Der Roland von Berlin – Erster Band

Autor: Alexis, Willibald (1798-1871), Erscheinungsjahr: 1840
Themenbereiche
Auszug aus dem ersten Kapitel.

Vor dem Rathaus auf der langen Brücke drängte und wogte es hin und her. Leute allerlei Standes, Männer, Frauen und Kinder standen vor dem hohen Gebäude, und es ward immer lauter drinnen. War es nur eine herkömmliche Sitzung der Ratmannen der vereinigten Städte Berlin und Köln, wie sie alle Montag um acht Uhr in der Frühe, und dann Donnerstags wieder früh gehalten werden; aber so hitzig war es seit Menschengedenken nicht zugegangen. Die Stimmen überschrieen sich, daß man itzo vor dem allgemeinen Lärmen gar nichts hörte, und es war, wie wenn Bienen summen, und die Käfer vorm Stock hören keine raus. Aber dann schrie einer so, daß alles schwieg, aber nun schrie ein anderer noch lauter, und der vorige mußte wieder schweigen, und nun hörte man sie auf Tisch und Bänke springen, und hochrote Gesichter zeigten sich an den Fenstern, wie man deutlich durch die kleinen Scheiben sehen konnte.

Es war aber das Rathaus der vereinigten Städte Berlin und Köln, ein hohes und stattliches Gebäude, als man gleich hören wird, in all dem bunten Schmuck der Zeit, wo es entstanden. Wie man weiß, führte die kurze Brücke, welche "die lange" heißt, ihren Namen damals mit mehr Recht. Sie verband Köln und Berlin; aber da, wo sie heut an der Burgstraße endet, berührte sie vorerst eine morastige Insel, über die sie hinweg nach einem nun verschwundenen Spreearm führte, welcher durch die jetzige Heiligegeiststraße floß. Über diesen hinweg berührte ihr anderes Ende erst das eigentliche Berlin, das hinausging bis ans Oberberger Thor, da wo die steinerne Brücke ist; und dahinter ist der Ochsenkopf. Also war es gewiß eine lange Brücke. Mitten auf der langen Brücke nun, wo die Sümpfe waren und Weideplätze fürs Vieh, und unten trieben die Färber ihr Wesen, da stand das gemeinschaftliche Rathaus. In der Hast ausgeführt, weil man's bedurfte, als die Städte sich zusammenthaten zu einer, war es nicht so fest und von dicken Steinen, als die großen Rathäuser in andern reichen Städten. Darum dauerte es auch nicht über das Mittelalter hinaus, und ist keine Spur davon übergeblieben. Waren kaum die Untermauern und ein Teil des Erdgeschosses von Stein, und wo's war, waren's nur Backsteine. Das andere ruhte auf Pfahlwerk, und waren die Obergeschosse alle Fachwerk. Aber zur Zeit, wo beide Städte dieses Rathaus zu gemeinsamer Ehr und Nutzen aufführten, was um ein hundert und einige Jahre früher geschah, als diese Geschichte spielt, baute man in Fachwerk nicht minder kühn und lustig, als in Stein und Mörtel. Da fand man dieselben Formen in den himmelhohen hölzernen Häusern wieder, über die wir in den gotischen Baudenkmälern der Vorzeit aus Sandstein und Marmor staunen. Ja die Laune erging sich noch wunderlicher und bunter in dem gefügigeren Holze, da der Stein strengere Gesetze und Regeln vorschreibt. Die überragenden, oberen Geschosse, mit wunderbar geschnitzten Balkenköpfen, die ausgebauten Ecktürmchen und Söller, wodurch die engen Straßen oft ganz überdacht wurden, davon war nicht der Mangel an Raum allein der Grund; es war ebenso oft die Laune des Baumeisters, der im Himmel an Spielraum gewinnen wollte, was ihm auf Erden zu schmal zugemessen war. Waren diese Bauten auch gar nicht so gefährlich, als man meint. Wenn einer so bauen wollte heut, ach was würden sie schreien, und die Nachbarn dächten, es müßte übermorgen ihnen auf die Köpfe fallen. Aber schaut Euch doch um in den vielen hölzernen Städten unseres lieben Deutschlands. Drei, vier, fünfhundert Jahre hat ein solches Holzhaus aus dem Rücken: freilich ist der Nerv kernige Eiche. Es krümmt sich auch wohl vorm Alter und liegt über, aber es fällt nicht. Noch stehen diese übergekragten, kunstvoll geschnitzten Häuser in Halberstadt, Hildesheim, Nürnberg, wie umgekehrte Pyramiden; sie verloren in keinem Jahrhundert ihr Gleichgewicht. Erst in dem unsern trägt man diese Schmuckkästlein bürgerlicher Baukunst allmählich ab, nicht aus Not und Fürsorge; aber der Sinn änderte sich. Er will itzo leere Räume um sich haben, um behaglich zu sein, wo die Väter sich einschachtelten, um warm zu sitzen.

