Rutenfeste der Schulen

Es darf nicht verschwiegen werden, dass es auch Pädagogen gab, die sich des Prügelns enthielten. So der Größten einer, Johann Amos Comenius. Gegen die Schläge der Jugend geht er in seiner ,,Didactica magna seu omnes omnia docendi artificium", Amsterdam 1657, vor. Er führt u. a. aus: ,,Schläge und Streiche haben nicht die Kraft, in die Köpfe Liebe zu den Wissenschaften, wohl aber geradezu Widerwillen gegen diese zu erzeugen. Wenn sich daher irgendwo die Krankheit zeigt, dass die Geister Ekel gegen die Studien empfinden, so muss diese vielmehr durch Maßhalten und durch Darreichung von angenehmen Gegenmitteln gehoben, nicht aber durch scharfe Mittel noch geschärft werden. Wenn es jedoch bisweilen des Spornes und Stachels bedarf, so lässt sich dies auf andere Weise viel besser bewirken als durch Schläge; bisweilen durch ein schärferes Wort oder durch einen öffentlichen Tadel, bisweilen dadurch, dass man auf andere lobend hinweist". —

Wahrhaft herzerfrischend mutet es an, wenn Walter von der Vogelweide sagt:
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      Niemand lenkt zum Guten,
      Kindeszucht mit Ruten.
      Wer zu Ehren kommen mag,
      dem ist ein Wort wie ein Schlag.

Aber solch kluge Köpfe waren recht dünn gesät. Dann zeigte auch die Obrigkeit nicht immer das nötige Verständnis für Erziehung ohne Gewaltakte. Deshalb hielt sich die überwiegende Masse der Lehrer an die altbewährte Methode.

Wie im vormärzlichen Österreich der Delinquent, dem Fünfundzwanzig aufgezählt worden waren, sich beim Richter „für die gnädige Straf" bedanken musste, so hatten die Schulkinder die Pflicht, das Rutenmaterial für ihre gestrengen Herren Lehrer selbst zu besorgen. Allerdings suchte man ihnen diese schwere Aufgabe nach Möglichkeit zu versüßen. Reicke sagt darüber:

„Die Beschaffung der Ruten gestaltete sich vielerorten zu einem Festtag für die ganze Schule. An einem schönen Maienmorgen zogen Lehrer und Schüler, häufig mit Musik und von der halben Stadt begleitet in das nahe Holz, das im Frühlingsschmuck prangte. Hier tummelte sich die Jugend lustig unter allerlei Schimpf, das ist Kurzweil, den ganzen Tag über. Inzwischen wurden die Weidenbüsche und Haselsträucher nach passenden Gerten eifrig durchsucht und geplündert. Mit Maiengrün geschmückt und mit ihren künftigen Quälgeistern reich beladen, kehrten die Schüler am Abend unter Absingen von Liedern nach Hause zurück."

Eines dieser Lieder hat sich noch erhalten. Es lautet:

      Ihr Väter und ihr Mütterlein,
      Nun sehend, wie wir gehn herein,
      Mit Birkenholz beladen,
      Welches uns wohl dienen kann
      Zu Nutz und nit zu Schaden.
      Euer Will und Gottes Gebot
      Uns dazu getrieben hot,
      Dass wir jetzt unsere Rute
      Über unserm eignen Leib
      Tragen mit leichtem Mute 23).

23) Konrad Fischer, Geschichte des deutschen Volksschullehrerstands. Hannover 1892, S. 332 ff.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Sittengeschichte des deutschen Studententums
Comenius, Johann Amos (1592-1670) mährischer Theologe, Pädagoge, Philosoph und Bischof (

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Walter von der Vogelweide (um 1170-1230) bedeutendster Lyriker des Mittelalters. Heidelberger Liederhandschrift

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