Abschnitt 3

Swinemünde, das bekannte Seebad, in dessen Nähe das viel besuchte Seebad Heringsdorf liegt, ist der erste Stationsort. Das Dampfschiff legt an und Reisende kommen und gehen. Die Seekrankheit weicht, je näher das Schiff dem Lande kommt und je mehr die heftigen Wellenbewegungen aufhören und die Kranken trösten sich damit, dass die Hälfte des Weges zurückgelegt, also die Hälfte der Leiden überfolgende, etwas seltsam klingende Sage: Der jetzige Swinestrom bildete sich erst nach und nach, früher bildeten Usedom und Wollin eine einzige Insel. Anfänglich war die Furt zwischen beiden Inseln gering und unbedeutend. Um sie zu passieren, legte man einen Schweinekopf hinein. Daraus entstand der Name Swine für die Fuhrt, welchen man beibehielt, als aus der Furt ein breiter Strom geworden war. Nach dem Strom benannte man dann die Stadt.

Wir debattierten noch über den sonderbaren Ursprung des Namens, für welchen mein Referent eine Reihe von Autoritäten aus alter und neuer Zeit anführte, da ertönte die Schiffsglocke, die Elisabeth wendete sich, stieß vom Lande ab, und bald entschwand Stadt und Küste aus dem Gesichtskreis und wir segelten wieder auf offener See. Weiße und gelbe Segel zogen vorüber, die Schaumspitzen der Wellen kräuselten sich und funkelten und glänzten im Sonnenschein, wir standen am Backbord und schauten in die lange Furche, welche das Schiff durch das Meer zog, und in die glänzende, durchsichtige Tiefe, welche funkelte wie von Smaragd und Rubinen, wir sprachen von den schönen Seejungfern im Haff, von dem Feuerkönig auf dem Seegrunder See, von dem guten Geist, dem Klabautermann, der den Schiffen treu bleibt, bis sie untergehen, von Nixen und Undinen und von dem kranken Mann im Orient. Links tauchte die Insel Ruden, rechts die hohen Küsten der Insel Oie auf, vor uns erblickten wir die waldigen Höwte von Mönchgut und fuhren dann durch das Neue Tief in den Rügenschen Bodden. Die Insel Rügen, erzählte mir Herr Palm, war einst mit dem festen Lande verbunden. Pommern und Rügen hingen durch Mönchgut zusammen; da, wo jetzt das Neue Tief ist, war vordem das trockene Land von Rügen. Noch jetzt sieht man bei niedrigem und ruhigem Wasser auf dem Grunde des Meeres an einigen Stellen Eichen und Tannenbäume. Dies wurde anders in einer einzigen Nacht des vierzehnten Jahrhunderts, manche sagen im Jahre 1302, manche im Jahre 1308, noch andere im Jahre 1309. Da erhub sich ein schrecklicher Sturmwind, der durch die ganze Ostsee ging, so dass er an allen Küsten entlang die Häuser und Bäume niederwarf. Der riss mit einem Mal das Land Rügen von Pommern ab, also dass ein schönes Teil Rügens in die See versank, da, wo sie der Große Bodden heißt. Zwei Kirchspiele liegen hier begraben, das von Ruden und das von Carreis, und es blieb nichts übrig, als die kleine Insel Ruden, welche mitten im Bodden liegt. Das Fahrwasser, welches auf solche Weise zwischen diesem Ruden und der Insel Rügen entstanden ist, hat man seitdem das Neue Tief genannt. So erzählte mir Herr Palm. Währenddem kam ein Lotsenboot von drüben, von der Küste von Mönchgut und legte an die Elisabeth an; die Lotsen mit ihren wettergebräunten Gesichtern, in die eigentümliche Tracht des Mönchguter Volksstammes gekleidet, stiegen auf das Verdeck und übernahmen die Leitung des Schiffes durch die vielen Untiefen und Sandbänke des Rügenschen Boddens. Deshalb dehnte sich die Süd-Küste Rügens vor uns aus, und an der Insel Vilm vorüber steuerte die Elisabeth auf den Hafen von Lauterbach zu.
