Das Seebad Koserow auf Usedom

seine Natur, seine Eigentümlichkeiten, seine Umgebungen
Autor: Koch, Carl (1806-1900) deutscher Maler und Reiseschriftsteller, Erscheinungsjahr: 1867

Neuaufgelegt: 2015
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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Ostseebad, Gesundheit, Spa, Usedom, Koserow, Badeleben, Strandpartie, Badekur, Zinnowitz, Heringsdorf, Ahlbeck, Allgemeine Baderegeln, Seebad, Wolgast, Anklam, Stettin
„Das Vornehmste ist das Wasser.“
Pindar (522-445 v. Ch.) griechischer Dichter



Vorwort.

Wenn uns das Leben müde macht in seiner vielgestaltigen Arbeit und Sorge — den Mann durch die Anstrengungen des Berufs, die Frau durch die tausend kleinen Mühen und Pflichten, welche sie der Ordnung und dem Behagen des Hauses schuldet — so sehnen wir uns nach einem Orte, der uns durch seine Ruhe und Einfachheit, seine Stille und romantische Lage Erquickung und Frische, Kraft und Stärke zu neuen Anstrengungen zu bieten vermag. Denn das Leben ist ein Kampf, der unablässig an uns nagt und zehrt, der uns hinabzuziehen droht in die Trostlosigkeit des Kleinen und Gemeinen, wenn uns nicht eine zeitweilige Flucht aus dem Alltagsleben des Hauses und den amtlichen Dienstleistungen unsers Berufs in den Schooß der stillen friedlichen Natur, das Eldorado des Friedens, rettet. Dort kommen wir wieder zur Sammlung und Ruhe, dort kehren Kraft und Stärke, Lebenslust und Lebensfreude wieder zurück.

Meistens pflegt sich der durch die Übelstände des städtischen Lebens, oft aber auch durch die Misshandlungen des Vorgesetzten ermüdete, geschwächte und erkrankte Sterbliche den Erholungs- und Kurort selber zu wählen, und dabei aus einen anmutigen, seinen Sympathien und Bedürfnissen möglichst entsprechenden Ort zu sehen. Da nun zur Stärkung des Geistes und Leibes eines Erholungsbedürftigen Vieles, in einzelnen Fällen Alles darauf ankommt, den direkten Gegensatz der gewöhnlichen Lebensweise und des landschaftlichen Aufenthaltes zu wählen, so empfiehlt sich dem Kurgaste vor allem das fern vom Tageslärm der Großstädte und dem Gedränge der Menschen gelegene Seebad Koserow auf Usedom. Dieses liebliche, am Achterwasser unter dem waldgekrönten Streckelberg, nahe der schönen blauen Ostsee gelegene Dörfchen zeichnet sich mehr durch idyllische als großartige Schönheit aus. Was Himmel und Erde Süßes und Liebliches dem Nordländer zu schenken vermögen, findet sich an diesem Orte beisammen: Wärme und Wohlgerüche, Klarheit und herrliche Farbenspiele in der Luft, Kühle und Reinheit der Luft. Der Ort gleicht einer stummen Einladung an die Menschen, hier während des Sommers sich niederzulassen, alle ihre Leiden zu vergessen und im Anschauen der herrlichen Natur sich aus ihr ursprüngliches besseres Selbst zu besinnen. Diese Vereinigung der glücklichsten Naturumstände seit Jahren ohne alles Zutun der Koserower nach hier hingezogen fühlten.

In dem vorliegenden Werke will ich meinen Lesern eine Schilderung von diesem Orte zu geben versuchen, und daran einen Überblick seiner Lokalgeschichte knüpfen. Denn wer zum Besuche eines Bades genötigt, wünscht vorher über die Heilkräfte und Gebrauchsweise, die Örtlichkeiten und Kosten, über das Badeleben und seine Erholungen möglichst speziellen Aufschluss zu haben. Diesen sollen ihm die nachstehenden Blätter geben. Aber die Schilderung kann nur weit hinter der Wirklichkeit zurückbleiben, denn was sich hier in todten schwarzen Buchstaben darstellt, das lebt da draußen im frischen Grün und bewegt sich majestätisch in reinen blauen Wellen, das muss gesehen und empfunden werden, um zu entzücken, und was die Geschichte betrifft, so spricht sie lebendiger aus dem grauen Stein, als von dem Papier.

