Der Freiherr vom Stein.

Heinrich Friedrich Karl, Freiherr vom und zum Stein, geb. 26. Oktober 1757 in Nassau an der Lahn, stammt aus altem reichs-freiherrlichen Geschlecht. Er trat nach größeren Reisen in den preußischen Staatsdienst und war dort im Berg-, Finanz- und Handelswesen tätig. 1804 trat er als Minister ins General-Direktorium zu Berlin ein und reformierte das Zoll- und Finanzwesen. Nach dem Zusammenbruch des preußischen Staates forderte er die Abschaffung der Kabinettsregierung und wurde deshalb in der ungnädigsten Form verabschiedet. Die Kabinettsorder Friedrich Wilhelms III. vom 3. Januar 1807 lautet:

Ich habe zu meinem Leidwesen gesehen, daß Sie als ein widerspenstiger, trotziger, hartnäckiger und ungehorsamer Staatsdiener anzusehn sind, der auf sein Genie und sein Talent pochend, wert entfernt, das Beste des Staaten vor Augen zu haben, nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und persönlichem Hass und Erbitterung handelt. Dergleichen Staatsbeamte sind aber gerade diejenigen, deren Verfahrungsart am allernachteiligsten für die Zusammenhaltung des Ganzen wirkt. Ich muss noch hinzufügen, daß, wenn Sie nicht Ihr respektwidriges Benehmen zu ändern willens sind, der Staat keine große Rechnung auf Ihre ferneren Dienste machen kann.
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Stein zog sich sofort zurück. Acht Monate danach ließ ihn der König bitten sein Amt wieder zu übernehmen. Vom Krankenlager aus diktierte er an den König die Antwort:

Ich befolge die Befehle unbedingt und überlasse Ew. Majestät die Bestimmung jedes Verhältnisses, es beziehe sich auf Geschäfte oder Personen, mit denen Ew. Majestät für gut halten, daß ich arbeiten Soll. In diesem Augenblick des allgemeinen Unglückes wäre es sehr unmoralisch, sine eigene Person in Ansehung zu bringen.

Stein begann nun die Neugestaltung des Staats, deren Zweck, angesichts der verzweifelten Lage, war, den Untertanen das Bewusstsein von Staatsbürgern einzuflößen und damit ihre Teilnahme am Staat wieder zu beleben. Er schuf die Bauernfreiheit, die Städtefreiheit und mit Scharnhorst die Grundlagen einer volkstümlichen Wehrverfassung. Schon nach einem Jahr mußte Stein, nachdem ein verfänglicher Brief in die Hand Napoleons geraten war, den Abschied nahmen. Am 16. Dezember 1808 wurde ,,1e nommé Stein“ von Napoleon geächtet und mußte aus Preußen fliehen. Sein politisches Bekenntnis legte er in seinem sogenannten „politischen Testament“ nieder. Von der Regierung des Königs Jérôme wurden seine Güter in Westfalen konfisziert. In Prag, wo er zuletzt weilte, nicht mehr sicher, ging er im Mai 1812, vom Zaren Alexander I. eingeladen, nach St. Petersburg. Hier war er das Haupt des Widerstandes gegen Napoleon. Nach der Katastrophe in Russland belebte er in Ostpreußen die Erhebung der Nation und entschied in Breslau den Anschluss Preußens an Russland. Nach der Schlacht dei Leipzig wurde Stein, am 21. Oktober 1813, zum Vorsitzenden der Zentralkommission aller der Länder ernannt, die von den Verbündeten besetzt würden. Er ging mit nach Paris. Im September 1814 erschien er auf dem Kongress in Wien und war dort unermüdlich in der Arbeit für die deutsche Zukunft. Von da ab zog er sich von der öffentlichen Tätigkeit zurück. Er starb als der letzte seines Stammes am 29. Juni 1831 auf seinem Gute Kappenberg in Westfalen, im Todesjahr Gneisenaus und Niebuhrs.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Die Befreiung 1813 - 1814 - 1815. Teil 1