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Tolstois Erlebnis, das dem „Morgen eines Gutsbesitzers“ zugrunde liegt und bestimmend wird für sein ganzes weiteres Leben

Tolstoi hat dieses soziale Erlebnis in seiner nur fünf Jahre später geschriebenen Novelle „Der Morgen eines Gutsbesitzers“ in ergreifender Weise gestaltet. Wir entnehmen auch dieser Novelle den folgenden Brief, den dort der Fürst Nechludoff (unter welchem Namen — wie erwähnt — Tolstoi sein ernsteres Ich zu personifizieren pflegte ähnlich wie Schumann im Florestan) an seine Tante schrieb, und der wohl von Tolstoi selber damals an seine geliebte Tante Jergolsky gerichtet worden ist:

„Liebe Tante! Ich habe einen Entschluss gefasst, von dem das Schicksal meines ganzen Lebens abhängen muss: ich verlasse die Universität, um mich dem Leben auf dem Lande zu widmen, weil ich fühle, dass ich dafür geboren bin. Um Gottes willen, liebe Tante, lachen Sie nicht über mich! Sie werden sagen, ich sei noch zu jung. Vielleicht ist das richtig, ich bin noch ein Kind; das aber hindert mich nicht daran, meine Berufung zu erfühlen, zu wünschen das Gute zu tun und das Gute zu lieben. Wie ich Ihnen bereits schrieb, fand ich meine Angelegenheiten in unbeschreiblicher Verwirrung. Als ich sie dann in Ordnung bringen wollte, und mich in sie vertiefte, entdeckte ich, dass die Hauptschuld hier in der über alle Massen erbärmlichen und ärmlichen Lage der Bauern liegt; und das ist ein solches Übel, dass man es nur mit Mühe und Geduld zu beseitigen vermag. Wenn Sie nur zwei meiner Bauern sehen könnten — David und Iwan — und das Leben, das sie führen mit ihren Familien, ich bin sicher, dass allein schon der Anblick dieser beiden Unglücklichen Sie mehr überzeugen würde als alles das, was ich Ihnen sagen kann, um meinen Entschluss begreiflich zu machen. Ist es denn nicht meine geheiligte und unabweisbare Pflicht, mich um das Schicksal dieser siebenhundert Menschen zu kümmern, für die ich einst Gott Rechenschaft geben muss? Ist es denn nicht Sünde, sie zu verlassen und sie so der Willkür der rohen Ältesten und Verwalter anheim zu geben, — um meinerseits dem Vergnügen nachzujagen oder der Befriedigung meines Ehrgeizes zu leben? Und weshalb sollte ich denn auf einem anderen Gebiete die Veranlassung suchen, nützlich zu sein und das Gute zu tun, wenn sich mir hier eine so vornehme, glänzende und nächstliegende Verpflichtung eröffnet? Ich fühle mich fähig, ein guter Landwirt zu sein: um aber das zu sein, was ich unter diesem Worte verstehe, dazu bedarf es weder des Kandidatendiplomes, noch des Dienstranges, den Sie für mich wünschen. Liebes Tantchen, machen Sie keine ehrgeizigen Pläne für mich! Gewöhnen Sie sich an den Gedanken, dass ich einen ganz besonderen Weg eingeschlagen habe, der aber schön ist und, ich fühle es, mich zum Glücke führen wird. Ich habe viel und viel nachgedacht über meine zukünftige Pflicht, ich habe mir Regeln zum Handeln aufgeschrieben und, wenn mir Gott nur Leben und Kräfte schenkt, werde ich Erfolg haben in meiner Unternehmung!“


