Das Raubritterwesen

Es wurde früher im Vorbeigehen ein und das Andere betont, welches näher angedeutet sein will; so die Unsicherheit der Straßen, wobei die Raub- und Stegreifritter die Hauptrolle spielten. Diese Gesellen saßen dort und da auf ihren oder kleineren Felsennestern und lugten in die Landschaft hinaus, wo sich Gelegenheit zu einem guten Fang ergäbe, welchen Falles sie sich dann mit ihrem größeren oder geringeren Gefolge aufmachten, an ihren gewohnten Hinterhalt verfügten, dann über die Warenzüge herfielen, Alles wegnahmen und die Kaufherren von Allein bar zurückließen, wenn sie nicht für gut fanden, Einen oder den Andern derselben gefangen mitzuführen, und nicht früher wieder frei zu geben, als bis er sich um große Summen gelöst hatte, welche sie von Seite der Seinigen an einem bestimmten Ort in Empfang nahmen. Dieses Verfahren hielten sie auch bei anderen Veranlassungen ein. Wenn sich ein solcher angeblicher Ritter durch irgend Einen in der oder jener Stadt beleidigt glaubte, überfiel er nicht allein ihn, wo immer er ihm auf der Landstraße beikommen konnte, sondern den nächsten Besten aus besagter Stadt, freilich am liebsten, wenn er zu den Mächtigeren und Reicheren gehörte, raubte ihm Alles, was er mit sich führte, schleppte ihn selbst gebunden fort und ließ ihn nicht früher los, als bis er, oder der Rat bezahlte, was verlangt wurde, dass sich diese Geneigtheit zum Raub auch über Geld und Gut hinaus erstreckte, versteht sich, z. B. wenn es sich um die Heimholung von Bräuten handelte. Bei solchen Gelegenheiten wurden verhältnismäßig die größten Summen begehrt, wenn sich der Anfallende nicht etwa weniger das Geld und Gut, als vielmehr den Besitz der Braut selbst zum Ziel gesetzt hatte. Es galt da zumeist, den Bräutigam aus dem Wege zu räumen und die Braut nebst ihrer Habe mit Gewalt zu entführen. Diese Überfälle wurden indessen nicht allein von Rittersleuten der schlechteren Qualität, sondern auch von Anderen ins Werk gesetzt, welche böse Händel anfingen und aus den Städten, wo sie lebten, verbannt wurden, oder sich trotzig selbst entfernt hatten. Diese überfielen nach Lust Jeden, der ihnen genehm war und zur Rache und Gelderpressung tauglich schien, teils ohne vorherige Verkündigung an die Stadt, dass sie dieselbe und Jeden aus ihr befehden wollten, teils nach einer solchen sogenannten Absage.

Dass die Kaufherren und ihre Warenzüge auch hier am schlimmsten wegkamen, bedarf keiner Erwähnung, Freilich taten dann die Städte auch das Ihre, des Plackers und Feindes Herr zu werden, und es erging einem Solchen oft nicht zum besten, wenn man ihn nur einmal aufgegriffen hatte, auch schickte man gar oft die Wehrleute aus, dies und jenes Raubnest anzufallen und zu zerstören. Wie vielfach aber dies gelang: das Absagen, Ausplündern und alles übrige noch Schrecklichere nahm doch Jahrhunderte lang kein Ende. So findet sich mannigfaltiger Bericht über die Plackereien und furchtbaren Verwüstungen, welche beispielsweise München durch den sogenannten bösen Püttrich, den bösen Heinz von Schellenberg, den Hans Truchseß von Waldburg, den rothaarigen Peter von Harlach und später den einäugigen Hans Pucher, besonders aber den Ritter Georg von Rammer auszuhalten hatte, welcher im Jahre 1417 die Stadt anzündete, so dass die größten damaligen Straßen nieder brannten. Solcher Gesellen ließen sich in Ansehung Münchens noch viele und eben so viele von mehreren andern Städten nennen, ja aller Orten in Deutschland.
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Es gab auch Etliche, welche mit ihrer Raublust einen gewissen Humor verbanden. In erster Reihe findet sich hierunter der Nürnberger Stadtfeind Eppelein von Gailingen, während in anderen Gegenden viele Andere hausten, welche bei ihrem bösen Treiben ganz ernsthaft blieben.

Österreich ist hierin sehr ergiebig, weshalb wir zur näheren Kennzeichnung eingehender dabei verweilen. Ein sehr arger Wiener Feind war um das Jahr 1460 der berüchtigte Nabuchodonosor Nankelreiter. Es war sehr schwer gänzlich mit ihm aufzuräumen; was aber geschehen konnte, um ihn zu vertreiben, geschah durch einen gewissen Ritter Schweinger, der im Stadtsold stand. Als diesen nun die Stadt entließ, ward aus dem bisherigen Verteidiger ein grimmiger Feind, und so wurden die Wiener rastlos von der verbrannten Burg Kalksberg aus in Unruhe versetzt, bis derselbe Schweinger am St. Ulrichs-Tag bei Gelegenheit eines Raubüberfalls zu sorglos ganz nahe an Wien kam, so dass er auf dem Fuß verfolgt und, als er sich in sein Gemäuer flüchtete, gefangen wurde. Später ließ man ihn aber in Erinnerung an seine früheren guten Dienste frei, stellte sich jedoch durch verschiedene Vorteile, welche man ihm einräumte, sicher.

Wohl noch besser kamen zwei andere gleichzeitige Städtefeinde davon, nämlich Wezlaw und Smikosky. Diese beiden sauberen Herren scharten bei Mödling 3.000 nicht Herren-, aber augenblicklich soldlose Soldirer zusammen und machten der Stadt und ganzen Umgegend zu schaffen. Alles war vergebens, bis Erzherzog Albrecht endlich in den sauren Apfel biss und die besagten Soldirer bezahlte, worauf die Herren Wezlaw und Smikosky sich ruhiger verhalten mussten. Sie hatten unberechenbaren Schaden angestiftet, unter anderem Kloster und Markt Herzogenburg verbrannt. Trotz alledem wurde ihnen mit der Zeit Vergebung, und sonderbar genug wurden sie später beide Hauptleute der Wiener Besatzung.

Wieder um dieselbe Zeit tat sich ein anderer Feind dieser Art auf. Dieser hieß Thannhauser von Oberlaa und war ein Bürger von Wien, wo er sich durch Verschiedenes beschwert glaubte. Als ihm nun der leichtfertige Johannitermeister Bohunko sein Dorf und seine Veste Laa verpfändete, ging der Thannhauser von Wien nach Laa, verschanzte sich immer besser, warb eine Zahl Söldner und zog voll Grimm gegen die Wiener aus, denn sie hatten ihm zuletzt sein Hans genommen, weil er es bei der bekannten Belagerung der Hofburg mit Friedrich III, gehalten. Es kamen nun alle die verschiedensten Gewalttaten vor, besonders waren die Wiener bei allen Vergnügungen im Freien oder beim Besuch ihrer Weingärten gefährdet, denn plötzlich kamen der Thannhauser und die Seinigen daher, schleppten die guten Wiener davon und sperrten sie zu Laa in den Turm. Endlich ward die Sache doch zu bedenklich, man rückte also in Masse aus und belagerte die Veste Laa. Als die Gefahr ihm so dicht an den Leib kam, gefiel es dem Thannhauser nicht mehr, weshalb er die Besatzung zur Ausdauer ermahnte, sodann Zeit und Ort ersah, sich an einem Strick herabließ und glücklich davon kam, wobei er die Absicht hatte, Freundeshilfe zu erwirken, und auf seine Verbindungen an der ungarischen Grenze rechnete. Es scheint ihn aber ein Unfall betroffen, oder seine Freundschaft ihn im Stich gelassen zu haben, kurz er kam nicht wieder, und die Besatzung konnte sich in die Länge nicht halten. Als sie sich, zwei und zwanzig Mann stark, ergeben musste, nahm man sich Wienerischer Seits die Freiheit, siebzehn auf dem hohen Markt um je einen Kopf kürzer zu machen; die Anderen nebst ihrem Hauptmann setzte man in den Kärntnertorturm, ließ sie aber später frei.

