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Liebe, Erfolg, Neubrandenburg, Eisenach

Wer weiß, wie lange er noch so fortgelebt hätte, denn er besaß, trotz der Beweglichkeit und Lebhaftigkeit, die er als Kind, trotz der Exaltation und Exzentrizität, die er als Bruder Studio gezeigt hatte, nicht nur viel von dem norddeutschen Phlegma, sondern er war auch eine jener glücklich sorglosen, und beschaulichen Naturen, die mehr innerlich als äußerlich tätig sind, oder die eigentlich nur die Dinge ruhig auf sich wirken lassen, um dann ganz plötzlich die Welt mit einer von Niemand erwarteten Tat zu überraschen; wer weiß, wie lange er noch so fortgelebt hätte, wäre ihm nicht ein äußerlicher Anstoß gekommen. Diesen Anstoß gab die Liebe, die unter allen Hebeln unserer Tätigkeit doch immer der mächtigste, weil ein wahrhaft göttlicher ist.

Zog aber die Liebe so spät — er war bereits ein angehender Vierziger — in sein Herz? — Wahrscheinlich weit früher, wenn auch nur vorübergehend. Dass er für hübsche junge Mädchen immer sehr empfänglich gewesen, verrät sich in seinen Dichtungen aus mancherlei Reminiszenzen. Schon als Gymnasiast zu Parchim brachte er geheimen Hofratstöchtern Ständchen. Während sein Schulkamerad unten die Gitarre schlug und dazu sang:


Höre, wie der Regen fällt;
Hör', wie Nachbars Hündchen bellt —

saß er im Mondschein auf einem Birnbaum und blickte in das Zimmer der Angebeteten, die auch alsbald am Fenster erschien, ihre Schwester herbeirief und in Gemeinschaft mit dieser die beiden Seladons neugierig lorgnettierte*), so dass Fritz Reuter verlegen den Baum hinabrutschte, wobei er die Beinkleider und noch etwas Anderes beschädigte. — Das war eine Schülerliebe, aber jetzt handelte es sich um die tiefe innige Leidenschaft eines Mannes, und der Gegenstand derselben war Fräulein Louise Kuntze, die älteste Tochter eines Predigers.

*) Durch die Lorgnette betrachten; scharf mustern.

Die Liebe zu ihr bewog ihn, sich um eine bürgerliche Stellung zu bemühen, und er fand solche als Privatlehrer 1850 in der kleinen vorpommerschen Stadt Treptow an der Tollense. Vorher aber musste er das Preußische Bürgerrecht nachsuchen, was ihm auch trotz der vor zehn Jahren feierlich beschworenen Urphede gegen 27 1/2 Silbergroschen erteilt wurde. Im nächsten Jahre führte er sein Bräutchen heim, und genoss nun mit Behagen den Frieden und die Vorteile eines eigenen Hausstandes. Fünf Jahre unterrichtete er um zwei Groschen die Stunde, — eine trockne, mühselige Beschäftigung, aber sie gewährte ihm doch ein bescheidenes Auskommen, und des Abends schrieb er zu seiner Erholung „Läuschen un Rimels", plattdeutsche Gedichte in mecklenburgisch-vorpommerscher Mundart, die er im Jahre 1853 herausgab.

Es sind heitre Geschichten und drollige Schnurren, wie sie sich das Landvolk vor der Haustür, in der Spinnstube und im Kruge erzählt, die Fritz Reuter aber jetzt in Vers und Reim brachte, sie zugleich in ein neues Gewand hüllend, indem er sie lokalisierte und individualisierte. Bei ihrer Abfassung hatte er seine Landsleute, vornehmlich die plattdeutsch redenden Bauern und Kleinbürger, im Auge, die denn auch das Buch mit Begierde ergriffen, freudig überrascht, darin sich selber wiederzufinden, mit all ihren Manieren, Witzen und Redensarten. Eine Auflage folgte der andern, bevor hochdeutsche Leser oder nun gar die Kritik um ihre Existenz wussten. Gegenwärtig liegt die achte Auflage vor. Dieser Erfolg musste Reuters kühnste Erwartungen übertreffen. In der Tat waren diese aber sehr bescheiden gewesen; erst nach solchen Erfolgen begann in ihm die Ahnung aufzudämmern, dass er am Ende noch gar ein Dichter sei.

1854 folgte eine Sammlung von Gelegenheitsgedichten und Polterabendscherzen, die seit 1842 entstanden waren, meist auch in plattdeutscher Sprache.

1855 erschien „De Reis nah Belligen", eine humoristische Erzählung in Versen. 1855—56 redigierte er ein Lokalblatt: „Unterhaltungsblatt für Mecklenburg und Vorpommern“ darin er die überaus witzige und launige Geschichte „Abendteuer des Entspekter Bräsig, bürtig aus Mekelborg-Schwerin, von ihm selbst erzählt“, erscheinen ließ. Sie ist in einem Jargon abgefasst, der aus einem wunderlichen Gemengsel von Hoch- und Plattdeutsch besteht, und den man in Mecklenburg sehr witzig „Missingsch" nennt. Das Blatt fand Anklang, scheiterte aber an den lokalen Verhältnissen, und der sehr nachlässige Verleger verschwand schließlich, ohne Rechnung abzulegen.

