Domleschgertal

Überrascht tritt der Wanderer bei Tusis, am Fuße des Heinzenberges, den der Herzog von Rohan den schönsten Berg der Welt nannte, aus dem verlornen Loch. Hier öffnet sich das reiche Domleschgertal, von Tomils, einem unbedeutenden Dorfe, Tomiliasca genannt, was dann in Domleschg überging — ein Wink für die Leser Johannes von Müllers, der sich immer der seltneren lateinischen Form bedient. Zweiundzwanzig Dörfer bald am Ufer, bald auf dem Gebirge, und fast eben so viel zum Teil noch bewohnte Schlösser und Burgen beleben diese schöne, fruchtbare Gegend, wo die ersten Reben an den Ufern des Rheins gezogen werden. Die weiße Albula und die schwarze Nolla fließen hier dem Rheine zu, welchen letztere durch den Mergelschiefer, dessen aufgelöste Bestandteile sie massenweise bei sich führt, nicht nur bis über Graubünden hinaus schwärzt, sondern oft sogar zu verstopfen droht.

Am Ende des Tals bei Reichenau vereinigen sich die beiden Arme des Rheins und bilden schon einen Strom, der die Breite von 256 Fuß hat, der jedoch seines ungestümen Laufs wegen noch nichts als Flöße trägt; Schiffe würde er zertrümmern*). Reisebücher empfehlen die Vereinigung dieser Gewässer von der Terrasse des schön gelegenen Schlosses des Herrn Obersten von Planta anzusehen. Dieses Schloss ist auch durch die Schule merkwürdig, welche der Bürgermeister von Tscharner der ältere für eine kurze Zeit in demselben angelegt hatte. Hier war es, wo Ludwig Philipp, der jetzige König der Franzosen, während seiner Verbannung unter einem angenommenen Namen die französische Sprache und die Anfangsgründe der Mathematik lehrte, wie er sich selbst, von seinen Schülern umgeben, in einem Gemälde darstellen ließ, das im Palais-royal gezeigt wird.


*) Et navigari ah ortu poterat primigenio copiis exuberans propriis, ni ruenti curreret similis potius quam fluenti, sagte schon Ammianus Marcellinus.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das malerische und romantische Deutschland