Überblick über das Kriegswesen am Schlusse des Mittelalters

Die Verbreitung der Handfeuerwaffen hat dem Fußvolk wieder die der Infanterie naturgemäß zukommende erste Stellung verschafft. Die herumziehenden, abenteuernden Heerhaufen verschwinden, und der Soldatenstand wird ein Gewerbe; der Werbevertrag wird — zunächst für das Fußvolk — zur Grundlage des Kriegsdienstes. Karl VII. von Frankreich (1422-1461) hatte zuerst eine stehende Truppe als das wichtigste Organ der Monarchie erkannt; Maximilian I. (1493-1519) schuf die Landsknechte, das erste organisierte Fußvolk.

Die Aufstellung der Truppen erfolgte durch Werbung; der Landesherr beauftragte einen Feldobersten damit, ihm eine Anzahl Knechte unter die Waffen zu bringen, und schloss einen förmlichen Vertrag mit ihm ab. Die Ernennung der Offiziere geschah durch den Obersten. Die kleinste organisatorische Einheit war das von einem Hauptmann befehligte „Fähnlein“, das bis zu 500 Mann stark war; 10-15 Fähnlein machten ein „Regiment“ aus. Die Landsknechte waren die Verkörperung des alten germanischen Wandertriebes, der sie in die Dienste aller Herren und Länder führte, so dass in den Kriegen der damaligen Zeit fast überall Schweizer und Deutsche gegen die eigenen Landsleute kämpften. Der ritterliche und aufopfernde Geist, der die Organisation zu Anfang beseelt hatte, sank schon um die Hälfte des 16. Jahrhunderts auf das Niveau gewöhnlicher Söldnerscharen; gegen Ende des Jahrhunderts verschwand auch die Bezeichnung Landsknechte.


Mit der wachsenden Bedeutung des Fußvolkes begann die Kriegführung wieder, wie im Altertum, eine Kunst zu werden; die primitive Stoßtaktik genügte nicht mehr, die Heere wurden gezwungen, das Gelände auszunutzen und zu manövrieren.

Das Fußvolk kämpfte in geschlossenen Haufen, die Spieße und lange Degen führten; daneben kämpften die Büchsenschützen in geöffneter Fechtweise. Die Landsknechte stellten sich im Marsche und beim Vorgehen nach Schweizerart in Geviertordnung, fast quadratisch auf, in der Mitte die Fahnen. Um den „Gewalthaufen“ wurden die Hakenschützen in kleinere Haufen verteilt, die letzteren eröffneten den Kampf, zogen sich während des Speerangriffes in die Mitte des Haufens zurück und sprangen wieder vor, wenn ihre Mitwirkung von Vorteil war. Der Zusammenstoß der Haufen zum Spee- rund Schwertkampf endigte meist mit der vollständigen Niederlage eines Teils. Gegen Reiterangriffe wurde der „Igel“ (das spätere Karree) gebildet, d. h. Speere gefällt, nach allen Seiten Front gemacht.

Bei der Reiterei verschwindet allmählich die schwere Rüstung nach einigen vergeblichen Versuchen, sie durch Verstärkung des Metalls gegen die Geschosse der Feuerwaffen undurchdringlich zu machen; sie wird nur mehr Turnier- und Zeremoniegewand. Der Gefechtsmodus des Fußvolkes, der im wesentlichen ihr gegenüber auf Defensive eingerichtet war, erforderte zudem rasche Beweglichkeit, um die Überraschung zu ermöglichen. Mit bewundernswertem Scharfblick bezeichnet Machiavelli (1469-1523) die wahren Aufgaben der Reiterei: „Man bedarf die Reiterei zur Unterstützung des Fußvolkes, keineswegs darf man sie aber als Hauptwatte des Gegners betrachten. Sie hat ihre hohe Bedeutung bei Erkundungsritten der Avantgarde, auf Streifzügen zur Fouragierung und Verwüstung des feindlichen Gebietes, zur steten Beunruhigung des Gegners und zum Abfangen seiner Zufuhren. In Feldschlachten aber, wie sie über das Schicksal der Völker entscheiden, ist die Reiterei mehr geeignet, einen schwer erschütterten Feind anzugreifen oder den Fliehenden zu verfolgen, als für irgendeine andere Aufgabe.“

Die Artillerie gewinnt nunmehr auch in der Feldschlacht an Bedeutung. Gewöhnlich sind die Geschütze vor den Haupttreffen verteilt, zuweilen werden sie in Batterien (2-8 Stück) vereinigt und kämpfen in ausgewählten Stellungen. Die Beweglichkeit ist meist noch gering, doch wird von der Schlacht bei Cerisolles (1544 zwischen Franz I. und Karl V.) berichtet, dass drei doppelt bespannte Geschütze, wahrscheinlich mit aufgesessener Bedienungsmannschaft, die Kavallerie der Avantgarde begleitet haben. Die Schlachtordnung der Heere beschränkte sich auf Bildung großer Haufen Fußvolkes, die Reiterei steht auf den Flügeln oder im Zentrum, zuweilen auch mit dem Fußvolk abwechselnd in Geschwadern. Im allgemeinen kämpften die Haufen der verschiedenen Truppengattungen für sich; ein planmäßiges Zusammenarbeiten fehlt, von einer Taktik der verbundenen Waffen ist noch nicht die Rede.

