Hamburgische Oper vor hundert Jahren

Ich las vor einiger Zeit in einem alten Traktate: die Stadt Hamburg betitelt, in dem Kapitel: von öffentlichen Lustbarkeiten, folgende Stelle: „Drei und vier Stunden eingeschränkt zu braten oder zu frieren, ist des Hamburgers Sache nicht, und deswegen ist auch hier kein beständiger Trupp von Komödianten, sondern sie kommen und gehen weg. Meldet sich ein solcher Trupp mit guten Zeugnissen, so lässt zwar der Senat deren Antritt zu; aber das ernstliche Predigtamt und die vernünftige Stadtobrigkeit freuen sich beide, wenn sie wieder fort wandern.“ Ich schloss hieraus: dass es in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit dem Hamburger Theater nicht sonderlich beschaffen gewesen sei, und konnte zufolge dieser Stelle unmöglich vermuten, dass man an eben diesem Orte fünfzig Jahre vorher eine ziemlich glänzende Oper gesehen habe.

Doch ist es so; denn wirklich soll im Anfange des Vorigen Jahrhunderts, wie die Geschichte erzählt, ein großer holsteinischer Kavalier sehr viele Summen zu Errichtung einer Oper in Hamburg verwendet haben, die auch den Beifall der damaligen Kenner erhielt, und wem diese Nachricht zum Beweise der großen Hamburger Oper im Anfange des vorigen Jahrhunderts nicht hinreichend sein sollte, den kann ich auf eine detaillierte Beschreibung verweisen, die ich in diesem und folgenden Blatte in der Hoffnung zu liefern gedenke, dass es den Hamburgern unmöglich gleichgültig sein könne, den älteren Zustand der Künste in ihrer Vaterstadt etwas näher kennen zu lernen.
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Eine im Jahre 1702 gegebene komische Oper, die den Titel führte: Der Hamburger Jahrmarkt, fand vorzüglichen Beifall, sie bestand in drei Akten, wurde einige Jahre nachher noch mit einem Akte vermehrt, und im Jahre 1709 durch sogenannte Entréen verschönert. 1714 bearbeitete ein Hamburger Dichter, der aber wahrscheinlich aus Bescheidenheit seinen Namen verschwiegen hat, aufs neue diesen Gegenstand; die Oper bekam nicht nur einen doppelten Titel: Der Hamburger Jahrmarkt, oder der glückliche Betrug, sondern sie wurde auch zu fünf Akten ausgedehnt, und erhielt ganz neue Musik von dem, wie er auf dem Anschlagszettel genannt wurde, weltberühmten Königl. Dänischen Kapellmeister Kaiser.

Die vornehmsten Hamburger Operisten waren Monsieur Riemenschneider Senior und Junior, imgleichen Monsieur Scheffel und Möhring, die besonders auch in gedachter großen Oper sich vielen Beifall erwarben. Madame Pollon war Primadonna, aber Mamsell Monso war nicht weniger berühmt, und wie meine alten dramaturgischen Nachrichten lauten, so war Mamsell Dimanche *) der Liebling des Hamburger Publikums. Sie machte grade so viel Epoche, wie eine Chevallier auf dem französischen Theater. Ihr Spiel und Gesang gefiel sehr, besonders auch in der gedachten Oper, der Hamburger Jahrmarkt, in welcher sie den Sans façon, einen Deutsch-Franzosen, mit lautem Beifall spielte.

Überhaupt war dieses Singspiel allgemein beliebt. Auch war es nicht zu bewundern, dass eine vaterländische Oper, die nach damaliger Zeit brillant zu nennen war, so viele Sensation machte, denn die Dekorationen waren neu, und stellten verschiedene Hamburger Gegenden vor, als B. den Jungfernsteig, den Grasbrook, einen Garten aus Hamm, und verschiedene Gebäude der Stadt. Die Musik war von einem weltberühmten Kompositeur, und in allen Akten waren sogenannte Entréen angebracht, die eigentlich das Ganze heben mussten, und die gewöhnlich zum Schlusse eines Aktes in Ballets bestanden, ungefähr auf eben die Art, wie es noch gegenwärtig in verschiedenen französischen Opern gewöhnlich ist, nur mit dem Unterschied, dass man damals eben nicht verlegen war, wie und ob diese Aufzüge zu dem Ganzen passten, denn man ließ beim Schlusschor gewöhnlich Tänzer und Tänzerinnen auftreten, ohne dass sie auf die Haupthandlung selbst Bezug hatten.

