Kriegsbilder in Kunst und Dichtung

Von Wilhelm Michel

Allgemein menschlich ist die Freude an den Waffen. Denn sie sind ein Symbol der Wehrhaftigkeit des Mannes, und Wehrhaftigkeit irgend welcher Art hebt den Menschen erst auf die volle Höhe seines Wertes und seiner Selbstschätzung.


Zugleich ist Wehrhaftigkeit auf das Engste verbunden mit den großen entflammenden Vorstellungen von Volksgemeinschaft und mütterlicher Erde. Dies mögen nicht die letzten, höchsten Ideen sein, deren menschliche Fassungskraft fähig ist, aber mit allem, was Tat, Tüchtigkeit und Begrenzung ist, stehen sie in uralter Beziehung. Man ist, willens oder nicht, bedingt durch sein Volk, man wird begrenzt und gefördert durch die Kräfte, die sein Leben gestalten. Wie weit sich auch der Einzelne von der Norm entfernt glauben mag, in einigen entscheidenden Angelegenheiten, die seine Stellung zu grundlegenden Fragen der Menschheit betreffen, wird er sich früher oder später Schulter an Schulter mit Genossen seines Stammes sehen.

In den grimmigen, erstarrten Geberden, die die Kriegswerkzeuge selbst dann noch an sich tragen, wenn sie als tote Trophäen zur Augenweide aufgebaut sind, lebt ein Hauch der großen stürmischen Gedanken des Vaterlandes, die alles nationale Bemühen befeuern und die dunklen Schlachthaufen über das leere Blachfeld des Angriffes hinüber in den Tod wirbeln.

So werden die Waffen zum Sinnbild der höchsten menschlichen Leistung, der Überwindung der Lebenssucht im Dienste überindividueller Werte und Gedanken.

Die Freude an den Waffen ist daher nicht das Schlechteste, was sich die heutige Menschheit von ihren dunkelsten Anfängen her bewahrt hat. Vielleicht werden sie im Laufe der Zeiten, durch unblutigere Gestaltung des Völkerringens, ihren Symbolwert verlieren. Nie aber, solange die Erdesteht, wird das, was sie andeuten, seine Schätzung einbüßen: die Wehrhaftigkeit und die kämpferische Selbständigkeit des Menschen.

Der Krieg – in diesem entscheidenden Punkte möchte ich nich missverstanden werden – ist als Mord von Volk gegen Volk zweifellos etwas Entsetzliches und eine Beleidigung der Menschheit.

Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass im Krieg, wie im Mord, wie in der zerstörenden Lebensäußerung eines Elementes, wie in allem Negativen, hohe ästhetische Werte liegen. Der Krieg ist das wahre Pandämonium der Leidenschaften und bringt alle Regungen des Gemütes, die bestialischen wie die göttlich-guten, zur lebhaftesten Äußerung. Dichter und Künstler finden in ihm Bild um Bild, Entzücken um Entzücken. Denn dem Regellosen, Wilden und Bewegten ist die Kunst Freund von Anfang an. Ihr ist selbst aller Jammer des Schlachtfeldes Stoff und willkommene Beute. Das Blut schreckt sie nicht ab, das geschwungene Schwert wie der zur Abwehr erhobene Schild sind ihr gleichermaßen von Wert und Bedeutung. Göttlich oder teuflisch, in jedem Fall groß und übermenschlich muss man jenen Gedanken des Homer nennen, dass die Götter den Menschen nur deshalb Verderben senden, damit auch die späteren Geschlechter Stoff zum Gesange hätten ...

Dies ist nicht christlich gedacht, aber es liegt Weltgefühl, Zusammenhangsgefühl darin. Verderben bleibt Verderben. Jammer bleibt Jammer, aber unzweifelhaft und wirklich ist der ästhetische Gewinn, den das Negative liefert. Beides hat nichts miteinander zu tun. So ist auch in dieser Sammlung von Kriegsgemälden nicht eine Verherrlichung des Krieges zu finden. Ist es auch die Tatsache, dass die überwiegende Mehrzahl der Schlachtenmaler den Krieg mit allen seinen Äußerungsformen geradezu geliebt hat, so ist diese Liebe mit dem Interesse an den ästhetischen Reizen des Völkermordes nicht notwendig verbunden. Diese Verbindung kommt in einfachen Gemütern wohl leicht zustande, da der Mensch eben doch eine Einheit ist und dem, was sein künstlerisches Empfinden anregt, nicht gern sein Herz versagt. Die neuere Zeit hat die Menschen gerade dem Problem des Krieges gegenüber stark differenziert, dergestalt, dass eine Ausschaltung des Völkermordes abzielende Entwicklung nicht zu verkennen ist. Dies nur zur Kennzeichnung meines Standpunktes. Das Problem des Krieges selbst gehört nicht hierher.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern