8. Juli 1762 - Revolution

Auf jeden Fall war die Revolution, die Peter den Thron und etwas später das Leben kostete, durchaus nicht in allen Punkten vorbereitet und reiflich überlegt. Sie geschah ganz plötzlich durch die Gewalt der Umstände. Es wurde das Gerücht laut, dass Peter bereits ein Manifest zur Verhaftung der Kaiserin und des Grossfürsten erlassen habe; sie sollte in der Nacht vom 10. Juli (29. Juni) stattfinden. Gleichzeitig beabsichtigte er in derselben Nacht seine Trauung mit Elisabeth Woronzoff vollziehen zu lassen. Einige Tage vorher hatte er die Gräfin mit dem Katharinenorden geschmückt. Am Morgen des 8. Juli (27. Juni) verbreitete sich bereits in Petersburg die Kunde, Katharina sei nach Schlüsselburg gebracht worden. Bei einem der Verschworenen, Hauptmann Passek, erschien ein Soldat der Garde, um ihn zu benachrichtigen, dass schleunige Hilfe nottäte, um die Kaiserin zu retten. Ein nicht eingeweihter Offizier hörte diese Mitteilung und liess sofort Passek verhaften, worauf er den Zaren, der sich zu jener Zeit in Oranienbaum befand, von dem Vorgefallenen unterrichtete. Für Katharina und ihre Helfershelfer war die Stunde des Handelns gekommen.

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Noch in derselben Nacht vom 8. zum 9. Juli (27./28. Juni) 1762, um 5 Uhr morgens, trat Alexis Orloff unangemeldet in das Schlafzimmer der Kaiserin in Peterhof und weckte sie. Es ist Zeit, sagte er nur. Katharina lag in tiefem Schlaf. Sie musste sich erst besinnen, um was es sich handelte. Als sie nähere Erklärungen wissen wollte, sagte Orloff, der Hauptmann Passek von der Garde sei verhaftet worden, und man müsse schleunigst nach Petersburg aufbrechen, um sie zur Selbstherrscherin ausrufen zu lassen. Katharina kleidete sich in grösster Eile an und bestieg einen Wagen, den Orloff mitgebracht hatte. Nur eine ihrer Kammerfrauen, die treue Schargorodskaja, nahm an ihrer Seite Platz. Orloff setzte sich zu dem Kutscher Schkurin auf den Bock, und fort ging's im rasenden Galopp nach Petersburg. Unterwegs begegnete man dem Friseur der Kaiserin, der jeden Morgen nach Peterhof kam, um Katharina zu frisieren. Auch er wurde mitgenommen.

Man hatte indes nicht daran gedacht, Pferde zum Auswechseln aufzustellen. Es waren 30 Kilometer von Peterhof nach der Hauptstadt zurückzulegen! Zuletzt kam man nur noch langsam von der Stelle, so sehr man auch die armen Tiere antrieb. Glücklicherweise hatten Gregor Orloff und der Fürst Bariatinski, die bereits um das Schicksal der Kaiserin besorgt waren, den guten Gedanken gehabt, ihr entgegenzufahren. Fünf Werst vor Petersburg begegneten sie ihr. Schnell bestieg Katharina ihren Wagen und gelangte nun in kurzer Zeit bis vor die Kaserne des Ismailofskischen Regiments.

Auch hier war nichts auf ein solches Ereignis vorbereitet. Nur wenige Soldaten waren da. Man trommelte jedoch den kleinen Haufen zusammen, gab ihnen viel Wodka zu trinken, und die Soldaten schrien alles, was man von ihnen verlangte. Zwei von ihnen mussten einen Priester holen. Der Pope war sogleich zur Stelle und tat ebenfalls alles, was gewünscht wurde, erhob das Kreuz und murmelte die Formeln eines Eides; die Soldaten knieten nieder und huldigten der Kaiserin als Autokratin.

Von hier aus fuhr die Kaiserin mit ihren Begleitern zur Kaserne des Preobrashenskischen Regiments. Dort stiess man anfangs auf gewissen Widerstand, weil Ssemen Romanowitsch Woronzoff, ein Bruder der Mätresse Peters, eine Kompagnie befehligte und die Sache des Kaisers und seiner Schwester zu wahren suchte. Bald aber überwog die für Katharina stimmende Partei, und das ganze Regiment brach in Hochrufe aus und leistete den Eid. Vom Grossfürsten war bei alledem nicht die Rede. Woronzoff und der Major Woijekoff zerbrachen vor Scham um diesen Treubruch gegen den Zaren ihre Degen. Sie gerieten in Gefahr, von der Menge gelyncht zu werden. Woijekoff rettete sich durch die Flucht; Woronzoff wurde verhaftet, weil man befürchtete, er werde nach Oranienbaum reiten und den Zaren von den Vorgängen in der Hauptstadt in Kenntnis setzen. Katharina vergab später beiden Offizieren, aber sie vergass nicht. General Villebois von der Garde zu Pferd, einer ihrer glühendsten Verehrer, stellte ihr vor, welchen Schwierigkeiten sie begegnen werde bei einem solchen Unternehmen. Katharina sah ihn mit grossen Augen kalt und stolz an und sagte: «Ich habe Sie nicht rufen lassen, um Ihre Meinung zu hören. Was gedenken Sie zu tun?» Da sank auch er vor ihr auf die Knie und huldigte ihr.

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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Berühmte Frauen der Weltgeschichte