Heidelberg

Von Ladenburg herkommend genießen wir des Vorteils, Heidelbergs zuerst von der rechten Neckarseite ansichtig zu werden, wo es sich am Vorteilhaftesten darstellt. Die Natur kennt keine Sprünge, behauptete ein alter philosophischer Gemeinplatz, welchen Hegel widerlegt haben soll. Vor Hegel hatte es längst die Gegend um Heidelberg. Wenn man aus dem unermesslichen, nur in blauender Ferne von Gebirgen umsäumten Rheinthal bei Neuenheim plötzlich in das enge Neckartal einbiegt, welch ein Sprung! Kaum hat die Straße Raum zwischen der schroff ansteigenden Felswand und dem Fluss, der hinter einer Wendung des Gebirges sich bald dem Blick entzieht. Aber erst fließt er durch die Bogen der leichtgeschwungenen Brücke, jenseits hebt sich gleich hinter der Stadt ein noch höherer Bergrücken, auf dessen Abhänge die schönste und großartigste Ruine Deutschlands in ernster Feier tront. ,,Den Weg hinauf,“ es sind Goethes Worte, ,,bezeichnet, durch Bäume und Büsche blickend, eine Straße kleiner Häuser, die einen sehr angenehmen Anblick gewährt, indem man die Verbindung des alten Schlosses und der Stadt bewohnt und belebt sieht.“ Es ist als sähe man Heidelberg in einer Prozession nach dem Heiligtum seiner Burgruine begriffen. Das prächtige Schloss überragt der Geissberg mit den wenigen Mauerresten der altern Burg, noch höher steigt, mit schöner Waldung und nackten roten Felsenpartien, der Heidelberg hinan, welchem die Stadt den Namen verdankt; sein schön gerundetes Haupt, gemeinhin der Königstuhl genannt, ist jetzt mit einem leichten schlanken Turme geziert, der von Neuenheim aus sehr gut ins Auge fällt. Rasch gleitet der Neckar über durchscheinende Granitblöcke der Brücke zu, hinter welcher er seine Wasser wieder sammelt und nun mit vollerer Ader sein Gebirge hinter sich lässt. Den Fluss beleben befrachtete Schiffe und Kähne, und es ist gefährlich anzusehen, wie sie im engen seichten Stromgleise ruhig und sicher dahinziehen. Selten fehlt es auch, wenn die Witterung günstig ist, an Lustnachen mit schönen Frauen und angelnden Angelsachsen.

Aber Heidelberg ist wegen ungünstiger, regnerischer Witterung verschrieen. Im Handwerksburschenlied heißt es von ihm:


Heidelberg ist eine schöne Stadt,
Wenn es ausgeregnet hat.

Regnet es denn noch immer in Heidelberg? fragte jener Deutsche, der eine Zeitlang daselbst gelebt hatte, jetzt aber seit Jahren in Paris wohnte, seinen ihn besuchenden Heidelberger Landsmann. Da sich bei dieser Stadt das Neckartal gerade gegen Westen öffnet, so scheint sie mit ihrer Umgegend den Westwinden, die den Regen bringen, allerdings ausgesetzt. Dennoch mag die Klage, wenn nicht ganz unbegründet, doch sehr übertrieben sein. Ich wenigstens bin Heidelberg das Zeugnis schuldig, dass ich immer schönes Wetter dort antraf, und dass es in den vierzehn Tagen, die ich noch diesen Herbst dort genoss, nicht ein einziges Mal geregnet hat. Verrautlich entsprang die Beschuldigung aus der Ungeduld der Reisenden, welche die hochgerühmte, unvergleichliche Gegend in so großer Menge dahin zieht, und die es leicht, wie um den Genuss, so um die gute Laune bringt, wenn zufällig ein Regenwetter in ihren kurzen Aufenthalt fällt. Wie es aber die schlimmsten Früchte nicht sind, woran die Wespen nagen, so pflegen auch die Gegenden, wo die Klage über schlechtes Wetter am häufigsten und lautesten erschallt, gerade die schönsten zu sein, wie man sich aus den Fremdenbüchern leicht überzeugen kann. Auf dem Rigi, auf dem Montanvert im Chamounital, zu Vevai oder Chillon am Genfersee u. s. w. sind Klagen der Art in allen Sprachen der Welt so häufig eingetragen, dass man glauben müsste, diese Bruchstücke des Paradieses seien das ganze Jahr von einem ossianischen Klima heimgesucht, nichts als Nebel und Regen, wenn nicht hier und da ein Glücklicher in Versen oder Prosa seiner Begeisterung Luft gemacht hätte, oder der Reisende selbst solch ein Glücklicher ist. Wenn auf der Brücke zu Heidelberg, auf dem Philosophenwege, Riesenstein, des Turms auf dem Königstuhl zu geschweigen, wo eine ganz durchsichtige Luft erfordert wird, wie sie jährlich nur wenige Tage bieten, um der ganzen unbegrenzten Aussicht teilhaftig zu werden, wenn da ein solches Fremdenbuch ausläge, so würde man die Verbreiter jenes Gerüchts mit Namen und Vornamen kennen, denn der Unzufriedene lässt seinen Unmut gern Schwarz auf Weiß aus, während der begünstigte Reisende Besseres zu tun findet, als mit der Feder in der Hand erkenntlich zu sein. Ein Fremdenbuch in diesem Sinne besitzt aber Heidelberg meines Wissens nicht, wohl aber ein besseres, wir meinen das: Fremdenbuch für Heidelberg und die Umgegend von K. C. von Leonhard, dem bekannten ausgezeichneten Naturforscher.

