedert marschierte. Mein armer Pikart (ein alter Waffengefährte Bourgognes von den Kaisergrenadieren), welcher die Armee seit einem Monat nicht gesehen hatte, starrte sprachlos und wie im Traum das alles an; die konvulsivischen Zuckungen auf seinem Gesicht und die krampfhaften Bewegungen seiner Hände verrieten aber deutlich, was in ihm vorging. Öfter stieß er den Gewehrkolben auf die Erde und mitunter drückte er wie unbewusst die Hand auf Brust oder Stirn; endlich übermannte es ihn, und dicke Tränen entquollen seinen Augen, die niederrollend als Eiszapfen in seinem Barte hängen blieben. Als er sich nach einiger Zeit gefasst hatte und die Sprache wiederfand, sagte er mit tonloser Stimme: ,,Landsmann, ich weiß nicht, ob ich wache oder träume! Ist’s denn möglich, das unser Kaiser, der Mann, der uns so groß und stolz gemacht, zu Fuß mit einem Bettelstab in der Hand, auf der Landstraße dahinzieht? Kein Wunder, daß mir da das Wasser in die Augen kam, und er hat’s gesehn! Haben Sie nicht gemerkt, wie er uns ansah? Ich fühlte es, er hat mich auch erkannt!“ Es war richtig, der Kaiser hatte im Vorübergehen den Kopf nach uns gedreht und uns so angesehen, wie er immer jeden Mann seiner Garde anblickte, den er zu dieser Zeit des Unglücks vereinzelt traf, und dem er mit seinem Blick Vertrauen und Mut einflößen zu wollen schien. Seine Alten kannte er alle und es war daher durchaus keine Einbildung oder Selbstüberschätzung von Pikart, wenn er die Überzeugung hegte, daß ihn der Kaiser erkannt habe. Zudem hatte Pikart, um einen möglichst günstigen Eindruck zu machen, seinen weißen Mantel abgelegt und trotz seiner Kopfwunde auch die Bärenmütze aufgesetzt, an Stelle deren er unterwegs eine ihm von einem alten Polen geschenkte weiche Pelzmütze getragen hatte.

(Sergeant Bourgogne, Kriegserlebnisse 1812 und 1813)
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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Befreiung 1813 - 1814 - 1815. Teil 1