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Abschnitt. 4 - Durch ein einziges morsches und schmutziges Fenster wurde der enge ...

Durch ein einziges morsches und schmutziges Fenster wurde der enge Vorplatz erhellt; der Regen schlug an die Scheiben, und der Wind rüttelte daran. Mehr als einmal hatte man den Versuch gemacht, die beiden Knaben von ihrem Platze zu vertreiben; doch Hans wich weder der Gewalt noch der Überredung, und Moses, der gern fortgeschlichen wäre, mußte seinetwegen bleiben. Die Katze miauzte von Zeit zu Zeit leise und klagend; wenn die Knaben zueinander sprachen, so geschah das auch leise und ängstlich. Sie sahen die Katze an, und die Katze sah sie an; der Tod lag auf der Lauer wie damals, als der Lehrer Silberlöffel so krank war; – ein lautes Wort durfte nicht gesprochen werden, der Tod konnte es nicht leiden.
Der Jude wie der Christ fühlten gleicherweise die Schwere der Stunde; jeder jedoch machte auf seine Weise seine Bemerkungen darüber.
„Hast du gehört, was der Doktor sagte zur Jungfer Schlotterbeck?“ fragte Moses. „Sie macht’s nun nicht lange mehr‹, hat er gesagt, und er hat den Kopf geschüttelt – so.“
Moses Freudenstein schüttelte den Kopf, wie ihn der Doktor geschüttelt hatte, und Hans sah die Katze an und streichelte sie und schluchzte:
„Sie macht’s nun nicht lang mehr!“
Die Katze aber wimmerte, als wollte auch sie sagen:
„Ja, sie macht’s nun nicht lang mehr, und niemand weiß das besser als ich.“
„Wohin wird sie nun gehen, wenn sie tot ist?“ fragte der Jude, ohne seinen Freund dabei anzusehen. Moses schien für sich allein tief darüber nachzugrübeln, und das Grübeln schien das Gefühl in den Hintergrund zu drängen.
„In den blauen Himmel zu den Engeln, zu dem lieben Gott geht sie!“ flüsterte Hans, den Finger auf den Mund legend.
Aber Moses legte den klugen Kopf auf die Seite und blickte nach dem klirrenden Fenster, an welchem der Regen in Strömen herniederfloß.
„Mein, sie wird einen bösen Weg haben; wird sie doch sehr frieren auf dem Weg.“
Hans Unwirrsch sah ebenfalls nach dem trostlosen Fenster und zog die blauroten Hände so tief als möglich in die Ärmel seiner Jacke, aus welcher er der Base und der Mutter wieder einmal ganz unbemerkt herausgewachsen war. Er konnte über das, was hinter der dunklen Tür vorging, nicht solche Fragen aufwerfen, wie der kleine semitische Dialektiker ihm zur Seite; er war zu unglücklich dazu und fror zu sehr körperlich und geistig. Er hatte mit dunkleren, verworreneren, aber auch schmerzvolleren Gefühlen zu kämpfen als Moses Freudenstein. Der Tod der Spielgefährtin machte einen noch viel schärfern Eindruck auf ihn als der des Lehrers; zum erstenmal fühlte Hans Unwirrsch, daß er ein Stück von seinem Leben verliere.
Aber der schaurige Gast, der Tod hinter der Tür, achtete weder auf Grübeln noch auf Gefühl. Mit einem Satz schoß die Katze von ihrem Platze auf der Treppenstufe gegen die Tür, sie fing an, heftig daran zu kratzen, ihr Haar sträubte sich, sie schrie kläglicher als je. Jemand öffnete die Tür, um das Tier zu verscheuchen, aber blitzschnell schoß es in die Spalte, und dann – dann durfte auch Hans eintreten – die kleine Sophie verlangte nach ihm.
Das Kind wußte ganz klar, daß es sterben müsse. Die großen, ernsthaften Augen hatten einen Glanz bekommen, der nicht mehr von dieser Welt war. Sophie wehrte sich nicht gegen den Tod; sie lag ganz still und sprach auch nicht viel mehr. Mit ihren Augen nahm sie Abschied von ihrem Gespielen, und als Hans laut und bitterlich weinte, schüttelte sie nur ganz leise den Kopf und flüsterte:
„Ich habe sie gesehen – gestern – in der Nacht – die schöne große Wiese! O Hans, wie die Sonne darauf schien – das glänzte! – und so viele, viele, viele Blumen! Oh, mir fehlt gar nichts mehr, morgen bin ich ganz gesund. So schöne, goldene Äpfel in den grünen, grünen Bäumen. Wenn der Wind geht, fallen sie wie ein Regen von Gold herunter. Morgen bin ich auf der schönen, schönen, großen, großen Wiese – gute Nacht, Hans, lieber Hans!“
Sie schloß die Augen und schlief ein, und im Schlaf ging sie hinüber in die Ewigkeit, wo die goldenen Äpfel im grünen Gezweig hingen – all der liebliche Glanz, nach welchem der Armenschullehrer hier auf Erden so großen Hunger gehabt hatte, den er so vergeblich hier auf Erden zu ergreifen gesucht hatte.
Die Katze war auf die Bettdecke der Kranken gesprungen, hatte sich ihr zu Füßen in einen Knäuel gerollt und schnurrte behaglich. Man ließ das arme Tier, wo es war; aber den weinenden Hans führte die Base Schlotterbeck fort; er sah seine Spielgefährtin nicht eher wieder, als bis sie im Sarge lag.
Als das Kind gestorben war, wollte man die Katze wegnehmen von der Decke; sie gebärdete sich jedoch wie toll, biß und kratzte und spuckte und sprang dann freiwillig herab, als die winzige Leiche aus der Bettstelle gehoben wurde. Als der Sarg geschlossen worden war und auf zwei Stühlen in der Mitte der Stube stand, legte sich das Tier unter den Sarg und wollte auch von dieser Stelle nicht weichen. Als der Sarg aus dem Hause getragen wurde, folgte ihm die Katze bis zur Haustür und sah ihm nach. Dann schoß sie wieder die Treppe hinauf und fing an zu suchen in allen Winkeln und Ecken und wollte dies Suchen nicht aufgeben trotz allem, was man tat, um sie davon abzubringen. Tagelang, nächtelang wimmerte sie umher, daß das roheste Gemüt im Haus und in der Nachbarschaft ein Grauen und eine Wehmut darüber ankam. Vergeblich bot man dem armen Geschöpf die besten Bissen – es nahm sie nicht an. Niemand hatte das Herz, es roh und rauh anzufassen; aber man fürchtete sich vor ihm, und jeder atmete auf, als es nach acht Tagen allmählich still wurde. Es hatte ein altes Kleidchen der Toten gefunden, darauf wickelte es sich in einem Winkel zusammen und starb vor Gram und vor Hunger. Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein begruben es, und der Vater Samuel gab aus seinem Trödelvorrat eine bunte Schachtel zum Sarge her.
Der Tod der kleinen Sophie und der Katze machte, wie gesagt, einen viel größeren Eindruck auf Hans als der Tod des Lehrers Silberlöffel. Mit einem andern Mädchen schloß er fürs erste keine Freundschaft; aber der Trödelladen gewann von jetzt an einen immer größeren Einfluß auf ihn. Die Base Schlotterbeck und die Mutter Christine hätten Grund gehabt, recht eifersüchtig auf den Nachbar Samuel Freudenstein zu sein.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Hungerpastor