Strelitzer Land - Altstrelitz

Es ist in kaum dreiviertel Stunden bequem zu Fuß zu erreichen, in wenigen Minuten mit den nach Berlin gehenden Zügen.

Während man die Chaussee, die von einer Allee eingefasst ist, entlang schreitet oder fährt, gedenkt man wohl lächelnd des zuversichtlichen und naiven Wunsches, den Adolf Friedrich III. aussprach, als er „eine neue Stadt allda anzulegen intentionierte" und die Hoffnung hegte, „dass unter Gottes gnädigem Beistande und Segen dieser Ort dergestalt anwachsen werde, dass mit der Zeit Alt- und Neustrelitz kombinieret werden können." Allerdings haben im Laufe der zweihundert Jahre, die seitdem vergangen sind, die Städte hüben und drüben die Arme einander entgegen gestreckt, Villen und Fabrikgebäude rückten ein gutes Stück näher, aber immer noch dehnt sich eine tüchtige Strecke zwischen ihnen aus.


Altstrelttz bietet an sich nichts Besonderes mit seinen wenig schönen Häusern, in den nicht allzu imponierenden Straßen. Der schon erwähnte Engländer Mr. Nugent macht aus dem Jahre 1766 folgende Beschreibung davon: „Die Stadt ist nicht sonderlich groß, doch sind die Straßen breit und regulär, aber die Häuser niedrig; der Marktplatz ist geräumig, und die Einwohner haben ziemlich Verkehr mit Hornvieh und Hopfen. Auch ist hier eine große Menge Juden."

Viele Juden wohnten noch im vorigen Jahrhundert dort, während in Neustrelitz noch keine zu finden waren. Ich erinnere mich noch wohl, dass ein stattlicher Jude, mit Lockenhaupt und großer Krummnase, der Hauptmodehändler auch für Neustrelitz, mit seinen Probepaketen zu den Damen der Hofgesellschaft kam und seine Ware stets mit der Versicherung anpries: „Wunderhübsch und ganz neu!" - Dass er sich manchmal die Hände im Schnee wusch, wenn eine vornehme Dame seinen Laden verlassen hatte und heimfuhr, beobachtete meine Mutter einst. Wenn nämlich ein strenggläubiger Jude einen Gojim (Christen) betrogen hatte, muss er sich die Hände waschen. Wegen der vielen Juden hat der Volksmund Altstrelitz mit dem Spottnamen Mokum belegt, von dem hebräischen Wort Makom = Ort abgeändert. Dass die Altstrelitzer heute einen geistig etwas höher stehenden Verkehr haben als zu den Zeiten des guten Mr. Nugent, der ihn auf Hornvieh und Hopfen feststellte, das will ich nicht nur hoffen, sondern ich habe auch Grund, es bestimmt zu behaupten.

Altstrelitz liegt ganz in der Ebene, die zum großen Teil Sandboden hat. In und um die Stadt hat sich fruchtbares Gartenland gelagert, wahrscheinlich der Rückstand und Niederschlag ehemaliger Seen und Sümpfe, die die alte Wendenburg, aus der der Ort entstanden ist, umgeben haben. Der Name Strelitz bedeutet in der wendischen Sprache „Pfeilschütz“; vielleicht war es ein Wendenhäuptling dieses Namens, dessen Pfeile Ur und Wolf, Hirsch und Wildschwein, die die weiten Forsten rings bevölkerten, mit unfehlbarer Sicherheit erlegten, der die Burg gründete. Im Jahre 1349 finden wir das inzwischen sicher sehr umgestaltete feste Haus im Besitze der Familie von Dewitz; sie besaß 1348 das ganze Land Arensberg und führte den Titel Grafen von Fürstenberg.

Die beiden Grafen Ulrich und Otto erhoben den bei der Burg gelegenen Ort zur Stadt. Nachdem die Dewitze Titel und Grafschaft wieder verloren hatten, besaßen die Moltkes auf Stritfeld und dann die Blankenburgs Strelitz, später kam es an Mecklenburg- Güstrow. 1575, 1619 und 1676 brannte die Stadt fast ganz ab.

Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie zunächst zum fürstlichen Wittum und dann zur Residenz. Aus diesen Glanzzeiten des unscheinbaren Städtchens taucht die Gestalt einer Frau auf, die hier ihren Witwensitz zwölf Jahre lang bewohnte, und die es verdient, unsere Teilnahme zu fesseln.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Deutsche Erde - Wanderungen durch Mecklenburg