Überall da, wo die Örtlichkeiten mit ihren Naturumgebungen sich selbst überlassen bleiben, und nicht durch den Menschen im Menschen gequält werden, wohnt ein Zauber eigener Art, der das Gemüt des gefühlvollen Menschen gleichsam wie neu geboren macht, wohnt der wohltuende Frieden, der unsere Seelen zu stiller Freude stimmt.

Und dies ist das Edle, Hochromantische an Koserow, dass es sich seinen altehrwürdigen Charakter treu bewahrt und zu dem Fremden selbst redet, dass er bei einem Blicke auf seine heiteren Naturumgebungen fühlt, wie sehr sie zur Erholung der Kreaturen geeignet sind. Ich habe manche große und schöne Bäder mit bezaubernden und mit vollem Rechte hochgepriesenen Umgebungen gesehen, und dennoch, wenn ich an Koserow zurückdachte, das sich allerdings nicht mit so überaus wunderschöner Romantik messen kann, meinte ich, wenn ich es auch nicht immer auszusprechen wagte, seine Umgebung sei noch viel schöner und lieblicher. Ich kenne keinen Ort, der auf so engem Raume von Dichtung und Sage so reich umwoben und durchklungen wäre, wie Koserow.

In dem an der Nordseite des Dorfes aufsteigenden Streckelberg haust eine Schar rühriger Berggeister, die in zwerghafter Gestalt bald als Haus- und Feldgeister austreten und ihr mysteriöses Wesen selbst bis in die weitesten Fernen treiben. Sie können sich unsichtbar machen und im Nu nach jeder beliebigen Stelle versetzen, sie vermögen Wellenstürme zu erregen und fahren unsichtbar in der Windsbraut einher, auch sind sie zaubermächtig, wunderbar geschickte Mineralogen und Rhabdomanten. Aber nicht allein als Bernsteinschürfer und Magiker werden sie gepriesen, sondern sie genießen auch den Ruhm als Pharmazeuten und Ärzte.

Steigt man auf die Höhe dieses Berges, so hat man die entzückendste umfassendste Fernsicht. Was man sich anderwärts stückweise zusammensuchen muss, hat man hier in einem harmonischen Vereine vor sich. Vor uns das immer erhabene und schöne Meer, leuchte sein glatter Wasserspiegel nun in den schimmernden Farben, die ihm die Strahlen der milden nordischen Sonne verleihen, oder mögen sich, vom Sturmwind gepeitscht und unter wolkenverhangenem, düsterem Himmel die schaumgekrönten Wogen über einander stürzen, als gelte es einen Vernichtungskampf auf Leben und Tod. Da steht man ein Fahrzeug, den stolzen Bau menschlichen Genies, eine ungeheure Holzmasse, von drei schlanken, zu den Wolken aufstrebenden Masten überragt, gegen die empörten Elemente ankämpfen; der schwarze Rumpf stürzt sich in die unendliche Wassertiefe hinab, die ihn für immer begraben zu wollen scheint — man glaubt, es sei Alles verloren, und meint den Todesschrei der Mannschaft, der unser Ohr nicht erreichen kann, zu hören, — es ist ein Anblick, der das Blut in den Adern stocken macht, — aber stolz hebt sich das Schiff wieder, schießt, überspritzt von weißem Gischt, in langen Sätzen über die empörten Wogen fort — und nun hat es die Spitze der Swinemünder Molen erreicht, und stolz segelt es ein in den sicheren Hafen. Oder man sieht den stolzen Dampfer, der in seinem Kielwasser eine leuchtende, silberne Spur zurücklässt, bei heiterem Wetter und ruhiger See am Streckelberge vorbeipassieren. Wohin geht sein Weg? Es scheint uns: in die Unendlichkeit, und in unserer Brust wird sich eine Sehnsucht regen nach dem Unbegreiflichen und doch Geahnten, so weit und groß wie das Meer, das wir mit trunkenen Blicken zu ermessen versuchen.