So ragte auch das Rathaus zwischen Berlin und Köln mit seinem bunt verzierten Oberbau und den vielen zierlichen Türmchen über die anderen Häuser hinaus. Die Türmchen, nicht zur Verteidigung, es war nur Spielwerk, schauten nach allen Stadtteilen; der mächtige, vielfach ausgezackte Giebel aber war dem Spreeflusse zugewandt. Er durfte nach keiner der beiden Städte blicken. Wäre es doch zu Ungunsten der einen oder der andern gewesen. Das litt keine. Darauf gab man viel im Mittelalter, und fürchtete und scheute das Spiel des Zufalls. Das Holzwerk war nicht überputzt, aber künstlich ausgeschnitzt und rötlich gefärbt, glänzte es schon von fern Dir entgegen, und das Auge sah die ganze Gliedrung des wunderlichen Baues. Wie schöne Mohren und Türken und allerhand Ungeheuer zeigten die kunstvoll geschnitzten Balkenköpfe, und wie grimmig gähnten die Drachenköpfe von den Wettertraufen! Und wie waren die Stiele zierlich überkreuz gefugt, daß es wie ein queres Schachbrett aussah oder das Wappen der Bayernfürsten, so über das Land einmal geherrscht. Und überall, wo eine Mauerwand sich bloß gab, war sie mit bunten Malereien überdeckt. Die Helden und Weisen aller Zeiten, auch die Königinnen und Schönen der ritterlichen Höfe waren hier zu sehen; alle, Griechen, Römer und Hebräer als die der Fabel in der buntesten, scheckigsten Modetracht des abgelaufenen Jahrhunderts. Da ritt der heilige Georg und tötete den Lindwurm, der heilige Florian goß Wasser über die Feuersbrunst, und der heilige Martin teilte mit dem Schwert seinen Mantel mit dem Armen, der ihn anbettelte. Aber unter den Thüren und an den Ecken noch einmal, stand, in Holz gehauen, der große Christophel; denn der das Jesuskindlein trug, das ist die Welt, des Schultern sind wohl stark genug, um ein Haus zu tragen. Aber an allen Ecken hingen die Wappen von Berlin und Köln, ihrer Geschlechter und der verbündeten Städte. Der kaiserliche Doppeladler breitete seine Flügel über dem Hauptthor aus, der Hohenzollernsche hatte nur ein bescheidenes Plätzchen daneben. Am lustigsten sahen die bunten Fahnen aus, so von den Giebeln und Türmchen herab im Spiel der Winde flatterten. Die Würde der Obrigkeit verschmähte es nicht, auch durch ein heiteres Zeichen ihre Gegenwart den Bürgern darzuthun. Da wehten die Fähnlein der Städte von Alt- und Neu-Brandenburg und Frankfurt, von Prenzlow, Bernow, von Rathenow und Mittenwalde, und noch viele andere, und auch die Fahne des Hansebundes flaggte hoch auf der Firste; aber das kurfürstliche Banner hing sehr klein neben einem Schornstein.

Also sah das Rathaus auf der langen Brücke dazumal aus, davon jetzt keine Spur mehr ist; man weiß nicht einmal den Fleck genau, wo es gestanden. Drinnen zankten sie sich und man sah es an den Fenstern; und alle, die davor standen, sahen es; und war vorhin Ruhe, denn die Neugier machte sie ruhig, so wurden sie jetzt unruhig, und die Parteien, die oben im Saal aneinander lagen, die waren nun auch auf der Gasse, und sie steckten die Köpfe zusammen, und einer schrie laut, und ein zweiter antwortete: und blickte der eine höhnisch, so antwortete der andere grimmig, und verzog der eine den Mund, so wies ihm der andere die Zähne und streckte die Faust aus. Aber es waren diesmal nicht Geschlechter und Stände; nicht Innungen und Gewerke schieden sich, sondern Genossen derselben Zunft, auch Freunde und Blutsverwandte traten auseinander und zueinander. Denn hier war es Berlin und dort Köln; hier die um Sankt Marien und Nikolas und in der Klostergasse wohnen, dort die um Sankt Petrus und in der breiten und Brüderstraße. Und was die Herren oben ausmachten von dem Streit zwischen den beiden Städten, die eins waren und doch nicht eins bleiben wollten, warum sollten das die Kleinen nicht auch ausmachen! Wenn ein Schauspiel viel Wesens macht unter den Erwachsenen, so machen es die Kinder auf den Höfen und in den Gassen nach.

Wer die frischen Gesichter, die trotzigen Augen, die markigen Leiber, die kernige Gliederfülle der Handwerksburschen und Gesellen, der wohlbeleibten Meister, wer die Ausdrucksfülle und Frischheit aller beobachtete, mußte wissen, daß es da nur eines Funkens bedurfte, um zu zünden. Es lebte in unseren Städten vor vierhundert Jahren ein anderes Geschlecht. Jeder, der gesunde Beine und einen gesunden Arm hatte, war ein Mann der That. Und die That wartete kaum ab, bis der Rat erschöpft war. –

Fortsetzung unter Kapitel 1

.

.

.