Verhüllung oder Entblößung

Wie wenig Schamgefühl und Kleidung miteinander zu tun haben, zeigen die Maori in Neuseeland, die sich ganz verhüllen, von Schamhaftigkeit aber gar keine Vorstellung haben. 1910 schrieb Max Weiß über die Völkerstämme im Norden Deutsch-Ostafrikas: „Wer aus dem Mangel an Kleidung auf einen Mangel in moralischer Beziehung schließen zu können glaubt, ist stark im Irrtum, denn die nacktgehenden Wageia gehören zu den sittlich hochstehenden Stämmen, sehr im Gegensatz zu den bis zum Halse verhüllten Waganda.“ Das eigentümliche gegenseitige Verhältnis von Schamhaftigkeit, Nacktheit und Bekleidung zeigen die weiblichen Ureinwohner Australiens, die nackt gehen, zu ihren unzüchtigen Tänzen aber Federschürzen anlegen. Auch die männlichen Australier, die sonst nackt gehen, tragen zum Tanz des Corrobori, einen Hüftschmuck von Dingoschwänzen, der aber nichts verhüllt. Karl von den Steinen berichtet von den Indianern der Schingu-Quellen, dass sie auf den Kleidern von Palmstrohgeflecht, die sie bei ihren Tänzen anzulegen pflegen, die Geschlechtsmerkmale außen sichtbar anbringen. Die Beobachtung, dass zu den Körperteilen, die am ersten bedeckt zu werden pflegen, die Geschlechtsteile gehören, hat zu der Annahme von der großen Rolle, welche die Schamhaftigkeit in der Frage der Bekleidung spiele, geführt. Mit Unrecht. Das Schamgefühl macht, wie Oscar Peschel sagt, wunderliche Sprünge und konzentriert sich keineswegs bei allen Völkern auf die Geschlechtsteile. Bald wird dieser Körperteil verhüllt, bald jener. Nabel, Füße, Gesicht, Gesäß, Hinterkopf werden den Blicken Fremder sorgfältiger entzogen, als es gerade mit den Geschlechts teilen der Fall ist. Ja, wo diese bedeckt sind, geschieht es oft in so auffallender Weise, dass der Zweifel berechtigt erscheint, ob wirklich eine Verhüllung angestrebt wird oder nicht vielmehr die Absicht besteht, die Aufmerksamkeit zu erregen und auf den Anblick dieser Teile hinzulenken. Auch da, wo die Bedeckung dieser Teile nicht als Reiz aufgefasst zu werden braucht, entspringt sie weniger dem Schamgefühl als dem Aberglauben. Der Träger fürchtet sich vor Behexung und Zauberei und sucht sich vor denselben durch Amulette zu schützen, deren Anbringung dann ganz von selbst zu einer Art von Bedeckung führen muss. Erst wenn die Gewohnheit sich gebildet hat, gewisse Stellen des Körpers dauernd zu verhüllen, entsteht das Schamgefühl, wenn diese Hülle, aus welchem Grunde immer, plötzlich fehlt. Die Entblößung einer Gegend des Körpers, welche die Sitte zu verstecken gebietet, erzeugt das Schamgefühl erst. Es ist eine Forderung der Gesellschaft, welche auf die Schamhaftigkeit der Geschlechter großen Wert legen muss, welche ein Interesse daran hat, dass das Individuum seine Triebe zügelt, um im Rahmen der Allgemeinheit seinen Platz ohne Anstoß auszufüllen. Das Gefühl, einen Brauch der Gesellschaft verletzt zu haben, der er angehört, erfüllt den einzelnen mit Beschämung und löst das Schamgefühl aus, das den Zügel bildet, mit dem die Gesellschaft die ihr Angehörigen leitet. Erst das lange Vorhandensein der Kleidung, die Gewöhnung, seine Mitmenschen nicht mehr nackt zu sehen, hat das Schamgefühl entstehen lassen. Das Schamgefühl ist auf die Bekleidung zurückzuführen, nicht die Kleidung auf das Schamgefühl. Wenn die Entstehung der Kleidung weder in dem Verlangen des Menschen, sich klimatischen Verhältnissen anzupassen, zu suchen ist, noch in dem Wunsche, sich vor anderen seinesgleichen zu verhüllen, so müssen wir doch annehmen, dass ein Trieb von ganz besonderer Stärke dazu gehört haben muss, den Menschen auf die Kleidung zu führen. Er, der anfänglich als Tier unter Tieren lebte, wie der Ureinwohner Australiens noch heute, hat durch die Bekleidung seines Körpers etwas geschaffen, das ihn dauernd vom Tier unterscheidet und zwischen sich und seinen Mitgeschöpfen dadurch eine Schranke aufgerichtet, die ihn nicht nur von denselben entfernt, sondern hoch über dieselben erhebt.

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Dieses Kapitel ist Teil des Buches Bekleidungskunst und Mode