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Die Landungsglocke ertönt und die Elisabeth legt an der langen hölzernen, auf Pfählen ruhenden Landungsbrücke an, welche vom Strande in der Länge von mehreren hundert Schritten und in einer Breite, dass ein Wagen darauf umkehren kann, weit ins Meer hinaus gebaut worden ist. Der Endpunkt der Brücke ist mit Passagieren nebst Gepäck überfüllt, welche die Weiterfahrt des Schiffes nach Stralsund durch die Meerenge von Gellen benutzen wollen; die ankommenden und die abreisenden Passagiere drangen sich durcheinander, dazwischen die Kofferträger mit dem Gepäck; die ankommenden beeilen sich ebenso sehr das Verdeck des Schiffes zu verlassen, wie die Abreisenden, dasselbe zu betreten. Man beeile sich übrigens nicht zu sehr und hüte sich, von den Kofferträgern gestoßen zu werden und von den schmalen Brettern, welche die Brücke mit dem Boden des Verdecks verbinden, in das Meer zu fallen, das Schiff hält lange genug an, damit der letzte Reisende dasselbe ruhig verlassen kann. Wir nahmen herzlichen Abschied von unseren freundlichen Mitreisenden, welche uns mit ihren Pelzen gegen die kalten Seewinde umhüllten und unsern Magen durch Präparate gegen die Seekrankheit zu schützen suchten, noch einen Händedruck, noch eine freundliche Einladung, sie bestimmt auf der Rückreise in Stralsund zu besuchen, und das Brett, welches Landungsbrücke und Verdeck miteinander verbindet, wird abgehangen, die Maschine fängt an zu arbeiten, die Elisabeth wendet sich, in kurzen Rauchwolken entsteigt der Dampf dem Schornstein und führt das Schiff pfeilschnell in den Rügenschen Bodden zurück. Wir betreten den Boden der Insel, vor uns die wenigen Häuser von Lauterbach, und umdrängt von einer Menge Personen, welche sich unserer Koffer und Pakete zu bemächtigen suchen, um sie die kurze Strecke nach Putbus hineinzutragen. Am Strande halten eine Menge hochrädriger, zweisitziger Korbwagen, deren Kutscher uns einladen, für ein geringes Fahrgeld nach Putbus zu fahren, vor uns erhebt sich hügeliger grüner Strand, zu dem ein bequemer Fahrweg hinaufführt, von beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, wir ziehen es indes vor, nach dem tagelangen Schaufeln des Schiffes, nach diesen Anwandlungen von Seekrankheit, welche in dem Moment verschwunden sind, wo der Fuß das Land berührt, die Viertelstunde, welche Putbus vom Strande entfernt liegt, zu gehen, werfen unsre Koffer auf einen der Wagen und folgen dem Wege, welcher uns gerade auf das große Parktor des Putbuser Schlossgartens zu und von dort links herum, an den hohen Terrassen und Veranden des so genannten Küchengartens vorüber, in die Stadt Putbus hineinführt.

