Baltische und russische Kulturstudien aus zwei Jahrhunderten

Autor: Eckardt, Julius Wilhelm Albert von (1836-1908) Journalist, Historiker, Staatssekretär, Diplomat, Erscheinungsjahr: 1869

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Themenbereiche
Inhaltsverzeichnis

                                        I.

Die deutsch-russischen Ostsee-Provinzen
Zur Geschichte der Stadt Dorpat
Baltische Aus- und Einwanderer
Bernouillis Reisen in Liv- und Kurland
Deutsche Schriftstellerbriefe aus dem Nachlass Merkels
Ungedruckte Briefe Herders und seiner Frau an Merkel
Briefe Wielands, Böttigers, Falcks und Cramers
Ernst Gideon von London
Eine livländische Spukgeschichte von 1814
Albert Hollander

                                        II.

Artemy Petrowitsch Wolinski
Ein polnischer Parteigänger aus den letzten Zeiten der Republik
Eine russische Kronprätendentin des 18. Jahrhunderts
Die griechisch-orthodoxe Kirche Russlands und deren Sekten
Der russische Gemeindebesitz
Iwan Turgenjew

                              Vorwort

Von den beiden Hälften, in welche das vorliegende Buch sich gliedert, schließt die erste sich zu direkt meiner früheren Schrift „Die baltischen Provinzen Russlands" an, um besonderer Einführung in das deutsche Publikum zu bedürfen. Von zwei oder drei Aufsätzen abgesehen, welche speziell für die Bewohner der Ostseeprovinzen Liv-, Est- und Kurland bestimmt sind, handelt es sich um die Anregung neuer Gesichtspunkte für die Beurteilung baltischen Lebens, namentlich um dessen Beziehungen zu dem russischen Reich und den in demselben zerstreuten deutschen Bewohnern. Die deutschen Schriftstellerbriefe (zum Teil vor längerer Zeit in den Grenzboten veröffentlicht) und „das Leben des Feldmarschalls London", leiten andererseits in die deutschen Zustände des 18. Jahrhunderts hinüber und sind dem Gedächtnis zweier Söhne des baltischen Nordens gewidmet, welche ihrer Zeit in der deutschen Geschichte Heimatrecht gewonnen haben, weiteren Kreisen aber bereits wieder entrückt sind. Was ins Besondere London anlangt, dessen Namen mit den wichtigsten Abschnitten des siebenjährigen Krieges untrennbar verknüpft ist, so bot schon der Umstand, dass die über diesen ausgezeichneten Mann vorhandenen gedruckten Nachrichten über eine große Anzahl wenig bekannter älterer und neuerer Schriften verstreut find und überdies fast ausschließlich die zweite Hälfte seines Lebens betreffen, zu dem Versuch einer neuen Darstellung direkte Veranlassung.

Einiger erläuternder Worte bedarf noch der Wiederabdruck des vor einiger Zeit in der Gelzer’schen Monatsschrift veröffentlicht gewesenen Schreibens an Herrn von Treitschke. Das vorliegende Buch war bereits im Druck begriffen, als der verehrte Verfasser der Abhandlung „das deutsche Ordensland Preußen" seine von dem Geist edelster Unbefangenheit diktierte Antwort im Augustheft der preußischen Jahrbücher der Öffentlichkeit übergab und damit den Streit erledigte.*) Im Interesse der Sache und der Billigkeit, welche Herr v. Treitschke mit der ihm eigentümlichen Ritterlichkeit in seinem Schreiben bewiesen, habe ich mich verpflichtet geglaubt einzelne der Sätze, welche mein verehrter Gegner zur Aufrechterhaltung seiner früheren Behauptungen geschrieben, unter den Text dieser Blätter setzen zu müssen. Dass jenes an Herrn von Treitschke gerichtete Schreiben überhaupt wieder abgedruckt worden, hat in dem gehässigen Lärm, den es in der russischen Presse erregte, vornehmlich aber darin seinen Grund, dass die in demselben bekämpften Sätze die Quintessenz der Vorstellungen bilden, welche man sich bisher überhaupt in Deutschland von liv-, est- und kurländischen Menschen und Verhältnissen gemacht hat. Die Umgestaltung der öffentlichen Zustände des deutsch-russischen Ostseelandes hat sich so rasch und überdies in einer Zeit vollzogen, die von anderen größeren Interessen erfüllt war, dass eine Zusammenfassung dessen, was sich in den letzten Jahren auf baltischer Erde vollzogen, schon durch diesen Umstand gerechtfertigt erschiene. Bildet die traurige Vergangenheit Liv-, Est- und Kurlands, doch überhaupt den wesentlichsten Faktor der Schwierigkeiten, mit denen dieses schwergeprüfte Land in der Wirklichkeit, wie in den Vorstellungen der Menschen zu kämpfen hat. Nicht nur, dass dasselbe durch die mittelalterliche Form seiner Existenz um die Möglichkeit energischer und konzentrierter Verteidigung gegen die Zerstörungslust fanatischer und in der Wahl ihrer Mittel gewissenloser Feinde gebracht ist — die Sünden einer Vergangenheit, die längst begraben ist, stehen noch immer zwischen dem baltischen Lande und selbst den wohlwollenden Zeugen seiner Bedrängnis, mögen diese Deutsche oder Russen sein. Vergebens, dass immer wieder daran erinnert wird, die Liv-, Est- und Kurländer von heute seien ebenso wenig die bauernschindenden Junker und trägen Spießbürger alten Datums, wie die modernen Deutschen die unpraktischen, staatslosen Träumer der Franzosenzeit sind — das Gespenst ihrer Vergangenheit lässt sich nicht mehr ins Grab scheuchen und schreitet umher, als ob es noch Fleisch und Bein hätte. Der Wunsch, den ungeheuren Abstand zwischen den baltischen Zuständen der Gegenwart und denen des 18. Jahrhunderts in das rechte Licht gestellt und die Hemmnisse, welche der gesunden Entwicklung meines Vaterlandes im Wege standen, richtig gewürdigt zu sehen, ist der rote Faden, der sich auch durch diese Blätter zieht.
Die zweite Hälfte dieser Studien hat es nicht mit dem baltischen sondern mit dem nationalrussischen Leben der Vergangenheit und Gegenwart zu tun. Drei Essays über von neueren russischen Historikern behandelte Gegenstände aus der russischen Geschichte des 18. Jahrhunderts, welche vor einigen Jahren geschrieben waren, werden Freunden vergangener Dinge auch in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht unwillkommen sein; als Parallelen stehen sie überdies mit den gleichzeitigen Vorgängen in Livland und Kurland in gewisser, wenn auch nur indirekter Beziehung. — Besonderes Gewicht möchte der Verfasser aber auf die drei letzten Aufsätze legen, welche das russische Kirchentum, die agrarische Organisation Russlands und einen hervorragenden Vertreter der neueren russischen Literatur ausführlich behandeln. Auf die drei Faktoren — Kirche, Agrarorganisation und Literatur — baut sich das Leben jedes Volkes auf. Ist es dem Verfasser gelungen über die Gestalt, welche sie in Russland gewonnen, gehörige Auskunft zu, geben, so darf er hoffen, zu einem richtigeren Verständnis russischer Zustände in Deutschland überhaupt beigetragen zu haben. Die früheren Bearbeitungen dieser Fragen, welche in verschiedenen periodischen Zeitschriften veröffentlicht wurden, waren zu verstreut und zu aphoristisch gehalten, um diesen Zweck vollständig erreichen zu können, der breitere Rahmen, den ein Buch gestattete, bot dem Verfasser den Vorteil, nicht nur das bezügliche russische Material eingehender benutzen, sondern den Leser zugleich mit dem Entwicklungsgang bekannt machen zu können, welchen namentlich die russische Literatur und das Agrarsystem durchzumachen hatten, ehe sie sich in ihrer gegenwärtigen Gestalt konsolidierten. Die deutsche Unbekanntschaft mit russischen Dingen macht sich auf zu verschiedenen Lebensgebieten in zu störender Weise geltend, als dass ein Versuch, derselben abzuhelfen, nicht an und für sich berechtigt wäre. Zu einem richtigen Verständnis Russlands im westlichen Europa beizutragen, ist dem Verfasser aber ganz besonders in der Erwägung wünschenswert gewesen, dass eine richtige Beurteilung der Zustände seiner Heimat nur denen möglich ist, die eine annähernde Vorstellung davon haben, wie es östlich vom Peipus und der Weichsel aussah und noch gegenwärtig aussieht.
        Leipzig, im Oktober 1868.

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000 Blick auf St. Peter und die reformierte Kirche in Riga

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001 Riga um 1650

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002 Riga um 1570

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020 Riga, Siegel des Meisters des Schwertbrüderordens

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021 Riga, Das ehemalige Schloss des Deutschen Ordens. (Rekonstruktion)

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022 Riga, Madonnenstatue und Standbild des Ordensmeisters Wolter v. Plettenberg

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025 Riga, Der alte Gildensaal im Hause der großen Gilde

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029 Riga, Das Schwarzhäupterhaus vor dem letzten Umbau

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036 Riga, Der Rathausplatz um 1830

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037 Riga, Das Rathaus nach dem Umbau von 1850

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038 Riga, Die Börse

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039 Riga, Das erste Stadttheater

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041 Riga, Das städtische Kunstmuseum

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