Wir erkennen — wiederum aus der Novelle — wie der Versuch misslang. Er musste misslingen: Tolstoi war viel zu tief eingedrungen in die Nöte seiner Leibeigenen, als dass er noch jenen „strengen und kalten Gutsherrn“ hätte spielen können, den zu sein seine Tante ihn ermahnte, und der wohl in jenen trüben Zeiten allein wirtschaftliche Erfolge zu erzielen vermocht hätte. Dabei war aber auch Tolstoi von viel zu großer geistiger Ehrlichkeit, als dass er sich in der Rolle eines Wohltäters hätte gefallen können denen gegenüber, als deren größten Schuldner er sich einmal erkannt hatte. Die einzige ehrliche Lösung aber, die hier möglich war: das Opfer, das Tolstoi fünfzig Jahre später denselben Nechludoff in der ,,Auferstehung“ bringen lässt — das heißt die Verteilung allen Landes an die, die es auch jetzt bearbeiteten, aber nur zum Vorteil ihres Gutsherrn — , zu diesem Opfer konnte sich damals Tolstoi noch nicht entschließen. Es will mir dabei durchaus nicht ausgeschlossen erscheinen, dass Tolstoi, wenn ihm dieser Gedanke damals gekommen wäre, ihn auch damals schon ausgeführt hätte. Dieser Gedanke konnte ihm aber wohl kaum kommen, weil dieser Gedanke allen denen, die Tolstoi am meisten liebte und achtete, als heller Wahnsinn erschienen wäre, und weil die Verwirklichung dieses Gedankens einen offenen Tadel bedeutet hätte für sie alle, deren Liebe und Achtung Tolstoi damals nicht hätte entbehren können, und die ihrerseits nicht im Traume daran dachten, ihren Bauern die Freiheit zu geben.

Tolstoi musste sich damals sagen, dass er sein ganzes Leben hindurch ausschliesslich erhalten worden war durch die unbezahlte geraubte Arbeit seiner Leibeigenen und auf Kosten zahlloser leibeigener Kinder, die in frühester Jugend im Elend verkamen. Tolstoi musste sich sagen, dass er diesem namenlosen Elende seiner Leibeigenen auch seine Bildung verdankte (und er hat sie vielleicht aus diesem Grunde früh schon für völlig wertlos erklärt, um sie freilich überall zu Rate zu ziehen, wo ihn das Leben vor Rätsel stellte). Diese eigentliche wirtschaftliche Grundlage seiner Erziehung und Bildung aber nachträglich durch die Tat als auf Unrecht beruhend anzuerkennen, daran hinderte Tolstoi wohl vielmehr die Ehrfurcht vor seinen Eltern und den Beschützern seiner Jugend, die er so schuldig gesprochen hätte, als der Hang zu einem Wohlleben, das, wie er jetzt erkennen musste, nur möglich war unter Knechtung und Ausbeutung seiner Bauern. Natürlich lockte Tolstoi damals auch noch das Leben an sich. Und vielleicht in viel höherem Grade deshalb, weil sein großer Verstand eine Überfülle ungelöster Rätsel wahrnahm in dem Leben, das da vor ihm lag (und er sich dieser Rätsel Lösung zutraute), als weil Tolstoi an den Lüsten des Lebens gehangen hätte, was durchaus fraglich erscheint. (In dieser Beziehung hat sich Tolstoi selber von jeher verleumdet.)

Immerhin erscheint von nun an — wir werden das im einzelnen nachweisen können und müssen — Tolstois gesamte Lebensführung einheitlich aufgebaut auf dem ihm bewussten Hintergrunde einer übergroßen gesellschaftlichen Schuld, an der er sich persönlich mitschuldig wusste, und zwar schuldiger als alle anderen, weil die ihre Schuld gar nicht ahnten, er sie aber gar nicht nicht zu sehen vermocht hätte. Zunächst ist Tolstoi völlig ratlos und sucht in starken Eindrücken ferne vom Lande, vielleicht nicht einmal so sehr seine Schuld zu vergessen, als vielmehr zu einer tieferen Erkenntnis des Lebens zu gelangen, die ihm dann vielleicht doch noch eine andere Lösung der ihn quälenden Probleme ermöglichen würde. Denn immer noch will er nicht lassen von der Hoffnung: sie, die ihn lieben und die ihm Vorbild sind, sie müssen irgend etwas wissen, was er nicht weiß. Sie können nicht einfach brutale Sklavenhalter sein. Mit der ganzen Kraft seines ungebrochenen Lebenswillens klammert sich Tolstoi an die Achtung vor der Gesellschaft, der er angehört, und vor dem Staate, der die Rechte dieser Gesellschaft schützt. Eine nie verleugnete persönliche Bescheidenheit kommt ihm zu Hilfe. (Sie scheint damals sogar noch sehr nahe gewesen zu sein dem, was Tolstoi später so abging: der eigentlichen Bescheidenheit, der geistigen Demut.)


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das heutige Russland 1 - Tolstoi