Gesonderte technische Truppen waren im Mittelalter nicht bekannt. Im späten Mittelalter folgten den Heeren Tausende von Schanzbauern zur Herrichtung der Wege und Lager. Die Erbauung der Belagerungsmaschinen sowie auch der Kriegsbrücken fiel den Zimmerleuten zu; im 14. Jahrhundert treffen wir auch „Brückentrains“, die Brückenmaterial und Werkzeug mit sich führen. Schon im 15. Jahrhundert ging man zur Herstellung von Pontons über, nachdem man zuerst an deren Stelle Fässer verwendet hatte. Frundsberg (1473-1528) formierte zuerst ein eigenes Regiment technischer Truppen, das zur Artillerie gehörte.

Festungskrieg. Die Kriegsbauten der ersten Jahrhunderte nach der Völkerwanderung bestehen fast nur in Reparaturen römischer Befestigungen; hierauf folgte die Zeit des Burgenbaues. Unter Heinrich I. (919-936) erwies sich zuerst die Befestigung der Wohnstätten gegen die räuberischen Ungaren als notwendig; und mit dem Aufblühen der Städte unter den fränkischen Kaisern (1024-1125) wuchsen diese alle zu großen widerstandsfähigen Waffenplätzen heran. Die neuen Befestigungsformen sind Gräben, Ringmauern, Türme und Vorhöfe, sowie überwölbte Treppen und Gänge zur gesicherten Kommunikation. Wie die Kunst der Befestigung, ist auch die der Belagerung von den Überlieferungen der Römer abhängig; man arbeitet mit den Mitteln der antiken Kriegskunst, ohne jedoch deren technische Fertigkeit zu besitzen. Die Verteidigung bediente sich derselben Wurfmaschinen wie der Angriff, besonders aber der Ausfälle, die in erster Linie der Zerstörung der Belagerungsmittel galten.

Mit dem Auftreten der Geschütze wuchs der Vorteil für den Angreifer insofern, als mit den Geschützen leichter Bresche gelegt werden konnte als mit den Belagerungsmaschinen. Mit dem Schuss konkurrierte von Anfang des 15. Jahrhunderts an die Mine, welche durch Untergrabung und Sprengung bzw. Erschütterung der Fundamente die Mauern zum Einsturz bringen sollte. Der Belagerte suchte durch Konterminen den unterirdische Arbeiten des Angreifers zu begegnen.

Aus der Notwendigkeit, den Graben auch während des Sturmes noch mit Feuer bestreichen zu können, was von der Mauerkrone nicht möglich war, ergab sich die Anlage von „Streichwehren“, der den artilleristischen Nahkampf bis zum letzten Momente ermöglichenden Flankierungswerke (Bastionen, Kaponnieren), die schon Mitte des 15. Jahrhunderts auftraten; die bautechnische Konsequenz war die Anlage von Hohlräumen (Kasematten). Dies gab dem Verteidiger in der letzten Phase des Angriffes, dem Sturme, so lange ein Übergewicht, bis es der Angreifer verstand, durch Anlage von Konterbatterien die Flankierungsanlagen direkt zu bekämpfen.

Seewesen. Die Entwicklung der Marine des Mittelalters lässt zwei Richtungen erkennen: die Mittelmeergruppe, zu der Byzantiner, Araber und die romanischen Völker der Apenninen und teilweise auch der Pyrenäenhalbinsel, und die Ozeangruppe, der die germanisch und romanisch-keltischen Völker angehören. Im allgemeinen kann man die Mittelmeergruppe als die Gruppe der Ruderschiffe, der Galeeren, bezeichnen, die ozeanische Gruppe als die der Segler. Einen Umschwung zu ausschließlichen Gunsten der letzteren setzt mit dem Zeitalter der Entdeckungen ein, als im Leben der Kulturvölker der weite Ozean an Stelle des begrenzten Mittelmeerbeckens tritt.

Der Seekrieg mit Ruderschiffsflotten musste sich im allgemeinen darauf beschränken, den Landkrieg anzusetzen oder die feindliche Küste zu verwüsten, denn die Flotten konnten sich noch nicht dauernd auf der See halten. Der Galeerentaktik lag Aufstellung in breiter Front, meist Halbmondform, zugrunde, in der man dem Gegner entgegenfuhr, um die Gefechtskraft, die vorne am Bug lag — Sporn, später Geschütze — , zur Wirkung zu bringen (daneben bestand noch die Entertaktik). Erst nachdem die Bewegung der Schiffe durch Segel zur Regel geworden war, konnte man die von den Riemen befreiten Breitseiten mit Geschützen ausstatten (erstmals 1500) und damit zu einer umfassenden Anwendung der Artillerie gelangen. Der Krieg der Hansa gegen Dänemark (1361-1370) wurde für die Anwendung der Feuerwaffen auf den Flotten der nordischen Meere epochemachend.
Dieses Kapitel ist Teil des Buches Der Krieg in Bildern