Die Großfürstin

Noch nie hatte Petersburg eine so glänzende Hochzeitsfeier gesehen, wie die, welche die Zarin Elisabeth ihrem Neffen und seiner Braut bereitete. Aber als die Feste vorüber waren, langweilte Katharina sich in ihrer Ehe; denn sie hatte niemand, mit dem sie sich hätte unterhalten können. Mit der Zeit waren alle Personen von ihr entfernt worden, deren Gesellschaft ihr angenehm gewesen war. Die Zarin fing an misstrauisch zu werden. Kurze Zeit nach der Hochzeit musste auch Katharinas Mutter abreisen. Nun war sie, die Fremde, allein an jenem grossen Hofe, wo sie nur mit Vorbehalt den Freundlichkeiten und dem Entgegenkommen begegnen konnte. Die junge Grossfürstin weinte und fühlte eine grenzenlose Leere, eine grosse Einsamkeit in sich. Ihr Mann vermochte ihr nicht einmal diese Mutter zu ersetzen, die einen so geringen Platz in ihrem Herzen eingenommen hatte. Er empfand nicht die geringste Zuneigung für seine Frau. Vierzehn Tage nach der Hochzeit machte er sie bereits wieder zur Vertrauten in seinen Liebesangelegenheiten. Er konnte für sie keinerlei Halt und Stütze sein. Aber sie war erst 15 Jahre alt und hätte es nötig gehabt, geleitet und behütet zu werden. Statt dessen sah sie eine morbide Gesellschaft um sich herum.

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In Peters Gesellschaft lebte eine Menge junger, hübscher, lebenslustiger Offiziere, die nicht alle nur Sinn für die Kindereien, die läppische Soldatenspielerei und die Gelage ihres Gebieters hatten. Manche unter ihnen besassen sogar Geist, Witz und poetischen Sinn und waren einem Flirt selbst mit der anmutigen Grossfürstin nicht abgeneigt. Schon ehe Katharina verheiratet war, hatte sich zwischen ihr, den Brüdern Tschernitscheff und einem ihrer Vettern ein sehr vertrauter Verkehr entwickelt. Die Gleichgültigkeit oder Blödigkeit Peters verhinderten ihn, in der Vertraulichkeit seiner Braut mit seinem Kammerherrn etwas anderes als Neckerei zu sehen. Im Gegenteil, er ermutigte Tschernitscheff noch, sich gewisse Zärtlichkeiten und Kosenamen gegen die Prinzessin zu gestatten. Als Katharina verheiratet war, spann sich der Flirt weiter. Da sie beide jung waren, konnten sie auch das gegenseitige Interesse schlecht verbergen. Die Umgebung und Dienerschaft der Grossfürstin hatte bald das Geheimnis erraten. Die Folge davon war, dass die Zarin es erfuhr, und dass die drei Tschernitscheffs vom Hofe entfernt und zu ihren Regimentern in der Nähe von Orenburg in Sibirien geschickt wurden. Das war eine halbe Verbannung. Der Flirt Andreas' kam sie teuer zu stehen. Der Schuldige verbrachte sogar eine Zeitlang im Gefängnis.

In der Einförmigkeit des Lebens in Oranienbaum erwachte in Katharina von neuem das Interesse für die Bücher, und es ist wirklich erstaunlich, wie diese junge Frau sich an einem Hofe, wo neben dem raffiniertesten Luxus die rohesten Sitten und das wüsteste Leben herrschten, ihre geistigen und literarischen Neigungen in ihr intimes Leben hat hinüberretten können. Weder ihr Gatte noch die Zarin gaben ihr ein Beispiel in dieser Beziehung. Blutjung war Katharina in diese Verhältnisse gekommen. Ihre Erziehung war nur sehr unvollständig gewesen; sie hatte niemand, der ihr einen Rat erteilen konnte; sie blieb vollständig auf sich selbst angewiesen. Gewiss war sie nicht die Frau, die an einem solch leichtfertigen Hofe ein zurückgezogenes Leben zu führen gedachte. Schon ihre natürliche Veranlagung sprach dagegen. Aber sie ging nicht unter in ihren Sinnen. Ihr grenzenloser Ehrgeiz und der Instinkt für die Rolle, die sie einst an der Seite eines Mannes wie Peter zu spielen hatte, hielten sie aufrecht. Sie wurde sich klar, dass das Schicksal sie mit diesem Schwächling nur äusserlich zusammengeführt hatte, und ihr persönliches ehrgeiziges Interesse, ihr tiefgehendes Streben nach allem Geistigen trieben sie vorwärts und schrieben ihr die Bahn vor, die sie einzuschlagen hatte. So arbeitete sie mit bewunderungswürdiger Energie an der Erziehung und Vollendung ihres eigenen Menschen, um so mehr, da sie täglich beobachten konnte, dass die russische Gesellschaft noch nicht einmal den Firnis abendländischer Geistesbildung besass.

Da sie jedoch sehr jung war und niemand hatte, der ihr Führer in ihrem geistigen Leben hätte sein können, so las sie im ersten Jahre ihrer freudlosen Ehe ausschliesslich Romane, und nicht immer die besten. Das erste Buch von wirklichem Wert für ihr Leben waren die Briefe der Madame Sévigné. Katharina verschlang sie förmlich und wurde später eine gewandte Jüngerin dieser geistreichen Briefschreiberin. Die Briefe der Kaiserin an Voltaire, an Grimm, an Diderot zeigen am deutlichsten, zu welcher Persönlichkeit sie sich entwickelte und wie sehr sie es liebte, Briefe zu schreiben. Ihre Briefe füllen ganze Bände.

Nach der Lektüre der Sévigné verfiel sie auf Voltaires Werke, dessen gelehrigste und begeistertste Schülerin sie wurde. Trotz Montesquieu, trotz Tacitus, Plato und vielen anderen Grossen blieb Voltaire stets ihr Meister, ihr Abgott, ihr Orakel. Sie hegte eine unbegrenzte Verehrung für den Philosophen von Ferney; mit unnachahmlichem Eifer studierte sie alles, was von ihm kam. Sie, die nicht besonders empfindsam war, strömte über in Bewunderung des Ausdrucks, wenn sie später von dem Manne sprach, dem sie ihr geistiges Leben verdankte, ohne ihn je persönlich gekannt zu haben. «Hören Sie», schrieb sie später einmal an Grimm, der ihren Briefstil gelobt hatte, «wenn wirklich Kraft, Tiefe und Anmut in meinen Briefen und meiner Ausdrucksweise sind, so danke ich alles Voltaire. Denn lange lasen, studierten und lasen wir von neuem alles, was aus seiner Feder kam. Ich kann wohl sagen, ich habe ein so feines Gefühl erlangt, dass ich mich nie über das getäuscht habe, was von ihm war oder nicht. Die Klaue des Löwen hat eine Weise, alles anzupacken, die noch kein Mensch bis jetzt nachahmen konnte.» Und nach diesem bedeutenden Vorbilde entwickelte sich Katharina langsam zu der grössten und freiesten Idealistin, die je auf einem Throne gesessen. Immer eifriger widmete sie sich dem Studium philosophischer, historischer und staatswissenschaftlicher Werke, gleichsam, als wolle sie sich für ihre künftige Regierungstätigkeit vorbereiten. Zu jener Zeit ihrer Entwicklung legte sie auch tagebuchartige Notizen an, in denen sich bereits jene optimistische Weltanschauung kundtut, der sie bis ans Ende treu blieb. In diesen Tagebuchblättern finden wir auch die ersten Anfänge ihrer Rechtspflege, ihrer Gesetzgebung und aller ihrer Regierungsprinzipien.

Währenddessen ging das Leben ihrer Ehe in vollkommener Banalität hin. Immer unerträglicher wurde ihr die Gesellschaft Peters. Die Jugend und ihr lebhaftes Temperament liessen sie jedoch auch während der Jahre ihrer geistigen Verinnerlichung nicht nur über Büchern hocken.

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Es fehlte ihr nicht an Jugendfrische und der Lust zu allerlei Scherz und Streichen. Sie war eine gesunde Natur voll Leichtigkeit; der Gram über ihre traurige Ehe verzehrte sie nicht. Sie war gern in lustiger Gesellschaft und amüsierte sich, wo sie konnte. Scherz und Ernst, Arbeit und Genuss konnte sie gleichzeitig in ihrem reichen Charakter vereinigen, ohne dem einen oder dem andern zu schaden. Was die Gunst des Augenblicks ihr bot, wusste sie zu erfassen. Sie tanzte für ihr Leben gern und verfehlte nie die Gelegenheit dazu. Am meisten Vergnügen aber fand sie am Reitsport. Gleich nach ihrer Ankunft in Russland lernte sie reiten und betrieb es nachher mit wahrer Leidenschaft. Am liebsten ritt sie im Herrensattel. Da das jedoch die Kaiserin Elisabeth, die selbst eine vorzügliche Reiterin war, nicht gern sah, weil sie glaubte, es sei der Grund, warum Katharina keine Kinder bekomme, so hatte die junge Grossfürstin einen besonderen Trick erfunden. Sie hatte sich einen Sattel machen lassen, den man auf beide Arten benützen konnte. Sie schien gehorsam und unterwürfig gegen die Personen, die ihr zu gebieten hatten, aber im Innern war sie frei, unabhängig, eine Herrennatur und dem ganzen Hofe in allem überlegen. Vor ihr lag eine reiche Zukunft, Ruhm und Glanz, die volle Befriedigung ihrer wahren Herrschernatur. Trotz ihres Genusslebens dachte die Kaiserin Elisabeth bisweilen auch an die Zukunft des russischen Reiches, dessen Regierung nach ihrem Tode in den Händen ihres unvernünftigen Neffen Peter ruhen sollte. Längst hatte sie seine Fehler erkannt, aber längst auch war es ihr klar, dass die Grossfürstin Katharina keine gewöhnliche Frau sei, sondern sich einst eigenwillig ihre Stellung begründen würde, wie sie es selbst getan hatte. Sie liebte aber weder Peter noch Katharina.

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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte
Katharina II. Kaiserin von Russland (2)

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