Wendet man sich der Küste zu, so sieht man links das romantische Rügen, steil aus dem Meere, das seinen Fuß umspült, nebst seinen beiden Nebeninseln, Oie und Ruden, aufsteigend, zum Teil dicht und düster bewaldet, eine stolze Vorburg, ein Wall des Festlandes, dann, niedriger gelegen, die gebogene, mit düsterem Nadelholz bedeckte Landzunge des Peenemünder Hakens auf Usedom, ein Flecken Landes, dem die Geschichte die Jahreszahl 1630 unverlöschlich aufgedrückt hat, das Jahr, in dem der Glaubensheld, Gustav Adolph, König von Schweden, Deutschlands Boden betrat, die evangelische Kirche vor Zerdrückung und Zertrümmerung zu retten. Blickt man nach rechts, so treten hinter dem lieblichen Badeorte Misdroy auf Wollin hoch und steil die gelben Sanddünen hervor, nur spärlich von Sandhafer bedeckt, dann die Rhede von Swinemünde und das hinter dem Langenberge versteckt liegende hochromantische Heringsdorf. Nach der Binnenseite zu haben wir unter uns das freundliche Koserow, woran sich ein Blick über das Achterwasser und die weite vorpommersche Ebene mit ihren altehrwürdigen Städten, Wällen und Türmen bis selbst in die Mecklenburger Lande hinein in mannigfachster und anziehendster Szenerie reiht.

Auf dem Plateau dieses sagen- und märchenreichen Hochaltars steht ein einsamer Turm, einsam wie der breite Stein jener verzauberten Bernsteinjungfrau da unten am Abhange des Berges, welche schon viele Jahrhunderte schlief und der Erlösung harrte, mit einer Tonne auf der Spitze, die Schiffe in der See vor Vineta, jener altberühmten Stadt und der einst so gefürchteten Seeveste Jomsburg, die jetzt beide im Meere begraben liegen und deren Steintrümmer mit magnetischer Kraft die Schiffe anziehen und zerschmettern, zu warnen. Am Ostermorgen, wenn es heiteres Wetter ist und die Geister der Winde schlafen, steigen diese versunkenen Stätten mit ihren Häusern, Kirchen, Türmen, Brücken und Wällen unter dem Wasserspiegel hervor, und aus der Tiefe hört man die Glocken tönen, wie zum Todtengeläut der versunkenen Herrlichkeit. In der Räuberkule, hinterm Streckelberge, hausen die Geister der kühnen Vitalienbrüder oder Lykendeeler, jener Seeräuberbande, welche im 14. Jahrhundert die Küsten und den Handel der Ostsee beunruhigte; aus dem kleinen Hünengrab daneben steigt zu Zeiten das Riesenkind hervor und schreitet langsamen Schrittes zur Höhe dieses Berges, die Schürze voll Felsstücke und ungeheure Steine, aber immer zerreißt die Schürze, und traurig kehrt es in sein tiefes Grab zurück: aus dem daran stoßenden alten Kriegslager steht man zuweilen die imposante Gestalt des Schwedenkönigs mit mächtigem blinkenden Schwert in der Hand, aus dem dunkelblauen Külpinsee erheben sich in mondhellen Nächten wunderbar schöne Wassernixen, die mit Eichenkränzen auf dem Haupte, mit der goldenen Sichel in der Hand, lautlos durch den flüsternden Hain schweben, zu der alten Stätte des weiland am Rande dieses Sees gelegenen, jetzt längst verschwundenen Dorfes. Und dies ganze schöne Bild mit seinen schwankenden Baumkronen, blühenden Feldern und grünschimmernden Wiesen ist in einen Rahmen gefasst, der in der Sonne funkelt und blitzt, als wäre er von Edelstein und Gold: der mächtige Spiegel des Meeres. — Das Material zu diesem Buche habe ich teils aus eigener Anschauung, teils aus den gediegensten und besten Werken über Usedomsche und Pommersche Landeskunde, so wie den hervorragendsten hier einschlagenden literarischen Erzeugnissen geschöpft. Insonderheit wurden benutzt: Dr. Heinrich Berghaus „Landbuch von Pommern“; Wilhelm Ferdinand Gadebusch „Chronik der Insel Usedom“ und „Statistische Beschreibung der Insel Usedom“; Dr. Richard Kind „Seebad zu Swinemünde“ u. v. A. Was ich diesen allen mehr oder minder verdanke, wird Kennern nicht entgehen, von mir aber unvergessen sein. Als Form habe ich die der Reise- und Feuilletonskizzen gewählt. Es ist, wie ich glaube, dies wohl die beste Form, in welcher man die vielen an ein gutes Bade- und Reisehandbuch gestellten Bedingungen: Praktische und genaue Darstellungen der Reiserouten, mit allen ihren prosaischen und langweiligen Anhängseln von Gasthofsrechnungen, Routen, Wege- und Ortsbeschreibungen, die Mitteilungen über das Badeleben, seine Erholungen und Kosten, zusammenfassen kann. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, hoffe ich, wird die Schrift dem Badegaste als instruktiver und nicht langweiliger Führer während seines Aufenthaltes in Koserow dienen. Aber nicht bloß diesem Teile des Publikums, das sich des Seebades hier als Heilmittel bedienen will, ist diese Schrift gewidmet, sondern auch der ganzen Schar von Touristen, die, um das nötige wissenschaftliche Fett für den späteren Verbrauch als Staatsbeamte anzusetzen, alljährlich in den Ferien der Studienjahre Reisen macht. Gewöhnlich fliegt man gleich den gefiederten Zugvögeln dem stahlblauen Himmel des Südens und nicht den Eis- und Schneefeldern, Sandbänken und Dünen des Nordens zu. Und doch sind auch diese nicht so übel.

