Die deutsche Kulturgeschichte

Aus: Zeitschrift für deutsche Kulturgeschichte. 1. Jahrgang
Autor: Falke, Johannes (1823-1876) Archivar, Historiker, Publizist und Herausgeber, Erscheinungsjahr: 1856

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Themenbereiche
Enthaltene Themen: Geschichte, Geschichtsschreibung, Kulturgeschichte, Sittengeschichte, Sozialgeschichte, Kunst, Kultur, Wissenschaft, Industrie, Landwirtschaft, Handwerk, Handel, Architektur, Geistesleben, Bildung, Natur, Umwelt, Energie, Theater, Literatur
Das deutsche Volk hat in den letzten Jahrzehnten eine solche Vorliebe für seine Geschichte und seine Geschichtsschreibung gezeigt, dass man einige Jahrzehnte später nicht mit Unrecht unser Zeitalter vielleicht das „historische" heißen mag, nicht als ob es in die Geschichte tief eingreifende Taten erzeugt hätte, sondern weil es, fast stille stehend auf dem Gebiete des politischen Handelns, auf alle überwundenen Entwicklungsstufen mit einer Gewissenhaftigkeit zurückschaut, die auch nicht das Verborgenste, sobald es nur an dünnem Faden mit dem Mittelpunkte des vielverschlungenen Gewebes zusammenhängt, in der stillen Ruhe der Vergessenheit lässt. Es ist durchaus überflüssig, die Reihe der glänzenden, durchaus populär gewordenen Namen vorzuführen, von denen fast jeder der Träger einer Richtung der deutschen Geschichtswissenschaft geworden ist und durch deren vereinte Kraft diese Wissenschaft im schnellen glücklichen Fortschreiten sich zu einem Umfange und einer Tiefe der Forschung, zu einer Sicherheit und Gediegenheit des Styles emporgerungen hat, welche wir eben so sehr bewundern, als wir begierig sind, die Resultate derselben mit anerkennender Dankbarkeit uns anzueignen. Aber nicht diese hohe Entwicklung der Wissenschaft, noch die Dankbarkeit, mit welcher das deutsche Volk jedes neue Werk der historischen Kunst begrüßt und aufnimmt, auch nicht die Gunst, welche das Zeitalter den berühmtesten jener Namen im reichen Maße zugewendet hat, nicht dieses allein beweiset die vorwiegende Neigung des gegenwärtigen Geschlechtes zu der Geschichte seines Volkes; ein größeres Gewicht lege ich auf die tätige Teilnahme, welche das Volk in seinem weiteren Kreise dieser Wissenschaft zuwendet. Über ganz Deutschland breitet sich ein Netz von historischen Vereinen, von denen in die unbekanntesten und der Wissenschaft bis jetzt unzugänglichsten Gegenden und Gebiete glücklich forschende Blicke dringen. Es ist ein alter Spruch, dass man durch Übung lieb gewinnt, was man übt und dass nur das, innig mit dem Geistesleben des Einzelnen wie des Volkes zusammenwächst, auf welches mit Energie und Fleiß ihre Willenskraft sich richtet. Die historischen Vereine, als durchaus volkstümliche Organe des wissenschaftlichen Lebens Deutschlands, vermitteln das innige Zusammenwachsen des Volles mit seiner Geschichte.

Die großen glänzenden Geschichtswerke bieten einem großen Teil ihrer Leser wenig mehr als vorübergehenden Genuss, und wenn auch stets etwas hängen bleibt, so bleibt doch eben das Meiste nicht hängen. Auch kommen jene Werke verhältnismäßig in sehr wenige Hände und noch weniger in die rechten Hände, die nicht ermüden ein Buch zu halten, bis sein Inhalt geistiges Eigentum des Lesers geworden ist. Die historischen Vereine bei ihrer weiten, tief in das Volk reichenden Verzweigung, schärfen den historischen Sinn des Volkes, wenden seine Aufmerksamkeit auf das Geschichtliche in seiner Umgebung und indem sie zur produktiven Teilnahme, die stets die männlichere ist, ermuntern und dieselbe, dass sie auf das Nächste gerichtet wird, auch möglich machen, wecken sie im Volke jene ernste Liebe für seine Geschichte, die mit Energie die Durchdringung und Beherrschung irgend eines Teils derselben anstrebt und dadurch dem Geistesleben des Volles einen männlicheren Charakter zu gehen gewiss nicht verfehlt. Wer seine Geschichte liebt, liebt sich; so ist diese Teilnahme an der Geschichtswissenschaft gewiss das kräftigste Mittel, im Volke eine besonnene klare Liebe zu sich selbst zu entwickeln.

Verfolgen wir die einzelnen Erscheinungen dieser Wissenschaft auf jener oben angedeuteten Höhe ihrer Entwicklung und mit gleicher Aufmerksamkeit ihre Lebensäußerungen an diesem ihren weitgreifenden Fuße, so tritt uns in gleichen Verhältnissen das stets wirkungsvollere Eindringen der Kulturgeschichte entgegen. Zuerst finden wir das ineinandergreifende Gewebe der Großtaten des Volkes und seiner Helden, das allmähliche Herausbilden seiner Verhältnisse zu den herumlagernden Völkern, sein Ringen nach staatlicher und kirchlicher Form, den Druck und Gegendruck seiner Stämme unter einander, das Emporwachsen, das Anziehen und Abstoßen seiner massenhaften Stände, den Kampf und Widerkampf der Parteien und hervorragenden Parteihäupter in klarer erschöpfender Darstellung vor uns entwickelt. Im weiteren Fortgange dringt die Wissenschaft mehr und mehr in die Tiefe, in den erzeugenden Schoß des Volkes. Wir finden gelegentliche Bemerkungen aus dem Gebiete der Kulturgeschichte; wir sehen diese an Raum gewinnen, an Bedeutung zunehmen; dann werden ganze Gebiete der Kulturgeschichte in besonderen Abschnitten behandelt, die jedoch der breiten Entwicklung der politischen Geschichte noch unorganisch nur angefügt sind; endlich werden einzelne Kulturzustände in die Verschlingung des Ganzen hereingezogen.

