Hamburg und Altona - Band 2 Heft 5

Ein Journal zur Geschichte der Zeit, der Sitten und des Geschmacks
Autor: unbekannt, Erscheinungsjahr: 1802
Themenbereiche
Enthaltene Themen: Altona, Hamburg, Hamburger, Sitten- und Sozialgeschichte, Tradition, Aberglauben, Geschmack, Zeitgeschichte
Die Kenntnis der Welt macht uns zu Menschen.

Zweiter Band. 5tes Heft
Inhaltsverzeichnis
  1. Rückblick auf die hamburgische Geschichte des Jahres 1801
  2. Domzeit, Weihnachten, Neujahr. (Beschluss)
  3. Über Aufhebung der Zünfte in Reichsstädten, besonders in Hamburg
  4. Ganz neu etablierte Doktoren-Notarien- und gekrönte Poeten-Fabrik des hessischen Geheimen Regierungs-Rats Hezel, in Altona und Hamburg
  5. Briefe eines in Hamburg wohnenden Fremden an seinen Freund in L. (Zweiter Brief)
  6. Über das merkwürdigste Lebensjahr, des Herrn von Kotzebue
  7. Annalen der hamburgischen Literatur. – Hamburg. gemeinnütz. Allmanach. – Hamb. Adress-Buch. – Nambachs phys. med. Beschreibung von Hamburg
  8. Kurze Geschichte des holsteinischen Kanals
  9. Skitze einer Geschichte der hamburg. Handlung und Schifffahrt, vom Ursprunge der Stadt bis auf die Errichtung des hanseatischen Bundes
  10. Hansestädte und ihre Geschichte
  11. Siebenter Spaziergang in und um Altona
  12. Übersicht der Hamburger Bühnen und des altonaischen Theaters beim Anfange des Jahres 1802
  13. Allerlei
    1. Museum der Literatur und Künste
    2. Außerordentliches Alter
    3. Gesellenunfug
I. Rückblick auf die hamburgische Geschichte des Jahres 1801

Nichts ist erquikkender für den Wanderer, als wenn er auf einem weiten, oft steinigen und mühsamen, oft angenehmen und beblümten Wege ein Ruheplätzchen, einen beschatteten Hügel trifft, wo er sich erholen, und neue Kräfte zur Fortsetzung seiner Reise sammeln kann. Er übersieht den zurückgelegten Pfad, so weit sein Auge reicht; er erinnert sich der Mühseligkeiten und Beschwerlichkeiten, welche ihm hie und da aufstießen, aber er denkt sich auch die Blümchen, welche ihm zur Seiten blühten, ihm Lebenslust und neue Stärke einhauchten, und findet, wenn er Leid und Freude aufzählt, dass die Summe der leztern bei weitem die größte ist, besonders, wenn er ein für die Freude empfängliches Herz hat. Was dem Pilger sein von der hoben Eiche beschatteter Hügel ist, das ist dem Menschen überhaupt der Anfang eines neuen Jahres auf der Reise durchs Leben; ein Zeitabschnitt, ein Ruhepunkt, auf welchem er sich der Abwechselung des menschlichen Schiksals sehr gern erinnert, dem Himmel für das Übermaß der Freude sein herzliches Dankopfer bringt, und sich durch weise Rückerinnerung, die seinen Glauben an eine Weltregierung stärkt, Mut, Kraft und Stärke für die Zukunft sammelt. Nationen, Völkern und Staaten ist dieser Rückblik eben so heilsam, eben so heilig, und grade aus diesem Grande feiern sie den ersten Tag im Jahre, und bringen dem Himmel ein Dankopfer für die Segnungen des entschwundenen Jahres.

Sollte unser gutes Hamburg nicht auch Bewegungsgründe genug haben, sich des eben entwichenen 1801sten Jahres mit Rührung, mit Dankbarkeit gegen die Gottheit zu erinnern? Sollten Hamburgs edle Menschen und Patrioten mir nicht gern folgen, wenn ich es versuche, die Begebenheiten dieses ausgezeichneten Jahrs zu rekapitulieren, und ein gedrängtes Gemälde dieser für uns ewig denkwürdigen Periode zu geben? Sollte es wohl nicht selbst für den Ausländer, der die guten Hamburger liebt und schätzt, einiges Interesse haben, sich der Schicksale unsers kleinen glüklichen Staats in diesem Jahre der Tränen und der Freude wieder zu erinnern? Sicher ist keine Periode der hamburgischen Geschichte in politischer Rücksicht denkwürdiger, als dieses ausgezeichnete Jahr, und es wird nur an der Unfähigkeit des Zeichners liegen, wenn das Gemälde desselben den Lesern nicht Vergnügen und selige Rückerinnerung gewähren sollte. Besonders in Ansehung der Leiden, Mühseligkeiten und Beschwerlichkeiten heißt es: Olim meminisse juvabit, süß ist es, sich der Vergangenheit zu erinnern.