Ostern 1856 siedelte Reuter, angezogen von dem größeren Verkehr und der anmutigen Gegend, nach dem benachbarten Neu-Brandenburg (in Mecklenburg-Strelitz) über, und lebte, ermutigt durch den steigenden Erfolg seiner Dichtungen, fortan nur von literarischen Arbeiten. Hier entstanden zunächst einige Possen und Lustspiele in hochdeutscher Sprache, die der Verfasser jedoch selber „sehr stark verunglückte" nennt. Zwei von ihnen: „Die drei Langhänse" und „Blüchers Tabakspfeife" sind auch im Wallner’schen Theater in Berlin ein paar Mal zur Aufführung gekommen, indes mit nur mäßigem Erfolg.

1857 erschien „Kein Hüsung", eine kriminalistische Dorfgeschichte in Versen, der nun in jedem Jahre eine neue Dichtung folgte. So 1858 „Läuschen un Rimels. Neue Folge"; 1859 „Hanne Nüte", eine halb humoristische, halb kriminalistische Vogel- und Menschengeschichte in Versen; 1860 „Olle Kamellen", die beiden lustigen Geschichten „Woans ik tau 'ne Fru kamm" und „Ut de Franzosentid" enthaltend; 1861 „Schurr-Murr", eine Sammlung launiger Geschichten, teils in plattdeutscher, teils in hochdeutscher Mundart, teils in dem ergötzlichen Kauderwelsch „Missingsch" abgefasst; 1862 das Memoirenwerk „Ut mine Festungstid"; 1862—64 endlich der dreibändige Roman „Ut mine Stromtid", von dem die ersten beiden Bände schon in dritter Auflage vorlagen, bevor der Schlussband noch erschienen.

Seit Johanni 1863 wohnt der Dichter bei Eisenach am Fuße der Wartburg, in einem geschmackvollen Landhause, darin er mit seiner sinnigen liebenswürdigen Frau der, altmecklenburgischen Gastfreundschaft pflegt; wenn Beide gerade nicht auf einer Reisetour begriffen, die sich im vorigen Jahre bis Griechenland und Kleinasien ausdehnte. Über der Eingangstür zu seiner Wohnung hängt ein grüner Kranz, und daraus strahlt dem Fremden der freundliche Gruß „Willkommen!" entgegen.

So ist dem stürmischen Morgen, dem heißen Mittag ein heiterer Abend gefolgt, denn seine Bücher gewähren ihm eine Rente, von der er behaglich leben mag, und die Glorie des Ruhmes passt ganz wohl zu seiner gedrungenen, etwas zum Embonpoint neigenden Gestalt, zu dem vollen runden und biederen gutmütigen Gesicht, das ein grau melierter Vollbart einrahmt und aus dem ein paar milde blaue Augen blicken, über welches aber auch nicht selten das Götterkind hingaukelt, das „die lachende Träne im Wappen führt".

Fritz Reuter unterscheidet sich schon in seinem äußern Lebensgange von den meisten unserer modernen Poeten, die in der Regel von der Welt nichts weiter gesehen haben als ein paar verräucherte Auditorien und ein paar langzopfige Professoren; die es aber trotzdem unternehmen, diese große reiche Welt im Spiegel der Poesie reflektieren zu lassen. Reuters bewegtes und wechselvolles Leben dagegen enthält alle Bedingungen, um sowohl ein Talent als einen Charakter zu bilden; und beide machen erst den Dichter. — Geboren in einem kleinen Landstädtchen, um erst als Jüngling hinauszutreten auf den Markt des Lebens, blieb ihm ein offener scharfer Blick für Natur und Menschen, zu welchen beiden er stets in nahem Verkehr stand, und die er beide mit warmem Herzen umfasste. Von originellen naturwüchsigen Personen den ersten Unterricht empfangend, dem Bildungsgange nach vorwiegend Autodidakt, nicht gedrillt für chinesische Staatsexamina, bewahrte er sich Frische, Vielseitigkeit und Selbständigkeit des Geistes. Unbehelligt von den gemeinen Sorgen des Tages, die die Seele zerreiben; dafür aber geschüttelt, umhergeworfen von mächtigen Schicksalsstürmen, durchrast von großen Leidenschaften, erfuhren seine Muskeln und Nerven die höchste Anspannung, wurde sein Charakter zu hartem Stahl gehärtet. Endlich seine langen Lehrjahre als Gefangener, Landmann und Schulmeister. Als Festungsgefangener war er auf den Umgang mit sich selber und mit wenigen Personen angewiesen, aber eben hier erwarb er sich seine große Menschenkenntnis indem ihn seine Vereinsamung nötigte, in die Tiefe hinabzusteigen. Und eben dieser Mangel an lebensvoller Wirklichkeit zwang andererseits seinen beweglichen Geist, alle möglichen Phantasiespiele heraufzubeschwören; wie denn die Charaktere und Situationen, die uns in seinen Dichtungen so sehr ergötzen, ihren ersten Ursprung wahrscheinlich jenen Träumereien, dem Versenken in die Erinnerung und der heftigen Sehnsucht verdanken, mit der es ihn zurück in die Welt verlangte. Als Landmann ruhte er an dem Busen der Mutter Natur und trank ihren frischen Odem, der ihn kräftigte und begeisterte. Als Schulmeister erschlossen sich ihm die Blüten der Kindesseele, deren naive Regungen er belauschte.