Wieder sehr arge Gesellen waren um ungefähr gleiche Zeit der Böttauer von Pütten, der Hager und der Swelly. Diese Herren zogen auch aller Orten auf Überfälle aus, und die Kaufleute waren in größter Verzweiflung. Zuletzt wandten sich die besagten ehrenwerten Herren mehr gegen das Ungarische. König Mathias gefiel die Sache keineswegs, weshalb er deutsche Söldner und altes ungarisches Reitervolk aufstellte, worauf es bald zu heftigen Kämpfen kam, in denen die Königlichen jedoch nicht immer im Vorteil waren. Später aber wurde es dem von Putten und dem Hager doch nicht wohl zu Mut, und sie ließen ab, der Swelly aber gab, trotz kommender Niederlagen, nicht nach, sondern verschanzte sich noch einmal und hielt so lange aus, bis der Hunger ihn vertrieb. Als er fliehen wollte, nahm ihn jedoch Mathias, der die Burg erobert hatte, gefangen, und ließ ihn in Gesellschaft von drei seiner Anführer und hundert Individuen seiner Räubergenossenschaft hängen.

Ein anderer Feind alles Rechts, ein rechter Geld und Warenliebhaber und nebenbei Bauernplacker war der Hinko, genannt der Dürrteufel. Er hatte nebst andern Schlössern auch ein Schloss Ort an der Donau, von wo aus er hauptsächlich seine Raubunternehmungen nach Nah und Fern verübte. Von seinen Freveln ließe sich ein ganzes Buch schreiben. Was man unternahm, fruchtete nicht, bis sich die Sache auf eine andere Weise machte. Die Bauern zu Lassen wollten die Roboten nicht leisten und auf seinen Schlössern die Frohnden nicht vollführen, deren er stets mehr erfand. Als sie nun am St. Maximilians-Tage ihren Gang durch die Felder machten, griff er sie an, tötete Viele, die Andern trieb er in die Flucht und sandte ihnen die wildesten Drohungen nach. Darauf verschanzten die Bauern das ganze Dorf und hielten stets Wache auf dem Kirchhof, von dem sie über die Mauer weg ins Freie schauten. Urplötzlich zeigte sich der Hinko, ließ die Herden wegtreiben und drang mit einer Zahl der Seinen, durch die Verschanzung bis an die Kirchhofmauer, von wo aus die Bauern eben ihren Ausfall machen wollten. Da er sie nun daran hindern, auf dem Kirchhof Alle niedersäbeln wollte, und den Seinen voraus über den Graben setzte, stieß ihn ein Bauer in den Hals, zwischen Halsberge und Panzer, so dass er umfiel und sogleich darauf starb.

Es gäbe noch Manches zu erzählen von solchen wilden, wüsten Gesellen, die gegen Gott, Pflicht und Recht auf der Landstraße und in ihren Besten oder Burgställen hausten. Rechnet man dazu die aller Orten vorkommenden Unruhen in Folge des gegenseitigen, willkürlichen Kriegführens der bessern Ritter, das eigentliche Faustrecht, welches zu bekannt ist, als dass weiterer Erwähnung desselben geschehen soll, so war die Aufgabe eines Handelsmannes älterer Zeiten eben nicht die leichteste und gefahrloseste. Was die Einen und die Anderen der Obigen betrifft, so ergingen wohl manchmal an die Letzteren Mahnungen und Verbote in Fülle, über die Ersteren, die Räuber, aber manches große Gericht in deutschen Landen, sowohl von Seiten der Kaiser, als auch anderer, geringerer Fürsten, Wir erinnern nur an Kaiser Rudolph von Habsburg, an die Herzoge Ludwig den Strengen und Ernst von Bayern. Die größte Abhilfe verdankte man jedoch erst Kaiser Max I. durch das Gebot des Landfriedens und seine Strenge gegen die Wegelagerer. Indessen, wie dem Faustrecht bei allen gutgemeinten Verordnungen nicht sogleich gänzlich die Spitze geboten werden konnte, so ging es noch viel schwerer mit den Schnapphähnen, Stegreifen, und insgesamt den habsüchtigen Feinden der Kaufleute, reicher Geistlichen und bei wem sonst immer etwas zu erholen war.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Zur Geschichte des Handels