*) Auf einem altem Hamburger Komödienzettel finde ich eine Mamsell Sonntag; es ist wahrscheinlich die nämliche, die jetzt Dimanche hieß, denn es war damals, besonders unter Künstlern, sehr gewöhnlich, dass sie ihre deutschen Namen, des eingebildeten Wohlklangs wegen, ins Französische übersetzten.

So z. B. erschienen in gegenwärtiger Oper im ersten Akte Wasserträgerinnen und Spiel-Schütführer, welche ein Tänzchen machten. Beim Schlusse des zweiten Aktes kamen Raritätenkasten-Männer und Zeitungs-Sängerinnen, und aus dem einen Kasten sprangen komische Masken heraus, welche tanzten. Im dritten Akte sah man tanzende Juden und Jüdinnen; der vierte Akt war schon brillanter, denn hier kamen Gärtner und Gärtnerinnen, Milchmädchen und Erdbeeren-Bauern; aber beim Schlusse des fünften Akts sah man ein Hauptballet, bestehend aus hamburger Frauenzimmern in Regenkleidern, welche solche auf dem Theater ablegten, und zu denen sich auch Männer gesellten, die das Schauspiel mit einem feierlichen Hochzeitstanz beschlossen.

Um den Lesern einen Begriff von dieser damals so allgemein beliebten Oper zu machen, will ich aus dem Manuskripte, so ich besitze, einen kurzen Auszug liefern.

Die Haupthandlung des ersten Akts bestand darin: dass drei Plakaten-Anschläger mit Leitern kamen, um Zettel an den Pulverturm anzuschlagen, einer von der Oper, der andre von der Komödie, und der dritte vom Marionettenspiel; sie streiten sich, wem von ihnen dieser Platz eigentlich zugehöre, und endlich kommen sie mit einander ins Handgemenge. Zu diesem Streite kommen zwei Hamburger, Herr Tadelgern und Unparteiisch; letzterer sucht die Oper in Schutz zu nehmen, ersterer aber behauptet, dem Schauspiele gebühre der Vorzug, weil in solchem manche Wahrheiten vorgetragen würden, deren sich die Operndichter, die ihren Plan aus der Göttergeschichte entlehnten, nicht rühmen könnten. Unparteiisch meint, die Wahrheit nütze zu nichts, denn kein Mensch könne und wolle sie vertragen.

Sie muss nur bescheiden gesagt werden, sagt der Andere, und statt der Beantwortung singt er folgende Arie:

Ein kluger Arzt fasst bittre Pillen
In Silber, Gold und Zucker ein;
Soll uns die Wahrheit lieblich schmecken,
Muss sie der Sanftmut Zucker decken,
Sonst wird sie Gallen bitter sein.

Nachdem beide Herren abgegangen, fangen die Plakaten-Anschläger ihren Streit von neuem an. Risibilis und Porcius behaupten, Komödien und Marionettenspiel wären besser als die Oper; Macius aber, der Anschläger der Opernzettel, behauptet den Platz, und antwortet seinen Gegnern auf folgende Art:

So spricht nur der gemeine Mann,
Doch Hamburgs Handelsstand nebst der Gelehrten Schar,
Und sonderlich die Standspersonen,
Sehn nun die Opera schon manches Jahr
Mit wohlgesinnten Augen an.

Ein Tanz von Wasserrrägerinnen und Spiel, Schütführern beschließt den ersten Akt.

Im zweiten Akt stellt der Schauplatz Kaisershof, das Rathaus und die Börse dar, der Gastwirt, seine Frau und Tochter nebst einigen ankommenden Fremden spielen hier die Hauptrollen, und der Hausknecht Lukas in plattdeutscher Sprache macht die lustige Person aus, so wie auch das Kleinmädchen Gesche.

Zur Probe des damaligen Opernwitzes mag folgende Stelle dienen. Gesche will sich über einen im Wirtshause angekommenen Kavalier lustig machen; aber Lukas gibt ihr zur Antwort:

Geesch hool dee Schnut!
De Kerl het Geld, du bist een gaadlich Deeren,
Hee iß verleevt, du mußt en beten haseleeren. ^
Ick schult wol meenen
Hier war een Daler to verdeenen.

Gesche.

Myn goode Luks, du sühst dat my dat nödig deit,
Wy Deerens hewt een Hupen Mayd;
Mant Lohn ist kleen; wy kriegt jo Vaaken
Int Jahr een Rökschen up de Knaken,
Dat Umhangs Geld kümmt af;
Dat Brutstük het by düssen Tyden
Nicht veel mehr to bedüden.
Wo willt hennuch? wy schölt jo upgeflieget syn,
Sünst segd dee Lüd: De Deeren ist een Schwien.

Ich übergehe den dritten Akt, der nur verliebte Szenen zwischen Rosalien und ihrem Liebhaber enthält, äußerst wenig Sinn hat, wie es auch wohl in vielen unserer heutigen Opern der Fall ist, und höchst wahrscheinlich sich nur durch die Musik der herzbrechenden Arien kann gehoben haben.

Der vierte Akt spielt auf dem Grasbrook, und im Hintergrunde sieht man die Stadt Hamburg. Hier ist eine Intrige mit eingewebt, die, wie die Geschichte erzählt, sehr vielen Beifall erhalten hat. Herr Gernegroß gibt sich für einen reichen Kavalier aus. Der Betrug wird entdeckt, und um ihn zu bestrafen, wird beschlossen, das Kleinmädchen Gesche als Baronesse anzukleiden. Jetzt kommt sie, schön angeputzt, auf den Grasbrook und singt:

Ick bin by myne Moder west,
De het my upgeflieht,
Nu gah ick nah den Gaarden,
Sist naa gerade Tyd,
Se mäht süst ollto lange waarden.

Der Schauplatz verwandelt sich in einen prächtigen Garten in Hamm, wo die Zusammenkunft zwischen Gernegros und Gesche veranstaltet worden. Er verliebt sich in solche, bittet um ihre Hand, sie wechseln Ringe, und mit dieser feierlichen Verlobung beschließt der vierte Akt.

Im letzten Akt wird der Betrug entdeckt. Gernegroß singt ein trauriges Lied:

Die Magd soll Baronessin sein.
Und ich dieselbige zum Weibe nehmen?
Das geht nicht an; nein! nein!
Ich müsste mich zu Tode schämen.

Gesche antwortet:

Mein schöner Herr, das geht nicht an.
Den Mädchens etwas vorzuschwatzen.
Habt ihr mir nicht die Eh versprochen?
Ihr seid und bleibt mein Mann.
Ich will euch, wird dies Band gebrochen.
Die Augen aus dem Kopfe kratzen.

Diese Drohung scheint Herrn Gernegroß von Wichtigkeit zu sein; denn er bequemt sich sogleich auszurufen: „Wohlan! du bist mein liebes Weib!“ Beide Neuvermählte singen nun eine rührende Arie über ihre so schleunig entstandene Liebe, Hamburger Frauenzimmer kommen in Regenkleidern, unterdessen wird ein Tisch gedeckt, und Lukas ladet die Gäste singend ein:

O Kinner! sett jn doch to Disch,
Hier hew iy Fleesch und Fisch.

Es folgt hierauf ein Schlusschor, und den völligen Beschluss macht ein hamburger Hochzeitstanz.

Dies ist der wesentliche Inhalt einer großen Oper, welche vor beinahe hundert Jahren in Hamburg vieles Aufsehen erregte. Man könnte sie ein Kassenstück nennen, denn die Zuschauer füllten den Schauplatz eben so, als wenn jetzt das Donauweibchen gegeben wird, und in Ansehung des Unsinns werden sich beide Opern ziemlich das Gleichgewicht halten.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Hamburg und Altona - Band 2 Heft 4