Den ersten Tag des 1801sten Jahrs feierten wir mit Jubel, Anstand und Würde, als den ersten eines neuen Jahrhunderts und den ersten eines zweiten Jahrtausends für unser gutes Hamburg. Wir brachten der Gottheit gerührt unser Dankopfer in ihren Tempeln für ihre tausend jährige Wohltaten, überließen uns der reinsten Freude, den süßesten Hoffnungen für die Zukunft, und ahndeten nicht, dass schwere Gewitterwolken den nördlichen Himmel schwärzen würden. Aber sie sammelten sich bald, zogen unglücksschwanger immer höher herauf, und erfüllten unsere Herzen mit dunkeln, bangen Ahndungen. Der am 9ten Februar zwischen Frankreich, dem Hause Österreich und dem deutschen Reiche zu Lüneville geschlossene Friede, statt alle Bewohner des Erdbodens mit Freude und Dank gegen die Gottheit zu erfüllen, weil er dem schrecklichsten Morden und Blutvergießen ein Ende machte, vermehrte nur unsre ängstlichen Besorgnisse. Das in diesem Friedensschlusse angenommene Sekularisations- und Entschädigungssystem veranlasste dunkle, nicht ganz unwahrscheinliche, beunruhigende Gerüchte zum Nachteil unsers kleinen Freistaats, die eine desto höhere Wichtigkeit erhielten, weil wir es uns nicht verhelen konnten, dass zwei der mächtigsten Männer einen obgleich ungegründeten und unverschuldeten Argwohn und Unwillen auf unsre behutsame und weise Regierung geworfen hatten. Kurz, wir fürchteten für unsre Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Diese Besorgnis, diese Furcht wurde außerordentlich vermehrt, als bald nach abgeschlossener Nordischen Neutralitäts-Convention der Königl. Preußische Hof erklärte, dass die Zeitumstände es notwendig machten, die Stadt zu ihrem eigenen Besten mit Preußischen Truppen zu besetzen. Auf dringende Vorstellung unsers Senats gegen diese beunruhigenden Maßregeln, wurde ihm von Sr. Majestät zur Antwort erteilt: Dass es mit der Besetzung noch einigen Anstand haben könne, dass sie übrigens bloß das Wohl der Stadt beabsichtigen solle. Zugleich erhielt der hamburgische Abgeordnete zu Berlin sehr beruhigende Versicherungen. Man fing bereits an neue Hoffnungen zu schöpfen, als der Königl. Dänische Feldmarschall Se. Durchlaucht, der Prinz Carl von Hessen, mit einem schnell gesammelten Corps sich dem Gebiete der Stadt näherte, in Pinneberg sein Hauptquartier nahm, und eine mit Drohungen begleitete Aufforderung ergehen ließ: die Stadt und das ganze hamburgische Gebiet den Truppen Sr. Königl. Dänischen Majestät zur Besetzung zu übergeben. Doch wurde die Versicherung hinzugefügt, dass dies der Unabhängigkeit der Republik unbeschadet geschehen solle. Der Senat schickte eine Deputation nach Pinneberg, welche den Prinzen bewegen sollte, von diesem Vorsatze, welcher so beunruhigend und drückend für die Stadt wäre, abzustehen. Man berief sich auf den Gottorpschen Traktat von 1768, in welchem die Krone Dänemark verspricht, der Stadt Hamburg keine weitere Zumutungen zu machen; auf die Reichs-Unmittelbarkeit und Selbstständigkeit, dass, wenn ein Reichsstand den andern mit Kriegsvölkern überzöge, dies ein Bruch des Landfriedens sei, welchen Kaiser und Reich unmöglich gleichgültig ansehen könnten, und vorzüglich auf die Versicherungen des Preußischen Hofes, dass die Stadt durchaus nicht gefährdet werden solle. Allein der Prinz erwiederte, dass die Zeitumstände die getroffenen Maßregeln notwendig machten; dass Seine Königl. Dänische Majestät mit Sr. Königs. Preußischen Majestät in Übereinstimmung wegen dieser Angelegenheit wären, und dass er den gemessensten Befehl habe, Gewalt zu gebrauchen, wenn man ihm nicht in Güte die Tore öffnen wolle. Übrigens gäbe er sein Fürstliches Ehrenwort, dass die Unabhängigkeit der Stadt nicht darunter leiden würde. Der Preußische Gesandte, Herr von Schulz, war unter andern mit der Deputation nach Pinneberg gewesen.
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