Norddeutsche Landschaft

Autor: Masius, Hermann (1818-1893)
Themenbereiche
Leseprobe aus Kapitel 1 - Eine Düneninsel.

Ich meine nicht den Wüstensand,
Den Tummelplatz des wilden Hirschen,
Die Körner mein' ich, die am Strand
Des Meeres unter mir erknirschen,

Freiligrath.

Wir hatten Hamburg verlassen. Der vielstimmige, vielsprachige Lärm des Handels verklang, und im Fluge führte uns das Eisenroß durch stille Auen und noch stillere Heiden der schleswigschen Küste zu. Hier, in Husum, endigte die Bahn. Aber ehe es mir möglich ward, das kleine Städtchen zur durchstreifen, das als Geburtsort Theodor Storms mit hellerer Schrift in meinem Gedächtnis verzeichnet stand, rief schon vom Hafen her die Glocke des Dampfschiffes zu neuer Fahrt. Denn »nach Sylt!« lautete die Parole.

Seit Jahren war diese entlegenste der friesischen Inseln ein Ziel meiner Wünsche gewesen, zum Teil eben deswegen, weil sie wirklich eine der Grenzmarken ist, auf welcher deutsches Wesen und deutsche Weise herrscht, und nun sollte die langgehegte Hoffnung sich endlich erfüllen. Noch einige Minuten – das Schaufelrad begann zu schwingen, und langsam schwammen wir dahin.

Wir hatten zunächst vollkommen Zeit, uns jenen schwelgenden Vorahnungen zu überlassen, mit denen der Mensch des Binnenlandes zum ersten Male einen Hafen oder ein Seeschiff zu betreten pflegt, indem unser Dampfer nur dem Saume der Küste folgte, so daß man allerdings auch hätte meinen können, auf einem Teiche zu fahren, wenn nicht der Wellenschlag bereits in jenen mächtigen und schweren Hebungen erfolgt wäre, welche dem Meere eigentümlich sind. Aber allmählich rückte die »faste Wall« (das Festland) in weitere Ferne, und bald schweifte Auge und Seele in ungehemmter Freiheit über das große Bild. Und doch war, was wir sahen, noch lange nicht das eigentliche Meer, sondern nur ein vielgewundener, breiter Sund. Denn ringsum in Nord und West tauchte jetzt, wie eine Reihe von Wasserburgen, der Archipel der Halligen auf.

Wer hätte nicht schon von diesen Eilanden gehört, die als letzte Reste einer untergegangenen Küste auf einer Strecke von mehreren Meilen hin das jetzige Westgestade von Schleswig begleiten? Anscheinend kaum einen bis zwei Fuß über die Fläche erhoben, bilden sie einförmig lange, nackte Linien und verschwinden schon bei geringer Entfernung im Dunste des immer bewegten Elements; nur das einsame Haus des Halligbauern ragt auf seiner Werft noch lange hervor wie ein schwimmendes Wrack. In der Tat ein seltsam märchenhafter Anblick! Da mitten aus der Flut steigt, mitten auf der Flut schwebt die Wohnstätte des Menschen: du siehst das Strohdach, siehst die Fenster, siehst darüber den weißen Bogen, und mit dem Fernglase erkennst du auch wohl ein paar weidende Schafe oder einen Knaben, der jetzt wahrscheinlich ebenso gleichmütig dein Schiff betrachtet, als du verwundert seine Insel. Aber indem noch zwischen »Trug und Wahrheit« dein Auge zweifelt, versinkt alles wie eine Fata Morgana, um plötzlich etwa nach halbstündiger Kreuzfahrt wieder zu erscheinen oder von einer neuen Hallig verdeckt zu werden. So geht es an zehn, fünfzehn Eilanden vorbei, oft so dicht, daß du glaubst, hinüberrufen zu können; ja einmal tauchte eines derselben bis zum Greifen nahe neben dem Schiffe auf. Von rosenroter Heide ganz überdeckt, glich es einem Blumenkissen, das, von keinem Fuß betreten, seine stillen Blüten aus der wogenden Flut emportrieb. Auch war sie wirklich die einzige ganz unbewohnte Insel, während jede der anderen ein oder mehrere Häuser trug. ...

weiter unter Kapitel 1

.

.

.