5. Januar 1762 - Der Tod der Zarin Elisabeth

Der Tod überraschte die alte Zarin am 5. Januar 1762. Er änderte vieles in der politischen Lage Europas, aber in Russland ging er ohne bemerkenswerte Zeichen vorüber. Peter III. bestieg ruhig, ohne irgendwelchen Widerstand von seiten des Volkes zu finden, den Zarenthron. Als Elisabeth ihren letzten Atemzug tat, befanden sich Peter und Katharina in ihrem Sterbezimmer. Der Senator Fürst Trubetzkoi proklamierte, aus dem Schlafzimmer der verstorbenen Kaiserin heraustretend, die Thronbesteigung des neuen Zaren.

Es schien, als wenn die ersten Schritte Peters III. als Herrscher von einer sehr vernünftigen Einsicht geleitet seien. Dieser günstige Eindruck wurde jedoch sehr bald durch Peters Bizarrerien aller Art verwischt. Er beging vor allem den grossen Fehler, das russische Volk in seinem Innersten zu verletzen, indem er alles Russische verbannte und es germanisieren wollte. Ausserdem schuf er sich in seiner klugen Frau seine grösste und gefährlichste Feindin. Friedrich der Grosse soll ihn gewarnt und ihm geraten haben, sich Katharinas Freundschaft zu erwerben. Peter achtete dieses wohlgemeinten Rates nicht. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn Katharina überhaupt nicht Kaiserin geworden wäre. Absichtlich wurde sie bei allen offiziellen Angelegenheiten übergangen. In dem Manifest, das am Tage der Thronbesteigung Peters bekanntgemacht wurde, ist weder ihr Name, noch der des kleinen Grossfürsten Paul, ihres Sohnes, genannt. Angeblich, weil Peter ihn nicht für seinen Sohn hielt. Sobald Peter die Macht in Händen hatte, rächte er sich für die Ueberlegenheit, die Katharina ihm bisweilen gezeigt, als er noch nichts zu sagen hatte. Er behandelte sie mit der grössten Verachtung. Sie hatte nicht den geringsten Einfluss auf Geschäfte und öffentliche Fragen und musste täglich die gröbsten Beleidigungen von ihrem Gatten über sich ergehen lassen. Die Kaiserin musste es sich auch gefallen lassen, dass Peters Geliebte die besten und schönsten Gemächer im Schlosse bewohnte, während sie selbst einen entlegenen Flügel angewiesen bekam. Elisabeth Woronzoff wurde überall mit Ehren überhäuft, während Katharina nur einen kleinen Hof Getreuer um sich versammelte. Sie befand sich in einer äusserst kritischen und gefahrvollen Lage, um so mehr, da sie in jener Zeit dem Grafen Bobrinski, dem Kinde Orloffs, das Leben schenkte.
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Alle Zeitgenossen bemerkten damals ihr niedergedrücktes Wesen, aber auch ihre würdevolle Haltung ihrem Gemahl gegenüber. Es kam nie eine Klage über ihre Lippen; sie hatte nur Tränen zu ihrer Verteidigung. Man kannte in ihr kaum die kühne Grossfürstin wieder. Sie lebte ganz für sich und abgeschieden und schien sich gegen alles mit Philosophie zu wappnen. Bei Katharinas leicht erregbarem Charakter musste ein solches Benehmen Verdacht erwecken. Die ihr Näherstehenden glaubten daher auch nicht an diese ergebene Selbstverleugnung. Man wusste ja, dass sie ihren Mann nicht nur wegen seiner Unbedeutendheit verachtete, sondern im Grunde ihres Herzens leidenschaftlich hasste. Nun galt sie nichts und war noch obendrein den tiefsten Demütigungen von diesem Manne ausgesetzt, dem sie doch geistig so sehr überlegen war. Wohl erschien sie äusserlich ruhig gegen alle Erniedrigungen, aber in ihrem Innern gewannen immer mehr die Pläne zu ihrer Befreiung Gestalt.

Bereits fünf Jahre früher hatte sie an den englischen Gesandten geschrieben: «Ich würde nicht, wie Iwan der Schreckliche, bei Ihrem Könige eine Zuflucht suchen; denn ich bin entschlossen, entweder zu regieren oder unterzugehen.» Und es kam so, wie sie gesagt hatte. Sie regierte! Sie gewann schliesslich die Oberhand. Peter schloss sich immer enger an die Gräfin Woronzoff an, und seine Anhänger, die Feinde Katharinas, waren bestrebt, in ihm den Gedanken an eine Heirat mit seiner Geliebten zu befestigen. Aber Katharina hatte neue Freunde, von denen sie alles verlangen konnte. Sie stützten und trösteten sie. Diese Freunde waren die junge und kühne Fürstin Katharina Daschkoff, Graf Nikita Panin, die fünf Brüder Orloff, Leo Narischkin und seine Schwägerin, Madame Siniawin, der Hauptmann Passek, Fürst Repnin, Teplow, ein Piemontese namens Odard, später Sekretär Katharinas, und mehrere andere Personen des Hofes. Die Fürstin Daschkoff und Graf Panin waren nicht nur miteinander verwandt, sondern auch sehr eng befreundet. Sie hatten beide die gleichen Ansichten, und die Fürstin, ein energischer, fast männlicher Geist, besass ungeheuren Einfluss auf den zukünftigen ersten Minister Russlands. Er, sie und die Brüder Orloff waren gewiss die Hauptbeteiligten an der Verschwörung gegen den Zaren Peter. Sie sahen das ganze Unheil voraus, das Katharina drohte; denn sie wussten, dass Peter III. die Absicht hatte, seine Gemahlin zu verstossen und ihren Sohn für illegitim zu erklären. Dass dies geschähe, musste durch einen Handstreich verhindert werden. Die allgemeine öffentliche Meinung gegen Peter hatte mit diesen persönlichen Verhältnissen jedoch nichts zu tun.

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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte