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Abschnitt. 3 - Das war ein wichtiger Schritt vorwärts und wurde als solcher gebührend anerkannt ...

Das war ein wichtiger Schritt vorwärts und wurde als solcher gebührend anerkannt und gefeiert. Der Oheim Grünebaum hielt dabei eine seiner schönsten und längsten Reden, welche aber doch weniger Wirkung auf den Neffen machte als ein Paar neuer Stiefel, womit er ihn beschenkte. Es waren die ersten, auf welche Hans Unwirrsch trat; in fieberhafter Aufregung hatte er ihren Bau von den ersten Anfängen an bewacht; mit Nägeln waren sie beschlagen, daß man von der Sohle fast nichts erblickte; wenn man darin einherstapfte, so hörte man den Schritt drei Gassen weit. Der Oheim Grünebaum hatte ein Meisterstück gemacht und hatte das seltene Vergnügen, daß es als solches anerkannt wurde. Ein großes Sehnen in Hansens Brust war durch die Stiefeln befriedigt worden, er schritt auf ihnen mit bedeutend erhöhtem Selbstbewußtsein durch das Leben. Ein Junge mit so vielen und so dickköpfigen Nägeln unter den Füßen konnte schon seinen Standpunkt den neuen Lehrern und den neuen Schulgenossen gegenüber behaupten, und Hans behauptete ihn und trat jetzt auch erst in ein innigeres Verhältnis zu dem andern Geschlecht, welches er bis dahin so sehr verachtet hatte, insofern es nicht durch seine Mutter und die Base Schlotterbeck repräsentiert wurde.
Neben dem Trödelladen wohnte eine Frau, die sich durch eine Semmel- und Obstbude vor der Tür der Bürgerschule erhielt. Ihr Name tut nichts zur Sache; aber sie hatte eine Tochter von ungefähr acht Jahren, und das kleine Mädchen hatte eine Katze. Das Kind starb zuerst, dann starb die Katze; die Obsthändlerin ist heute auch längst tot – sie haben keine unausfüllbare Lücke in der Welt gelassen, aber die kleine Sophie war doch Hans Unwirrschs erste Liebe.
In Abwesenheit der Mutter saß das Kind in der Obstbude an der Bürgerschule, und neben ihm saß die Katze. Beide blickten unbeschreiblich ernsthaft und verständig über die Haufen rotbäckiger Äpfel und Birnen, die Körbe mit den Pfefferkuchen und Semmeln und die Glaskästen voll verlockenden Zuckerwerks. Sich selber ließen sie niemals durch die ausgelegten Schätze verlocken. Pflichtgetreu saßen sie da, warteten auf die Kunden und besorgten den Handel ebensogut wie die Inhaberin der Firma.
Zuerst wurde Hans natürlich durch das Obst, die Pfefferkuchen und Semmeln zu der Bude gezogen; dann übte die Katze eine bedeutende Anziehungskraft auf ihn aus; die kleine Sophie würdigte er seiner Aufmerksamkeit zuletzt, und es dauerte eine ziemliche Zeit, ehe das Verhältnis sich umkehrte. Letzteres trat erst dann ein, als der ritterliche Hans auch hier als Beschützer aufgetreten war, und dazu mangelte die Gelegenheit nicht.
Nicht Hans allein richtete seine Aufmerksamkeit auf die Katze in der Semmelbude. Auch andere jugendliche Gemüter nahmen teil an ihrem Wohl, aber noch viel mehr an ihrem Wehe. Die offenen oder geheimen Angriffe auf das ehrbare, gesittete Tier nahmen nie ein Ende, und die kleine Herrin wußte im Kampf mit allen finsteren Mächten ihrem Jammer oft keinen Rat. An jedem Abend trug sie ihre vierbeinige Freundin auf den Armen nach Haus, und dann war auch die rechte Zeit der Wegelagerer gekommen. An jeder Straßenecke hatten Kind und Katze Leid zu bestehen, und immer neue Verfolger schlossen sich zur Begleitung an.
Bei solcher Gelegenheit zeigte sich Hans wieder als ein edles Gemüt und nahm sich der duldenden Unschuld nach Kräften an. Er trug zwar wiederum einige Beulen und blaue Flecke davon; aber das stolze Gefühl, mit welchem er die kleine Sophie sicher bis zur Kröppelstraße geleitete, war doch auch nicht zu verachten. Die Bekanntschaft war angeknüpft, und gegenseitige, innige Zuneigung entstand daraus. An jedem Abend fand sich Hans an der Obstbude ein, um seine beiden Schutzbefohlenen abzuholen. Moses Freudenstein war bald der Vierte im Bunde.
Durch einen Lenz, einen Sommer und einen Winter verkehrten die Kinder so miteinander. Sie trieben alle Kinderspiele zusammen; mit seinen schönsten Blüten überschüttete sie der Frühling, der Sommer gab alle Freuden, welche er dem jungen Menschen zu geben hat. Holdselig war dies Jahr, keine Blüte, keine Frucht blieb aus. In den Herzen der Greise regten sich die ältesten fröhlichen Erinnerungen; die Schatten der Toten, welche der Base Schlotterbeck in den Gassen begegneten, schienen sich, nach den Aussagen der Base, mit den Lebendigen zu freuen. Die Jünglinge und Jungfrauen lebten ein doppeltes Leben in einer schönen Gegenwart und einer schönen, hoffnungsreichen Zukunft. Sorgenvolle Väter und Mütter warfen wenigstens auf Augenblicke die Not des Tages von sich; aber die Glücklichsten waren doch die Kinder, die vom Alter, vom Tod, von der Hoffnung und von der Sorge noch nichts wußten. Ihnen gehörte die Lust des Jahres ganz und gar, und größtes Unrecht war es, in ihr Reich allzu verständig mit kalter Hand einzugreifen.
Zu Wald und Feld führte Hans die kleine Sophie. Sie verloren sich freilich nicht weiter in die grüne Freiheit, als der Schall der Glocken der kleinen Stadt reichte; aber welch eine Unendlichkeit war ihnen darin gegeben! Der Inbegriff aller Dinge, die Welt, die absolute Totalität eröffnet dem Forscher nicht weitere und nicht geheimnisvollere Räume, als dem Kinde die engbegrenzte Wiese und das Stückchen Himmelblau darüber bieten.
Mit dem Hunger nach der Unendlichkeit wird der Mensch geboren; er spürt ihn früh, aber wenn er in die Jahre des Verstandes kommt, erstickt er ihn meistens leicht und schnell. Es gibt so viel angenehme und nahrhafte Sachen auf der Erde, es gibt so vieles, was man gern in den Mund oder die Tasche schiebt. Hans Unwirrsch war jetzt in dem Alter, wo die ersten Klänge der Weltenharfe leise, leise das aufhorchende Ohr berühren, wo man im Gras sich wälzt oder stilliegt und den Wind in den Blättern hört, die Wolken in der Luft schwimmen sieht und nach den fernen Bergen hinüberstaunt, wo man läuft, um die Stelle zu finden, an welcher der Regenbogen auf der Erde steht, wo man mit Gras und Baum, mit dem lieben Gott, mit jedem Vogel, jeder bunten Mücke, jedem glänzenden Käfer auf du und du steht, wo man Pantheist in der lautersten Bedeutung des Wortes ist.
Ernsthaft wie in der Holzbude vor der Schule saß das kleine Mädchen am Rande des Waldes oder in der Blumenfülle der Wiese. Ihre Hände waren nie unbeschäftigt, ihre Augen waren stets für alles weit geöffnet; aber sie sprach seltener als andere Kinder, und was sie sagte, war viel vernünftiger als anderer Kinder Worte. Die Nachbarn in der Kröppelstraße schüttelten oft den Kopf über sie und nannten sie altklug; allein, das war sie nicht. Ihre Gedanken über das Rauschen im grünen Baum, über den Sonnenschein, über die weiße und über die rosige Wolke, über den stillen, blauen Himmel waren echte Kindergedanken trotz aller Vernünftigkeit. Mit ihren großen Augen sah sie fest und tief in die schöne Welt und schloß sie dann geraume Zeit, als wolle sie versuchen, wieviel sie von all der Pracht und Lieblichkeit mit sich hineinnehmen könne in die Dunkelheit, den Winter – das Grab.
Sie starb in dem Winter an einer Kinderkrankheit, die kleine Sophie. Wenn wir auf das anmutige Bild hauchen, so ist es verschwunden, als sei es nimmer dagewesen.
Auf der obersten Stufe der steilen Treppe, die zu der Wohnung der Obsthökerin führte, saßen dicht aneinandergedrängt Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein, und die Katze Sophiens saß eine Stufe niedriger auf der Treppe. Hinter der Tür lag das kleine Mädchen, von welchem gesagt wurde, daß es noch an dem nämlichen Tage sterben müsse.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Hungerpastor