Breisach und der Breisgau

Der nächste Ort, dessen wir gedenken dürfen, ist die alte Hauptstadt des Breisgaus. Um aber dem Spott über den vollen Siebenmeilenschritt von Basel nach Breisach auszuweichen, werfen wir unterwegs einen Blick auf das Städtchen Neuenburg, das dort unter den alten plutonischen Kuppen des Feldbergs, des Hochblauen und des Bölchen liegt. Es ist durch Bernhard von Weimar, der hier seine kühne Seele aushauchte, doppelt merkwürdig. Das Jahr vorher hatte er es nämlich belagert, und über den hartnäckigen Widerstand der tapfern Neuenburger aufgebracht, sich vermessen, in der eroberten Stadt keinen Hund und keine Katze zu schonen. Als endlich die Übergabe erfolgte, gereute ihn des edeln Blutes; doch ließ er, um sein Wort zu lösen, alle Katzen und Hunde töten.

Breisach liegt am Fuße des fruchtbaren, vielbevölkerten Kaiserstuhls, eines isolierten Erhebungsvulkans, der mit den Bergen rings umher, auch mit dem Schwarzwald in keinem Zusammenhang steht. Nur der Basaltberg, welcher Breisachs Münster trägt, scheint noch dem Kaiserstuhl anzugehören. Es ist der alte, schon von den Römern bebaute mons brisiacus, welcher der Stadt und dem Lande den Namen gibt.


Seit die Festungswerke von Breisach geschleift waren, hatte das römische Reich nicht mehr, wo es sein Haupt hinlegen sollte. Einst hieß nämlich diese Festung des heiligen römischen Reichs Hauptkissen, der Schlüssel Deutschlands. Nur auf dem linken Ufer steht das französische Neubreisach und das Fort Mortier noch fest und drohend da. Hat man die Warnung des getreuen Eckarts, an den in Breisach noch der Eckartsberg, der einst die Zeughäuser trug, so wie bei Freiburg das Schloss Eckart mahnt, so in den Wind geschlagen? Vielleicht wäre es nicht geschehen, wenn damals die Sage von dem getreuen Warner noch lebendig gewesen wäre. Zwar teille er das Schicksal der troischen Kassandra, keinen Glauben zu finden. Und so würde sich in der Geschichte nur wiederholt haben, was die vorgeschichtliche Überlieferung Tragisches meldet. Hätten doch auch die alten prophetischen Worte warnen sollen, die Breisach von sich sagt:

Limes eram Gallis, nunc pons et janua fio:
Si pergunt, Gallis nullibi limes erit.

Schranke dem Gallier einst, nun bin ich Thor ihm und Brücke:
Schreitet er vor, wird bald nirgend ihm Schranke noch sein.

Aus dem Sprichwort :,,Du bist der getreue Eckart, der Jedermann vor Schaden warnt,“ und aus Goethes und Tiecks Gedichten, kennen die meisten unsrer Leser seine Sage nur obenhin. Sie genauer mit ihr bekannt zu machen, scheint hier um so mehr der Ort, als der Breisgau ihre eigentliche Heimat ist. Wenn Eckart mit seinem weißen Stabe vor dem wilden Heere hergeht, und Jedermann aus dem Wege weichen heißt, damit er nicht Schaden nehme; wenn er vor dem Venusberge, vielleicht dem erwähnten Eckartsberge, sitzt, und die Leute warnt, hinein zu gehen, weil sie sonst des Tannhäusers Schicksal teilen müssten, so sind dies spätere Anwendungen seiner schon halb vergessenen Sage. Diese selbst bildet einen der wichtigsten Zweige des großen deutschen Epos. Ihre Grundzüge sind folgende:

