Der Dom zu Speier

Der Dom zu Speier ist nicht allein durch seine Kaisergräber merkwürdig. Hier war es auch, wo der heilige Bernhard in Gegenwart des ersten Hohenstaufen, Konrad III., den Kreuzzug mit so hinreißender Beredtsamkeit predigte, dass der einem Krieg in so entlegenen Landen ungeneigte König ihr nicht widerstehen konnte und sich gerührt das Kreuz auf den Königsmantel heften ließ. Ja, als beim Ausgang aus dem Dom das begeisterte Volk seine Huldigung so ungestüm an den Tag legte, dass der Heilige im Gedränge fast erdrückt worden wäre, nahm ihn der König ehrerbietig auf die Schultern und trug ihn aus dem Gewühl vor das Münster. Daran hängt die Wundergeschichte von dem redenden Marienbilde zu Speier. Der heilige Bernhard hatte in dem dortigen Dome dem Salve Regina, dem bekannten Lobgesang der Himmelskönigin, in unwillkührlicher Anwandlung dichterischen Gefühls die Worte zugesetzt: O Clemens! o Pia! o dulcis Maria! welche seitdem in allen Kirchen der Christenheit bis auf den heutigen Tag gesungen werden. In Speier aber ward nicht nur das Salve Regina Jahr auf Jahr ein täglich gesungen, es wurden auch jene zugesetzten Schlussworte in vier Messingplatten gegraben und in den Boden des Langhauses in solchen Entfernungen eingelegt, dass die erste mit den Worten O Clemens! beim großen Tore, die letzte mit der Inschrift Maria! vor den Königschor zu den Füßen des hochberümten Marienbildes zu liegen kam. Von diesem wird nämlich erzählt: Als der heilige Bernhard einst um einige Minuten zu spät in die Kirche kam und das Bild in drei Absätzen und Zwischenräumen mit obigen Worten begrüßte, da habe dieses den Mund aufgetan und dem Heiligen mit der Frage: Bernharde, cur tam tarde? seine Versäumnis vorgeworfen. Aber Bernhard legte ihm mit einer Bibelstelle: Mulier taceat in ecclesia, Stillschweigen auf, und wirklich soll es, wenn der Versicherung der Wundergläubigen zu trauen ist, seitdem geschwiegen haben.

Anderthalbhundert Jahre war Speier der Sitz des Reichskammergerichts. Auch in der Reformation spielte es eine Rolle, denn hier wurde auf dem Reichstag von 1529 der Name der Protestanten zuerst vernommen. Wie im orleans'schen Kriege, wenn das ein Krieg heißen soll, was ein Mordbrennerzug war. Speier nebst Worms, Oppenheim und den meisten Städten der Pfalz in einen Aschenhaufen verwandelt ward, mag ich nicht wiederholen. Ich kann Erinnerungen dieser Art nicht ohne einen Ingrimm erwecken, der zu heftig ist, um sich schön zu äußern. Er gilt nicht den modernen Vandalen, die uns Barbaren zu schelten gewohnt waren, denn von ihnen durfte sich ein deutsches Land nichts Besseres versprechen, nicht jenem vierzehnten Ludwig, welchen die Boileaus, die wir einst auswendig lernten, für seine kannibalischen Siege als den Helden des Jahrhunderts priesen, nicht seinen Henkersknechten, jenen Louvois, Montclars und Melaes, nach welchen in der Pfalz noch heute die Hunde genannt werden, er gilt nur der deutschen Langmut, Franzosensucht und Verblendung, denn sie allein trugen die Schuld.


Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das malerische und romantische Deutschland