Schlossers Geschichtswerk ist bekannt genug, um aus der Nennung des Namens schon erraten zu lassen, welche Vorzüge und welche Mängel an demselben entgegen treten. Ranke, mit seinem besonnenen, vielumfassenden Geiste, verbindet einzelne besonders wichtige Elemente der Kulturgeschichte organisch mit seiner Darstellung des Zeitalters der Reformation, findet in den inneren Zuständen der Stände wie in der Literatur jener Zeit, die als der Gemütserguss eines leidenschaftlich bewegten Volles vorwiegend kulturhistorisches Interesse weckt, die Ursachen für äußere politische Bewegungen und in diesen Ursachen für jene. Gervinus, mit seinem durchdringenden, scharf sondernden Verstande, zerteilt die poetische Nationalliteratur in ihre beiden Hauptelemente, in das der Kunstform und in das, was diese Form als Inhalt erfüllt oder erfüllen soll, d. h., die geistige Grundlage, die dem Volke und seinem vielgestaltigen Leben entnommen ist; beide Elemente in ihrer lebendigen Wechselwirkung uns anschaulich gemacht zu haben, ist seines umfassenden Werkes großes Verdienst. In noch neuerer Zeit, angeregt, wie uns scheint, durch das mit Enthusiasmus ausgenommene Werk des Macaulay finden wir historische Schriften, die in der Einleitung gleichsam als das Fundament des aufzuführenden Bauwerkes eine umfassende Schilderung der Kulturzustände in den zu schildernden Zeiten geben. Wir lassen die Frage jetzt unerörtert, ob dieses die richtige organische Verbindung der Kulturgeschichte mit her politischen ist und betonen nur, dass diese Werke beweisen, wie sehr die Wissenschaft in ihren Spitzen allmählich der Kulturgeschichte sich zuwendet. — Auch die historischen Vereine sehen wir meistens ausgehen von der Darstellung der ältesten Zeiten des deutschen Volkes, von seinen Niederlagen durch die Römer, seinem Widerstand gegen dieselben, von den Überresten jener Zeit, welche die ruhende Erde uns bewahrte; dann schildern sie die hervorragendsten Ereignisse der deutschen Geschichte, wie sie auf jede Stadt, jedes Dorf hindernden oder fördernden Einfluss übten, bis zum Schluss der Freiheitskriege gegen das französische Joch; endlich mit fortschreitender Erforschung der Lokalgeschichte verflechten sie kulturhistorisches Material in größere Abhandlungen oder geben sie als selbständige, freilich oft noch wenig methodisch verarbeitete Beiträge. — In den immer zahlreicher erscheinenden Lokal- und Spezialgeschichten, die häufig angeregt durch die historischen Vereine im nächsten stofflichen Zusammenhange mit ihnen stehen, finden wir auf dieselbe Weise ein langsames sicheres Vordringen der Kulturgeschichte.

Einzelne Zweige dieser Wissenschaft, namentlich solche, die auch dem weniger streng geschulten Geschichtsfreunde die Möglichkeit einer wissenschaftlichen Bearbeitung bieten, wie die Sage und das Volkslied, haben sich schon einer selbständigen und erfolgreichen Erforschung zu erfreuen gehabt. Über das Kostüm, den Ackerbau, das Gewerbe, den Handel, über die Frauen des Mittelalters haben wir fleißige und geschmackvolle Arbeiten. Die Kultur des 18. Jahrhunderts ist uns in einer umfassenden geistvollen Bearbeitung dargestellt. Auch die allgemeine Kulturgeschichte bildet den Inhalt umfangreicher Werke, obwohl wir, was die deutsche Kulturgeschichte betrifft, noch zweifeln, dass sie schon tief genug erforscht wurde, um sich als Teil der allgemeinen Kulturgeschichte in genügender Kürze darstellen zu lassen. Wir deuten nur mit schnellem Wink noch auf die Journalistik und Belletristik der Gegenwart, um zu erinnern, wie sehr auch abgesehen von dem Einflüsse der Sage und des Volksliedes manche ihrer Erscheinungen kulturhistorischen Stoffen oder Tendenzen ihre schnelle Verbreitung verdanken.

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001 Goldschmiedewerkstatt

001 Goldschmiedewerkstatt

002 Enge Gasse

002 Enge Gasse

003 Steinmetzen

003 Steinmetzen

004 Glockengießer

004 Glockengießer

005 Wundarzt

005 Wundarzt

006 Fahrendes Volk

006 Fahrendes Volk

007 Rathausplatz

007 Rathausplatz

008 Prozession vor dem Dom

008 Prozession vor dem Dom

009 Dom-Inneres

009 Dom-Inneres

010 Gerichtsszene

010 Gerichtsszene

011 Bauern bei der Feldarbeit

011 Bauern bei der Feldarbeit

012 Bauernfamilie auf dem Weg zum Markt ziehend

012 Bauernfamilie auf dem Weg zum Markt ziehend

013 Bürgerstube

013 Bürgerstube

014 Hausorgelmusik

014 Hausorgelmusik