Eckart ist der Pfleger der jungen Harlungen, der Bruderssöhne Kaiser Ermenrichs (jenes gotischen Ermanaricus), der Vettern Dietrichs von Bern. Wie Eckart einst des alten Harlung getreuer Rat war, so ist der ungetreue Sibich, ,,von dem die ungetreuen Räte in die Welt gekommen sind,“ Kaiser Ermenrichs Ratgeber. Die Sage deutet an, dass Eckart und Sibich einst liebe Freunde gewesen. Aber damals war Sibich selbst noch ein getreuer Mann. Als später sein Weib Odilia von Kaiser Ermenrich gewaltsam entehrt ward, verwandelte er seine Natur und verkehrte sich in den ungetreuen. Rot von Haaren und Bart, die weiße Haut überall fleckig, sein Ansehen gleißend, so schildert ihn jetzt die Sage. Um die erlittene Beleidigung zu rächen, rät er dem Kaiser, unter dem trügerischen Schein unbedingter Ergebenheit, zum Verderben seines Hauses. Seine ersten untreuen Räte betreffen Ermenrichs eigene Söhne, die von Sibich verläumdet auf des Kaisers Befehl eines gewaltsamen Todes sterben. Gegen Dietrich von Bern ist sein letzter Ratschlag gerichtet, und so wird dessen Flucht zu den Hennen, wo er bei Etzel mit den Nibelungen zusammentrifft, herbeigeführt. In der Mitte zwischen diesen beiden falschen Räten, die uns hier nicht weiter betreffen, liegt nun der gegen die der Pflege Eckarts befohlenen, in Breisach wohnenden Harlungen, welche Sibich frecher Anschläge gegen die Ehre der Kaiserin zu verdächtigen weiß. Sie fallen, obwohl gewarnt, als das Opfer arglosen Leichtsinns, vielleicht auch ihrer ungezügelten Begierden. Ermenrich gibt nun den Breisgau Wittichen (dem Sohne Wielands des Schmiedes), der einer der Helden Dietrichs von Bern diesem dadurch entfremdet wird. Man sieht aus diesen flüchtigen Umrissen, dass Tiecks Romanzen von dem getreuen Eckart mehr auf willkührlicher Erfindung als auf der ächten Sage ruhen.

Die Vermutung, dass der Kaiserstuhl an Kaiser Ermenrich mahne, lässt sich, da die Entstehung des Namens durchaus unbekannt ist, nicht abweisen. Vielleicht gewinnt sie aber durch das Folgende größere Wahrscheinlichkeit:

Dass gerade das Breisgau in allen unsern Quellen so übereinstimmend als die Heimat Eckarts, als das Erbe der Harlungen bezeichnet wird, dafür hat man sich bis jetzt vergeblich nach historischen Gründen umgesehen. Mone erkannte zwar richtig den Zusammenhang des Namens der Harlungen mit dem des untergegangenen gotischen Herulervolks, allein bis jetzt hat es sich nicht nachweisen lassen, dass dies je an dem alamannischen Oberrhein gewohnt hätte. Wir müssen also andere genügende Anlässe suchen, und diese liegen uns in dem geschichtlichen Verhältnis des breisgauischen Fürstenhauses, der Zähringer, zu dem ostgotischen Verona, das in den deutschen Liedern bekanntlich Bern heißt.

Die Zähringer, die ihr Geschlecht von den Etichonen, den ältesten alamannischen Herzogen, leiteten, erhoben schon früh Ansprüche auf das Herzogtum Schwaben. Wirklich erteilte Kaiser Heinrich III. dem ersten der zähringischen Bertholde die Anwartschaft auf dasselbe. Weil aber Rudolf von Rheinfelden des Kaisers Tochter Mathilde entführt hatte, so glaubte die Kaiserin den Fehltritt ihres Kindes wenigstens mit einem Herzogsmantel bedecken zu müssen, und so erhielt Rudolf das Herzogtum Schwaben, Berthold aber ward durch Kärnthen und die Markgrafschaft Verona entschädigt. Von Kärnthen (lateinisch Carintia, auch wohl Caerintia?) nannte sich dieser, ob es gleich nicht lange bei seinem Hause blieb, einen Herzog von Zähringen, welcher Namen auch dem Stammschlosse beigelegt ward, das sich die Bertholde unweit Freiburg erbauten. Von Verona aber führten sie den markgräflichen Titel, der auf die Markgrafen von Baden überging. Noch heute zeugt der edle Markgräfler bei Baden weiler von diesen vergessenen Verhältnissen. Man weiß ferner, dass die großdenkenden Zähringer, die lieber über freie Männer, als über knechtisches Gesindel herrschten, nicht nur Freiburg im Breisgau mit seinem herrlichen Münster auf ihrem Allodium gründeten, sondern auch als Verweser des alten burgundischen Königreichs in der heutigen Schweiz ein anderes Freiburg, und unweit desselben ein anderes Verona, das heutige Bern erbauten. Grund genug für den Volksgesang, Breisach und das sagenberühmte ostgotische Bern in Verbindung zu bringen.

In dem Heldenliede von König Rother spielt der alte Berchter, oder Berther, und in dem von Wolfdietrich der alte Bechtung eine Hauptrolle. Beide hat man längst als eine und dieselbe Person erkannt, und weil sie von Meran genannt werden, auf den geschichtlichen Grafen Berthold III. von Andechs, der den Titel eines Herzogs von Meran erhielt, beziehen zu müssen geglaubt. Da das alte Herzogtum Kärnthen in der nächsten Nähe von Meran lag, so dürfte man wohl mit gleichem Recht an die zähringischen Bertholde denken. Ja auf diese deuten die Lieder ausdrücklich. Denn einer der Söhne jenes Berther war Hache, welchen Wolfdietrich an den Rhein nach Breisach setzte, und einer edeln Herzogin vermählte. Beider Sohn ist der getreue Eckart. An diesen Hache erinnert Hâchberg, jetzt Hochberg, der alte Sitz der von den Zähringern abstammenden Markgrafen von Baden und Hochberg; ferner Hochberg bei Emmendingen, vier Stunden von Breisach, nach der Heidelberger die mächtigste Ruine des Landes.

Wir können nicht umhin, auch des Harlungengoldes, das heißt des Schatzes der Harlungen zu gedenken. Mit dem Hort der Nibelungen darf man ihn nicht verwechseln und auf die Goldwäschen von Selz und Germersheim ist er nicht, wie etwa jener zu beziehen. Der Marner, ein bekannter Minnesinger, spricht von dem Ymelungenhorte, der in dem Burlenberge liege, eine Stelle, die man mit Unrecht auf die Lurlei bei St. Goar gedeutet hat. Schon Grimm erkannte, dass hier von dem Bürglenberge bei Breisach, wo die Harlungen mit ihrem Schatze hausten, die Rede sei. Ymelungen ist aus Amelungen verderbt; für solche können auch die Harlungen als nahe Verwandte des ostgotischen Königshauses gelten. Ich gehe aber weiter und verstehe auch den im Beovulf, einem angelsächsischen Gedicht des siebenten Jahrhunderts, erwähnten Schatz der Brosinge oder Brisinge (brosinga mene), welchen Heime, ein Dienstmann Ermenrichs nach der herglänzenden Burg getragen haben soll, als den Schatz der breisachischen (von brisiacus) Harlungen, den sich Kaiser Ermenrich nach deren Fall durch Heime zueignen ließ. Bekanntlich wird in der Edda das leuchtende Halsgeschmeide der Freia, der nordischen Liebesgöttin, brisinga men genannt; vielleicht nur eine Anspielung auf die gedachte Stelle im Beovulf, wo gesagt war, einen bessern Schatz wisse man unter dem Himmel nicht. Diesen Hort der Brisinge, welcher später stets im Besitz Kaiser Ermenrichs erscheint, auf dessen Schatz noch das Gedicht von Reinecke Fuchs zu wiederholten Malen hindeutet, finde ich nun bei den zähringischen Herzogen, und zwar auf dem Kaiserstuhl wieder. Die freiburger Chronik erzählt nämlich die Sage, die Herzoge von Zähringen seien vor Zeiten Köhler gewesen, und hätten hinter Zähring dem Schloss Kohlen gebrannt. Einsmals habe nun der Köhler beim Wegräumen des Schatzes eine schwere geschmelzte Materie am Boden gefunden und als er sie besichtigte sei es gut Silber gewesen. Dies habe sich als des Berges Schuld erwiesen, indem es sich bei fernerm Brennen an gleicher Stelle allemal wiederholte, so dass es nun der Köhler von Tag zu Tag fortsetzte und großen Schatz Silbers zusammenbrachte. ,,Nun hat es sich damals ereignet, dass ein König vertrieben ward vom Reich und floh auf den Berg im Breisgau, genannt der Kaiserstuhl, mit Weib und Kindern und allem Gesinde, litt da viel Armut mit den Seinen. Lies darauf ausrufen, wer da wäre, der ihm volle Hilfe tue, sein Reich wieder zu erlangen, der sollte zum Herzoge gemacht und eine Tochter des Kaisers ihm gegeben werden. Da der Köhler dies vernahm, fügte sichs, dass er mit einer Bürde Silbers vor den Kaiser trat und begehrte: er wolle sein Sohn werden und des Kaisers Tochter ehelichen, auch dazu Land und Gegend — wo jetzt Zähringen das Schloss und die Stadt Freiburg steht — zu eigen haben. Alsdann wolle er ihm einen solchen Schatz Silber geben und überliefern, damit er sein ganzes Reich wieder gewinnen könne. Als der König solches vernahm, willigte er ein, empfing die Last Silbers und gab dem Köhler, den er zum Sohn annahm, die Tochter zur Ehe und die Gegend des Landes dazu, wie er begehrt hatte. Da hub der Sohn an und lies das Erz schmelzen, überkam groß Gut damit und baute Zähringen samt dem Schloss. Da machte ihn der römische König, sein Schwäher, zu einem Herzoge von Zähringen u. s. w.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das malerische und romantische Deutschland