Auf dieses treffliche Buch, so wie auf den entsprechenden Artikel in der Sektion Schwaben, müssen wir den Leser verweisen, da es hier unsere Absicht nicht sein darf, die dort schon abgehandelte Umgegend Heidelbergs ausführlich zu besprechen. Wir würden sie ganz umgangen haben, wenn sich einige späterhin vorauszusetzende Momente aus der Geschichte der Pfalz, die für das ganze Rheintal so wichtig ist, an einem andern Ort schicklicher erzählen ließen. Nach dem Plane dieses Werks soll Beschreibung und Erzählung, malerisches und Romantisches, Hand in Hand gehen, und da die Schicksale der Pfalzgrafen, welche Heidelberg und sein Schloss gegründet haben, in der Romantik unserer erzählenden Darstellung nicht entbehrt werden können, so sind wir das beschreibende, malerische Element, so weit es ohne Wiederholung geschehen kann, hinzuzufügen allerdings berechtigt. Ohnedies ist Heidelberg dem Rhein nicht fremd, es liegt ihm näher als es Schwaben liegt, seine Kurfürsten nannten sich Pfalzgrafen bei Rhein, nicht in Schwaben; es war das Herzogtum des rheinischen Franziens, welches der Gründer Heidelbergs, Pfalzgraf Konrad, freilich ein Hohenstaufe und somit ein Schwabe, nach dem Ausgang der rheinfränkischen Könige, in Anspruch nahm.

Ehe wir unsern Standpunkt auf der Brücke zwischen den Bildsäulen Karl Theodors und der Minerva verlassen, schauen wir zurück nach der unten mit Reben bepflanzten, oben bewaldeten Bergwand des rechten Neckarufers. Es ist der heilige Berg, auf dem einst ein Abgott mittels gewölbter Gänge Orakel erschallen ließ. In christlicher Zeit trug er zwei Klöster, wovon jetzt nur wenige Ruinen übrig sind. Etwas oberhalb der Brücke gelangt man durch die Hirschgasse auf den Philosophenweg. Am südlichen Gehänge des heiligen Berges zwischen Weingärten hinziehend lässt er die ganze Lage von Heidelberg, und dazu das Rheintal von Baden bis zum Donnersberg, Speier mit seinem Kaiserdom mit eingeschlossen, bequem überblicken. Ich wollte, dass alle Philosophen diesen herrlichen Weg täglich wandelten. Welche Philosophie müsste da zu Tage kommen! Ich würde mich wohl bedenken, eine orthodoxe Dogmatik, oder das Augsburger Glaubensbekenntnis, samt der Konkordienformel und dem Heidelberger Kathechismus, zu unterschreiben; aber eine Weltweisheit, zwischen Lusthäusern und Rebenlauben, in der Sonne des Himmels, die der Spiegel des Neckars verdoppelt, im Angesicht der erhabensten Natur auf dem Philosophenwege erdacht, wer wollte sie nicht unbesehens Paragraphen für Paragraphen unterzeichnen?

Dieses Kapitel ist Teil des Buches Das malerische und romantische Deutschland