Vor uns, rechts am Wege, den wir vom Strande her gekommen sind, dehnt sich ein schöner, großer, runder Platz aus, mit Rasenstücken bedeckt und mit durch Ketten verbundenen steinernen Pfeilern umgeben, der Zirkus, in der Mitte ein hoher, mit einer vergoldeten Fürstenkrone bedeckter Obelisk. Den Obelisk ließ der Fürst zu Putbus als Denkmal des 1810 gegründeten Ortes Putbus im Jahre 1845 errichten. Die Spitze desselben stürzte im Jahre 1847 ein heftiger Sturmwind herunter, er war damals 72 Fuß hoch, worauf an deren Stelle 1849 die jetzt dort befindliche Fürstenkrone gesetzt wurde. Die jetzige Höhe des Obelisken beträgt 60 Fuß. Schöne und elegante Gebäude umgeben von drei Seiten den Platz, links eine Erziehungsanstalt, das Pädagogium, rechts von diesem Gebäude das Hotel Bellevue, neben diesem das Postgebäude. Gerade vor uns sehen wir ein durch zwei Säulen gebildetes Tor, auf jeder Säule die Statue eines Rossebändigers, durch welches der Weg nach dem Tannenberge führt. Den Spaziergang durch das Tor zu machen ist indes nutzlos, die Aussicht vom Tannenberge ist durch Gehölz und Gebüsch verdeckt. Das Gebäude links vom Tore ist das Haus der Gräfin von Putbus, ein hübsches zweistöckiges Gebäude. Die Aussicht von dem erhöht liegenden Zirkus ist sehr schön, die schönste in Putbus. Das Land senkt sich von dort nach dem Meere zu, links führt die Allee nach dem Friedrich-Wilhelm-Bad, dessen Gehölz zur linken Seite den Strand einschließt, unter uns liegen im Gebüsch die roten Ziegeldächer der Häuser von Lauterbach, die dahin führende Baumreihe und die grünen Hügel des Strandes, und weit darüber hin, über die Küsten der Insel Vilm hinaus schweift der Blick über die in der Abendsonne leuchtenden Wellen des Rügenschen und Greifswalder Boddens. Die Ecke des Zirkus und der links daran stoßenden Promenade bildet das Hotel du Nord. Der Kutscher hält mit seinem Korbwagen vor demselben, ist im Begriffe meinen Koffer abladen zu lassen, und sucht mir durch Explikationen jeglicher Art begreiflich zu machen, dass Reisende meines Standes nicht im Gasthofe zum schwarzen Adler logieren können, sondern nur in den eleganten Zimmern des Hotel du Nord. Ich lasse mich aber durch keine Vorstellungen abhalten, trete in die herrliche zur Promenade führende Lindenallee und nachdem ich hundert Schritte gemacht habe, sehe ich das Wirtshausschild des Gasthofes zum schwarzen Adler vor mir, wo ich zwei freundliche Zimmer im ersten Stock erhalte, deren Fenster nach der Promenade hinausgehen. Ich sehe hier freilich nicht das Meer und die umbuschten Küsten der Insel Vilm, dagegen aber die dichten Kronen der Linden, unter denen die fashionable und die nicht fashionable Welt der diesjährigen Saison ihren Abendspaziergang macht. Aus den dichten Gebüschen des Parkes tönt heitere Konzertmusik zu mir herüber, ich werde nicht gestört durch einen widerwärtigen Kellner, der mit der Serviette unter dem Arm, wo ich mich kaum ans Fenster niedergesetzt habe, um eine Zigarre anzuzünden, mich fragt, ob ich in der Table d’hôte oder in meinen Appartements zu speisen befehle, sondern ich befinde mich in einem jener gemütlichen Wirtshäuser, wie man sie nur noch in kleinen Provinzialstädten findet, wo man ganz ungeniert wohnt, sehr gut speist, in vortrefflichen Betten schläft, durch die Familie des Wirts oder durch ein junges Mädchen, welches die Wirtschaft erlernt, bedient wird und sehr mäßige Preise bezahlt. Wer keine weiteren Ansprüche macht, dem rate ich hier einzukehren; er wird mit meiner Empfehlung und mit der Bedienung Herrn Schafferts sehr zufrieden sein. Wer höhere Ansprüche macht, muss natürlich das Hotel du Nord oder einen andern am Zirkus gelegenen Gasthof wählen. Will jemand nun noch die Preise kennen lernen, so füge ich hinzu, dass ich für Wohnung täglich 10 Silbergroschen, für ein vortrefflich zubereitetes Mittagsessen 8 Silbergroschen und für Abendessen und Frühstück 10 Silbergroschen zahlte, und mich bemühte, durch ein splendides Trinkgeld bei meiner Abreise diesen enormen Abstand zwischen dem, was ich zahlte und dem, was ich erhielt, auszugleichen.

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Ein Ausflug nach Rügen