Jean Paul verlangt einmal: wer einen Roman schreiben wolle, müsse mindestens sein dreißigstes Lebensjahr hinter sich haben; eine Forderung, die sich freilich mit der treibhausartigen Frühreife unserer sonstigen Poeten schlecht verträgt. Fritz Reuter dagegen hat mehr getan, indem er, schon zweiundfünfzig Jahre alt, erst mit einem Roman hervortrat. Ja, er hat erst im dreiundvierzigsten Jahre zu schreiben angefangen, und wie klein und bescheiden war dieser Anfang! Wieder sehr verschieden von der Mehrzahl der heutigen Schriftsteller, die mit einer Tragödie in hohem Stil beginnen und mit einem Zeitungsartikel endigen; oder die es doch für die heiligste Pflicht halten, zunächst das Publikum mit ihren lyrischen Ergüssen zu überschwemmen. Fritz Reuter, im bürgerlichen Leben so unpraktisch, zeigte sich beim Betreten der literarischen Laufbahn sehr praktisch. Er begann mit „Läuschen un Rimels" und machte sich dann an größere und selbständigere Dichtungen.

Alle seine Dichtungen liegen mindestens in zweiter und dritter, die meisten in vierter fünfter und sechster Auflage vor. Fritz Reuter ist die Tagesparole für das lesende Publikum, und seine Bücher eine allgemein begehrte Ware; in den Leihbibliotheken sind sie stets ausgeliehen, in den Buchläden, namentlich um die Weihnachtszeit, häufig vergriffen. Diese Bücher werfen ihm eine Rente ab, wie sie in den Annalen des Deutschen Schriftstellertums bisher unerhört war, ein Einkommen, das sich getrost neben dem der beliebtesten Englischen Autoren sehen lassen kann. Und der Absatz seiner Bücher, die Verbreitung seines Namens ist noch immer im Steigen begriffen. Während sein Publikum zunächst ein ausschließlich plattdeutsches war, freilich von Memel bis Aachen, zählt er jetzt auch schon Tausende von hochdeutschen Lesern, die ihm zu Liebe das Plattdeutsche gelernt haben, und so rückt er wie ein Eroberer vom Norden des Vaterlandes immer weiter nach dem Süden vor. Dazu kommt noch, dass er schon bei Lebzeiten seine Rhapsoden gefunden hat, die von Stadt zu Stadt ziehen und seine heiter lustigen und wundersam rührenden Geschichten öffentlich vortragen und verdolmetschen. Genug, keiner der lebenden Schriftsteller kann sich eines solchen Erfolges rühmen, wie Fritz Reuter.

Ob seine Dichtungen nun auch diesen Erfolg verdienen, wollen wir jetzt untersuchen.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Fritz Reuter und seine Dichtungen - Fritz Reuter
Reuter, Fritz und Frau in Neubrandenburg

Reuter, Fritz und Frau in Neubrandenburg

Reuter, Fritz und Frau in Treptow

Reuter, Fritz und Frau in Treptow

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter (2)

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter (2)

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter (3)

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter (3)

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter

Reuter, Luise (1817-1894) Ehefrau des Dichters Fritz Reuter

Reuter-Denkmal in Neubrandenburg

Reuter-Denkmal in Neubrandenburg

Reuters erste Wohnung in Neubrandenburg

Reuters erste Wohnung in Neubrandenburg

Reuters dritte Wohnung in Neubrandenburg

Reuters dritte Wohnung in Neubrandenburg

Reuters Villa in Eisenach am Fuß der Wartburg

Reuters Villa in Eisenach am Fuß der Wartburg

Reuters Villa in Eisenach (Arbeitszimmer)

Reuters Villa in Eisenach (Arbeitszimmer)

Reuters Villa in Eisenach (Salon)

Reuters Villa in Eisenach (Salon)

Reuters zweite Wohnung in Neubrandenburg

Reuters zweite Wohnung in Neubrandenburg

Reuters zweite Wohnung in Treptow

Reuters zweite Wohnung in Treptow

Reutes erste Wohnung in Eisenach , das Schweizer Haus

Reutes erste Wohnung in Eisenach , das Schweizer Haus

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