Die Insel Usedom ist ein höchst interessanter, sich durch mannigfache Naturschönheiten, Eigentümlichkeiten, historische Erinnerungen und poetische Sagen auszeichnender Erdstrich, der bisher auffallend selten beschrieben worden, in der Reiseliteratur ganz unbekannt ist. Selbst Badekers, des unermüdlichen, Fuß scheint die Insel nicht betreten zu haben, da seine Reisebibliothek nur bis Rügen reicht und von da an Lücken enthält. Und doch kommen alle Sommer Scharen von Reisenden aus den brausenden Dampfschiffen und der sausenden Eisenbahn an ihre Gestade, ihre Naturschönheiten und Naturgenüsse aufzusuchen. — Da nur wenige von den Touristen Zeit, Lust und Gelegenheit haben, die Insel, zu deren Besuch ihnen ein Zeitraum von wenigen Wochen, oft nur wenigen Tagen zugemessen ist, vorher in ihren territorialen, physiographischen, klimatischen, Populations-, ökonomischen, agronomischen, industriellen, ethnographischen und sozialen Verhältnissen zu studieren, so glaube ich, dass ihnen mein in jedem Striche treu nach der Natur gezeichnetes Reisehandbuch, als Cicerone durch die Insel, willkommen sein wird. Eine weitere Tendenz hat das Buch nicht.

Koserow, im Herbste 1864.

Carl Koch.

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Bademode und Bakarren um 1900

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Ostseebda Koserow, Abstieg zum Strand

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Ostseebad Koserow, Fischerhütten

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Ostseebad Koserow, Blick auf den Streckelberg

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Anklam in Vorpommern, Steintor

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Ostseebad Bansin, Strandleben

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Ostseebad Ahlbeck, Herrenbad

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Ostseebad Bansin, Strandpartie

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Ostseebad Heringsdorf, Familienbad

Ostseebad Heringsdorf, Familienbad

Stettin, Am Hafen

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Wolgast, Hafen mit Zugbrücke

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Ostseebad Zinnowitz, Seebrücke

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Ostseebad Zinnowitz, Strandpartie

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Strandspaziergang

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